Rr. 188
Marburg, Dienstag, 15. Juni 1880
XV. Iahrgaig
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux yon Th, Dietrich & Co. in jüjfel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; hänfenstem & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Söln Rudolf Ikoffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.
WelWslhk Mmg
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d.Annoncen-Bureauk von G-L. Daube L Co. in
Frankfurt a-M; Jäger'sche Buchhandlung daselbsth Herrnann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalideudank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen-
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Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
Tagesbericht.
Die zweite Lesung des Kirchengesetzes im Plenum des Landtages wird, obwohl die Beratungen in der Kommission erheblich rascher als erwartet wurde, beendigt worden find, doch erst Freitag den 18. d. M. stattfinden, da die Arbeit der Fertigstellung und oas notwendige Studium des Berichts eine größere Beschleunigung nicht thunlich machen. Auch Fraktionsverhandlungen werden bei der Abwesenheit der meisten Mitglieder des Abgeordnetenhauses vor Mitte dieser Woche nicht abgehalten werden können, so daß entscheidende Beschlüsse in dieser Angelegenheit sür's tiefte nicht zu erwarten find. Alle Betrachtungen über den weiteren Gang und das endliche Schicksal der kirchenpolitischen Vorlage werden daher, ehe die in Betracht kommenden hauptsächlichen Faktoren sich definitiv schlüssig gemacht haben, nur den Wert von Berechnungen mit teilweise unbekannten Größen haben können.
Das Herrenhaus genehmigte in seiner Sitzung am Sonnabend den Rest des Verwaltungs-Organisationsgesetzes unverändert nach den Commissionsanträgen, nahm hierauf das Gesetz im Ganzen an und und genehmigte ebenso den Verwaltungsgerichts-Entwurf nach unwesentlicher Debatte. Zur Beratung der Kirchengesetz - Vorlage wurde eine Commission vom 25 Mitgliedern unter dem Vorsitz des Abg. v. Beseler eingesetzt.
Mit Rücksicht auf das am 1. Juli d. I. in Kraft tretende Feld- und Forstpolizei-Gesetz vom 1. April d. I. sind die königlichen Forstbeamten daraus aufmerksam gemacht worden, daß es nur in der Absicht des Gesetzes liege, Feld und Wald gegen Uebergriffe und Beschädigungen zu schützen, nicht aber harmlose Spaziergänger oder Pflanzensammler aus Feld und Wald zu verdrängen, und daß in diesem Sinne das Gesetz auszuführen sei. Demgemäß sei von der Befugnis, Unberechtigte aus dem Waide zu weisen, nur dann Gebrauch zu machen, wenn zu besorgen, daß das Betreten deö Waldes außerhalb der öffentlichen Wege, sei es mit Rücksicht auf die Oertlichkeit, sei eö in Anbetracht der Person des Betroffenen, Nachteile oder Gefahren für den Wald herbei führen werde. Andererseits sind die königlichen Forstbeamten aber auch angewiesen, überall da, wo das Interesse deS Waldes und des Forstbetriebes in Frage kommt, wo Ungehörigkeiten und Uebergriffe oder Gefahren von dem Walde abzuwenden, insbesondere bei zu befürchtender Fcuersgefahr, die Vorschriften des Gesetzes rücksichtslos in Anwendung zu bringen.
