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Nr. 126.

Marburg, Dienstag, 1. Juni 1880.

XV. Jahrgang

GMUt ji'itmiii

Tagesbericht.

Rechtsstandpunktes für erschöpft. Wenn die Regierung solche schweren kirchlichen Notstände im Lande sehe, wie sie

thatsächlich vorhanden sindvon 12 Diözesen sind nur 4 oberhirtlich geleitet, die Domkapitel und die katholischen Lehrstühle veröden, mehr als 1000 Pfarreien sind unbesetzt, mehr als 1000 Pfarrer fehlen, der katholische Religions­unterricht an höheren Lehranstalten könne nur noch ver­einzelt erteilt werden, der Nachwuchs an jungen Priestern fehlt" wenn die Regierung diese Zustände sehe, dann müsse sie sich daran erinnern, daß sie nicht bloß politisch- constitutionelle, sondern auch eine sehr schwere moralische patriotische Verantwortlichkeit habe und deshalb halte sie sich für verpflichtet, bis an die äußerste Grenze deffen zu gehen, was mit der unveräußerlichen Machtstellung des Staates vereinbar ist, um ihre katholischen Mitbürger aus dem geistlichen Notstände herauszubringen. Wenn sich die Regierung auch von der Verantwortung dieser Notstände frei wisse, so halte sich die Regierung doch moralisch ver­bunden und die moralische Verpflichtung wiege hier

Der zoologische Garte« zu Frankfurt a. M.

Unter dem vielen Anziehenden und Belehrenden, was Frankfurt seinen Besuchern bietet, wird jederzeit der zoolo­gische Garten in erster Linie genannt werden muffen. Ein Spaziergang durch denselben ist für Alt und Jung in hohem Grade lohnend. Trotz der trockenen Witterung Prangen die freundlichen Anlagen in voller Frühlings- Pracht, wozu nicht wenig ein fleißiger Gebrauch der ergie­bigen eigenen Wasserleitung deö Etablissements beitragen mag. Die Schäden, welche der ungewöhnlich strenge und andauernde Winter an manchen immergrünen Sträuchern und Bäumen verursacht hat, sind bis aus kaum bemerk­bare Spuren verschwunden. Die Tiere haben die furcht­bare Kälte ganz vortrefflich überstanden und scheinen sich ohne Ausnahme des besten Wohlseins zu erfreuen. So erregt besonders der Orang-Utan fortwährend das größte Aussehen durch seine Intelligenz und Lebhaftigkeit. Die beträchtliche Zunahme feiner Größe und Körperfülle während feines mehr als zweijährigen Hierseins lasten wohl hoffen, daß das merkwürdige Geschöpf noch lange am Leben erhalten bleiben wird. Die Giraffen sind um ein Beträchtliches gewachsen, ebenso die Gnu, diese seltsam gebauten Antilopen mit dem mächtig behaarten Kops und der straffen Mähne. Nicht minder Oerbienen die Raubtiere Erwähnung, unter denen einige Leo­parden sich durch gewandte Kletterübungen an den in ihren Behältern angebrachten Bäumen- auszeichnen. Ver­schiedene im Laufe des Frühjahrs im Garten geborene Tiere geben Anlaß zu interessanten Beobachtungen. So Maden die australischen Kappengänse, die egyp- ^ischen Gänse, die schwarzen Schwäne rc. Nach- 'Mmmenschaft erzielt und führen ihre Kleinen mit aller

machte Herr Falk ein Gesetz und morgen berief er sich auf die Majestät dieses selbstgemachten Gesetzes, als sei es hundertjähriges Recht. Er handelte nach dem liberalen System des Rechtsstaates ganz korrekt; allein die Erfahrung hat doch gezeigt, daß mit diesem System kein Staat be­stehen kann. Auch das war der kurze Sinn seiner langen Rede, daß er den Papst wegen seines hartnäckigen non possumus auszankte aber dann behauptete, die Regie­rung habe alle ihre Pflichten erfüllt und eine patriotische Großthat gethan, wenn sie dem päpstlichen non possumus ein ebenso hartnäckiges staatliches non possumus gegenüber stelle; daß er hier vom Staate denselben Fehler fordert, den er am Papste tadelt, scheint Herr Falk gar nicht ein­zusehen. Wenn Herr Falk fürchtet, es würde für den Staat eine große Niederlage sein, wenn die Bischöfe in Folge dieser Vorlage wieder eingesetzt würden, so stand es eigentlich Herrn Falk, der die Bischöfe ausgewiesen hat und unter dessen Regiment die gegenwärtige schwierige Lage ent­standen ist, am wenigsten zu, darauf hinzuweisen, allein Herr Falk kann sich beruhigen: die Rückkehr der Bischöfe ist an die Begnadigung des Kaisers geknüpft. Diese Be­gnadigung wird ihnen schwerlich aufgedrängt, sondern sie wird nur denen gegeben, welche sie erbitten. Was soll aber nun erniedrigendes für den Staat darin liegen, wenn der König einen ausgewiesenen Bischof, der um die Erlaubniß zur Rückkehr bittet, begnadigt? Dann müßte jede Amnestie eine solche Demütigung enthalten. Der Abg. Hammer- stein legte den Standpunkt der Konservativen zu dem Ge­setze dar. Dieselben hätten eigentlich eine andere Vorlage erwartet: ein organisches Gesetz zur definitiven Regelung des Staates zu allen Religions-Gesellschaften; die jetzige Vorlage könne die konservative Partei nur als Provisorium annehmen, nicht als bleibendes Gesetz, und als solches wolle es dieselbe auf eine bestimmte Zeitdauer annehmen. Der Abg. Windthorst sprach zwar prinzipiell gegen die Vorlage, will dieselbe aber doch nicht ganz von der Hand weisen, sondern in der Kommission ihre Verbesserung ver­suchen. Er beklagt sich darüber, daß in den Briefen des Reichskanzlers der Papst zur Einmischung in innere deutsche Angelegenheiten Druck auf das Ceiitrum in Bezug auf seine Haltung in politischen Fragen geradezu gedrängt und die Nachgiebigkeit der Regierung in Bezug auf die Kirchengesetze davon abhängig gemacht werde. Man war im allgemeinen, nach der Veröffentlichung der Briefe des Kanzlers, in welchen das Eentrum auf das stärkste ange­griffen und beschuldigt ist, über den gemäßigten Ton der Rede Windthorsts überrascht.

