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Marburg, Freitag, 2. Juli 1880

XV. Jahrgang

Anzeigen nimmt emgegen: »te Expedition d.vlattes, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich L Co. in Aaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in »Ämksurt a M., Berlin, Leipzig, CLlu re.; Rudolf Woffc in Berlin, Frank» fett a. M re.

OberMchk Iritm.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d.vlattes sowie d-Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Kankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselvfl; Hermann'sche Buchhand!. daselbst; Jnvalideudank in Berlin; 5$. LhieneS in Elberfeld; L. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlnftrtrteS LonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdrutkeret) bezogen Wart, durch di. Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. sexel Bestellgebühi). - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

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Bberhesstsche Zeitung

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Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.

Die vxpev. d. Oberh. Zeitung.

Die Abstimmung

über die kirchenpolitische Gesetzvorlage im Abgeordnetenhause hat in der liberalen Presse mehrfache bittere Bemerkungen über die Haftung der nationalliberalen Partei hervorgerufen, so läßt sich die „Wes.-Ztg." von Berlin schreiben:

„Ueber den Ausgang der kirchenpolitischen Vorlage kann man nur mit tiefer Niedergeschlagenheit schreiben. Das schlimmste, was dem Ansehen der nationalliberalen Partei seit langer Zeit zugefügt ist, wird übertroffen durch die Haltung der kompromislustigen Hälfte in dieser Frage. Wenn es je einen Gegenstand gab, der von vornherein der Partei einen klaren Weg vorzeichnete, so ist es der Putt- kamer-Bismarck'sche Versuch, die Liebe des Centrums zu gewinnen. Kann man überhaupt noch sagen, daß der rechte Flügel der nationallibcralen Partei liberalen Fal­schen Grundsätzen in der Kirchenpolitik anhängt?^ Gewiß nicht, denn er läßt Falk in einer so wichtigen Sache im Stich, um Puttkamer zu dienen. Wie er Delbrück im Stich gelassen hat, so verläßt er Falk. Worauf soll denn die nationalliberale Partei im Lande Vertrauen fassen? Wo sind feste Punkte in solchen Schwankungen zu erkennen?"

Für den Exminister Falk ist allerdings die Sache recht unangenehm. Alle seine Freunde von ehedem: die Frei- konservattven und die Nationalliberalen haben ihn im Stiche gelassen und die Fortschrittspartei, die Polen und das Centrum hat gestimmt, wie Herr Falk. „Das ist des Schicksals Tücke." Für die Maigesetze enthält das neue Gesetz allerdings eine schwere Verurteilung; gerade die Punkte sind angenommen worden, welche eine Revision der Maigesetze enthalten. Wie oft mag in den Herzen der Abgeordneten bei der saueren Arbeit der letzten Wochen beim Anblick ihres Kollegen Falk der Wunsch entstanden sein: O wäre dieser Mann nie preußischer Minister ge­wesen, dann wäre uns auch diese heiße Arbeit der Aen- derung seiner Gesetze erspart geblieben I Aber freilich mußten die liberalen Herren dann zugleich an ihre eigene Brust schlagen — und eö ist erfreulich von ihnen, daß sie das gethan haben. Wenn die „Weser Ztg." so sehr den Mangel

