an der Spitze, gegen die Staatsautorität Front gemacht haben, so wird die Regierung mit aller Schärfe vorgehen, und haben die Corps-Commandanten Befehl erhalten jeder Aufforderung der Präfekten Folge zu leisten, ohne erst an den Kriegsminister zu berichten.
Im englischen Unterhause hat der Premier Gladstone die Mitteilung gemacht, daß er am nächsten Donnerstag einen Antrag einbringcn werde, daß jedes Parlamentsmitglied, welches es beansprucht, eine gesetzmäßige Erklärung an Eidesstatt abgeben darf. Northcote erwiderte darauf, daß er einen Gegenantrag cinbringen werde, welcher eine solche Resolution für unannehmbar erklärt, die den Beschluß des Hauses vom 22. Juni in der Affaire Bradlaugh annulliert.
Die Nachricht, daß Belgien alle diplomatische Beziehungen mit Rom abgebrochen hat findet ihre Bestätigung. Der Minister des Auswärtigen hat dem päpstlichen Nuntius in Brüssel amtlich davon Kenntnis gegeben.
Für den von Griechenland zu übernehmenden Antell der türkischen Staatsschuld bildet die Einwohnerzahl des an Griechenland abzutretenden Gebiets den Maßstab. Die Normierung der Höhe des Schuldbetrages bleibt späteren Vereinbarungen Vorbehalten. Alle im abzutretenden Teil belegenen Staats- und Kirchengüter find der Türkei besonders zu vergüten. Hinsichtlich der Kultusfreiheit gilt eine spezielle Vereinbarung nicht für nötig, da dieselbe schon hiurei- cheud durch die griechische Verfassung gewährleistet erscheint.
Am Sonnabend treten die Botschafter der Vertrags- mächte in Konstantinopel zusammen, um die Antwortnote der Pforte betreffs der moutenegrinischcn Frage zu prüfen. Wie es heißt, würden die Botschafter beschließen, diese Note dahin zu beantworten, daß sie, da die Wiederbesetzung der Montenegro durch die Convention vom April abgetretenen Gebietsteile in der seitens der Pforte angegebenen Form unbestimmte Zeit in Anspruch nehmen könnte, als Ersatz für die Durchführung der Aprilconvention die Abtretung des Hafens und des durch den Skutari-See und die Bo- jana-Mündung begrenzten Gebietes von Dulcigno Vorschlägen. — Uebrigens hat die Pforte einen Plan für die Regierung Armeniens ausgearbeitet, nach welchem ein christlicher Gouverneur fungieren soll; sämtliche Provinzen sollen in kleine Bezirke eingeteilt werden, an deren Spitze je nach der Mehrzahl der Bevölkerung christliche oder moslemische Gouverneure stehen sollen, denen wiederum zwei Assistenten zugewiesen sind, welche der entgegengesetzten Religion sind wie der Gouverneur. Aehnliche Bestimmungen sind auch für die Gerichtshöfe und die Polizeiverwaltungen in dem Plan enthalten.
Deutsches Reich.
V Berlin, 30. Juni. Fürst Bismarck hat sich gestern Nachmittag mit der Hamburger Eisenbahn nach Friedrichsruhe begeben. Wie wir bereits früher andcutetcn, wird der Reichskanzler nicht mehr nach Berlin zurückkehren, sondern sich gegen den 6. Juli direkt nach Kis- fingcn begeben, wo derselbe ain 8. Juli eintreffen jroirb. Daß der Reichskanzler nicht vor seiner Abreise nach Mssingen nach Berlin zurückkehrcn wird, beweist u. A auch der Umstand, daß die heutige Nummer deö „Reichs-Anzei- gcrö" die Abreise des Fürsten amtlich meldet, was bisher niemals geschah, wenn der Kanzler auf einige Tage sich nach Friedrichsruhe begab. Uebrigens wollen wir bei dieser Gelegenheit konstatieren, daß unsere Meldung vollkommeil eingetroffen ist, welche wir vor Wochen entgegen allen anderen Anschauungen — auch den Offictöseu — gaben, daß der Fürst nicht früher seine Badereise antreten werde, als bis das Schicksal der kirchenpolitischen Novelle entschieden sei. Das Schicksal dieses Gesetzes hat sich am Montag entschieden und am Dienstag hat der Fürst Berlin verlassen. Uebrigens ist die Mitteilung der „Nordd. Allg. Ztg." von Interesse, daß dieselbe zu der Mitteilung ermächtigt ist, der Kanzler werde sich in FriedrichSruh aller nicht dringlicher Dienstgeschäfte enthalten, und daß alle an ihn gerichteten Privatgcsuche unbeantwortet bleiben werden. — Bei Gelegenheit der Debatte über die Wuchergesetze erwähnte der Reichstagsabgeordnete Graf Wilhelm Bismarck der segensreichen Wirksamkeit der neuerdings begründeten Beamten-Vereinigung zur gegenseitigen Unterstützung, Gewährung von Kredit re. Graf Bismarck lief hierbei ein kleiner Lapsus unter, indem er von dem „Preußischen Bcauiten-Verein" sprach und ihn irrtümlich „Deutschen Beamten-Verein" nannte, ohne baß ihm bekannt war, daß zwei derartige Vereine bestehen, von denen der eine sich „Preußischer Beamten-Verein", der andere — viel jüngere — aber den Namen „Deutscher Beamten-Verein" führt. Dieser letztere hat nun den Irrtum des Grafen Bismarck bereits nach allen Seiten hin auözunutzen und damit Reklame zu machen gesucht. Wir sind von zuständiger Seite ersucht, diesen Irrtum aufzukiären und zu konstatieren, daß Graf Bismarck in seiner Rede den „Preußischen Beamten- Verein" im Auge gehabt, dessen Direktion ihren Sitz in Hannover hat und an dessen Spitze der Geheime Reg.-Rat Bosse steht.
