Nr. 146
JUarßurg, Donnerstag, 24. Juni 1880
xv. Jahrgang
Anzeigen nimmt tmgegen; zie Expedition d.vlatte», sowie d.Annoncen-Bureaur von Th, Dietrich & Co. in Aaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in ßianffurt a- M., Berlin, Leipzig, LRn ic.; Rudolf Ktssie in Berlin, Frankfurt a?P. rc.
WttMlhk jritmiii.
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Die Expev. r. Oberh. Zeitung.
X. Deutsches Reich.
•» Berliu, Ä2. Juni. Aus Anlaß von Specialfallen wurden seiner Zeit mehrere Eisenbahn-Directionen von dem Minister der öffentlichen Arbeiten veranlaßt, eingehende praktische Versuche mit verschiedenen Kohlensorten zur Loko- motivfeuerung auzustellen. Es lag hierbei zunächst die Absicht vor, Ermittelungen darüber herbeizuführen, mit welchen Kohlensorten bei den verschiedenen Dienstleistungen der Lokomotiven bezw. bei verschiedenen Zuggattungen u. s. w. ohne Beinträchtigung der Pünktlichkeit des Betriebsdienstes der günstigste ökonomische Effekt zu erreichen sei.. Diese Ermittelungen haben dazu geführt, daß von mehreren Verwaltungen, in deren Bezirken bisher vorzugsweise Stückkohlen verfeuert wurden, nunmehr eine ausgedehntere Verwendung von melierten Kohlen, Förderkohle und selbst Kleinkohle je nach der Dienstart als zweckmäßig erkannt ist und hierdurch nicht unerhebliche Ersparnisse herbeigeführt worden sind. Im Hinblick auf die große Wichtigkeit des Brennmaterialverbrauchs auf die Oekonomie des Eisenbahnbetriebes erscheint es notwendig, daß die Erfahrungen, welche die einzelnen Verwaltungen bei der Verwendung verschiedenartigen Brennmaterials und über die Art der zweckmäßigsten Verfeuerung deffelben machen, auch für die anderen Verwaltungen in größerem Umfange nutzbar gemacht werden, als dies bisher geschehen ist, und daß überdies fortlaufende Versuche mit sämtlichen zur Lokomotiv- feuerung geeigneten Kohlen aus den hierfür in Betracht kommenden Zechen nach gemeinsamen Prinzipien stattfinden, um zuverlässige Grundlagen für die Beurteilung des Heizwerts der Kohlen aus den verschiedenen Zechen zu gewinnen und danach über die Zuschlagserteilung bei Submission von Kohlenlieferung Entscheidung treffen zu können. Um ein gleichmäßiges Verfahren in dieser Angelegenheit sicher zu stellen, ist die Kgl. Eisenbahndirektion von Hannover von dem Minister der öffentlichen Arbeiten beauftragt worden, eine Verständigung mit den übrigen Kgl. Eisen- bahndircktioncn herbcizuführen und über die getroffenen
Der falsche Freier.
Humoristische Skizze von Emil Richter.
(Fortsetzung.)
Bald war ich eingeführt; die Treppe empor und einen langen Gang dahin bis an's Ende, wo sich das Zimmer des Commerzieurates für mich öffnete.
O, dieses Zimmer! Noch ist es mir vor Augen und wird mir vor Augen bleiben, wie dem Feldherrn das Feld, auf dem er seine Schlacht verlor. — Unter dem Tische, an dem der Kommerzienrat, meinen Eintritt scharf beobachtend saß, lag sein bissigster Hund, zähnefletschend lauernd; an der Wand, der Thüre gegenüber, hing die Peitsche mit dem kurzen, wuchtigen Griff und dem siebenfach geflochtenen Riemen, darüber zwei Doppelbüchsen; rechts an der Wand zwei gekreuzte Säbel, lings zwei Degen und darüber, hüben und drüben, zwei > Pistolen.
In dieser Weise war der Feind gerüstet; und ich, der ich angreifeu wollte, hatte nichts in der Hand, als den armseligen Cylinver Blund's, den ich beim Eintritt in unbewußter Höflichkeit vom Kopfe genommen hatte.
Was verschafft mir daS Vergnügen? sagte der Commer- zienrat, nachdem er mir einen Stuhl angeboten und ich mich auf demselben eben niedergelassen hatte, trotzdem er mir furchtbar heiß vorkam — heißer als ein glühnder Ofen, auf den ich mich jetzt mit Vergnügen gesetzt hätte, wenn ich damit zugleich auS diesem Raum hinausgckommen wäre, aus diesem Raum, wo mich von allen Seiten bissige Hunde, geschwungene Peitschen und scharfgeladene Gewehre anblinckten.
