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Nr. 161

Marburg, Sonntag, 11. Juli 1880

xv. Mrgaig

ObttMchr ZckilW

»azeigen nimmt «mgegen: dtcSxpedtttvW d.vlatteS, fotgie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th, Dietrich in Frankfurt a.'JJL; Kaasenstein & Logier in Frankfurt a- M., Berlin, giipiig, SSln ic.; Rudolf Wsffe tu Berlin, Frank­furt 0. M- K.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d.vlatteS sowie d.Annoncen-Bureauk von G-L-Daube L Co. in Frankfurt a. M; Jägerffche Buchhandlung boielbftj; Hermann'sche Luchhanol. ♦ daselbst; Jnvalidendank in

Berlin; W. LhieneS in Elberfeld: C. Schlotte in

Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JSustrtrteS SountagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckere») bezogen 3k Mark, durch bte Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr). — Jnse.tionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 Pfg. berechnet.

Bestellungen für das dritte Quartal auf die Bderhessische Zeitung mit deren Gratisbeilage

Allustvirtes Sonntagsblatt bitten wir baldigst bei den Postanstalten machen zu wollen.

SM- Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.

Die Expev. 6. Oberh. Zeitung.

Einfache Lösung der Souvtagssrage für die Post- Beamten.

Die deutsche Gesellschaft fordert heute noch von den Postbeamten das Opfer der Sonntagsruhe. Daß dies ein zu großes Opfer ist für Leib, Geist und Familie dieser Beamten liegt für jeden Billigdenkenden auf der Hand. Eine solche Forderung ist weder liberal noch human! Die freisinnige Gesellschaft Englands hat darin längst das Bei­spiel wahrer Humanität gegeben. Sollte sich die deutsche Gesellschaft nur in liberalen Phrasen ergehen, aber in den Thaten der wahren Menschlichkeit und Freisinnigkeit hinten bleiben, wenn es gilt, einem großen Teile ihrer Mitbürger und deren Familien die Sonntagsruhe, sowie leibliche und geistliche Erholung wieder zu geben, die man selbst genießt? Könnte man nicht das kleine Opfer für diese Mitbürger bringen, einen Bries erst Sonntag Abend oder Montag zu empfangen, während man so große Opfer von eben diesen Mitbürgern fordert? — Vom Standpunkte des Familien­lebens, der Kindererziehung, der Gesundheit, des geistigen Lebens, des gesellschaftlichen Wohles ist der Sonntag und seine Ruhe hochnötig. Denn der Mann, welcher die ganze Woche in schwerster Arbeit alle Zeit und Kraft verzehrt, hat allein Sonntags Zeit und Möglichkeit seiner Familie, seinen Kindern zu sein, was er soll, und die heiligsten Pflichten gegen dieselben zu erfüllen, sein Leib ruht zu neuer Arbeit, sein Geist vertieft und erfrischt sich, Alles dies aber behütet ihn vor einem immer tiefer wurzelnden Grolle gegen die menschliche Gesellschaft, die ihn und sein Familienglück opfert und selbst ihn dadurch zum erbitterten Feinde ihres eigenen Bestandes macht. — Der Staat hat erklärt, daß er allein nichts thun und mit Zwangsgesetzen nichts erreichen könne. Er kann Humanität, Liebe für die Ueberlaftung der Mitbürger, wahre Duldung, edle Frei­sinnigkeit, die vorerst im Anerkennen jeden fremden Rechts besteht, nicht befehlen. Die Gesellschaft jeden Staats muß deßhalb die Initiative ergreifen, wie dies auch die englische Gesellschaft gethan hat. In den größten Städten Englands, London, Edinburgh, Glasgow, werden Sonntags nur ein- — ---------■ ........I , —

mal Briefe ausgegeben; die meisten Privaten verzichten freiwillig auf jede Postsendung Sonntags. Was in den größten GeschäftSstädten der Welt geschieht, ist auch an anderen Orten möglich ohne Störung des Verkehrs.

Auf folgende einfache Weise darum könnte auch in Deutschland die Notlage jener Mitbürger rasch hinweg genommen werden, welche das ganze Jahr hindurch uns Geld, Liebe, FreundeSgrüße in Hitze und Kälte zu­tragen und die Boten der Erzeugnisse unseres geistigen Lebens, der Presse rc. sind. Wenn jeder Beamte und Ge­schäftsmann der Erklärung beitritt die nachfolgender Briefwechsel enthält, so würde vielen Postbeamten und ihren Familien die Sonntagsruhe wieder gegeben sein und dieselben könnten ihre Eltern- und Familienpflichten, die Pflichten für ihre unsterbliche Seele, ihren Leib, ihre Gesundheit wieder erfüllen. Sie würden gewiß mit dop­peltem Eifer ihrem (hier auf den Marburger Bergen doppelt) schweren Berufe obliegen und mit Dank und Freudigkeit diese Nachsicht ihrer Mitbürger anerkennen.

Nachstehend teilen wir eine Correspondenz mit, die zur praktischen Ausfühmng des vorstehenden Vorschlags hier in Marburg geführt hat.

