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Marburg, Sonnabend, 3. Juli 1880
xv. Jahrgang
AnllksW Mm
Zufall oder Vorsehuug'f
Eine Erinnerung aus der Studentenzeit von R. v. B.
So oft auch heutigen Tages ein Vorfall bekannt wird, auö welchem das Walten der göttlichen Vorsehung mit Deutlichkeit hervorgeht, verweisen ihn die Rationalisten, zu deren Weltanschauung etwas derartiges nicht paßt, einfach unter die Kategorie des Zufalls. Hiermit ist dann sofort jede Erörterung über den höheren geistigen Wert eines solchen Ereignisses abgeschnitten, und Demjenigen, welcher etwas mehr darin finden wollte als Zufall, wird von jenen starken Geistern mit mitleidigem Lächeln einfach das Prädicat eines beschränkten oder überspannten Menschen bei- gclegt, wodurch sehr viele abgcschreckt werden, ihrer besseren Ueberzeugung Ausdruck zu geben. Ein solcher Vorfall, der gewiß nicht in das Gebiet des blos Zufälligen gehört, ist unr aus der Studentenzeit unvergeßlich geblieben.
Als ich noch in der glücklichen Lebensperiode eines akademischen Bürgers mich befand, hörte ich u. a. auch ein Kollegium über Criminalrecht, welches in der Morgenstunde don 11 bis 12 Uhr stattfand und das letzte war, auS welchem ich geistige Nahrung sog, bevor mich die Rücksicht auf die leibliche mit einer größeren Zahl von Verbtndungs- brüdern an dem gemeinschaftlichen Mittagstische zusammen- 'uhrte.
,, Dieses Collegium war eines der besuchtesten der juristi- Den Facultät und hatte auch vor manchem Anderen den s^arzug, daß alle Subskribierten sich mit großem Eifer an den Vorlesungen- beteiligten, während eS sonst wohl öfter« arkam, daß die zweideutige Censur: „mit niegesehenem Miße besucht" nur dann thatsächliche Berechtigung hatte, wenn sie nach dem strengen Wortlaute interprettert wurde.
Der Grund hiervon lag teils in dem interessanten
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Werktagen gearbeitet. Auf den Werften der Admiralität gehen abermals zwei Kanonenboote, die Grasa (Gewitter) und die Burga (Sturm) ihrer Vollendung entgegen, der Stapclllauf wird bereits Anfangs Juli erfolgen. In dem Admiralitätshafen liegen ferner noch die erst kürzlich vom Stapel gelaufenen beiden Kanonenboote Burna (Windsbraut) und Futscha (Gewitterwolke) vor Anker, die nach dem gleichen Modell wie Grasa und Burga und vom Marine-Ingenieur Leontjew gebaut worden sind. Am 26. ist die Fregatte Swetlana unter dem Kommando des Grasen Lütke, dem Adjutanten des Großfürsten Constantin, nach dem Piräus ausgelaufen. Heute sticht die Europa (Kreuzer) in See, der wiederum in kurzer Zeit die Rossia folgen soll. In ausländischen Gewässern befanden sich im Monat Mai bereits 9 Kriegschiffe mit 102 Kanonen, 221 Offizieren und 2027 Matrosen. Zum Oberkommandierenden des aus 20 Schiffen bestehenden vereinigten Geschwaders im Stillen Ocean soll nach Meldungen russischer Blätter der Marineverweser Generaladjutant Lessowski bestimmt sein.
In Frankreich haben die Executionen gegen die vom Staate nicht autorisierten Congregationen schon am Dienstag Abend ihren Anfang genommen. Den Reigen haben, wie erwartet wurde, die Jesuiten eröffnet. Die Anzahl der Justizbeamten, welche um ihre Entlastung eingekommen sind, weil sie die Märzdecrete nicht ausführen wollen, ist nur eine geringe, im ganzen bis jetzt 35. Der Justizminister hat unverzüglich an ihre Stelle andere Beamte ernannt. Aus Puy wird gemeldet, daß vor dem Ordenshause von Vals am Mittwoch Morgen ein Polizeikommissar mit Gensdarmen erschien. Die anwesenden 85 Mitglieder des Jesuitenordens gaben die Erklärung ab, daß sie nur der Gewalt weichen würden. Es erhielt hierauf ein Bataillon den Befehl, sich bewaffnet nach Vals zu begeben, und wurden die Jesuiten durch die Soldaten aus der Niederlassung entfernt. Die Jesuiten hatten die Oeffnung der Thür verweigert, um die Polizei zum gewaltsamen Sprengen der Thürschlösser zu nötigen. Dem Vorgang hatten etwa 200 Personen beigewohnt.
