gtr. 158.
Jllaröutg, Donnerstag, 8. Juli 1880.
XV. JaDrgaag
■«.eigen nimmt entgegen: 5t Expedition d.vlatte«, -.»je d-Annoncen-Bureaux non Th, Dietrich & Co. in enffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Bfenflcin & Bögler in tlfurt a M., Berlin, zig, LSln ic.; Rudolf Moste in Berlin, Arant» 4 fett a. M. ec.
OlichtMt Jritmig
Anzeigen nimmt entgegen dte Gxpeditton d. Blatte» sowie d.Amwncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jüger'sche Buchhandlung daselbst: Hermann'sche Buchhanbl. daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; W ThieueS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen-
Erscheint tü^tch außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wSchentlicheu Beilage „JkluftrtrteS So«»ta«S»katt" durch die Crvedition («och'sche Buchdruckerei) bezogen 3i Wart, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 3 Wert 50 Psg. jexcl. Bestellgeoühr). — JnsertionSgebühr für die gespa-en? Beile 10 ®fa
Für rn der Expedition zu erteilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pfg. berechne"
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Die Exped. 6. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
In dem an die Bundesregierungen gerichteten Cirkular deS Fürsten Hohenlohe betreffs der Beschränkung der Wechselfähigkeit heißt es nach der „Elbf.Ztg.": „Die (vom Reichstag angenommene) Resolution sei auö der Anschauung hervorgegangen, daß die allgemeine Wechselfähigkeit über das Bedürfniß hinausgehe und wucherischer Ausbeutung Vorschub leiste. Auch könne nicht ohne Grund behauptet werden, daß die Gewährung der Wechselfähigkeit den an dem Geld- und Handelsverkehr nicht teilnehmenden Bolksklassen keinen Nutzen bringe. Es komme daher vor allem darauf an, den Umfang festzustellen, in welchem die Wechselfähigkeit ein Bedürfniß sei. Von diesem Gesichtspunkt aus werde wohl kaum bezweifelt, daß gewisse Kategorien von Personen sich völlig fern vom Wechselverkehr halten können, z. B. Soldaten, Studenten, Gelehrte, Geistliche, Lehrer und andere Beamte, während Kaufleute, Fabrikanten, Bergwerksbesitzer, Erwerbs- und WirtschaftSgenossenschaften, gewerbliche Hilfskassen u. s. w. denselben nicht entbehren könnten. Bei einer Reihe von Berufsarten aber erschienen die Grenzen des wirtschaftlichen Bedürfnisses in hohem Grade zweifelhaft. Vornehmlich gelte dies von den Grundbesitzern und solchen Gewerbtreibenden, die nicht im Sinne des Handelsgesetzbuches Kaufleute sind. Es dränge sich die Frage auf, ob der Wechselcredit dem größeren oder auch dem kleineren Grundbesitz, ob er dem mit gewerblichen Unternehmungen verknüpften oder auch dem auf landwirtschaftlichen Betrieb sich beschränkenden Grundbesitz, ob er dem städtischen wie dem ländlichen Grundbesitz offen zu halten sei, ferner wie weit das Bedürfniß verbiete, den Gewerbetreibenden, namentlich den Handwerkern, den Wechselverkehr zu verschließen. Zur Beantwortung dieser Fragen fehlte eö bis jetzt an ausreichendem und zuverlässigem Material. Bei der Bedeutung deS Gegenstandes für das Gedeihen jener Berufsklassen und für das Gesamtwohl halte der Reichskanzler sich für verpflichtet, die Vornahme der zur Aufklärung der Sache geeigneten Ermittelungen anzuregen. Das Auswärtige Amt sei daher vom Reichskanzler beauftragt worden,
die Bundesregierungen zu ersuchen, Ermittelungen über die Frage veranlassen zu wollen: „ob das wirtschaftliche Bedürfniß es erheischt, den nicht zu den Kaufleuten gehörenden Grundbesitzern und Gewerbtreibenden, namentlich den Handwerkern, die allgemeine Wechselfähigkeit zu erhalten, oder ob es nicht vielmehr eine Beschränkung derselben sowohl zuläßt als erfordert," und, im Falle der Bejahung deS letzteren Teiles der Alternative, „welche gesetzlich bestimmbaren Grenzen für die Beschränkung zu ziehen sind?" Im Anschluß hieran wird eS sich empfehlen, der Frage nachzugehen, welche in den der Resolution des Reichstages vorausgcgangenen Verhandlungen übrigens auch schon bei Beratung der Wechselordnung angeregt ist, nämlich: „ob rücksichtlich der genannten Kategorien vom wirtschaftlichen Standpunkt ein Unterschied zwischen gezogenen und eigenen Wechseln zu machen, und ob überhaupt von diesem Standpunkt eö geboten ist, neben dem Institut des gezogenen Wechsels das des eigenen Wechsels bestehen zu lassen."