Was verschafft mir also das Vergnügen? fragte schon \r Kommerzienrat zum zweiten Mal und mir schienm
Vereinbarungen zu berichten. — Eine Vergleichung der Summe, welche als Einnahmen der Zölle und gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern im deutschen Reich für die Zeit vom 1. April bis zum Schluß deö Monats April 1880 zur Anschreibung gelangten, mit denen in demselben des Vorjahrs ergiebt eine Mehreinnahme von 571,178 Mk., die in erster Reihe auf die Position „Zölle" zu rechnen sind. Der Reichskaffe verblieben nach Abzug der Bonifikatiouen 12,153,046 M. — Auf Beschluß des Bundesrats vom 8. November 1877 fand bekanntlich im Laufe des Jahres 1878 in sämtlichen Staaten zum ersten Male eine Ermittelung der landwirtschaftlichen Bodenbenutzung und des Ernteertrags statt. Die Erhebungen über den Ernteertrag im Jahre 1879 sind im gesamten Umfange des preußischen Staats vorgenommen worden, und zwar in der zweiten Hälfte des Monats Februar 1880. Es sollte dadurch den einzelnen Grundbesitzern die Möglichkeit geboten werden, über die Ernte thunlichst positive Ertragsangaben machen zu können. Von den 54,588 Crhebungs- bezirken haben 449 keine Nachricht eingereicht. Auf Grund der eingereichten Originalangaben sind im statistischen Bureau Zusammenstellungen erfolgt, deren Resultat nach der „Stat. Corresp." folgendes ist: Es wurden 1879 gewonnen 1,214,332,078 kg Winterweizen, 3,826,730,681 kg Winterroggen, 974,620,277 kg Sommergerste und 2,576,758,721 kg Hafer. Wie bereits früher erwähnt, wird für das gegenwärtige Erntejahr eine anderweite statistische Aufnahme stattfinden.
— Bei Ziehung der griechisch-türkischen Grenzlinie wird es sich vornehmlich darum handeln, ob die nördlichen Bergabhänge zu den Thalgebieten des Kalamus und Sa- lambria zu ziehen seien, ob ferner die Zagoritischen Dörfer bei der Türkei verbleiben sollen und wie weit das Korfu gegenüberliegende Littorale für Griechenland in Anspruch zu nehmen sei, um hier spätere griechisch-türkische Lokal- streitigkeiten abzuschließen.
Bresla», 21. Juni. Nach amtlicher Feststellung des Landrats des Kreises Lauba sind bei der Ueberschwemmung 51 Personen ums Leben gekommeu und 105 Wohnhäuser eingestürzt.
Köln, 19. Juni. Nach hier eingetroffenen Mitteilungen ist der Prozeß zwischen der Domkurie und dem Staate weg en des Eigentumsrechtes an dem erzbischöflichen Palais und mehreren Häusern vom Reichsgericht in Leipzig in letzter Instanz zu Ungunsten der Kurie entschieden worden. Dieselbe hatte bekanntlich in erster Instanz gewonnen, in zweiter verloren.
Hamburg, 21. Juni. Die Hamburger Börsenhalle schreibt: „Anläßlich der gegenwärtigen zollpolitischen Anträge und Maßregeln Preußens gegenüber Hamburg ist wiederholt behauptet worden, Hamburg habe sich stets schroff und ablehnend verhalten, auch sich geweigert, auf
seine Augen so grimmig, als hätte er befohlen, einen Sklaven zur Mittagstafel zu braten.
Die Schlacht hatte also begonnen. Die feindliche Artillerie wirkte schon furchtbar. Ich fühlte das Wanken unserer Armee — ich fühlte es. Aber ich sagte mir: Wärst Du würdig zu fein, wer Du bist, wenn Du jetzt schon wichest ohne Schuß und Schwertstteich? Nein, niemals. Also vorwärts, vorwärts. Und ich sammelte mich; ich raffte mich auf, ich stand im Feuer.
Herr Kommerzienrat — Herr Kommerzienrat, sagte ich, Herr Kommerzienrat, Sie haben eine Tochter —
Und nun? — wahrhaftig diese Augen, aber ich erschrack nicht mehr.
— eine unverheiratete Tochter, fuhr ich fort, wie im Sturm, wenn es heißt: Tambour battant —
Was geht das Sie an? — wieder eine Bombe, aber nur vorwärts, hinaus auf die Schanze:
Ja, eine unverheiratete Tochter, Fräulein Fanny —
Aber zum Henker — *
Fräulein Fanny, nicht mehr zu jung zum Heiraten, ja nickt mehr zu jung —
Wollen Sie mich —
O, ich sah schon, daß ich geschlagen war; es war nur noch das verzweifelte Dreingeben der letzten Kraft, als ich nun ebenso laut brüllte wie der Kommerzienrat selbst:
Ja, nicht mehr zu jung zum Heiraten, Herr Kommerzienrat, und ich — ich will sie heiraten!