Avslülld.
Paris, 30. Juni. An der Capelle der Jesuiten in der Rue de Scvres wurden gestern Abend die Siegel angelegt. Eine große Anzahl Senatorell und Deputierten
der Rechten wohnten dieser Procedur bei. Heute früh um 4 Uhr begaben sich zwei Polizeicommissäre nach dem Jesuitenkloster, um dasselbe räumen zu lassen. In der Straße war eine Volksmenge von ungefähr 500 Personen angesammelt, aus deren Mitte Rufe wie: „Es leben die Jesuiten I Es lebe die Freiheit!" und andererseits: „Es lebe die RepublkI Es leben die Decrete!" ertönten. Die Jesuiten verließen das Kloster um 6 Uhr, von Senatoren und Deputierten der Rechten begleitet, welche die Nacht im Kloster zugebracht hatten. Die Menge in den Straßen erbat mehrfach den Segen der Jesuiten. Die Decrete wurden bisher nur bei den Jesuiten in der Rue de Sevres ausgeführt. Depeschen aus Douai und Lille melden ebenfalls die gestern Abend erfolgte Anlegung der Siegel an den Kapellen der Jesuiten. — Nach Berichten aus den Departements haben die Jesuiten überall ihre Niederlassungen geräumt unter der Erklärung, der Gewalt zu weichen. ES sind keinerlei Gewaltthätigkeiten und Unordnungen vorgekommen. In Bordeaux verlangten die Jesuiten, man solle sie an den Arm packen, damit so der individuelle Zwang festgestellt werde. Ihr Oberer gab einen Protest wegen Verletzung des Hausrechts. In Avignon drohten die bei den Jesuiten anwesenden hervorragenden Royalisten dem Staatscommiffar mit Stockschlägen. Die Jesuiten in Lyon nahmen ein Protokoll auf; im Namen der bez. bürgerlichen Gesellschaft ist an den Präfecten und den Commissar gerichtliche Vorladung zum Freitag ergangen In Marseille wollten einige Individuen unter Geschrei gewaltsam den Eintritt in die Thüren der Kapelle erzwingen; der Staatscommiffar ließ die Straße sreimachen. Der Commissar in Angers ließ die Thür des Jesuiten- Jnstituts erbrechen; Bischof Freppel protestierte mit der Erklärung, nur der Gewalt zu weichen; es ließen sich die Rufe hören: eö lebe Freppel! eö leben die Jesuiten! — andererseits aber auch: es lebe die Republik! Von den Jesuiten zu Grenoble wurde Notification einer gerichtlichen Vorladung zum Freitag gemacht. In Nantes notificierten die Jesuiten einen Protest gegen die Verletzung des Hausrechtes und der Personen und gegen den Angriff auf das Eigentum.