Von der mit so großer Anerkennung aufgenommenen, von dem Bureaudirektor des Abgeordnetenhauses Geh.-Rat Kleinschmidt veranstalteten Zusammenstellung der kirchenpolitischen Gesetze wird die Hosbuchdruckerei von W. Möser in Berlin eine neue Ausgabe veranstalten. Dieselbe wird auch das soeben vom Landtage vereinbarte Gesetz betreffend Aenderungen der kirchenpolitischen Gesetze, dessen Veröffentlichung voraussichtlich binnen Kurzem erfolgen wird, und zugleich zweckmäßige Hinweise zur Erleichterung der Informationen enthalten. Die Zusammenstellung kommt sicher einem dringenden Bedürfnisse entgegen.
Rach allem, waö man vernimmt, sprechen, wie der „Frank. Ztg." berichtet wird, auch Führer des Centrums die Hoffnung auö, daß auf Basis des Kirchengesetzes sich mit der Zeit ein annehmbarer modus vivendi zwischen der Kurie und der Regierung werde herstellen lassen. Das Centrum erklärt ganz offen, daß mit der Vorlage die Regierung zuerst der Kurie entgegengekommen sei, und letztere nun ohne Preisgebung ihrer Prinzipien, sich auf Verhandlungen mit der Regierung werde cinlassen und den zweiten entgegenkommenden Schritt werde thun können.
Gegenüber der Nachricht, daß der altkatholische Bischof Reinkens, der sich vor kurzer Zeit in Berlin einige Tage aufgehalten, keine Audienz beim Fürsten Bismarck erhalten konnte, teilt das „D. M.-Bl." mit, daß der Bischof Rein- kenS eine einstündige Unterredung mit dem Reichskanzler gehabt und von letzterem sehr befriedigende Eröffnungen über die freundliche Haltung erhalten, welche die Regierung ferner den Altkatholiken zu Teil werden lassen wird. Auch mit dem Kultusminister v. Puttkamer hatte der Bischof Reinkens eine längere Unterredung.
