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Nr. 186

Marburg, Sonnabend, 12. Juni 1880

XV. Iihrgmz

AerWschk jfitiiiio

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d. Annoncen-Bureauk von ®. L- Daube k Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung bofdbftj; Hermann’sche Buchhauol. daselbst; Jnvalideadanl in Berlin; W- ThieneS in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.

Anzeigen nimmt emgegen: die Expedition d.vlattes, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöl» rc.; Rudolf Koste in Berlin, Frank- furt a. M- re.

Erscheint täglich außer an den Wetttagen nach Tonn- und Feiertagen. Preis für das Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JTuftrirteS SoantagSdlatt" durch die Expedition («och'fche Buchdruckerei) bezogen S, «art, durch du Postämter deS Deutschen Reiche» S Mark 50 Pf«. (erd. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«. Für m der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 Pf«, beregne’.

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Tagesbericht.

Die Kirchengesetz - Commission des Abgeordnetenhauses nahm bei der zweiten Beratung des Kirchengesetzes mit 11 gegen 10 Stimmen Alinea 1 des §. 1 in folgender Fassung an: Das Staatsministerium ist ermächtigt, mit königlicher Genehmigung die Grundsätze festzustcllen, wonach der Cul- tusminister befugt ist, die von den geistlichen Oberen den Oberpräsidenten gemäß Gesetzes vom 11. Mai 1872 Be­nannten von den Erfordernissen in den §§. 4 und 11 dieses Gesetzes zu dispensieren. Den ausländischen Geistlichen kann der Minister die Vornahme von Amtshandlungen in den Grenzdistrikten gestatten. Dafür stimmten die Conserva- tiven, Freiconservativen und 3 Nationalliberale. Mnea 2 und 3 der Vorlage werden wegfällig. Zu §. 2 wird der Antrag der Conservativen und Freiconservativen, den Para­graphen fortfallen zu lasten, angenommen. §. 3 der Vor­lage wird mit 14 gegen 7 Stimmen genehmigt. Der zu §. 4 von den Conservativen und Freiconservativen gestellte Compromißantrag wird mit 12 gegen 9 Stimmen abge­lehnt. (Dafür stimmten die Conservativen, die Freiconser­vativen und Abg. Bruel.) Der Paragraph wird demnach wegfällig. Alinea 1 des §. 5 wird nach der Vorlage, Alinea 2 wird mit der von dem Abg. Schmidt beantragten Einschiebung der Worte „kann mit Ausnahme des Erfor­dernisses der deutschen Staatsangehörigkeit" angenommen. §. 6 wird angenommen, §. 7 abgelehnt. §. 8 wird in folgender Fassung angenommen: „Die Wiederaufnahme

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der eingestellten Staatsleistungen kann, abgesehen von dem [ Falle des §. 2 des Gesetzes vom 22. April 1875, für den

Umfang eines Sprengels durch Staatsministerialbeschluß angeordnet werden. Der Cultusminister gab im Namen der Staatsregierungen Erklärungen ab. — Ferner wurden l die §§. 9, 10, sowie der Antrag des Abg. Schmidt, die

Geltungssrist des Gesetzes bis zum 31. December 1881 festzusetzen angenommen, aber §. 11 mit 14 gegen 7 Stimmen abgelehnt. Das ganze Gesetz wurde in der Schlußabstimmung mit 13 gegen 8 Stimmen (Conservative und Freiconser- vative) abgelehnt. — Die Nationalliberalen hatten in einer Besprechung mit den Conservativen und Freiconservativen vor dem Beginn der Sitzung deren Compromiß - Anträge abgelehnt.

ES wird uns ferner noch aus Berlin von gestern mit­geteilt: Die zweite Lesung der kirchenpolitischen Vorlage ist vollendet. Die Vorlage ist in den meisten Paragraphen nach der Regierungsvorlage angenommen. Eine sehr wich­tige Bestimmung, die Befugnis der Regierung zur Reha- bilitaüon der abgesetzten Bischöfe ist in der vorgelegten Fassung nur von den Conservaiiven angenommen und dem­gemäß am Schluß der Abstimmung die ganze Vorlage von den Liberalen und dem Centrum gegen die Stimmen der Conservativen abgelehnt. Abg. Dr. Grimm wurde gegen

seinen erklärten Wunsch zum Berichterstatter im Plenum einstimmig von der Commission gewählt.