an „festen Punkten" bei der liberalen Partei bedauert, so hätte das Blatt bedenken sollen, daß diese Partei schon lange diese festen Punkte der Grundsätze aufgegeben hat; ihr fester Punkt, von dem sie auch jetzt nicht weichen wollten, weil sie fürchteten, dann würde es ganz mit ihnen aus sein: das ist die Person des Reichskanzlers. „Laßt den Kanzler nicht mit den Konservativen und dem Centrum allein; drückt die Augen über andere Dinge zu und sucht die Verbindung mtt dem Kanzler festzuhatten I" Das war, wie aus verschiedenen liberalen Blättern hervor ging, der Kern der liberalen Taktik. Wenn die liberale Presse recht verstimmt dem neuen Gesetze gegenüber steht, so ist das begreiflich; denn eS enthält das ja auch eine empfindliche Niederlage für sie, welche stets die Maigesetze und die Falk'sche Politik verteidigt haben. Wir könnten die liberale Presse recht nachdrucksvoll darauf hinweifen, wie sie auch auf diesem kirchenpolitischen Gebiete ebenso wie früher auf dem wirtschaftlichen Gebiete mit ihrer prahlerischen Politik Fiasko gemacht hat und wie dagegen die eonservativen An­schauungen ihre vollste Bestätigung erhalten haben. Allein nichts liegt uns ferner, als eitles Rühmen. Wir haben nur eine Freude und das ist die, daß der erste Schritt zum Frieden gethan, und nur den einen Wunsch, daß die­sem ersten Schritt auch noch weitere folgen möchten. Wenn man bedenkt, daß der Kultusminister mit dieser Vo-lage das Centrum und die Liberalen bis in die freikonservative Fraktion hinein anfangs gegen sich hatte, so ist der Erfolg für Herrn v. Puttkamer trotz der verstümmelten Annahme des Gesetzes doch ein sehr großer und die Herren Rickert und Richter hätten sich ihre Mißtrauensvoten für Herrn v. Puttkamer sparen können; bei ein klein wenig ruhiger Ueberlegung hätten sie sich sagen müssen, daß sie damit das Gegenteil von dem, waö sie bezweckten, erreichen wür­den. Herr Windthorst beeilte sich denn auch, recht nach­drucksvoll dem fortschrittlichen Mißtrauen gegenüber das volle Vertrauen des Centrums auf die ehrlichen friedlichen Absichten des Kultusministers hervorzuheben. Herr v. Puttkamer ist ein Mann, der Herz und Verständnis hat für die Arbeit der Kirche; hätten wir ihn statt Falk ge­habt, als das Verhältnis von Staat und Kirche neu ge­regelt werden sollte, so würden gewiß die meisten Fehler nicht gemacht worden sein. Er hat sich — das ist das Urteil aller vorurteilsfreien und einsichtigen Männer — in dieser ganzen so enorm schwierigen Lage mit bewun­dernswertem Takt, Weisheit und Tüchtigkeit bewegt. Hoffent­lich bleibt er recht lange in seiner Stellung und giebt uns auch — waö wir dringend wünschen — das schon so lange in Aussicht stehende Schulgesetz.

Tagesbericht.

Die Kirchengesetz-Commisston des Herrenhauses hat in ihrer gestrigen Sitzung mit 11 gegen 2 Stimmen die

•'S“ In den nächsten Tagen beginnt im Feuilleton: „Auf diesem nicht mehr ««gewöhnlichen Wege" ____Original-Novelle von G- Walden.

Zoologischer Garten zu Frankfurt a. M.

Im Vogelhause finden sich seit Kurzem in geräumigen «ehältern eine Anzahl Alligatoren verschiedener Größe ausgestellt. Wie alle krokodilartigen Tiere ertragen auch diese das europäische Klima nur schwer, da es ihnen nicht die zu ihrem Gedeihen nötige Wärme zu bieten vermag. Sie weigern sich denn beharrlich irgend welche Nahrung aufzunehmen, liegen bewegungslos wie tot und verenden meist nach kurzer Zeit. Anders ist es hier. An einem W warmen Orte, Nämlich auf der Ummauerung eines Dampfkessels untergebracht, wo sie leider den Besuchern des Gartens nicht zugänglich waren, wurden diese Tiere ungemein lebhaft, zeigten stets vortrefflichen Appetit und 1° stnd die sehr klein, nur 28 Zentimeter lang hier ange- rvmmenen Exemplare ganz enorm gewachsen. Das größte meser Tiere hat im Laufe von 4 Jahren um einen Meter vange zugenommen. Die beiden kleineren in 2 Jahren «0 Ctm. Damit sie auch ferner ihre Lebhaftigkeit behalten Und die Behälter durch heißes Wasser heizbar eingerichtet.