Auch in Belgien hat der Kampf gegen den Clerus einen acuten Charakter angenommen. Wie nachträglich bekannt wird, datiert die Abberufung des belgischen Vertreters im Vatikan schon vom 5. v. M. Die Publikation des diplomatischen Notenwechsels zwischen Brüssel und Nom hat begonnen. Aus demselben dürfte, so hofft wenigstens die „Jnd. belge" hervorgehen, weshalb der Abbruch der Beziehungen zu dem Brüsseler Nuntius nicht unmittelbar mit der Aufhebung der belgischen Gesandtschaft im Vatikan zusammenfiel. Nach Lage der Dinge hat der Nuntius fürderhin keinen diplomatischen Charakter mehr. Er kann in Brüssel allerdings wie jeder Ausländer residieren, steht Stoffe des CriminalrechtS, teils in der anziehenden Lehrmethode des Professors, welcher die grauen Aeste der Theorie mit dem grünen, lebensvollen Laub praktischer Beispiele zu bekleiden verstand.
Außerdem bewirkte auch die hervorragende akademische Würde des Professors L., welcher Vicekanzler der Universität M. war, daß man seinen Vorlesungen eine erhöhte Teilnahme zuwandte und Bedenken trug, in seinen Augen saumselig zu erscheinen, so daß selbst sonst lässigere Studenten sich scheuten, ihrer Jugendkraft zu schonen, wo sie den greisen Meister, welchem sein Silberhaar unter dem schwarzen Hauskäppchen ein höchst ehrwürdiges, fast patriarchalisches Aussehen verlieh, mit jugendlicher Rüstigkeit seinem Berufe obliegen sahen.
Das Wohnhaus des Professors, in welchem auch seine Vorlesungen stattfanden, da die Universität eines eigenen Lehrgebäudes damals noch entbehrte, war, wie schon der Baustyl desselben kundthat, sehr alt, und es war sogar nicht unwahrscheinlich, daß seine Grundmauern noch von der Zeit der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts stattgefundenen Errichtung der Universität selbst herrührten. Es war zweistöckig und enthielt im unteren Stock mehrere geräumige Zimmer, in deren Einem die Vorlesungen abgehalten wurden, wodurch es der euphemistischen Bezeichnung als „Hörsaal" teilhaftig geworden war. Es gewährte uns auch die Aussicht auf einen damals Im Frühlingsschmucke prangenden Blumengarten, welcher dem Professor bei Eröffnung des Collegiums Gelegenheit gegeben hatte, uns in humoristischer Weise auf die Beachtung des bekannten Göthe'schen Ausspruches hinzuweisen;
„©rau ist alle Theorie, Doch grün des Lebens goldner Baum/
aber unter dem Fremdengcsetz, das seine Ausweisung innerhalb 24 Stunden gestattet, sofern seine Gegenwart die öffentliche Ruhe gefährden würde.
Der Bundesrat wird Ende dieser Woche noch eine Schlußsitzung halten und dann in die Ferien gehen. Die Verhandlungen, dieser Köpcrschaft werden vor Monat September nicht wieder ausgenommen werden.
Die Repetiergewehre sind in den letzten Jahren vielfach als die Infanteriewaffe der Zukunft bezeichnet worden. Auch hat deren Einführung bei einzelnen Abteilungen fremder Ärmeren, so namentlich bei den vier französischen Marineinfanterieregimentern bereits stattgefunden und ist für die Jägerwaffe der österreichischen Armee gleichfalls in Aussicht genommen. Der Allgemeineinführung der Repetiergewehre bei der gesamten Infanterie der einzelnen Heere stehen jedoch der enorme Kostenpunkt einer derartigen Neubewaffnung und der Umstand entgegen, daß die Neuausrüstung mit den jetzt von den Truppen geführten Hinterladegewehren erst im Verlaufe des letzten Jahrzehnts erfolgt ist. Außerdem wird diese Einführung aber auch noch um deswillen beanstandet, weil allgemein angenommen wird, daß die ausschließliche Verwendung von Nepetiergewehren die Munitionsverschwendung und damit das leichte Verschießen bei den Truppen zu sehr begünstigen würde. Das allseitig erfolgte Streben ist deshalb neuerdings darauf gerichtet gewesen, irgend eine Vorrichtung zu erfinden, welche gestatten würde, je im Fall deö Bedarfs die jetzt in Benutzung befindlichen Hinterladegewehre als Nepetierwaffe unv für den gewöhnlichen Gebrauch doch auch wieder als Einzellader zu verwenden. Mehrere derartige neue Vorrichtungen sind im Verlaufe der letzten beiden Jahre auch bei der deutschen Armee in Versuch gezogen worden. Dieselben scheinen jedoch den von ihnen gehegten Erwartungen nicht in dem genügenden Maße entsprochen zu haben. Neuerdings ist aus der rühmlichst bekannten Fabrik von Ludwig Loewe in Berlin, aus welcher bekanntlich auch der vielfach als vortrefflich bezeichnete Armeerevolver für die preußische Armee hervorgegangen ist, eine neuartige Erfindung zur Versuchnahme gestellt worden, die nach den bisher darüber verlauteten Mitteilungen zu den größten Erwartungen berechtigt. Es würde, wie der „Magd. Ztg." versichert wird, das Einschieben der betreffenden Vorrichtung in das gegenwärtige deutsche Armeegewehr auf Commando binnen wenigen Sekunden gestatten, daneben aber nach ihrer einfachen Entferung sofort die Ausnutzung der Gewehre als Einzellader wieder freistellen. Außerdem sollen von demselben Etablissement auch noch verschiedene Verbesserungen deö Mausergewehrs in Vorschlag gebracht worden sein, welche eine außerordentliche Erhöhung der Wirkung uud Verwertung dieser Waffe
Eines Tages — eS war an einem Freitage — überraschte uns der Professor, welcher nur sehr selten eine Vorlesung auözusetzen pflegte, mit der Mitteilung, daß er wegen eines ihn sehr nahe angehenden Familienfestes beabsichtige, sich für den folgenden Tag, den Samstag, diese phänomenale Ausnahme zu gestatten.