Die „Nordd. Allg. Ztg." enthält einen Artikel gegen die Birchow'sche Interpellation, worin es heißt: man sollte glauben, preußische Abgeordnete würden in erster Linie Preußen zu vertreten sich berufen fühlen. Virchow und Ge­nossen aber verträten Hamburg im preußischen Landtage und zögen die im Sinne nationaler Politik in pflicht- mäßiger Durchführung der ReichSverfastung thätige Ne­gierung im Namen des Hamburgischen Partikularismus vor dem preußischen Landtage zur Verantwortung.

Der „StaatS-Anzeiger" meldete vor einigen Tagen, daß der Oberbaurat und Prof. Friedr. Schmidt in Wien zum Ritter des Ordens pour le merite ernannt worden sei. Denselben Künstler hat man vor etwa einem Viertel­jahrhundert des „allgemeinen Ehrenzeichens" für würdig gehalten. Schmiot war damals als Werkmeister beim Kölner Dombau die künstlerisch schaffende Kraft der dortigen Hütte. Als nach einem Besuche König Friedrich Wilhelms IV. auf der Dombaustelle in Köln die üblichen Ordensver­leihungen erfolgten, ergab sich, daß Schmidt — wohl in­folge einer bureaukrattsch-mißverständlichen Auffassung des Titels Werkmeister — mit jener Dekoration bedacht wer­den sollte. Ein Sprung vom Inhaber des Allgemeinen Ehrenzeichens bis zum Rjtter des Ordens pour le merite dürfte in der Chronik der preußischen Orden wohl noch nicht zu verzeichnen gewesen sein.

Die Nachricht der Wiener „Poltttschen Correspondenz" aus Athen, daß einige Mächte Griechenland benachrichtigt hätten, sich zur eventuellen militärischen Besetzung der Ge­biete, welche ihm die Conferenz zuweisen werde, bereit zu halten, wird in Berlin von allen unterrichteten Seiten stark bezweifelt. ES soll übrigens gegründete Aussicht auf eine Verständigung der Mächte wegen der Grenzfrage und daher auf eine rasche Erledigung der Conferenzarbeit wenig­stens in deren erstem Teile vorhanden sein. Auch England hat sofort die Conferenz znm 16. angenommen und seinen Vertreter in Berlin telegraphisch davon benachrichtigt.

Deutscher Reich.

Berlin, 10. Juni. Die Grenzboten bringen in ihrem neuesten politischen Brief eine historische Darstellung des Verlaufs der Verhandlungen mit der Kurie, indem sie die in den veröffentlichten Aktenstücken enthaltenen Daten zusammen­stellen. Aus Grund dieser Klarlegung der Thatsachen schreiben sie weiter: „Wir fragen nun: Weshalb hat die preußische Regierung ihre Vorlage vom 19. Mai einge­bracht, nachdem die Kurie jede Verständigung auf Grund einer solchen Vorlage zurückgewiesen? Man wird vielleicht