Verschiedene neue Ankömmlinge sind außerdem im Lauf dtt letzten Wochen angelangt. Unter denselben befindet sich une kleine, höchstens etwa ein halbes Jahr alte Löwin

Nubien. Der gleichalterig männliche Gefährte, der N m ihrer Gesellschaft befand ist wenige Tage nach der B?.unh den Einwirkungen der weiten Reise und des lwiawechselS erlegen. Ferner ist eine aus mehreren »Underten von Exemplaren bestehende Sammlung zierlicher lnkanischer Finkarten angelangt. Die meist in

sehr schöner Färbung und Zeichnung prangenden Tierchen werden zu angemessenen billigen Preisen verkauft.

Im Aquarium verdient gegenwärtig ein sehr interessant mit Meeres-Pflanzen ausgestattetes Becken Beachtung. Man vermeidet gewöhnlich die Anbringung von Gewächsen in Aquarien, da dieselben sich nicht unter allen Verhältnissen erhalten lassen, aber eö scheinen hier günstige Umstände vorhanden, welche den Pflanzen die nötigen Existenzmittel bieten. Man sieht daher den Bl äsen taug mit seinem düsteren Grün, hochausgeschlosscnes Seegras von Heller leuchtender Farbe, die zarte fcischgrüne Ulv e u. a. m. und dazwischen bewegen sich Einsiedlerkrepse, welche am Fuße dieser Gewächse Schlupfwinkel suchen, während zwischen den Blättern derselben sich die Nadelfische oder auch Seenadeln — wegen ihrer schlanken gestreckten Gestalt sehr treffend so genannt — der Ruhe pflegen.

— In S t r a ß b u r g ist es gelungen, den Urheber eines grißlichm Raubmordes, welcher in Paris verübt wurde, zu verhaften. Der Weinwirt Joubert wurde vor einiger Zeit in seiner Wohnung in der Rue de la Fontaine-au-Roi erschlagen und seines Geldes beraubt aufgefunden, und gleichzeitig bemerkte man das Verschwinden eines Kellners- Camille Foulloy, auf den sich sofort der Verdacht der That lenkte. Ein Fremdenführer In Straßburg, welcher den ganzen Vorfall im „Petit Journal" gelesen hatte, machte die Straßburger Polizei aus einen jungen Mann aufmerk­sam, einen Fremden, der sich von ihm die Sehenswürdig­keiten der Stadt hatte zeigen lassen. Die Polizei schritt zu einer Untersuchung der Reiseeffekten des jungen Mannes. Man fand in seinem Koffer ein blutiges Hemde, eine Kellner­jacke und »och verschiedene andere Dinge, welche den jungen

kirchenpolitische Vorlage in der aus der dritten Lesung des Abgeordnetenhauses hervorgegangenen Fassung ange­nommen.

Die .Kreuzzeitung" schreibt bei Berichterstattung über die Sitzung der Kirchengesetz-Commission des Herren­hauses: die Kirchenvorlage werde voraussichtlich von der Commission in der Fassung des Abgeordnetenhauses angenommen und am Sonnabend zur Plexarberatung g^angen.

