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Nr. 157.

Marburg, Mittwoch, 7. Juli 1880

XV. Jahrgang

«lueigen nimmt tmgegen: Mxpedttio«d.»lattes, ,,-ie d-Annoncen-Dureaux von Th, Dietrich & Co. in «offel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; kiaasenstein & Bögler in Srflnifnrt a- M., Berlin. LivziS, Mn : Rudolf >Me in Berlin, Kraal- furt a. M. re.

GcheM Zett«.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d ■ Annoncen-Bureaur von G L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung bofclbft,; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Juvalidendank in Berlin; W- ThieneS in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „LAuktrirteS LountagSdtatt" durch die Expedition (lk o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 3k Warf, durch die Postämter des Deutschen Reiches 3 Wart 50 Pfg. sexcl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pfg. berechnet

Bestellungen für das dritte Quartal auf die

Merhessische Zeitung

mit deren Gratisbeilage

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MV* Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.

Die Ex-ed. d. Oberh. Zeituug.

Die Botschafter-Konferenz.

Die Botschafter-Konferenz ist am Freitage geschlossen worden, nachdem sie ihre Arbeiten vollendet und ihre Auf­gabe gelöst hatte. Ihre Aufgabe bestand bekanntlich darin, den § 24 des Berliner Friedens zu verwirklichen. Dieser § 24 wollte nämlich eine Grenzregulierung zwischen der Türkei und Griechenland herbeiführen und überließ es den beiden Ländern, sich friedlich darüber zu einigen; der Kon­greß gab aber in dem 13. Protokoll gleichzeitig eine solche Grenzlinie in ihren Hauptpunkten an, welche einen Teil des türkischen Gebiets zu Griechenland schlug. Die Pforte aber ließ sich nicht bewegen, diese Bestimmungen des Ber­liner Friedens auszusühren, und Griechenland rief deshalb die im § 24 in Aussicht gestellte Vermittelung der Mächte an, um die Grenzlinie endgültig festzusetzen und die Pforte zur Ausübung derselben anzuhalten. Die Mächte gingen auf diese Bitte Griechenlands ein und beauftragten die Konferenz ihrer Botschafter mit.der Lösung dieser Frage. Die Grenze ist nun festgestellt worden und danach soll die Türkei ein Gebiet von nahezu 400 Q.-Meilen mit circa 400,000 Einwohnern an Griechenland abtreten. Die Grenze beginnt am ägeischen Meere an der Mündung des Baches Mavrolongos, läuft bann über den Olymp und das Pinduögebirge, nach Westen in das Thal des Flusses Kalamas, welcher Korfu gegenüber mündet. Die Konferenz hat ihren Beschluß einstimmig gefaßt und wird denselben in einer gemeinsamen Note in Konstantinopel und Athen überreichen. ES fragt sich nun, ob die Türkei gutwillig sich den Beschlüssen der Konferenz fügt und daS Land an Griechenland abtritt, oder ob sie sich der Ausübung wider­setzen und nur der Waffengewalt weichen wird. Nach den bisherigen Erfahrungen darf man kaum ein gutwilliges Nachgeben der Türkei erwarten. Es fragt sich aber, wer sie dann zwingen soll. Griechenland wird allein kaum dazu im Stande sein; über ein gemeinsames kriegerisches Vor­gehen gegen die Pforte haben die Mächte keinen Beschluß gefaßt; sie haben nur eine „moralische Einwirkung" aus-

sNachdruck verboten.;

Auf diesem uicht mehr ungewöhnliche« Wege.

Original-Novelle von G. Walden.

In höchster, glanzvoller Majestät geruhte sich die Julisonnc der jungen Kaiserstadt an der Pauke zu präsentieren, und von der Glorie dieser herrschenden Himmelskönigin tief durchdmngcn, beugten die Bewohner derselben sich klageloS nieder zum Staub. Die Rinnsteine spendeten ihr süßestes Parfüm und ehrfurchtsvoll den Kopf gesenkt, wagten die edlen Droschkenrosse nur langsam fort­zuschleichen, ja, die ältesten und erfahreiisten derselben sanken in tiefer Erkenntniß ihres Unwert'S, zur Führung des Titels „I. Klaffe" lautlos zur Erde nieder.