Im Abgeordnetenhause fand am Freitag die erste Be­ratung der kirchenpolitischen Vorlage statt. Der Kultus­minister v. Puttkarner leitete die Debatte mit einer großen glänzenden Rede ein, welche den hohen politischen Stand- punct zeigt, auf welchem dieser Mann steht und von dem er diese ernste Frage behandelt. Nachdem er die Hart­näckigkeit des Vatikans bei den Verhandlungen geschildert und darauf hingewiesen hatte, daß dem Papste die katho­lische Kirche in Preußen nur eine Phase, nut ein kleiner Teil in seinem kirchlichen Weltreiche sei und ihn deßhalb auch nicht in dem Maße berühre, wie die preußische Negie­rung, hob er hervor, wie zwar auch die Regierung sich zugeknöpft und kalt hinter ihre constitutionelle und gesetz­liche Position zurückziehen könne. Allein die Negierung betrachte die Sache von einem höheren Standpunkt und halte ihre Verpflichtungen gegen ihre Untertanen nicht mit der Einnahme eines äußeren juristischen constitutionellen

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Deutsches Reich.

Berlin, 29. Mai. Se. Majestät der Kaiser, sowie Se. König!. Hoheit der Großherzog von Sachsen Weimar folgten gestern Nachmittag einer Einladung des Viee-Prä- bairischen Dorfe ziehen, seitdem Ed. Devrient 1854 auf dieses merkwürdige Spiel aufmerksam gemacht hat. Be­kanntlich schließt sich dieses Spiel, das im Zeitenlaufe wiederholt geändert wurde, an die geistlichen Dramen aus der früheren Zeit der christlichen Kirche an, welche man Mysterien nannte, weil sie die tiefen Geheimnisse unserer Religion zu veranschaulichen bestimmt waren. Mehr als 600 Personen treten in dem Spiele auf, welches die Lei­densgeschichte Jesu nach den Evangelien mit vorbildlichen Darstellungen aus beinhalten Bunde veranschaulicht. Die Zahl der für diesen Dvmmer projektierten Aufführungen ist 23. Bis Ende September soll den Frohnleichnams- tag und den Kirchtag von Peter und Paul ausgenommen jeden Sonn- und Feiertag Vorstellung fein. Außer bem literar- und kulturhistorischen Interesse, welches bie ©fiele beanspruchen bürfen, wird es von unserem evange­lischen Standpunkte bei der Betrachtung derselben haupt- sächlich auf die richtige Würdigung in ästhetisch-religiöser Beziehung ankommen. Wir werden in dem folgenden eine Darstellung der Geschichte und eine Schilderung der Auf­führung geben, foweit es für unfere Lefer zum Verständnis notwendig ist, um bann in einem nächsten Artikel das Passtonsspiel einer Betrachtung vom ästhetisch-religiösen Standpunkte aus zu unterziehen.

, Die erste Aufführung des Oberammergauer Passions- sptels sand im Jahre 1634 statt und ist auf einen Kultus­akt zurückzuführen. Als nämlich in dem Jahre 1633 das Dorf durch die Pest heimgesucht wurde, suchte die Ge­meinde, wie das Spielbüchlein erzählt,bei dem All­mächtigen Hilfe mit einem feierlichen Gelübde, alle zehn Jahre die Leidensgeschichte Jesu, des Weltheilandes, zur dankbaren Verehrung und erbaulichen Betrachtung öffentlich

gftr m der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet. ° v'8

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Bremen.

kaum leichter, als die politische wenn sie einen Weg sieht, von dem sie glaubt, daß auf ihm die Notstände zu beseitigen sind, ihn einzuschlagen und die gewissenhafte pa­triotische Volksvertretung aufzufordern, ihr auf diesem Wege, auf welchem die moralische Pflicht ohne Verletzung der politischen Verantwortlichkeit erfüllt werden kann, zu be­treten."