An das verehrliche Kaiserliche Postamt Marburg!

Hiermit beehre ich mich, der hohen Behörde die er­gebenste Anzeige zu machen, daß ich auf Bestellung der Sonntags für mich eingehenden Postsachen jeder Art sei­tens der Postboten verzichte und mich befriedigt erkläre, wenn mir jene, Postsachen Montags zugestellt werden.

Es ist mir peinlich die armen Postboten Sonntags immer den weiten Weg bis in den dritten Stock des — meine Sachen schleppen zu sehen, zumal bei der bevor­stehenden Hitze des Sommers. Außerdem möchte ich, we­nigstens soweit meine einzelne Person dies vermag und ihre Verantwortung reicht, dazu beitragen, den Postbeamten die nötige Sonntagsruhe zu verschaffen.

Ich ersuche deshalb die hohe Behörde mir und den meiner Familie angehörenden Personen von heute ab Sonn­tags doch keinerlei Postsachen mehr zuschicken zu lassen, indem ich mir vorbehalte, dieselben im Notfälle Sonntags selbst von der Post abholen zu lassen. In ausgezeichneter Hochachtung der hohen Behörde

Marburg, 4. Juni 1880. ergebenster

N. N.

Antwort. Marburg, 11. Juni 1880.

Vorerst dem Herrn N.N. dahier mit dem Ersuchen ergebenst zurückzusenden, noch hier unten gefälligst bemerken zu wollen, daß in den Postsachen jeder Art auch die „Eilbriefe" und „die Telegramme" mit inbegriffen sein sollen.

Kaiserliches Postamt Brehm.

In höflicher Erwiderung der vorstehenden Auflage vom

11. o. M. ersuche ich das verehrliche Postamt hiermit er­gebenst, mir doch Sonntags für mich und die Meinigen ankommenden „Eilbriefe" und „Telegramme" am Sonntag Abend von fünf Uhr ab gütigst zusenden lassen zu wollen.

Marburg, 14. Juni 1880. Hochachtungsvoll N. N.

P. 8. Da gestern, am Sonntage, der Postbote zwar mir und meinen Familiengliedern keine Briefe brachte, wohl aber den zur, Zeit in meinem Hause befindlichen Personen, so setze ich die Namen derselben hierher (folgen die Namen).

Dieselben erklären zugleich mit ihrer Unterschrift, daß sie mit meiner Erklärung und Bitte an verehrliches Kaiser­liches Postamt einverstanden sind.

(Folgen die Unterschriften.)

Das Kaiserliche Postamt hatte die Güte das gestellte Gesuch zu genehmigen und die Postboten sind seit der Zeit von der Last befreit, Sonntags dem Bittsteller und seinen Hausangehörigen Postsachen zutragen zu müssen. Nur für die „Eilbriefe" und „Telegramme" ist eventuell Sonn­tags Abends Dienst nötig. Für diesen Dienst würde aber Sonntag Abend immer nur ein Beamter abwechselnd ge­braucht werden, eine ganze Reihe Beamter aber Sonntags entlastet sein, wenn alle Bewohner einer Stadt, wie in England, zu gleicher Erklärung sich entschließen. So viele dies thun, so groß wird die Entlastung sein!

Tagesbericht.

Der König von Griechenland ist gestern Morgen in Berlin eingetroffen und am Bahnhöfe von dem griechischen Gesandten empfangen und nach seinem Absteigequartier, dem „Hotel du Nord" geleitet worden. Der König wird voraussichtlich blos einen Tag in Berlin bleiben. — Mittags 123/d Uhr stattete der Kronprinz dem Könige von Griechenland im „Hotel du Nord" einen Besuch ab und fuhr um 1 Uhr mit diesem und dessen griechischem Gefolge nach Potsdam.

Der „Nordd. Allgem. Ztg." zufolge ist der deutsche Consul in Beirut nach dem ersten Bekanntwerden der Un­ruhen in Haifa telegraphisch ermächtigt worden, sich an Ort und Stelle zu begeben und die Interessen der Deutschen wahrzunehmen. Nähere Berichte sind erst in einigen Tagen zu erwarten. Den letzten Telegrammen zufolge ist die Ruhe in Haifa wieder hergestellt.

Der Chefprästdent der Oberrechnungskammer in Pots­dam, Wirkt. Geh.-Rat v. Stünzner, beging am Mittwoch sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum. Am 20. November 1807 zu Lübben in der Nieder-Lausitz geboren, wurde der­selbe nach beendigten Studien in Leipzig, Göttingen und Berlin am 7. Juli 1830 als Regierungsreferendar bei der königlichen Regierung zu Frankfurt a. O. vereidigt. Nach-

Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege.

Original-Novelle von G. Walden.

(Fortsetzung.)

Ein ganzes Packet Briefe in der Tasche verließ er heiter lächelnd wenig Minuten später die Expedition, um sich so­fort wieder direkt nach Hause zu begeben.