London, 29. Juni. Der Jahrestag der Krönung der Königin Victoria wurde gestern in der üblichen Weise mit Glockengcläute, Geschützsalven und Beflaggung öffentlicher Gebäude begangen. Die Königin hielt in Windsor einen Geheimen Rat ab, welchem u. a. der Premierminister und Earl Granville beiwohnten. Darauf empfing sie im Bei- fcin des Ministers des Auswärtigen den bisherigen fran= zösischen Botschafter Leon Say, der sein Abberufungsschreiben überreichte, den neuen griechischen Gesandteu Contostavlos, der sein Beglaubigungsschreiben überreichte, und den dänischen Gesandten General v. Bülow, welcher sich verabschiedete. Ferner empfing sie den vormaligen Botschafter in Konstantinopel, Sir Henry Layard, in besonderer Audienz und ebenso den neuernannten ersten Bischof von Liverpool, Dr. Rylo. Die Königin gedenkt, wie die Blätter Mitteilen, etwa bis zur dritten Woche des Juli auf Schloß Windsor zu verweilen und sodann nach Osborne überzu- siedeln. Die beiden hessischen Prinzessinnen, Enkelinnen der Königin, Victoria und Elisabeth, werden bald nach Darmstadt zurückkehren. — Die feierliche Investitur der Königin mit beit Insignien des Ordens vom Weißen Elefanten, zu welcher der König von Siam einen außerordentlichen Gesandten hierhergesandt hat, ist auf den kommenden Freitag anberanmt worden und wird im Palast zu Windsor vor sich gehen. Bei gleicher Gelegenheit soll der Prinz von Wales als Ritter desselben Ordens, indessen niederen Ranges, eingekleidet werden. — Der neue französische Botschafter, Challemel-Lacour, ist gestern Abend hier eingctroffen. — Das alljährliche Festbanket deö Lord Mayor im Manstonhouse zu Ehren der Staatsminifter ist auf den 7. August angesetzt worden.
Brüssel, 30. Juni. Die Abberufung des belgischen Gesandten beim Vatikan wird officiell bestätigt; der Gesandte erhielt am 5 Juni die Anweisung, Rom zu verlassen.
Bukarest, 30. Juni. Daö Journal „Prcssa" schreibt: Dank der Intervention Oesterreich-Ungarn und dem Wohlwollen Rußlands scheine die Arabtabia-Frage im allge- meinen zu Gunsten Rumänienö entschieden zu jein. Für Rumänien sei es von großem Vorteil, daß die neue rumänisch-bulgarische Grenze durch die Signatarmächte des Berliner Vertrags festgestellt ward. Demnach sei die Grenze ein Werk Europas und könne ohne Europas Zustimmung nicht geändert werden.
Hessen-Nassau.
Marburg, 1. Juli. Die gestrige Aufführung des Haydn'fchen Oratoriums „die vier Jahreszeiten" gehört in jeder Beziehung zu dem Besten, was bis jetzt in Marburg je an Musikalischem geleistet worden ist. In erster Linie verdanken wir diesen vortrefflichen Musikabend — der es dennoch bleibt, trotz seiner 30 Grad Rsaumur — Herrn Mustkdirector Freiberg, welcher es in ausgezeichneter Weise verstanden hatte, Chöre und Orchester zu einem harmonischen Ganzen zu gestalten. Daß Herr Freiberg seiner Aufgabe mit großem Eifer sich widmet, konnte auch bei der gestrigen Aufführung konstatiert werden, nur dürfte sich für den Dirigenten etwas weniger Beweglichkeit — namentlich was die linke Körperhälfte anlangt — empfehlen. Die Soli waren in guter Hand. Simon, Herr Wagener, war vorzüglich bei Stimme und sang seine Partie mit feinem Verständnis. Herr W. besitzt schon
jetzt — seine Stimme geht ihrer völligen Entwicklung noch entgegen — sehr gute Stimmmittel und eine gute Schule hat ihn gelehrt, mit seiner Kraft entsprechend Haus halten. Nur in wenig Stellen gegen oas Ende hin, st namentlich in seiner Herbstarie, ließ sich momentan ein Nachlassen der Stimme bemerken. Herrn Schmitt's Lucas war die beste Leistung des Abends. Wir können dem Sänger uneingeschränktes Lob spenden. Nicht ganz so gut' wollte uns Frl. Görtz gefallen, obgleich sie daö Märchen fowie daö Duett mit Lucas sehr schön gesungen, und ihr für die Sommerarie reicher Beifall zu Teil wurde. — Ihre Stimme klingt in der Höhe dünn und scharf und tremoliert vielfach. — Die Chöre waren, wie schon gesagt, ausgezeichnet geschult und setzten jedesmal sehr präcis ein. Fast fürchteten wir einigemale das Gegenteil, namentlich da für einige junge Altistinnen der Zuschauerraum recht interessant zu sein schien, und sie zu oftmaligem gegensei- seitigen Meinungsaustausch veranlaßte, waö ihrer Aufmerksamkeit an sich nicht dienlich sein konnte. Auch bas Orchester leistete diesmal sehr gutes, fast wollte es uns scheinen, als habe dasselbe besser als je gespielt. Dem gegenüber tritt es ganz in den Hintergrund, daß die Begleitung beim Bittgesang etwas dezenter hätte sein müssen und daß die Waldhörner vor der Sommerarie deö Simon etwas weniger daneben blasen durften.
