Skr. 161.
JRorfiurg, Donnerstag, 15. Juli 1880
xv. Jahrgang
(Otinljrflifdir Jritmiß
Tagesbericht.
Fürst Bismarck wird am 17. d. M. in Kisstngen sein. Ob er von dort abermals nach Gastein sich begeben wird, steht noch dahin.
DaS KriegSminifterium hat für die in Zukunft alljährlich einzuberufenden Erfatzrejervisten erster Klasse die betreffenden Ausführungs-Bestimmungen erlassen. Danach liegt es in der Absicht der Militärverwaltung, in möglichst kurzer Zeit den betreffenden Leuten eine möglichst hohe kriegsmäßige Ausbildung zu Teil werden zu lassen, um im Rahmen eines aus vollkommen ausgebildeten Mannschaften bestehenden Truppenteils ihre Funktionen zu erfüllen. Bei der Ausbildung soll daher Alles ausgeschlossen sein, was nicht direkt die Verwendungsfähigkeit im Kriege vorbereitet, z. B. Turnen am Gerät, Bayonnetfechten, Parademarsch. Dagegen sollen Schießdienst und Felddienst einen hervorragenden Zweig der Ausbildung abgeben. Die erste Hebung wird eine Dauer von 10 Wochen, die zweite von 4 Wochen, die dritte und vierte von je 14 Tagen haben. Es liegt dabei die Absicht vor, die beiden ersten Uebungen möglichst in zwei aufeinander folgenden Jahren absolvieren zu lassen, und das in dieser Zeit Gelernte durch die beiden nächsten Wiederholungskurse auf's Reue in's Gedächtnis zurückzurufen. Die erste Hebung wird im Etatsjahr 1881—82, wahrscheinlich nach Beendigung der Herbstübungen, ftattfinden, voraussichtlich nur bei der Infanterie, den Jägern und der Fußartillerie. Es soll im ersten Jahre eine größere Zahl von Ersatzreservisten ein- berufen werden als später. Im Besonderen sollen zu jedem Musketier- und Jägerbataillon je 80, zu jedem Fußartillerie-Bataillon je 60 Ersatzreservisten erster Klasse ein- gezogen und zu je einer Kompagnie formiert werden.
Die Anordnung des Kultusminister, daß für den lateinischen Hnterricht auf den oberen Klassen der Realschulen I. Ordnung in Zukunft 6 Stunden wöchentlich angesetzt werden sollen, wird bereits am 1. Oktober in Kraft treten. Es ist dies ein erster und wohl zu beachtender Schritt, um aus der Hnklarheit über die Gestaltung unserer höheren Lehranstalten herauszukommen. Konnte es eine Zeit lang scheinen, als ob die Gymnasien teils von den Realschulen verdrängt, teils genötigt werden würden, sich diesen in dem ganzen Zuschnitt ihres Lehr- und Lernstoffs mehr und mehr anzunähern, so scheint jetzt die „Gefahr", wenn man es so nennen will, beseitigt und umgekehrt tritt die Realschule in eine Zeit der Wandlungen. Vorzugsweise ist es dem Einflüsse des bewährten Schulmannes, Geh. Rat Bonitz zu verdanken, wenn für die Reform des Lehrplanes der höheren Schulen gesunde und klare Prinzipien zur Anwendung kommen. ES ist nicht anzunehmen, daß die Kommunen
Ans diesem nicht mehr «ngewöhultche« Wege.
Original-Novelle von G. Walden.
(Fortsetzung)
Mit dem schwersten fängt man ja wohl an. Zuerst also: Ich bin Jude. — Nicht wahr, Sie erschrecken? O, >ch sehe es im Geist!
Kann ich, darf ich denn verlangen, daß Sie hochherzig genug sein sollen darüber hinweg zu sehen?
Noch mehr, ich bin sogar der Heberzeugung, daß der Mensch nicht die ererbte Religion wegwerfen soll, er soll lngen, daß er stark genug ist, den veralteten Vorurteilen jv trotzen und daß das Formenwesen, welches die Schranken Mchen den verschiedenen Glaubensrichtungen zieht, zu peinlich ist, um Geltung zu erlangen gegen die einigende Macht der göttlichen Allgewalt, „Liebe" genannt. Ich Mete mich also nicht einmal überzutreten, doch bitte ich, Ast wenn Sie mein Urteil schon gesprochen hätten: Lesen ®ie weiter I
- Hoch oben an der polnischen Grenze liegt ein kleines Städtchen, dort hatten meine Eltern ein kleines Haus am Markt und darin ein Materialgeschäft.
. Klein hatten die Eltern angefangen, doch unermüdlicher vkeiß hatte sie vorwärts gebracht.
. Ich, der einzige Knabe, war stets kränklich in der Jugend, ? echtes Sorgenkind der Eltern, während meine Schwester vUene kräftig und blühend emporwuchs.
Da wurde ich auf Anraten des Arztes hinaus aufs Land sum^Grgdvater gebracht.