Doch nicht in das Comptoir, eine Treppe höher, in seine Privatwohnung trat er ein.

Elegant und zierlich, fast wie ein Damenboudoir, war das Zimmer ausgestattet. Dunkelgrüne Möblierung, har­monierend mit herrlichen Blattpflanzen luden förmlich zur Erquickung und Ruhe ein. Weit offen waren die Fenster, die zarten Tüllroleanx wiegten sich im leisen Luftzug und nur gedämpft scholl der Lärm des rastlos geschäftigen Trei­bens der Königstraße in die stille Seitenstraße.

Behaglich sich in die Ecke deS Sopha's lehnend, breitete Herr Löwenberg die erhaltenen Briefe auf dem Tische aus, einen neben den andern, ein volles Dutzend. Lächelnd be­trachtete er die verschiedenen Handschriften der Adresse und die verschiedenen Farben der Couverts. Einfaches schlichtes Weiß neben elegantem Glacopapier mit verschlungenen Initialen, zart rosenrot, himmelblau und hoffnungögrün, verschieden an Farbe und Form. Was mochte erst das innere bergen?

Immer noch lächelnd schaute Herr Löwenberg un- ichlüssig auf die Briefe, welchen sollte er zuerst erbrechen? , Dicht vor ihm lag ein einfach zierliches Couvert zierlich «em war auch die Adreffe geschrieben, es schien der ent- Mchendste, mit ihm wollte er den Anfang machen und so bsineft er denn schnell entschlossen.

Immer größer und erstaunter ruhten die Augen auf

den zierlichen Schrift-ügen, immer stärker umspielte den Mund ein verräterisches Zucken, bis endlich der Brief unter schallendem Gelächter der Hand entfiel.

Als könne er aber den eigenen Augen nicht trauen, erhob er ihn wieder und las ihn halblaut abermals, als müsse er sich überzeugen, daß er sich nicht getäuscht habe.

„Geehrter Herr!

„Lange schon habe ich nach Jemandem gesucht, der ein „Bischen Poesie im Busen trägt, denn die jungen Herrens „sind jetzt alle zu prosaisch.

„Ich bin aber nicht von hier und meine Eltern haben „mir, als ihr einzigstes Kind eine gute Erziehung gegeben „lassen; ich habe alle Classiker gelesen und kenne die „meisten Dichter auswendig. Alle sind zwar die Mädchen „in unserer Stadt auch nicht so gebildet, höchstens noch „des Rektors Tochter Emma, aber die ist schon dreißig „Jahre alt, die dichtet aber sehr schön.

„Doch der Apothekergehülfe kann es doch noch besser, „die wohnen grade über von uns, der hat mir erst immer „heimlich Briefe geschrieben und dann Gedichte auf mir „ins Kreisblatt setzen lassen, da kriegte eS aber mein Vater „raus und wollte es nicht leiden, da er nämlich kein Geld „hatte, da habe ich denn fort gemußt und bin nun in ein .Putzgeschäft als Mamsell, aber nicht für immer, denn „das brauche ich nicht!

„Nun fühle ich mich aber fo allein, kann Niemand „meine poetischen Gefühle aussprechen. Da fand ich Ihre „Annonce und sagte mir: das ist eine gleichgestimmte „Seele.

„Ich werde Ihnen auch meine Gedichte schicken, aber „Sie müssen sie nicht zeigen und nicht wahr, Sie dichten „auch?

„O das wird schön werden! —

„Aber vorerst schreiben Sie nut annonym, daß wir „uns erst kennen lernen, später, wenn Sie ernste Absichten „haben, können Sie mir besuchen und dann fahren wir „nach Perleberg, da ist mein Vater Schlächtermeister.

»Ja, ja, ich bin von kein schlechtes Herkommen,, ich „spiele auch etwas Clavier und habe auch französische „Stunden gehabt.

„Na, wir werden uns ja kennen lernen}, schreiben Sie „nut bald Ihrer

Luise,

poste restante Krausenstraße, Postamt am DönhofSpl.

„NB. Luise nenne ich mir man blos von wegen deS „schöne Stück von Cabale und Liebe von Schillern, Sie „wissen es doch, es ist zu rührend. So habe ich einen „viel feineren Namen. L."

Abermals brach Herr Löwenberg in lautes Gelächter aus, warf den Brief weit ab zur Erde und schritt hastig im Zimmer hin und her.

„Da hab ich die Strafe für meinen tollen Einfall, wie könnt' ich auch solch ein Thor sein und glauben, daß eine wirklich geistreiche Dame auf solche Annonce schreiben würde. Wohl möchte ich sämtliche andere uneröffnet ver­brennen, doch nein, die Durchlesung derselben soll mit ein Radikalmittel gegen solche romanhafte Jdeeen sein."

„Still setzte er sich nieder und öffnete ein Couvert um das andere.

Keins enthielt etwas fesselndes. Geistlos oder koket­tierend waren sie alle und wurden nach flüchtigem Ueber- lesen über einander geworfen, nur das letzte verweilte etwas länger in feiner Hand.