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Nr. 111.

Marburg, Freitag, 18. Juni 1880

XV. ZahkM,

WnWschc jritmig

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b.Blatte», sowie d-Ännoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.SUL; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a M., Berlin, Leipzig, Cöln re.; Rudolf Piaffe tu Berlin, Frank­furt a. M- «.

SrfAeint tSalich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen BeilageJluftrirteS LountagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Erscheint tsgltq auver m °en -v Mark durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (excl. Bestellgebühr). - ZnserttonSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«.

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Die Sxper. d. Oberh. Zeitung.

Unsere Schuljugend.

Die Jugend gilt ebenso als Same der Zukunft, wie als Frucht der Gegenwart. Ist nun der sittliche Zustand unserer Jugend, sogar unserer Schuljugend, wirklich ein sittlich bedenklicher, zu welch schlimmen Voraussetzungen sieht man sich dann gezwungen in Bezug auf die Gegen­wart, zu welch noch viel schlimmeren Befürchtungen im Hinblick auf die Zukunft! In den Sprüchwörtern:Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme",Wie die alten Summen, so zwitschern die Jungen", ist mindestens das Durchschmtts-Resrtt.tt vom Einfluß der Erzieher auf die zu erziehenden, überhaupt der Erwachsenen auf die Kinder mit voller" Jt niedergelegt. Umgekehrt ist in den weiteren Spruchwörtern:Jung gewohnt, alt gethan" Was ein HE ' werden will, das krümmt sich frühe" '.Junger Lügner, alter Dieb", unleugbar ein Erfahrungs­satz jeder Erziehur.zsweisheit, wie überhaupt der Seelen­kunde zum Ausdrucke gekommen.

Daß nun unsere Gegenwart wirklich auch in sittlicher Beziehung in den Begriff des Notstandes gefaßt werden muß, der um so gefährlicher ist, als er unbestreitbar bereits aus den Kreiser, «er Schuljugend heraus reflektiert, braucht man demjenig. i, welcher Zeitungen ließt, nicht mehr zu beweisen. Erst 'N voriger Woche brachte von anderen Belegen abgeseh n dieNeue Westfälische Volksztg " aus dem Großherzogtum Hessen die Mitteilung, daß ein dortiger staatlich"- Kreisschulinspector auf einer größeren Lehrerkonferenz im Hinblick auf die Jugend der Volksschule geklagt habe, daß diefrüher vielfach gepriesenen Tugenden unseres Volkes, seine Redlichkeit und Wahrheitsliebe, sein Respekt vor Gesetz und Recht, seine Pietät und Ehrerbietung vor Eltern, dem Alter und der Obrigkeit, im Schwinden begriffen seien, und an deren Stelle, Lüge und Heuchelei, Genußsucht und der Geist des Widerspruchs und der Widersetzlichkeit uetreten sei." Diese gewiß erschreckende Stimme aus den Kreisen der Volksschule heraus findet in den Kreisen des höheren Schulwesens ihr ebenso erschrecken-

Der falsche Freier.

Humoristische Skizze von Emil Richter.

(Fortsetzung.)

Da wurde ich neugierig.

Eine reiche Heirat, rief er endlich. Das ist doch ganz einfach.

Da konnte ich aber das Lachen nur noch schwer unterdrücken. Fast brach ich heraus in den Worten: Finden Sie wirklich, daß es so leicht ist, eine reiche Heirat zu machen? Aber ich dachte daran, daß man im Hause des Gehängten nicht gern vom Stricke spricht. Er könnte es übel nehmen. Ich ließ ihn also weiter reden.

Aber eine sehr reiche Heirat müßte es sein, fuhr er denn auch fort, damit Sie gleich sehr entschieden auftreten könnten; schon vor ihrem Bruder da drüben in Langenhohn in allen Ehren und Gütern.

Dem möchte ich freilich imponieren, sagte ich. Das ist ein Mensch, den ich hassen muß. Ich ging vor mehreren Jahren einmal hinüber zu ihm. Ich that es eigentlich ungern Sie wissen ja, daß ich meine Mutter nicht nennen pars, aber ich hatte da einige Bekannte, die redeten mir zu. Gehn Sie nur bin, sagten die, die Aehnlichkeit ist allzu auffallend. Sie könne» den alten Freiherrn nicht verleugnen, in keinem Zuge, und Ihr Bruder, wenn er Sie sieht, muß Sie anerkennen Und ich ging wirklich hin; aber ich kam schön an. Ich komme immer schön an. Den bösartigen Blick, mit dem er mich empfing, vergesse ich im Leben nicht. Er wußte gleich, was ich wollte, das heißt: er meinte es zu wissen, denn die Familienähnlichkeit mußte er sogleich erkennen. Kaum ließ er mich ein paar Worte reden; dann brüllte er mich an, schrie, er wolle mich mit Hunden

des Echo durch eine neuliche Verfügung des preußischen Cultusministers, welche von dem Unwesen der Schülerver­bindungen hervorgerufen worden ist. In dieser Verfügung heißt es u. a.:

Als gemeinsamer Charakter der bestraften Schüler­verbindungen hat sich erwiesen, die Gewöhnung an einen übermäßigen Genuß geistiger Getränke, welcher, auch wenn er in Ausnahmesällen ohne Täuschung der, Eltern über den Zweck der Ausgaben ermöglicht wird, jedenfalls der körperlichen Gesundheit nachteilig ist, jedes edlere geistige Interesse lähmt, ja selbst die Fähigkeit zum ernstlichen Arbeiten aufhebt. Die Unterhaltungen in den Trink­gelagen sind in den meisten Fällen nachweisbar, da man sie der schriftlichen Aufzeichnung wert erachtet hat, in den Schmutz gemeiner Unsittlichkeit herabgesunken. Die Ent­fremdung gegen die wissenschaftlichen und sittlichen Ziele der Schule führt zu der Bemühung um alle Mittel der Täuschung in den für häusliche Arbeit gestellten Ausgaben; manche Verbindungen sichern hierzu überdies ihren Mit­gliedern die Benutzung ihrer Täuschungsbibliothek. Ge­meinsam ist ferner den bestraften Schülerverbindungen die Bestimmung, daß in Sachen der Verbindung den Mit­gliedern gegenüber der Schule die Lüge zur Ehrenpflicht gemacht wird. An die Stelle der Achtung vor der sittlichen Ordnung der Schule und der natürlichen Anhänglichkeit der Schüler an die Lehrer wird die grundsätzliche Miß­achtung der Schulordnung und die pietätslose Frechheit gegen die Lehrer gesetzt."

Wir könnten dies Notstandsbild unserer Schuljugend leicht aus eigener Erfahrung heraus noch vervollständigen, unterlassen es aber, da es ohne unsere Zuthaten schon düster genug ist. Wir fragen lieber: Was hat zu ge­schehen, daß aus dem Nachtbild ein Lichtbild wird? Wo und wie und durch wen muß angegriffen werden, damit es innerhalb der Schuljugend wieder besser wird wie es dermalen ist? Auf den letzteren Teil der Frage zuerst antwortend, erinnern wir an jenen alten Lehrer, welcher zu den Eltern seiner Schüler zu sagen pflegte:Wenn ich vorwärts ziehe, dürst ihr nicht rückwärts wollen und wenn ich rückwärts ziehe, dürft ihr nicht vorwärts." Die Er­ziehungsarbeit der Eltern und Lehrer an der Jugend^ muß aus einem und demselben Geiste heraus geschehen. Selbst­verständlich muß das der Geist des-ungefärbten, wahren Christentums sein, von dem die Worte des Erziehers er­füllt, durch welches das ganze Leben desselben zu einem Vorbilde für die Jugend verklärt werden muß. Diese Grundbedingung für ein gedeihliches Resultat der Arbett an der Jugend durch ihre Lehrer brachte der erwähnte hessische Kreisschulinspector .folgendermaßen zum treffenden Ausdrucke:

Einer der wichtigsten Erziehungsfaktoren ist außer der gewissenhaftesten Treue im Amte das tadellose Beispiel des

Lehrers selbst, der in jeder Tugend seinen Schülern und der Gemeinde als Muster dastehen muß. Bei der Heran­bildung der Jugend muß auf die sittliche Erziehung daS Hauptgewicht gelegt werden; alles wissen und können ohne wahre Gottesfurcht, ohne wahre Herzensbildung, ohne ernste konsequente Willensrichtung im Geiste der göttlichen Gebote nützt nichts."

Mit bezug auf die höheren Schulen finden wir dieselbe Ueberzeugung in der angezogenen jüngsten Verfügung des Kultusministers mit folgenden Worten ausgesprochen:

Die höheren Schulen, soweit sie nicht Alumnate sind, vermögen nicht dem Elternhaus die Aufgabe der Erziehung abzunehmen, wohl aber sind sie fähig unb berufen, durch ihren gesamten Unterricht entscheidenden Einfluß auf, die sittliche Bildung der ihnen anvertrauten Jugend auszuüben, nicht etwa bloß dadurch, daß der Religionsunterricht die sichere Grundlage sittlich-religiöser Ueberzeugung zu erhalten und zu festigen hat, sondern dadurch daß der gesamte Unter­richt dem jugendlichen Geiste eine Beschäftigung zu geben und ein Interesse zu wecken vermag, welches die sicherste Abwehr gegen das Versinken unter die Gewalt und Herr­schaft sinnlicher Triebe ist. Ich darf zuversichtlich vertrauen, daß zu vieser religiösen Festigkeit deö Willens und zu dieser Bildung des Gedankenkreises der Schüler durch den Unter­richt der stille, aber doch bedeutsame Einfluß hinzutritt, welchen das eigene Beispiel der Lehrer, ihre charaktervolle Haltung in der Schule unb außerhalb derselben auf die ihnen anvertrauten Schüler ausübt."