Marburg, 1. Juli. Von heute au kostet bei den hiesigen Bäckern
der Leib Roggenbrot, 2 Kilogramm, 1. Sorte 60 Pfennig
n n « 2 „ 2. „ 54 „
160 Gramm Wecke........10 „
130 „ Milchbrode -:.... 10 „
— Ueber daö zu häufige Vorkommen von Schwarzwild namentlich in den Gegenden von Bracht, Schönftadt und anderen benachbarten Orten wird vielfach Klage geführt, da der Schaden, den die Wildschweine anrichten, deren Nützlichkeit wohl hundertfach überwiegt. Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Herren Förster diesen Feinden von bestellten Aeckern den Garaus machen wollten und nicht etwa noch schonend gegen dieselben vorgingen; im Brachter Wald wurden vor etlichen Tagen einer Vincke drei Ferkel glücklich weggeschossen, mit weiteren drei entkam aber die Alte unversehrt — um vielleicht, wer weiß wie bald, den einen oder anderen Kartoffel-Acker umzuwühlen.
Oberweimar, 30. Juni. Am heutigen Tage beging der geschätzte Pfarrer unseres Kirchspiels und der Metropolitan der Klasse, Herr Sippell, sein 50jährigeö Amts- | Jubiläum. Wie er in seiner Predigt über Psalm 71, Vers 17 und 18 (Gott Du hast mich von Jugend auf i gelehret; darum verkündige ich Deine Wunder. Auch verlaß mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde, bis ich Deinen Arm verkündige Kindeskindern und Deine Kraft Allen, die Nachkommen sollen^ mitteilte, war derselbe auf Präsentation der Freiherrlich von Schenck'schen Familie 17 Jahre Pfarrer in Schweinsberg, fast ebensolange Pfarrer in Cappel und seit 1869 Pfarrer in Oberweimar; au allen Orten im Amte und im Leben heitere und trübe Erfahrungen! Der Feier in der Kirche folgten die zahlreichen Glückwünsche in der Wohnung deö Jubilars. Der lutherische Herr Superintendent K ü m m e l l und der reformierte Herr- Superintendent Scheffer von Marburg hielten längere Ansprachen, wobei der erstere auf eine von höherer Stelle noch zu erwartende Anerkennung hinwieö; der Senior bet Klasse, Pfarrer Hainpe von Walgern übergab im Auftrag bet Klasse ein Maboimabilo von Morillo, die Ortsvorsteher ließen durch die Lehrer des Kirchspiels einen Regulator überreichen. Der Herr Jubilar erfreut sich noch einer großen körperlichen Rüstigkeit und geistiger Frische, welche ihm Gott der Herr in seiner Familie und im Amte noch recht lange erhalten möge.
Wetter, 30. Juni. Vorgestern brannte der unweit von hier gelegene dem Müller Arkularius gehörige Neubau, welcher schon einmal im vergangenen Jahr ein Raub der Flammen geworden war, ab. Da keine Feuerstätten in dem betreffenden Gebäude waren, so hat man bis jetzt eine Ursache des Brands nicht gefulideu. Der Besitzer war abwesend. — Gestern Abend fiel eine ältere Frau in die Wettschaft wurde jedoch auf ihren Hülferuf von den am Ufer Beschäftigten herausgezogen. Sie befindet sich außer Lebensgefahr.
Kassel, 30. Juni. Vom Sonntag den 4. Juli bis incl. Mittwoch den 7. Juli wird Hierselbst die IX. Hauptversammlung des deutschen Geometervereins stattfinden, zu welcher etwa etwa 200 Teilnehmer erwartet werden. Das Programm für die Vereinstage lautet: Sonntag, den 4. Juli, Vormittags 9 Uhr: Sitzung der Vorstandschaft im Hotel Prinz Friedrich Wilhelm; Nachmittags 4 Uhr: Sitzung der Vorstandschast und der Delegierten daselbst; Abends 71,2 Uhr: Empfang und Begrüßung der eingetroffenen Vereinsmitglieder daselbst. Montag den 5. Juli Vormittags 9 Uhr: Hauptberatung im großen Hanu'schen Saale, Ständeplatz 3 und zwar: 1) Bericht der Vorstandschaft über die Wirksamkeit des Vereins; 2) Bericht der Rechnungsprüfungskommission für das Jahr 1880; 4) Vorlegung des Etats pro 1880; 5) Bericht der Commission Pir Vereinbarung allgemeiner Bedingungen zur Ausführung und Bezahlung privater Vermessungen; Beratung und Beschlußfassung; 6) Neuwahl der Vorstandschast und der Redaktion; Vormittags 12 Uhr: Besichtigung der Bilder- gallerie; Nachmittags 2 ‘/2 Uhr: Gemeinschaftliches Festessen im Hotel Prinz Friedrich Wilhelm; Abends 6 Uhr: Zusammenkunft auf dem Eisengarthm'schen Felsenkeller. Dienstag den 6. Juli, Vormittags 9 Uhr; a. Vortrag deö Ka-