DaS Schanksteuer - Gesetz soll dem nächsten Landtage wieder vorgelegt werden. Cs wird darüber folgendes geschrieben: Zur Herbeischaffung weiteren Materials ist jetzt
wiederholt eine probeweise Steuereinschätzung sämtlicher unter das Gesetz fallender Betriebe angeordnet. Aus den zur Vorbereitung des Gesetzentwurfs seither gesammelten statistischen Nachrichten ist nämlich nur die Gesamtzahl der steuerpflichtigen Geschäfte und die Zahl derjenigen Gewerbebetriebe ersichtlich, welche einerseits auf den Vertrieb von Branntwein gerichtet, oder andererseits auf den ausschließlichen Ausschank von Bier und Wein beschränkt sind. Dagegen gewähren diese Nachrichten keine Auskunft darüber, bei wie vielen der steuerpflichtigen Geschäfte: 1) der Vertrieb von Branntwein und Spiritus oder 2) der Ausschank von Bier oder 3) der Ausschank von Wein als hauptsächlicher und überwiegender Gegenstand anzusehen ist, sei es, daß der Betrieb sich auf einen dieser Gegenstände allein und ausschließlich beschränkt, sei es, daß derselbe mehrere von den genannten Gegenständen umfaßt, unter welchen aber der eine oder der andere als Hauptursache sich darstellt und vorzugsweise den Geschäftsbetrieb charakterisiert. Es sind deshalb die Regierungen und Landdrosteien veranlaßt, in letzterer Beziehung die weiteren Nachrichten durch die Obrigkeiten einziehen zu lassen und solche in einer nach einem vorgeschriebenen Muster anzufertigenden Nachweisung zusammenzustellen. Die Nachweisungen sollen spätestens bis zum 20. Juli d. I. dem Finanzminister eingereicht werden.
Im Hinblick auf das neuerdings vermehrte Auftreten der echten Pocken in den Nachbarländern hat der Minister der medizinischen Angelegenheiten Veranlassung genommen, in einem Erlaß vorn 3. Juni die Königlichen Regierungen aufzufordern, zur möglichsten Verhinderung der Einschleppung besonders darauf hinzuwirken, daß die diesjährigen Impfungen und Wiederimpfungen zur strengsten Durchführung gelangen.
Die telegraphische Meldung der „Köln. Ztg." von der Wiederanknüpfung der diplomatischen Verhandlungen zwischen Rom und Berlin hat bisher keine Beglaubigung durch irgend welche Thatsache oder anderweite Meldungen gesunden. Nach einer aus Rom vom 7. der „Germania" zu- gehenden Nachricht scheint man dort vielmehr vorläufig auf «eitere Verhandlungen zu verzichten, wie denn der Verlauf der Beratungen über die kirchenpolitische Vorlage im Plenum und in der Kommission den heiligen Stuhl schwerlich veranlassen könnte, jetzt die Initiative zur Wiederaufnahme der Verhandlungen zu ergreifen. Unter diesen Umständen erscheint dis Nachricht, daß der Cardinal Jakobini in einigen Wochen Wien definitiv verlassen werde, nicht unbegründet.
Meldung der „Pol. Cor." Der vom griechischen Cabinet in consultativer Mission zur Berl.Conferenz entsendete griechische
Diplomat Armeni Brailas ist in Wien eingetroffen; er ist begleitet von dem Generalstabshauptmann Licoud, dem Vice-Conful in Janina Fonulis und dem Attache Metaxas.
Deutsche- Reich.