Es versteht sich von selber, daß in dem Boden einer in diesem Sinne christlichen Jugenderziehung auch eine ebenso weise, wie entschiedene Energie in bet Bestrafung bet unbotmäßigen Schüler wurzeln wirb. Wir wollen hier nicht untersuchen, inwieweit bet heutige Lehrer-seiner Er­ziehungspflicht nachgekommen ist oder dieselbe verabsäumt hat. Aber wenn wir auch die treueste Pflichterfüllung vor­aussetzen, so wird sie in demselben Grad wirkungslos sein, als im Elternhause ein anderer Geist herrscht wie im Schulhause. Der Geist im Elternhause ist aber vielfach bedingt durch den in jenem größeren Hause, das man Staat nennt, waltenden Geist. Nur dann können wir erwarten, daß das Jugend- und Familienleben auf die Dauer wieder christlicher, ernster und sittlicher wird, wenn das Christen­tum in allen Betätigungen des staatlichen Lebens wieder zum vollen, ungebrochenen Ausdruck kommen darf. Die ganze Gesetzgebung muß nach christlichen Grundsätzen nm- gearbeitet und so die ganze Atmosphäre des öffentlichen Lebens jwieder mit dem Sauerstoffe einer höheren Welt­anschauung erfüllt werden. Geschieht das, dann wird es auch in der Jugend wieder besser werden, als es eben ist und unsere Zukunft erscheint in den Lichtfarben der schönsten Hoffnungen. Geschieht nicht, dann wird es mit der Jugend noch schlimmer werden, wie es eben ist und unsere

vom Hose hetzen lassen, wenn ich^mich nicht sogeich packen würde. Und so zog ich ab, kleinlaut und selbst wie ein Hund, den man mit einem Kübel Wasser übergossen hat. Das war mein erster Versuch, mein Glück zu verbessern.

Wollen Sie sich dadurch von jedem weiteren Versuch abschrecken lassen, sagte darauf Blund sehr eifrig. Wollen Sie gleich beim ersten Mal die Flinte in's Korn werfen? Kein Schütze trifft bei'm ersten Schuß das Schwarze. Und gerade Ihrem Bruder gegenüber sollten Sie nicht versäumen, sich in gute Verhältnisse zu bringen.

Sie haben gut reden, Herr Blund, erwiderte ich; denn ich erriet noch nicht, wo. er eigentlich hinaus wolle. Ich schmeichelte mir fast, Blund könne vielleicht wirkliche Teil­nahme für mich empfinden, und was den Heiratsgedanken anlangt, nun, so wäre der im Ganzen doch nicht zu ver­achten.

Sie lachen wieder? Und Sie, meine Damen beson­ders! Warum aber eigentlich? Wenn es bei'm Heiraten blos auf das persönliche ankäme glauben Sie nicht, daß ich da meinen Mann recht gut stellen würde? Aber ich weiß ja wohl, daß es stch bei'm Heiraten immer nur handelt um das, was man hat, nicht um das, was man ist nämlich wirklich ist, an Herz unb Seele, an Körper unb Geist, an Kraft unb Willen; ja so sagte unser Schulmeister an dem, was^in Wahrheit den Mann ausmacht. Zum Liebäugeln Sie, meine Damen, natürlich Sie, die Sie hier sind, Sie nehme ich ans zum Liebäugeln, da wählt man am Ende ohne sonstigen Beigedanken das Schöne und Männliche. Aber wenn ernst wird, dann kann selbst ein alter zusammengeknickter, kraft- und saftloser, alter Fax, wenn er nur in Gestalt von Gut unb Geld scheint, was er nicht mehr ist ober

niemals war auftreten unb siegen! Ja, bas Gelb erschlägt ben Mann!

Natürlich, fuhr also Blunb fort, eine sehr reiche Heirat müßten Sie machen; eine Heirat, so geldschwer, daß Sie jeden Widerstand gegen Ihre Ansprüche von vornherein erstickten. Und eine solche Heirat könnten Sie machen; sie liegt auf der Hand.

Da kam es mir wieder wie spöttisch vor unb wieber brängte michs, zu fragen: warum machen Sie benn nicht biefe Heirat? aber ich verbiß bie Frage zum zweiten Mal.

Ja, wieberholte Blunb, biefe Heirat liegt auf der Hanb; Sie brauchen nur darnach zu greifen, und nicht weit.

Sie machen mich wirklich neugierig, Herr Blund, sagte ich.

Sie können auch neugierig sein, erwiderte er, aber ich spreche in vollem Ernst. Was meinen Sie zu Fanny Krappser, zur Tochter des CommerzienratS?

Diesmal lachen Sie nur, wie ich auch gelacht habe. Ja ich mußte fürchterlich lachen, als ich diesen Vorschlag hörte. Allerdings ging mir jetzt ein Licht auf; ich sah nun sogleich daß Blund nur seinen Ulk treiben wollte; aber ich mußte doch lachen. Blund liefe sich jedoch dadurch nicht abhalten, fortzufahren:

Zwar ist diese Fanny nicht mehr im jugendlichsten Alter. Aber gerade das begünstigt bie Sache. Jüngere Mädchen, ob schön ober häßlich, sind unmäßig in ihren Ansprüchen; darum gibt es auch so viele alte Jungfern. Außerdem ist Fanny wirklich häßlich unb von Charakter unleiblich

Das ist eine schöne Beschreibung, warf ich dazwischen.

(Fortsetzung folgt.)