In Schweiß gebadet, eilt keuchend der Handwerker der Arbeitslast des endlos langen Nachmittags zu, mit neidischem Blick die Fenster der halbdunklen, kühl erscheinenden Com- toire streifend. Auch wir lassen uns verlocken, und da wir die Vergünstigung der Tarnkappe besitzen, sind wir schnell in eins derselben hinein geschlüpft.

Leider herrscht auch hier nicht die gewünschte Tempera­tur. — Ein kleines, einfenstriges Zimmer, nur für den Chef des Hauses bestimmt, während im Nebengemach die „jungen Leute" arbeiten.

Ein lautes Gähnen — und mißmutig wirft Herr Ismar Löwenberg die Feder auf das Pult und schaut gelangweilt hinaus auf die glutheiße Straße. —

Das ganze Aeußere des Mannes hat eigentlich wenig Kaufmännisches. Groß und wohlproportioniett gewachsen, mit wohlgepflegtem lockig-dunkelblondem Haar und Voll­bart, steht er mehr einem Osficier In Civil ähnlich, hat et es doch auch bis zum Lieutenant, wenn auch nur der „Landwehr" gebracht. —

üben wollen; allein für „moralische" Einwirkung hat sich die Pforte bis jetzt wenig empfänglich gezeigt. Neulich wurde berichtet, England und Frankreich wollten dem Be­schlüsse durch Absendung einer Flotte in die türkischen Ge­wässer den nötigen Nachdruck verleihen und also Griechen­land militärisch unterstützen; allein gewiß scheint das doch noch nicht zu sein. Der griechische Gesandte in Berlin meinte, die griechische Bevölkerung in den abzutretenden Bezirken würde die Türkei zum Nachgeben nötigen. That- sächlich würde das aber nicht anders, als mit Waffenge­walt geschehen können und so muß man sich auf neue kriegerische Verwicklungen gefaßt machen — wenn die Pforte sich nicht doch noch in ihr Schicksal fügt. Sie hat offenbar gehofft, die Mächte würden sich auf der Konferenz nicht einigen können und es wird jetzt berichtet, die Einigkeit der Mächte habe einen großen Eindruck auf sie gemacht. Die Pforte muß sich freilich sagen, daß sie mit dem Wider­stande den ganzen Berliner Frieden in Frage stellt — und daß ein solches Beginnen für sie nur von den schlimmsten Folgen werden könnte. Sie hat ohnehin bewiesen, daß sie nicht im Stande ist, die Bestimmungen des Friedens all­seitig auszuführen und ihre Herrschaft aufrecht zu erhalten. Es liegt deshalb für die Mächte der Gedanke nahe, der ganzen Türkenherrschaft auf der Balkanhalbinsel ein Ende zu machen, wenn sie sich diesen Konferenzbeschlüssen wider­setzt. Durch die verschiedenen Neugestaltungen der letzten Zeit auf der Balkanhalbinsel hat der Gedanke an die Auf­lösung der Türkei für die Mächte bei weitem nicht mehr das Erschreckende wie früher, wo man einen europäischen Krieg als unvermeidlich mit dieser Frage verbunden be­trachtete. Wenn die Pforte auf die Klugheit hört, bann gibt sie nach, allein es fragt sich sehr, ob sie sich nicht durch andere Impulse treiben läßt.

Tagesbericht.

Der „Reichs-Anzeiger" meldet: Der Kaiser hat im Einverständnis mit dem Reichskanzler mit dessen allge­meiner Stellvertretung für die Dauer der Abwesenheit des­selben den Vicepräsideuten des Ministeriums Grafen Stol­berg und den Botschafter Fürst Hohenlohe beauftragt.