Zn seinem Blatte „Deutsche Zeitung" bringt Herr Hasselmann merkwürdige Enthüllungen über Vorgänge innerhalb der socialdemokratischen Partei. Er beginnt mit einer Aufklärung der Ursachen, auS welchen er sich im Jahre 1876 geweigert habe, von Berlin nach Leipzig überzusiedeln und dort mit dem Abgeordneten Liebknecht gemeinsam den „Vorwärts" zu redigieren. Danach „bildete sich seit 1875 in den Genossenschaften zu Berlin, Hamburg und Leipzig ein Beamtenheer heraus, welches bei wenig Arbeit und fettem Gehalt diese Genossenschaften zu förmlichen Versorgungsanstalten ausbildete." Hasselmann geriet zu dieser „Cliquenwirtschaft" in Opposition, und die Folge war, „daß diese ganze Freundschaft planmäßig über ihn herfiel". Im Sommer 1876 waren Hasselmann und Fritzsche Vorstandsmitglieder der Berliner Genossenschaft, Rackow war Kassierer derselben. „Bei einer Kassenrevision stellte sich in Rackow's Kasse ein namhaftes Deficit heraus. Anstatt seinen Fehler einzusehen, behauptete Rackow, es habe ihm irgend wer mit einem Nachschlüssel seinen Pult geöffnet und den Betrag gestohlen, und dessen verdächtige er mehrere in der Redaktion und Druckerei Angestellte." Als Hasselmann aber forderte, daß alsdann die Polizei in Kenntnis gesetzt werde, erklärte Rackow alsbald, das Deficit ersetzen zu wollen. „Bei der nächsten Revision fand sich nun zu viel Geld in der Kasse, aber nachdem sich ergeben, daß Privatgelder darunter waren und diese abgerechnet waren, war wieder ein Decfiit da. Zugleich operierte man so unsinnig, daß sich immer mehr Schulden anhäuften." Nunmehr beantragte Hasselmann beim Aufsichtsrat, der aus den Herren Geib, Derossi, Auer, Hartmann und Köhler bestand, es solle Rackow nach zweimaligem Defekt die Kasse entzogen werden. Geib reiste nach Berlin und erkälte Hasselmann, daß man Rackow seiner Familie wegen nicht absctzen wolle, er sei aber bereit, sonst Ordnung zu schaffen. Hasselmann vereinbarte auf Handschlag und Ehrenwort mit Geib, daß beide dahin wirken wollten, daß die Zeitungen mindestens der Verfügung des Genossenschaftsvorstandes, also auch Rackow, entzogen werden sollten; dieselben sollten in Berlin gedruckt und Eigentümer die genannten Herren in Hamburg werden. Geib versicherte überdies, Liebknecht sei hiermit einverstanden und wolle nach Berlin übersiedeln. Hierdurch beruhigt, glaubte Hasselmann alles geordnet. „Aber kaum drei Wochen später, als in bekannter Weise über jene Zeitungen beschlossen wurde, und man den „Vorwärts" gründete, stellte es sich heraus, daß gerade das Gegenteil heimlich abgekartet war." Die Koryphäen hatten beschlossen, Rackow und Genossen in Berlin völlig freies Spiel zu lassen. Hasselmann sollte ohne weiteres zustimmen, nach Leipzig überzustedeln. „Als er entrüstet anfragte, wie es denn mit den Versprechungen stehe, auf die er gebaut habe und ob man denn einem Manne wie Rackow freies Feld in der Berliner Genossenschaft geben wolle, bot
Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege.
Original-Novelle von G. Walden.
(Fortsetzung.)
Nicht zum Narren wollte er werden durch eine zweite Liebe. Hatte er sich durch seine Träumereien schon zu fest eingeredel, fein Herz könne nicht mehr lieben, es sei gebrochen, als — Jene die Treue brach! — Und aus den Trümmern habe er einen Grabhügel erbaut, seine Thränen hätten ihn versiegelt, darauf pflanze er seine Liederblumen. Nur des Nachts steigen die Schatten der gestorbenen Liebe herauf, um ihn zu quälen mit der alten Liebe und dem Een Leid, um im tollen, wilden Reigen sein Herz zu umziehen, bis es müde, — todmüde wäre, ganz — ä. la Heine j —
Ein abermalig lautes Gähnen ruft uns zurück zur Gegenwart, zum tete-ä-tete im Comptoir. —
Langsam, müde längt sich Herr Löwenberg, die „Tante Voß", doch nicht die „Course" überfliegt sein Blick, nachlässig gleitet er über die Annoncen vermischten Inhaltes. —
Sein Auge leuchtet auf, der Blick wird interessanter.
Schleichen wir uns näher, um zu sehen, was diese Wirkung hervorruft. —
Nur eine kurze Annonce ist es: „eine junge, gebildete ~»me wünscht mit einem dito Herrn anonym zu korrespondieren."
Das Blatt noch in der Hand, promeniert er sinnend im pimmet auf und ab. Warum bin ich darauf nicht schon -äuge gekommen? murmelte er, mein Geist muß Erfrischung -abcn, ich fühle es, „anonym", das ist eö, was für mich *®Bt. Würde man mit einer Dame, die wirklich interessant
ist, sich mündlich öfter unterhalten, so würden, wäre sie unverheiratet, sich bald Hoffnungen daran knüpfen. Wäre sie aber verheiratet, so störten die Eintracht sicher die eifer- füchtig grünen Augen des Ehemannes.