Berlin, 12. Juni. Der Kaiser empfing gestern den Besuch des Kronprinzen, welcher morgens 6 Uhr aus Petersburg hier wieder eingetroffen war. Um 9Vz Uhr begaben der Kaiser und der Kronprinz sich gerneinschafttich nach Lichterfelde, um daselbst die Hauptkadettenanstalt zu besichtigen. — Der Bundesrat halt heute eine Plenarsitzung, auf deren Tagesordnung eine neue Vorlage, betreffend die Statistik der Straffälle in Bezug auf Zölle und Steuern, und eine Reihe mündlicher Berichte stehen. Am Montag wird die zweite Beratung des Antrages über den Zollanschluß der Unterelbe stattfinden. — Ueber den hier erwähnten Entwurf betr. der statistischen Nachweisungen der Straffälle in Bezug auf Zölle und Steuern wird geschrieben: Die nach dem Beschlüsse des Bundesrats von 1871 alljährlich aufzustellenden Nachweisungen der Straffälle in Bezug auf die Zölle und Steuern des Reiches erstrecken sich auf viele Einzelheiten, deren Kenntnis nach den bisherigen Erfahrungen von nur untergeordnetem Interesse ist. Auch die Aufstellung nach Hauptamtsbezirken hat sich als entbehrlich erwiesen. Daher wird es zur wünschenswerten Entlastung der Zoll- und Steuerstellen, sowie des König!. Stattstischen Amts sich empfehlen, diese Statistik zu vereinfachen, so, daß die Erhebungen auf eine geringe Anzahl der wichtigeren Punkte beschränkt und die Ergebnisse nur in je einer Summe für den ganzen Direktionsbezirk nachgewiesen werden. Der Reichskanzler hat daher beim Bundesrat beantragt, daß an Stelle der bisherigen Bestimmungen andere, gleichzeitig im Entwürfe mitgeteilte, zu treten haben, und daß bei diesen Bestimmungen auch bereits bei Aufstellung der betreffenden Stattstik für das vorjährige Etatsjahr zu verfahren ift In den neuen Bestimmungen sind auch die auf den Spielkartenstempel bezüglichen Konttaventtonen berücksichtigt, deren statistische Behandlung bisher eine Regelung nicht erfahren hat. Nach dem §. 1 der Bestimmungen hat sich die Reichs- statistik bezüglich der Straffälle in Zoll- und Steuersachen zu beschränken auf die Uebertretungen 1) der Zollgesetze, einschließlich der Ein-, Aus- und Durchfuhrverbote, welche nach Maßgabe der Zollgesetze ergangen; 2) der Gesetzgebung, betreffend die Besteuerung des im Jnlande erzeugten Rübenzuckers, die Erhebung einer Abgabe von Salz, die Besteuerung des Tabaks, die Wechselstempelsteuer, den Spielkartenstempel; 3) der Gesetzgebung, betreffenb die Ueber- gangsabgaben; 4) der Reichsgesetzgebung, betreffend die Besteuerung des Branntweins und Biers, und 5) der Bestimmungen zur Ausführung der unter 1 bis 4 bezeichneten Gesetze. — Die Zahl der bei der hiesigen Universität
Der falsche Freier.
Humoristische Skizze von Emil Richter.
(Fottsetzung.)
Ich erriet aber sogleich, daß Kräckler's lebhafte Begrüßung mit dem in Aussicht gestellten Spaß in Beziehung stehen müsse, denn es geschah mit aller möglichen Ostentativ», als er sich von seinem Stuhle erhoben und so laut, als es nur schicklich schien, rief:
s Herr Baron, es ist noch Platz — hier — ein Stuhl ist gleich bei der Hand.
Das „Herr Baron" klang sonderbar ironisch; unzweifelhaft. Nicht Jedermann hätte an dieser Einladung Gefallen gefunden; aber der Fremde ward davon nicht berührt. Er schien bekannt genug in diesem Kreise, obgleich ich ihn noch nicht gesehen hatte. Mehr Eindruck als auf den Fremden, schien aber die Anrede aus Blund zu machen. Als er sie . gehört, warf er, ■ da er der Thüre den Rücken zugekehrt, Iben Kopf herum, und kaum hatte er den Ankömmling er- sblickt, so verlor sich bei ihm die Heiterkeit, et wurde verlegen und erhob sich sogleich.
Es ist spät, sagte er zu seinem Gesprächspartner, ich habe wett zu gehen — man muß jetzt die Pferde schonen — und morgen beginnt die Ernte. — Damit nahm er rasch Stock und Hut, dann verließ er, jetzt kaum noch flüchtig grüßend, durch die Hinterthür den Flur und verschwand im Hof.
2.
Fs Da kommt wieder einmal Ihr wahrer Charakter zum r Vorschein, Kräckler, sagte Schmidt, ihm nachsehend; das ist ^wieder von Ihnen eingesädelt. Der arme Teufel, der Blund, Itann sich seines Lebens gar nicht mehr freuen.