Der Bundesrat hat genehmigt, daß bei Sendungen der evangelischen Missionsgesellschaft an ihre in Südafrika stationierten Missionen, welche jährlich ein- oder zweimal erfolgen und in Geschenken von Freunden der Mission be­stehen, jede Erleichterung in Bezug auf die Anmeldepflicht für die Statistik des Warenverkehrs eintreten soll. Diese Sendungen haben an sich keinen erheblichen Wert, bilden aber für die gering besoldeten Missionare eine nicht zu unterschätzende Beihülfe.

Die oberste Unterrichts * Verwaltung in Preußen giebt

Feiner Teint und schöne, etwas schwärmerische Augen, dazu feine, schmale Hände blendend weiße Wäsche und stets tadellos modischer eleganter schwarzer Anzug, kann man es da den Damen verargen, wenn schon manches Auge ans lieblichem Antlitz heiß begehrend nach Herrn Löwenberg geschaut? —

War er doch beim Ausgange der Börse stets von einer Suite älterer Herren umgeben, die Besitzer einer geachteten Firma, die zu gleicher Zeit aber auch Besitzer von drei, ja sechs und sieben heiratsfähigen Töchter waren, deren Jeder sich bemühte, den Nebenmann zu übertreffen bei Schilderung des paradiesischen Lebens in der Ehe.

Kalt höflich, gegen Me gleich freundlich, hörte Herr Löwenberg täglich diesen Wettstreit der kaufmännischen Minnesänger mit an, ohne je einem derselben den Preis zu erteilen. —

Hatte er Anfangs danach gestrebt, sich davon zu be­freien, fo fügte er sich jetzt mit frischem Gleichmut in das Unvermeidliche; nie aber war es möglich, ihn in eine Ge­sellschaft zu ziehen, an der Damen teilnahmen, und ihn so in das Bereich der Netze der jung sein wollenden Schmetter- lingsfängerinnen zu bringen.

Verwandte hatte er nicht am Ort. — Fern ans der Provinz war einst sein Vater mit Weib und Kind hier her gezogen, hatte das „alte Geschäft erworben und Glück gehabt.

Als die Eltern dann gestorben, hatte Ismar als einziges Kind daS Geschäft in tadellosem Zustande über­nommen und erhalten.

Wohl munkelte man vor. einer Verlobung, die vor mehreren Jahren mit einer Jugendgespielin in der Pro­vinz geschlossen. Doch war dieselbe, wenn sie ja in Wahr­