sagen: Wenn die preußische Regierung sich bloß gegen den Vorwurf schützen wollte, das Mißlingen der Verhandlungen verschuldet zu haben, so genügte es, wenn sie der päpstlichen Anklagedrohung durch den veröffentlichten Schriftenwechsel zuvorkam, wie es ja geschehen ist. Dagegen — so werden Viele denken — war die Vorlage vom 19. Mai als Beweis der Friedensliebe überflüssig, nachdem die Kurie eine solche Friedensbasis zurückgewiesen, und deshalb muß hinter der Vorlage etwas Anderes stecken. Darauf ist einfach zu er­widern, daß dieser thatsächliche Beweis von Friedensliebe noch nicht überflüssig ist. Die liberalen Blätter sagen, bei den Katholiken, welche nur die Kaplanspresse lesen, verfange dieser Beweis noch nichts. Der Beweis ist aber nicht auf die von der Kaplanspresse bedienten Katholiken berechnet. „Das Feuer des Culturkampfes war sehr im Erlöschen, zum Teil allerdings in Folge der Verständigungsversuche, auf welche die preußische Regierung sich mit dem neuen Papst eingelassen hatte und — ein lassen mußte. Man denke nur nicht, daß irgend ein Kamps, irgend eine Arbeit im ersten Ansatz gleichmäßig sich steigernd fortlaufen kann. Es kommen Pansen, Ermattungen und darauf das Ende oder neue Ansätze. So will es das Gesetz des Lebmö, dem auch der Kulturkampf unterliegt. Auch Herr von Bennigsen sprach schon öffentlich von dem Bedürfniß deS kirchlichen Friedens. Wenn dieses allgemein ist, so muß nun allen Augen offenbar werden, wer ihm entgegen« steht. Dazu dient überzeugend die Vorlage vom 19. Mai. Es hätte nicht ausgereicht, Schriftstücke zu veröffentlichen, welche die unerfüllbaren Anforderungen der Curie auf's neue bestätigen. Man muß sich weit über die Kluft hinüberbiegm und der Curie die Hand entgegenstrecken, damit die Welt sieht, wer nicht in die Hand einschlägt. Dann kann der Kampf neu entbrennen. Dies bezweckt die Vorlage am 19. Mai. Aber nicht blos dies. Es ist trotz alledem nicht ausgeschlossen, daß die Curie eS geschehen läßt, daß aus dem Grunde dieser Vorlage sich ein modus vivendi bildet. Die Motive zu diesem Geschehenlassen kann die Curie in der Weltsituation finoen, wenn die Jesuiten dies zulassen. Ob die Klugheit über den Fanattsmus siegt, muß man abwarten. Siegt der Fanatismus, so ist die Position des Staates durch die Vorlage vom 19. Mai ungeheuer gestärkt. Siegt die Klugheit, so eröffnet sich ein Weg zum Frieden, welcher für die Curie der leichteste und für den Staat der vortellhafteste ist. Das sollten die die Nationalliberalen bedenken. Anstatt die Vorlage zu zerpflücken und nach allen Seiten hin wirkungslos zu machen, sollten sie dieselbe en bloc annehmen, mit dem einzigen Zusatze einer Fristbestimmung, und sollten ihre Bereitwilligkeit dazu der Regierung kund thun. Dann würde diese wohl cie Konservativen zu dem Gleichen ver­mögen. So sollten die Nationalliberalen im Plenum ver­fahren. Die Arbeiten der Kommission werden nur den

Napoleon I. und der gestiefelte Kater.

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Im Juli 1785 erhielt der damals sechzehnjährige Na­poleon, der sich bis dahin in der Kriegsschule zu Paris aufgehalten hatte, die Offiziersepauletten. Er hatte viel Umgang mit der Familie des Bankiers Permon, deffcn Gattin eine Korsin und mit den Bonapartes befreundet war, und machte bei seinen häufigen Besuchen den beiben wunderhübschen Töchtern der Hauses fleißig den Hof. Als er nun an jenem schönen Tage seine neue Lieutenantsuni­form mit den schimmernden Epauletten angelegt hatte, da stolzierte er sogleich zu den PermonS, um sich dort in

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feinem vollen Glanze zu zeigen, ganz ahnungslos, daß seine äußere Erscheinung einen überaus komischen Anblick darbot. Er war von sehr kleinem Wuchs, dabei erschrecklich mager, und demgemäß schlotterte er höchst possierlich einher in den ungeheuer großen und weiten bespornten Stulpenstiefeln, wie sie damals nun einmal zur Artilleristenequipierung gehörten. Kaum war er in das Besuchszimmer der Familie Permon getreten, als die jüngere der reizenden Schwestern, . welche eben erst aus einem Pensionat heimgekehrt und folg« ’ lich noch etwas naseweis war, laut jubelnd und dir Händ- I d)en klatschend ausschrie: „Der gestiefelte Kater kommt!