Für diesen hohen sittlichen Standpunkt zeigt freilich die National-Zeitung" wenig Verständnis. Sie nennt die Erklärung des Ministers, daß die Regierung diesen Not­ständen gegenüber eine sittliche Verantwortlichkeit fühle, befremdlich"; denn eine Veranwortlickkeit habe man nur für die Folgen der eigenen Thaten, nicht für die Folgen der Thaten anderer. Auf dem Standpunkt des juristischen Rechtsstaates, bei dem sittliche, geschweige denn religiöse Rücksichten gar nicht mehr in Betracht kommen, sondern lediglich die eiskalte, herzlose Konsequenz des selbstgeschaffe­nen äußeren Gesetzes ober Rechtes, ist eine solche Anschau­ung begreiflich. Aber so wenig ein Vater sich der mora­lischen Verantwortung entbunden weiß, wenn sein Sohn durch die Schuld anderer in Not und Elend gerät, sondern sich, wenn auch nicht juristisch rechtlich, so doch um so mehr sittlich verpflichtet hält es liegt das in dem sittlichen Begriff des Vaters Alles zu versuchen, um seinen Sohn wieder zu retten, ebensowenig kann sich eine Regierung, die ihre Aufgabe als Obrigkeit in dem sittlichen Sinne, welchen die christliche Weltanschauung ihr giebt, erfaßt, den Not­ständen ihres Volkes, den kirchlichen sowohl als den wirt­schaftlichen gegenüber, und wenn es auch noch so zweifellos wäre, daß sie durch die Schuld anderer hervorgerufen seien, gleichgiltig verhalten! Was würde man sagen, wenn bie Regierung ben wirtschaftlichen Notständen gegenüber er­klären wollte: Ich habe sie nicht hervorgerufen, also brauche ich auch nichts zu thun das ist die Pflicht der Gründer und Wucherer, mögen sie wieder bestem was sie verdorben haben! Mag die katholische Hierarchie auch noch so viel schuld an jenen kirchlichen Notständen tragen denn die anzustellenden Geistlichen hätten sie immerhin, unbeschadet ihrer Opposition gegen die Prinzipien der Maigesetze an­zeigen können so darf die Regiemng keinen Augenblick vergessen, daß es ihr Volk, ihre Landeskinder sind, welche in diesen Notständen sich befinden. Es wird gewiß überall, wo die Herzen durch den Kulturkampf nicht allzu verhärtet und erbittert find, wohlthuend empfunden werden, daß die Regierung mit diesem Bewußtsein hoher sittlicher Verant­wortlichkeit dem Volke gegenüber steht.

Von diesem Standpunkte des christlich-conservativen Mi­nisters stach der kaltjuristische Standpunkt deö liberalen Exmini­sters Dr. Falk grell ab. Derselbe stellte sich ganz auf dem dürren, sterilen Standpunkt der Gesetzes-Konsequenz, welcher ja aus seiner Amtsperiode hinlänglich bekannt ist und soviel zur Verbitterung des Kampfes beigetragen hat. Heute Sorgfalt und Umsicht. Die drei jungen Bären leisten an komischen Gebühren das Unglaubliche; ihre plumpen Spiele sind ungemein ergötzlich für die Zuschauer und er­halten einen besonderen Reiz durch die Aufmerksamkeit mit welcher das Muttertier denselben folgt, um hindernd ober strafend einzuschreiten, wenn es ihm gar zu arg wird.

Die Perle des Gartens ist und bleibt stets das Aquarium. So reich an Tieren betreffs der Zahl der Individuen und der Mannichfaltigkeit der Formen als jetzt, ist dasselbe während seines Bestehens noch nicht gewesen und auch hier atmet Alles Wohlsein und Behagen in dem kryftallklaren Wasser. Zierlichen, zartgefärblen Gewächsen vergleichbar und von vielen Besuchern auch dafür gehalten, sitzen verschiedene Geschöpfe ruhig und anscheinend leblos da und nur hier und da bekundet das rasche Zurückhuschen eines der palmenartigen Fächer in seine Röhre, oder die energischen Bewegungen der Fangarme einer Seerose, daß wir hier tierische Organismen vbr uns haben. Einen höchst anziehenden Anblick gewährt das Treiben der Fische mit ihren schlanken Leibern, die je nach der Gattung me­tallisch schimmern oder in bunter gesättigter Färbung prangen. Als eine sehr glückliche Neuerung können wir die Verlegung der Fütterung im Aquarium auf die Sonntag Nachmittage bezeichnen, da hierdurch einer größeren Anzahl von Besuchern Gelegenheit geboten ist, diesem interessanten Vorgang beizuwohnen.

Das Pasfiousspiel iu Oberammergau.

.Mit dem Pfingstfest dieses Jahres haben wieder die berühmten Oberammergauer Passionsspiele begonnen, welche tausende von Inn- und Ausländem nach jenem kleinen