Nachrichten über die Zahl der vorhandenen öffentlichen Lehrer- und Lehrerinnenstellen an den preußischen Volks­schulen , sowie über den Besuch der Schullehrer- und Lehrerinnen-Seminare im Jahre 1879, um Rechenschaft zu geben, in wie weit es der Unterrichtsverwaltung gelungen ist, dem Fortschreiten des Lehrermangels Einhalt zu thun, ihn zu mindern und seine allmählige Ueberwindung mög­lich zu machen. Der Mangel an vorschriftsmäßig geprüf­ten Lehrkräften hatte sich in der letzten Hälfte des siebenten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts in bedrohlicher Weise fühlbar zu machen begonnen und zu Ende 1870 das HauS der Abgeordneten veranlaßt, die Regierung zur Errichtung neuer und Erweiterung bestehender Seminare aufzufordern. Die erste, 1873 aufgenommene statistische Nachweisung er­gab, daß von 49,709 ordentlichen Lehrer- und Lehrerinnen­stellen 2780, 2337 Hülfslehrer-und Lehrerinnenstellen 836, von 52,046 also 3616 am 15. Juni des genannten Jahreö erledigt beziehentlich nicht ordnungsmäßig besetzt waren. Eine zwei Jahre später angeorbnete neue Ermittlung er­gab, baß von 54,496 Stellen 4508 leer waren. ES hatte also wohl eine Stellenvermehrung um 2540 stattge- funven, aber bie Zahl bet unbesetzten Stellen hatte um 892 zugenommen. Es waren also 1875 etwa 1500 vor­schriftsmäßig geprüfte Lehrer mehr im Dienste als 1873, aber bie Besetzung der erledigten Stellen hatte augenschein­lich noch mit den alten Schwierigkeiten zu kämpfen wie früher; die neu gewonnenen Lehrer wurden verwandt, um Uebelständen zu begegnen, welche sich öffentlich weniger be­merkbar machten, aber das Schulwesen desto schwerer schä­digten. Auch die Ausnahme von 1877 hatte ein ähnliches Ergebnis, und es war offenbar, daß, abgesehen von den Verhältnissen, welche an einzelnen Orten eilte Vermehrung der Schulstellen unabweisbar erforvern, namentlich die Ueberfüllung der vorhandenen Schulklassen bezw. die ge­bieterische Notwendigkeit der Teilung überfüllter Schul­klassen dahin führte, daß die erledigten Schulstellen nach wie vor nicht alle ordnungsmäßig besetzt werden konnten. Zur Feststellung des ganzen Umfangs des Lehrermangels wurden Ermittelungen über die Zahl der überfüllten Schul­klassen angeordnet, wobei festgehalten wurde, haß in einer einklassigen Volksschule nicht mehr als 80 Kinder auf einen Lehrer kommen sollen und in einer mehrklassigen etwas unter diesen Durchschnitt herabgegangen werden muß. Die Zahl der überfüllten Klaffen betrug danach 8047 (wovon die meisten, 1509, in Schlesien, 869 in Posen, 827 in Westfalen, 825 in der Rheinproviuz), der Bedarf an Lehr­kräften zur Beseitigung des Uebelstandes 8477. Erwägt man nun, daß zur Besetzung erledigter Stellen noch 4581 Lehrer gebraucht wurden und sich die Zahl der vorschrifts­mäßig geprüften Lehrer von 1873 bis 1877 um 3488 vermehrt hatte, fo ergiebt sich, daß sich 1873 der Lehrer­mangel aus 16,546 Lehrkräfte belaufen hatte. Diese Zahl

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heit bestanden, ehr schnell wieder gelöst worden, nur das wußte man bestimmt, daß er seit Jener Zeit sich zum voll­endeten Weiberfeind entwickelt hatte, an dessen kaltem Blick das begehrendste Lächeln, das süßeste Schmollen gleich wirkungslos abprallten. Achselzuckend erklärten endlich die Schönen, sein Herz sei bei dem Rechnen selbst zu einem Contobuch geworden, in dem nur noch zwei Worte Raum fänden: „Soll und Haben." —

Alle diese Damen aber kannten nur den Kaufmann den Chef der Firma dort unten, hätten sie je eine Treppe höher, einen Blick in das mit fast weichlichem Comfort ausgestatteten Wohnzimmer Herren Löwenberg's gethan, wenn er seine Mußestunden feierte, sie würden den eigenen Augen nicht geglaubt haben. —

Dort glühte dies kalte Auge in schwärmerischer Innig­keit, das Herz zehrte immer noch an dem kurzen Traum von Liebe, den es einst geträumt, eS schwelgte wollüstig in den Schmerzen der Entsagung und, — (doch, meine schönen Leserinnen, strengste DiScretion, es schadet sonst am Ende seinem kaufmännischen Rennomse) was er fühlte, strömte er aus in Versen — ä la Heine l —

Lächeln Sie nicht! — Ja, er war Kaufmann, — kalt und überlegt, sobald er den Raum betrat, an dessen Thür so eintönig stand „Comptoir", dott oben aber, in seinem Tusculum, dort war er Schüler, — Verehrer Heines. —

Seines Meisters Wort:

„Wer zum erstcnmale liebt, Sei's auch glücklos, ist ein Gott. — Aber wer zum zweiten Male Glücklos liebt, der ist ein Narr —" war ihm Richtschnur.

(Fortsetzung folgt.)