Die „Norddeutsche Allgern. Ztg." sagt, durch die Ktrchenvorlage sei die Grenze gezeichnet, bis zu welcher die Regierung Vollmacht zu.bedürfen glaubte, um die kirch­lichen Bedürfnisse der am Conflicte nicht schuldigen katho­lischen Bevölkerung zu befriedigen. Damit wäre eine wirk­same Handhabe zu den Verhandlungen mit der Curie und eventuell die Möglichkeit gewonnen gewesen, den katholischen Mitbürgern Concesstonen ohne Schädigung der Autorität des Staates zu machen. Das ungenügende Ergebnis sei den Parteien und Personen zu verdanken, welche den Kampf um feiner selbst willen wollten und den inneren Frieden fürchteten. Diese Parteien seien die welfische unter der Führung Windthorst's und Brüel's und die Fortschrittspartei, welche bei allen Angriffen auf die Re­gierung auf hundert Centrumsstimmen rechnen wolle. DK angebliche Loyalität des Zentrums könne Niemand darüber täuschen, daß das Centrum nicht minder wie die republikanische Fortschrittspartei eine reichsfeindliche und preußenfeindliche Politik treibe, eine Politik nur erklärlich im Sinne der Aeußerung des Nuntius Meglia gegen­über v. Varnbüler: „Unö kann nur die Revolution noch helfen!" Dies erkläre auch die Resolutionen der Dort­munder Centrumspartei-Versammlung unter v. Landberg'S Vorsitze.

Die „Provinz.-Corresp." schreibt bezüglich der Confe- renz: das bei der Conferenz so erfolgreich hergestellte Ein­vernehmen der Mächte kann von der öffentlichen Meinung Europas nur als Zeugnis der allgemein vorwaltenden friedlichen Gesinnung mit Gmugthuung betrachtet werden. Die Conferenz war nur berufen, eine moralische Einwir­kung auf die beiden Staaten zu üben, deren Interessen in der vorliegenden Frage auszugleichen sind. ES ist aber wohl nicht zu erwarten, daß einer der beiden Staaten die Bedeutung des Beschlusses eines so gewichtigen Schiedsge­richtes, wie es die Vereinigung der europäischen Groß­mächte darstellt, verkennen wird.

In Frankreich haben mit dem Schluffe des Monats Juni ebenfalls die Feindseligkeiten gegen Rom begonnen, indem die Märzdekrete zur ersten Ausführung gelangten. Da sämtliche Orden, männliche wie weibliche, die Jesuiten Mann stark kompromittierten. Nun wurde er verhaftet, und als man ihm die verbrecherische That auf den Kopf zusagte, wagte er, niedergeschmettert, nicht mehr zu leugnen und gestand, den Mord begangen zu haben. Nach seinem eigenen Geständniß hatte er die That am Abend um 10 Uhr im Keller verübt, indem er mit einer Syphonflasche feinem Herrn zwei Streiche mit solcher Wucht versetzte, daß er bei dem letzten Streich selbst neben sein regungsloses Opfer zu Boden fiel; darauf bemächtigte er sich der sehr wertvollen Uhr und Kette und des Revolvers seines Herrn, raubte auö dessen Sekretair angeblich die Summe von achtzehnhundert Francs und reiste um Mitternacht direkt nach Straßburg ab. Hier lebte er in Saus und Braus, trank viel Champagner, besuchte liederliche Häuser und dachte nicht daran, daß ihn schon in wenigen Tagen die Polizei dem Arme der Gerechtig­keit überliefern würde. Diese benachrichtete telegraphisch den Polizeipräfekten in Paris, und drei Tage darauf kam Macö, Chef des Sicherheitsdienstes in Paris, in Straßburg persönlich an, um die Auslieferung zu erwirken. Foulloy ist achtzehn Jahre alt, hat schöne Gestchtszüge und ist ein ziemlich aufgeweckter Mensch. Am Mittwoch ist, so meldet die „Lanterne", Foulloy in Begleitung des Polizeiinspektors Meier und des deutschen Polizeioffiziers Siegler in Paris angelangt und wurde auf dem Westbahnhofe von dem Polizeichef Macö, Beamten der ftanzöstschen Kriminalpolizei, und dem Untersuchungsrichter in Empfang genommen. Man hatte anfangs beabsichtigt, den Mörder sofort nach der Ankunft nach dem Schauplatz des Verbrechens zu führen. Da sich aber Foulloy vollständig zerknirscht zeigte und selbst über die geringfügigsten Details des grauenhaften Vorgangs genaue Auskunft gab, so nahm man davon Abstand und brachte den Eingelieferten nach dem Gefängnis.