Aber „anonym" das ist ungeniert und frei, da kann man sprechen, ohne Glace-Handschuhe dabei anziehen zu müssen; man kann sein Herz öffnen, wenn es ein gleichge- stimmtes gefunden; wenn nicht, — nun, vorüber! — es bleibt kein Mißton, keine Störung, man ist nach wie vor unbekannt I —
Im Laufe der Zeit mir meine Anonymität abschwatzen zu lassen? — pah, — ich kenne die List der Weiber und bin gestählt dagegen. — Mein Herz ist gestorben für immer, alfo keine Gefahr dabei. — Doch jene Dame will ich nicht wählen, warum führt sie die Jugend mit an? — Es scheint mir ein Heiratsgesuch auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege, nur in verbesserter Fassung. Selbst will ich annoncieren lassen und dann wählen. —
Schnell war der Platz vor'rn Pult wieder eingenommen, die Annonce ausgesetzt, couvertiert und adressiert.
Der leichte Slrohut schmückte das Haupt, die Havanna brannte und fast Unternehmungslustig blickte das braune Auge des kaum 28 Jahre alten Chefs, als er, ohne auch nur noch einen Blick nach den „jungen Leuten" zu werfen, eine Opernmelodie summend, das Zimmer und das Haus verließ. Draußen hatte sich während der Zeit Vieles geändert. — Was Ihre Majestät die Sonne in den Straßen und Gassen der von ihrem Glanze durchdrungenen Kaiserstadt gesehen, mußte nichts gerade Erfreuliches gewesen sein, denn zürnend hatte sie ihr strahlendes Antlitz hinter Wol- kcnschleiern geborgen und grollend dröhnte die Stimme des Donnergottes über den Häuptern der Restdenzler, als wolle
er ihnen dafür Urfehde ankündigen. Doch das ist ein trotzig Völklein, das jetzt frischer auftritt, denn vorher, als seien Sturm und Kampf ihr Lebenselement. Der frische Luftzug thut auch uns gut und so schreiten wir denn, nachdem wir uns in der Königsstraße von Herrn Löwenberg verabschiedet, rüstig weiter die Linden entlang, dem Brandenburger Thore zu.
Lassen wir Jenen, der nun, nachdem er für Erfrischung des Geistes gesorgt, sich sicher nach einer Hebe umsteht, welche dem staubgeborenen Körper Erfrischung reicht.
Unser Weg führt uns in eine jener stillen Straßen, die sich vom Thiergarten nach dem Canal ziehen und in die Salons der Frau Baronin Wellwitz.
Schon sind wir angelangt. — Der kühle, kirchenhaft hochgcwölbte Hausflur umfängt uns mit feierlicher Sülle, fast lautlos schreiten wir auf weichen Decken vorwärts und betreten, nach alter Berechtigung unangemeldet, das nach dem Garten gelegene Balkonzimmer der Baronin.
Wozu auch dergleichen Zeremonien? — Sie würden vielleicht nur die Dame aus der Stellung verscheuchen, die sie in graziöser Nachlässigkeit auf der Causeuse einnimmt, und die doch alle Vorzüge ihrer wirklich königlich schönen Figur im besten Lichte erscheinen läßt.
DaS weiße, seideglänzende Oberkleid, welches duftig die üppigen Formen verhüllt und durch dessen zartes Gewebe das schwerseidene Unterkleid im schönsten Tiefblau schimmert, zeigen, daß die schöne Frau es versteht, Toilette zu machen.
Leicht gelöst, kräuselt sich eine Fülle goldbraunen Lockenhaares über Busen und Schultern der Ruhenden, während das kleine Füßchen auf der äußersten Zehenspitze einen zierlichen, blauen Seidenschnh balanciert. Durch die ge-