Da aber — der Kommerzienrat — und diese Peitsche Wie kam sie daher? wie schwirrte sie? und der Hund, der fürchterliche Hund! dann die Gewehre! Büchsen und Degen —
Ich war geschlagen! — Ich war auf der Flucht!
die bezüglichen Verhandlungen e>rUtgehen. Dem gegenüber kann mit bestem Grunde behauptet werden, daß Hamburg, als es im Mai 1879 von Preußen aufgefordert wurde, sich über den nunmehrigen Eintritt in das Zollgebiet zu entschließen, erwiderte, es müsse einen solchen Eintritt als weder im Interesse Hamburgs noch Deutschlands liegend betrachten, sich aber bereit erklärte, mitzuwirken bei einer gründlichen Untersuchung der ganzen Frage. Ebenso ist anläßlich des Erlasses des Reichskanzlers an die deutschen Regierungen vom 6. Mai 1880 der direkte Wunsch, zu einer Verständigung zu kommen, hamburgischerseits zu erkennen gegeben worden. Die Anstellung einer speziellen Enquete zur Prüfung der ganzen Angelegenheit würde nur den hamburgischen Wünschen entsprechen. Ein desfallstger wiederholter hamburgischer Vorschlag ist unbeantwortet geblieben."
Leipzig, 21. Juni. Der deutsche Juristentag tritt am 12. September in Leipzig zusammen. In den Central- ausschuß sind gewählt der Senatsprästdent des Reichsgerichts Dr. Drechsler, Geh. Justizrat Dorn und die Rechtsanwälte Tscharmann und Dr. Hillich in Leipzig.
ÄvSlWY.
Wit«, 20. Juni. Von der Berliner Botschafter- Konferenz liegt wenig Neues vor, nach wie vor ist man überzeugt, daß dieselbe ein befriedigendes Resultat liefern wird. Daß Oesterreich die Erledigung der Arab-Tabia- Frage zu Gunsten Rumäniens in Anregung gebracht hat, bestätigt sich. Als vor Kurzem der rumänische Minister- Präsident Bratiano in Wien war, übernahm das diesseitige Kabinet auf Grund der ihm von Herrn Bratiano gemachten Mitteilungen die Verpflichtung, die Erledigung dieser Angelegenheit im Sinne des Mehrheitsbeschlusses der entsendeten Kommission bei den Großmächten anzuregen. Bald darauf richtete denn auch Baron Haymerle an die Mächte ein Rundschreiben, um die Arab-Tabia-Fragr unter Festhaltung des Grundsatzes, daß Arab-Tabia zu Rumänien gehöre, endlich beizulegen. — Die „Poltt. Corresp." läßt sich aus Bukarest ziemlich alarmierende Berichte über die Beziehungen zwischen Rumänien und Bulgarien senden, die jedoch übertrieben sind. Von einer Aufhebung der diplomatischen Agentie Rumäniens ist keine Rede, im Gegenteile ist der diplomatische Agent Rumäniens bei der bulgarischen Regierung angewiesen worden, auf seinen Posten zurückzukehren. Die 30,000 Mann rumänischen Truppen in der Dobrudscha rebucieren sich einfach auf zwei Escadronen, um welche die in der Dobrudscha stationierte Kavallerie verstärkt worden ist. — Der päpstliche Nuntius Mons. Jacobini hat vor einigen Tagen seinen Landaufenthalt genommen, vor seiner Abreise hatte er eine Konferenz mit dem hiesigen Cardinal-Erzbischof und man erzählt sich, daß der Nuntius die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit
Hinter mir stürzten die Stühle, der Chlinder, meine einzige Waffe, blieb als Siegesbeute in den Händen des Feindes. Krachend flog hinter mir die Thüre in das Schloß und ich den Gang dahin — abermals krachte eine Thüre und die Treppe hinab.
Diese Treppen, diese Sporen! Ist die Welt umgewandt, mein Kopf zum Fuß geworden? sicher war er's, der sich zuerst im Flur befand. Und die Beine, als sie nachkamen, in welchem Zustande waren sie, in welchem Zustand Blunds elegante Beinkleider! zerrissen, zersetzt und beschmutzt von oben bis unten!
Aber es war kein Halten. Wie ich hinkte, es konnte mich nicht hindern im Rennen. Und ich verschnaufte auch nicht, als ich endlich die letzte Thüre hinter mir hatte. Ein rascher Blick auf und ab nach dem Pferde — ich sah es nicht! Was kümmerte mich auch noch das Pferd! Hätte ich auffteizen können, im Angesicht des Feindes und in diesem Zustand? Nur vorwärts also oder rückwärts — wenn Sie wollen — aber schnell und ohne Zaudern. Hinab über die Wiese und dann den Berg hinauf nach dem Dickicht des Waldes, um mich dort zu verbergen bis zur Nacht und meine Niederlage zu beweinen!
Aber dieser Bach, der die Wiese durchschneidet — muß er auch noch zuletzt sich über meinen Weg legen? muß er mich hemmen, wo ich nach dem Dunkel fliehe? Also nochmals das Glück in kühnem Sprunge versucht, und nochmal« verloren! Dies hinkende Bein — unmöglich es zu schnellen! Und wie tief ist der Schlamm des Baches, wie glitschrig der Hang, an dem ich krabbeln mußte! diese Kleider, diese Kleider.
(Fortsetzung folgt.)