Der gestiefelte Kater erweist uns die hohe Ehre seines Besuchs!" . . . Der junge Held war anfangs über dm beleidigenden Vergleich etwas aufgebracht, gewann aber doch 1 bald seine Fassung und Lieutenantswürve wieder und lachte dann selber mit der ausgelassenm Keinen Schäkerin über . ihren boshaften Witz. Einige Tage später stellte er sich Fbon Neuem ein und brachte ihr ein sinniges Geschenk, M nämlich ein schon gebundenes Exemplar von Perrault'S " Märchen vom gestiefelten Kater. Ja, er war und blich

dieser kleinen lustigen Dame so sehr zugeneigt, daß er einige Jahre später, als er Oberlieutenant geworden war und bevor er nach seinem neuen Garnisonsorte Valence abreiste, ihr durch Vermittelung der Mutter einen Heiralsantrag machen ließ. Allein Mama Permon, welche bie keineswegs brillanten Verhältnisse der verarmten Bonapates recht gut kannte und selber in den besten Umständen lebte, hielt die Parthie nicht für paffend und zwang ihre Tochter, dem größten Kriegshelden der neueren Geschichte einen Korb zn geben. Die gute Frau konnte es freilich nicht ahnen, daß sie für ihre Tochter das funkelnde Diadem einer Kaiserin ausschlug. — Die ältere der Schwestern, Laurette Permon, vermählte sich später mit Junot, dem Adjutanten Napo­leons, der diesen seinen getreuesten Paladin zur Zeit seines Glückes zum Herzog von Abrantes erhob.

Wie ma« znm reichen Manne wird.

In Paris begrub man vor Kurzem einen ehemaligen Handwerker Levallois, der in einer Wüste eine Stadt grün­dete und als mehrfacher Millionär starb. DaS Leden dieses Mannes ist merkwürdig genug. Im Jahre 1840 war Levallois, der damals 24 Jahre zählte, ein einfacher Tischler, welcher Mühe hatte, für sich und fein junges Weib Brot zu erwerben. Der junge Arbeiter war längere Zeit im Hause Nvel'S, des ehemaligen Notars Napoleon's L be­schäftigt; Noöl plauderte oft mit dem jungen Manne und fand, daß derselbe sehr intelligent sei. „Hören Sie, Le­vallois", sagte eines TageS der reiche Noöl, „Sie haben Witz und eine überraschende Suada; mir scheint, Sie wären der rechte Mann, um mir zur Erledigung eines Geschäfts und sich zu einer guten Einnahme zu verhelfen. Dicht bei Neuillh hat mir mein Vater einen ungeheueren

Landbesitz hinterlassen, der mir bis zur Stunde nicht einen Son eingebracht hat und auch nichts wert ist. Finden Sie ein Mittel, diese Terrains zu verkaufen? Sie sollen fünf Prozent von der Einnahme haben." — „Ich werde Mittel unb Wege finden, Herr Noöl", sagte Levallois; „stellen Sie mir Vollmacht aus". Damals lag nordöstlich von Neuilly auf den Noöl'schen Grundstücken eine Bude, in welcher jeden eonntag getanzt und gespielt wurde. Levallois sagte zu dem Besitzer: ,,Du zahlst keinen Zins, dafür wirst Du mir gestatten, Deinen Gästen eine Ueberraschung zu bereiten. Als am nächsten Sonntag das Tanzfest im Gange war, kam Levallois und verteitte an alle Gäste Lotterielose unentgeltlich und sagte, daß die Lotterie einen Treffer ent­halte und daß der Gewinn in einem Sauterrain von 400 Metern bestehe. Das junge Volk lachte und glaubte nicht an den Scherz; aber siehe da, als das LooS gezogen war, erhielt der glückliche Gewinner den Besitztttel eines Grund­stücks auSgehändigt. Die Sache machte Aufsehen. Am nächsten Sonntag verloste Levallois wieder ein Grundstück. Später, als der Zudrang größer wurde, forderte er einen kleinen, dann mit wachsender Nachfrage einen größeren Ein­satz. Die Gewinner bauten entweder selbst ein Haus oder verkauften ihr Grundstück an einen Mann, der sich auf demselben ansiedeln wollte. Die neuen Grundeigentümer zogen Freunde nach, unb je mehr Grundstücke durch das LooS gewonnen wurden, je mehr verkaufte er dazu. Erst enstand auf dem Sand- unb Haideland ein Dorf, dann eine Stadt. Levallois kaufte selber den größten Teil der Gewinne an und verkaufte die Grundstücke später mit großem Nutzen. Im Jahre 1846 wurde die neue Colonie Levallois genannt. Die Grundstück-Lotterie wurde bis zum Jahre 1867 fortgesetzt; aber aus dem Dorfe Levallois