Stundenweit ging es aus der Stadl hinaus, immer fc!et und tiefer in den Wald, endlich breitete sich eine ™tUn8 vor uns aus, sanft abwärts neigte sich der Boden,
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blattes sowie dAnnoncen-Bureanx von 0. L. Daube & So. in
Anzeigen nimmt nngegen: »t« Expedition d.Blatte», sowie d.Annoncen-Bureauk von Th, Dietrich & So. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfutt a.M. ; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Cöln k.; Rudolf Mffe in Berlin, Frankfurt a. M. ic.
als Gründer und Erhalter der Realschulen, sich den Vorteilen verschließen werden, welche eine solche Reform für diese Anstalten im Gefolge haben kann. Die beinahe einstimmigen Gutachten der Universitäten, die sich gegen die Zulassung der Realschulabiturienten zum Studium erklärten, können auf keine andere Weise entkräftet werden, als wenn, wie jetzt geplant, die Realschule sich mehr mit dem Geiste des Humanismus erfüllt, ohne zugleich von den gesunden Grundlagen der realistischen Bildung abzugehen.
Der Minister für Landwirtschaft, Domainen und Forsten, Lucius hat untern 29. Juni er. an sämtliche königlichen Regierungen, exklusive derjenigen zu Sigmaringen und Danzig und die königliche Finanzdirektion zu Hannover folgende Verfügung erlassen: Mit Rücksicht auf den Schaden, welchen die Fischottern, Reiher und Kormorane den Fischgewässern zufügen, veranlasse ich die königliche Regierung, auf die Verminderung dieser Tiere thunlichst Bedacht zu nehmen. Als besonders geeignete Mittel zur Vertilgung der Reiher und Kormorane sind das Abschießen auf den Horsten und die Zerstörung der letzteren zu bezeichnen. Die königliche Regierung wolle mir jährlich, und zwar zunächst zum 1. Januar 1882 für das Jahr 1881 anzeigen, wie viele Fischottern, Reiher und Kormorane in den dortigen Staatssorsten erlegt, beziehungsweise wie viele Horste von Reihern und Kormoranen zerstört worden sind.
Die Postfreimarken werden, wie der „Reichsanzeiger" von sachkundiger Seite erfährt, um einer nochmaligen Verwendung bereits benutzter Marken vorzubeugen, jetzt derart hergestellt, daß bei starker Durchfeuchtung des Papiers der Farbendruck sich leicht verwischt. Das Publikum wird deshalb gut thuu, beim Aufkleben der Marken darauf zu achten, daß nur die gummierte Rückseite angefeuchtet wird, die farbige Vorderseite dagegen möglichst wenig mit Feuchtigkeit in Berührung kommt ° W
Die „Rordd. Allg. Ztg." erfährt, die Angelegenheit der Bahnhofs-Anlagen Köln's sei von dem Minister der öffentlichen Arbeiten sogleich nach dem Hebergang der Köln- Mindener Bahn an den Staat wieder aufgenommen worden. Die erforderlichen Untersuchungen würden nachdrücklich betrieben.
In Preußen besteht seit bald 180 Jahren (in Hessen seit 1828) die Einrichtung, daß die Buchhändler von allen Werken ihres Verlags, ohne Unterschied, zwei Exemplare unentgeltlich einliefern müssen, wovon eines an die große Landesbibliothek, das andere an die Universitätsbliothek der betreffenden Provinz gelangt. Jetzt haben verschiedene Buchhändler beschlossen, die erforderlichen Schritte im 33er= waltungS-Streitverfahren zu thun, um eine grundsätzliche um in der Mitte des Rondels einen kleinen, silberklaren See einzufassen. Wie ein kostbarer Edelstein blitzte und funkelte er im Sonnenlicht.
Drüben über den See weg, dort, wo sich die Wege kreuzten, stand ein kleines einstöckiges Wohnhaus, mit den nötigen Wirtschaftsgebäuden, uralt, wie die Bäume, in deren Schatten es stand. /
Es war ein schlichtes Gasthaus und der Besitzer mein Großvater.
Heut noch sehe ich die saubere, große Wohnstube, den ehrwürdigen Greis mit dem langen, schneeweißen Haupthaar und Bart, dessen Antlitz schon wortlos Liebe und Friede predigte.
Sehe heut noch die wunderschöne Tante Judith, die einzige Schwester meines Vaters.
Heiß und innig hatte sie einst einen Christen geliebt, er hatte das Judenmädchen verlacht und sie — war unverwählt des Großvaters Pflegerin geblieben.
Stets muß ich ihrer gedenken, wenn ich eine Büste der Juno sehe.
Still, fast unhörbar ordnete sie alles. Ein Blick ihrer ruhigen, wunderbar großen und schönen Augen genügte, um Jedem seine Pflicht begreiflich und leicht zu machen.
Dorthin kam ich in Pflege.
Stunden, halbe Tage lang habe ich zu Füßen des Großvaters gesessen und seinen Erzählungen aus langver- geffmer Zeit gelauscht.
Oft aber stürmte ich hinaus bett Fußpfad um den See herum, dorthin, wo es nach dem ForsthauS ging.
Des Försters Kind, ein schönes, wlldes Mädchen, Namens Elise, war meine Spielgefährtin.