Schweigen Sie, Apotheker, ewiderte Jener, Sie sind's der das Gift kocht. Wer hat die Geschichte eingebraut? Wer hat den Narren auf den Commerzienrat gehetzt? Man kommt hinter Alles, wenn Sie auch Niemanden in Ihr Laboratorium hineinsehen lassen.
Doch nur durch Ihre Frauenzimmer — warf ihm der Apotheker boshaft entgegen.
Jndeß schnitt der Fremde den beginnenden Zank ab, indem er selbst das Wort nahm.
Ich kann nicht begreifen, sagte er, und es fiel mir die gemessene Art seines Ausdrucks ebenso auf, wie das Bestreben, untadelhast hochdeutsch zu sprechen — ich kann nicht begreifen, warum Blund vor mir davon geht. Ich kann mich wirklich nicht auf feinen Stuhl setzen.
Sie haben Recht, Herr Baron, sagte scheinbar ihm beistimmend Hinderwind, Sie können sich nicht auf den Stuhl setzen. Die Beleidigung ist zu groß.
Ja, wirklich, fuhr Jener fort. Nicht ich habe ihn verletzt; er ist undankbar gewesen. Aber ich habe keinen Groll gegen ihn, weil ich ihn bedauere; sein Unglück rührt mich.
Nun, das lobe ich wirklich; ich trüge es ihm ganz anders nach.
Sie sind frellich rachsüchttg, Herr Hinderwind. Aber es ist so, Blund ist sehr undaickbar gegen mich gewesen — aber ich hatte ihn immer sehr gern. Ja, ich sage das, sehr gern, sonst hätte ich nicht gethan für ihn, was ich ge- than habe.
Nun, er wird es von Ihnen doch nicht umsonst verlangt haben. —
Herr Apotheker, erhob sich da der Fremde noch pathe- ttscher Äs zuvor — Herr Apotheker, ich sollte mich erheben
und mich entfernen, wie Herr Blund soeben. Ja, ich sage es, das Geschick hat mich nur zum Diener Anderer gemacht; und der Herr Oekonomierat Brach, bei dem ich jetzt bin, und bei dem es mir auch gefällt, weil ich schöne Pferde habe, steht sehr von oben herab auf mich, trotzdem er weiß, eö rollt freiherrliches Blut in meinen Adern. Niemals werde ich auch meine Person verkaufen, die erhalte ich frei und ich kann wohl Gefälligkeiten erweisen, ich kann Opfer bringen, weil es mir gefällt, aber nicht für Geld. Ich wahre immer die Ehre.
Das wiffen wir ja, lenkte Kräckler ein, da eö ihm um die Unterhaltung zu thuu war, aber Sie kennen ja den Apotheker, wett er die Leute nur für Geld vergiftet, so denkt er, andere Leute machen es auch so. Was aber eigentlich auffallend ist, ist, daß Blund Alles leugnet.
Das ist sein System. Er hat auch Grund dazu, aber deshalb hätte er nicht undankbar sein dürfen. Ich hätte ihn nicht verraten und hier hat es ja auch gar keine Gefahr, wir sind ja über’m Berge.
Frellich find wir das, und Sie könnten also die Geschichte erzählen, damit man der Sache einmal auf den Grund kommt.
Der Fremde schien geneigt, dem Drängen, das sich nun von allen Seiten erhob, nachzugeben. Stur sagte er:
Eigentlich blamire ich mich damit.
Aber Hinderwind redete es ihm aus.
Was blamieren! Ein mit Undank vergoltenes Opfer ist es, das Sie gebracht haben, und das ziert jeden Menschen, wie nicht vielmehr einen Freiherrn. Wir können uns Alle ein Beispiel daran nehmen.
(Fortsetzung folgt)