Wir wußten bereits, daß es sich um die Feier seines Geburtstages handelte, bei welcher ihm zahlreiche Glückwünsche seiner Verwandten und Freunde, namentlich seiner akademischen Collegen, sowie auch der Studentenschaft dargebracht zu werden pflegten, und gaben in angemessener Form unser, wie wir wohlfühlten, seitens des Professors nur aus Höflichkeit nachgesuchtes Einverständnis zu dem projektierten Collegienausfall zu erkennen.
. ,Da ich als ein „bemoostes Haupt" mich bereits dem kritischen Zeitpunkte des Examens näherte und daher zu damaliger Zeit meinen Arbeitsplan mehr auf daö häusliche Studium eingerichtet hatte, so sah ich durch die erwähnte Anordnung des Professors einem ganz collegienfreien Tage, einem s. g. dies academicus, entgegen, was mich trotz meines sonstigen Studiereifers mit einem gewissen inneren Wohlbehagen erfüllte.
Die burschikoseren Studenten pflegen an solchen Tagen gern nach der Anleitung des bekannten alten Burschenliedes zu handeln, welches lautet:
„Der Herr Professor liest heut' kein Collegium, Drum ist es besser: man trinkt Eins rum.'
Ich meinerseits machte mit einem Freunde einen Ausflug auf das Land.
(Schluß folgt.)
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Tagesbericht.
Die Sitzung der Conferenz hat am 1. Juli um 4 Uhr begonnen und bis 512 Uhr gedauert.
In der Sitzung der Conferenz vom 30. Juni einigte man sich schnell über die Festsetzung der Finalakte; wie wir hören, handelt es sich nur um einzelne redaktionelle Aenderungen. Im Weiteren wurden sämtliche eingegangene Petitionen erledigt, die teils von Albanesen, teils von Griechen ausgegangen und ebenso zahlreich für als gegen die Anektierung von Griechenland abgefaßt waren. Die Conserenz war darüber einverstanden, daß sie lediglich mit der Verlesung und Kenntnisnahme der Petitionen sich zu begnügen habe, da eine Entscheidung über die ausgesprochenen Wünsche außerhalb ihrer Competenz liege. Das Schlußprotokoll wird jedenfalls diese Woche noch unterzeichnet. Die Botschafter sind weiter damit beschäftigt, sich über den Entwurf einer Note zu verständigen, die als Colleclivnote oder identische Note der Türkei und Griechenland zugestellt werden soll. Doch sind das nur diplomatische Vorbereitungen, da die Beschlüsse -in dieser Beziehung von den Regierungen direkt ausgehen werden.
Aus der Türkei trifft die Nachricht ein, daß in dem Bezirk Haifa zwischen Deutschen und Beduinen zu Konflikten gekommen sei. Auf beiden Seiten habe man Tote und Verwundete zu verzeichnen. Englische Kriegsschiffe sind sofort nach der syrischen Küste abgesegelt. Eingehendere Berichte dürften wohl noch abzuwarten sein.
Die Rüstungen Rußlands für einen eventuellen Krieg mit China dauern fort- Es werden ununterbrochen Schiffe in Dienst gestellt und Kanonenboote neuesten Systems in Ausführung gebracht. Für die neuen Bote sind alle Maschinen aus Deutschland von der wohlbekannten Firma Engels in Berlin bezogen worden, die auch zwei ihrer Ingenieure, die Herren Lange und Rose nach Petersburg gesandt hat, um das Einsetzen der Maschinen zu überwachen. Während der eisfreien Zeit wurde fast täglich an allen
Erfcheint täglich außer an den Werktag«, nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JkluftrtrteS «ouutagSdlatt" durch die Expedition («och'fchr Buchdruckerei) bezogen 2d Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche- 2 Mark 50 Pfg. (excl Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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