Dann, wenn wir müde waren, vom Umhertrollen, setzten
Frankfutt a. M; JLgerffchr
Buchhandlung daselbst.;
Hermann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin; W. Thiene» in
Merfeld: S. Schlotte in
Breme».
Entscheidung herbeizuführen, wobei festgestellt werden soll ob Privatpersonen gezwungen werden können, dem Staate Geschenke zu machen.
Die im „Reichs- und Staats-Anzeiger" nunmehr aus einem großen Teil der Monarchie veröffentlichten „Mittellungen über den Stand der Hauptfruchtarten in Preußen" zeigen immer nachhaltiger, daß die Befürchtungen, welche m einem Teile der Presse über eine schlechte Ernte, nament- lich des Roggens, laut geworden waren, nicht begründet sind. So berichtet namentlich auch der Centralverein west- preußischer Landwirte in Danzig: Die Nachtfröste im Mai zerstörten die rege gewordenen Hoffnungen des Landwirts auf eine reiche Roggenernte soweit, daß man allgemein nur auf einen halben Ertrag dieser Frucht rechnete. Die anfangs Juni eingetretene fruchtbare Witterung milderte aber den Schaden, so daß die Ausfälle nur noch aus ein Viertel einer normalen Ernte geschätzt werden. In Bezug auf Weizen wird berichtet, daß man von dieser Frucht eine Ernte erwartet, welche über den Durchschnitt hinaus geht. Bei Gerste und Hafer läßt der jetzige Stand einen vollen Durchschnittserttag erwarten. — Der Ost- preußische landwirtschaftliche Centralverein zu Königsberg berichtet, daß nach den Berichten der Zweigvereine die Aussichten auf die Ernte im Allgemeinen, mit Ausnahme des Roggens, der durch Jnsektenschäden gelitten, als befriedigende und zum großen Teil als recht gute zu bezeichnen seien.
. Deutsches Reich.
Berlin, 13. Juli. Der Veilust, welchen Herr Prof. Mommsen bei dem gestrigen Brande seiner Villa inChar- lottenburg erlitten hat, wird nicht nur hier, sondern im ganzen Lande mit schmerzlichem Bedauern mitempfunden. Derselbe ist für die Wissenschaft ein unersetzlicher: die Arbeit eines Menschenlebens, die Frucht jahrelangen geiftlgen Schaffens, das unschätzbare Resultat langwierigen mühsamen Forschens ist von dem wütenden Element binnen wenigen Sekunden vernichtet worden, nicht nur dem beklagenswerten Autor, sondern der ganzen Welt entriffen worden, deren kostbares Gemeingut es binnen kurzem werden sollte. Und wie viel andere geistige Schätze sind mitvernichtet! Von der großartigen Bibliothek des berühmten Gelehrten sind nur geringfügige Trümmer gerettet, nichts Ganzes ist mehr vorhanden. Was das Feuer nicht direkt, das hat das Wasser vernichtet. Mehrere Bibliotheken sind von bedeutendem Verlust betroffen. Von den wertvollen Büchern der Wiener Bibliothek war bis 6 Uhr nichts aufgefunden, auch aus der Palatinischen Bibliothek in Heidelberg sind, soweit es sich übersehen läßt, seltene unersetzliche Eremplare verloren. Es ist kaum noch anzunehmen, daß Erhebliches gefunden werden kann, da, um ein neues Her« mir uns auf die Bank am alten Fichtenstamm und ich erzählte, was ich vom Großvater gehört und selbst Caro, der Hund des Försters, legte den Kopf auf meine Knie und hörte zu.
Jahre vergingen so. Wir konnten eins nicht ohne das andere leben.
Ich war groß und stark geworden. Da kam eines Tages der Vater, er holte mich, ich sollte fort, in die große Stadt auf das Gymnasium und auch Elise sollte fort in ein Pensionat, lernen, wie man sich in der Gesellschaft beträgt.
Da standen wir vor der alten Bank, Elise hatte die Arme um meinen Hals geschlungen, den Kops an meine Brust gelehnt und meinte bitterlich.
Ich hielt sie fest umschlungen und versicherte ihr tausend Mal: Wenn ich ein großer Kaufmann bin, dann wirst Du meine Frau.
Und immer wieder flüsterte sie: „Ich warte auf Dich!"
Im Fluge enteilt dem VorwärtSstrebenden die Zeit. Ich kam nach Hause und suchte nach wenig Tagen den Großvater auf. Ich fand alles unverändert wieder, im kleinen Hause am See, an Menschen, Bäumen und Gebäuden schien die Zeit spurlos vorübergegangen zu fein. Nur an Elise nicht; aus dem tollen Kinde war eine schöne, elegante Dame geworoen, fast zu elegant für das schlichte Forsthaus und die Waldeinsamkeit, ja, es bedurfte ihres ganzen liebenswürdigen Entgegenkommens, um mir den Mut zu geben, sie an das einstige Gelö niß zu erinnern. Was wir uns gelobt als Kinder, das wiederholten wir jetzt mit dem Ernst gereifter Jahre. Ich war glücklich, den goldenen Reifen an ihren Finger stecken zu dürfen und