Marburg, Sonntag, 30. Mai 1880.
xv. Jahrgang
GnMche jfitinio
Mr. 123
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Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt gegenüber den Auslassungen nationaler Blätter: Die Regierung habe in der kirchenpolitischen Frage die Neigung des Entgegenkommens bekundet, aber noch keine Concession gemacht und den Grundsatz festgchalten, nur pari passu Concessionen zu machen. Durch gegenteilige Insinuationen von Fraktionsblättern werde die Verständigung nicht gefördert, deren gerade die nationalliberale Partei, die im Begriffe sei, wieder den Zug zu versäumen, zu ihrer Kräftigung bedürfe.
Mit Ausnahme des Centrums, welches am Mittwoch Abend seine Beratungen beschlossen hat, waren am Donnerstag sämtliche Fraktionen des Abgeordnetenhauses bis zum späten Nachmittag mit der Beratung über die kirchenpolitische Vorlage beschäftigt. Die Fortschrittspartei ist einmütig gegen Verweisung an eine Commission und für Ablehnung der Vorlage. Das Centrum macht kein Hehl daraus, daß es gleichfalls im Prinzip gegen die Vorlage ist, dagegen für Verweisung an eine Commission stimmt, um die Möglichkeit einer Verständigung nicht sofort von der Hand zu weisen. Die Conservativen sind für Annahme der Vorlage unter der Bedingung, daß dieselbe auf die Zeit bis 1. Dezember 1881 beschränkt werde. Auch die Freikonservativen sind im großen und ganzen für die Vorlage; auch diese Fraktion wünscht über Zeitbeschränkung und bezüglich einzelner Bestimmungen wie der Artikel 4 und 9 weitere Aenderungen. Die National-Liberalen verlangen jedenfalls fehr bedeutende Aenderungen. — Im Herrenhause haben die Commissionsberatungen über die Verwaltungsgesetze unter dem Vorsitz des Herrn v. Bernuth bereits begonnen. Wie man hört, sind mancherlei Abänderungen gegen die Beschlüsse des Abgeordnetenhauses im Entstehen begriffen, und so ist es nicht unmöglich, daß die Berwaltungsgesetze nach den Beschlüssen des Herrenhauses noch einmal an das Abgeordnetenhaus zurückgehen. Wie sich das Herrenhaus zu der kirchenpolitischen Vorlage stellen
fNachdruck verboten.)
Aatouie Adamberger und Theodor Körner.
Der Dichterheld des Freiheitskrieges kam im Jahre 1811 nach Wien, wo er seine Schauspiele: „Der grüne Domino", „Toni", „Hedwig", „Rosamunde" und „Zriny" schrieb, deren Aufführung ihn in intime Beziehungen zu den Mitgliedern des Hofburgtheaters brachte. „Der grüne Dominos war von ihm speziell für die beiden talentvollen Schauspielerinnen Anna Krüger und Antonie Adamberger gedichtet worden. Als die erste Probe abgehalten werden sollte, wurde Antonie in Folge der herrschenden Winterkälle krank, weshalb ein Aufschub stattfinden mußte. Körner, dessen Herz damals noch nicht von ihrer anmutigen Schönheit gefesselt war, bezeigte sich darüber sehr ungeduldig und beschäftigte sich währenddem als Dramaturg mit der Rolle, welche Anna Krüger übernehmen sollte, indem er beim Einstudieren half. Bald munkelte man hinter den Couliffen -und im Foyer, daß er in diese Dame ernsthaft verliebt sei, deren imposante Schönheit und herrliches Spiel sie zu einer der besten Stützen des Theaters machten, auf welchem sie namentlich als Jungfrau von Orleans glänzte. Allein itS sollte ganz anders kommen, als die Hypothesenfabrikanten des Foyers sich vorstellten. Fräulein Adamberger, eine jugendliche, zarte Gestalt, deren Hauptrollen Thekla in den Piccolomini, Jerta in der Schuld, Beatrice in der Braut von Messina und Toni in Körner's gleichnamigen Schauspiel waren, wurde wieder gesund. Die Probe des grünen Domino's konnte jetzt stattfinden und wurde angesetzt.
M Nun beschäftigte zu eben der Zeit eine brennende Frage <f£ie Schauspieler des Burgtheaters. Die Kaiserin Matta ^Therese Caroline, welche einige Jahre vordem gestorben
wird, falls das Gesetz überhaupt dahin gelangt, ist gleichfalls noch nicht abzusehen, so daß zur Zeit über den Schluß der Nachsession noch in keiner Weise bestimmte Angaben zu machen sind.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Mai. Der Großherzog von Sachsen ist gestern Abend aus Weimar hier eingetroffen und im Kgl. Schlosse abgestiegen. Heute begrüßte derselbe die hier weilenden höchsten Herrschaften und nahm einige Sehenswürdigkeiten in Augenschein. Soweit bis jetzt bekannt, gedenkt derselbe übermorgen Abend Berlin wieder zu verlassen. — Die Königin von Griechenland ist in der vergangenen Nacht im strengsten Jncognito als Herzogin von Mistra, begleitet von 6 Kindern, aus München hier eingetroffen und hat im Hotel Kaiserhof Wohnung genommen. — Der Minister v. Puttkamer hat, wie die „Voss. Ztg." erfährt, jetzt selbst die sämtlichen ihm unterstehenden Behörden, von denen manche eifrig sich sofort der neuen Orthographie zugewandt hatten, amtlich angewiesen, in allen Dienstsachen bei der alten Orthographie zu bleiben, da ja die Absicht lediglich darauf gerichtet gewesen sei, in den Schulen eine gleichmäßige Orthographie herbeizuführen. Dies würde, wie die Erfahrung in Bayern gelehrt habe, allmälig nicht allein die Menge der jüngeren gebildeten Leute, sondern auch eine größere Anzahl älterer Personen dahin führen, die neue — für die Schulen obligatorische Rechtschreibung anzuwenden, und so sei von der Einführung dieser Rechtschreibung in den Schulen mit der Zeit auch eine Einbürgerung derselben in der ganzen Bevölkerung zu erwarten. Dann sei es auch vielleicht geboten, diese Rechtschreibung in allen Zweigen des Staatsdienstes zur Durchführung gelangen zu lassen. Vorläufig sei das aber noch zu früh und auch von ihm bei seinem Erlasse nicht beabsichtigt. Bis auf Weiteres müsse der Gleichmäßigkeit in allen amtlichen Aktenstücken halber die alte Rechtschreibung beibehalten werden, das wolle er für sein Ressort damit bestimmt anordnen. — Seitens der königlichen Eisenbahn-Direktion zu Frankfurt a. M. und Köln wurde, wie die „Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahn-Verwaltungen" berichtet, vor einiger Zeit eine seit Jahren ersehnte Erleichterung des Personenverkehrs auf der am meisten fre- quentirten Strecke des Rheinthals zwischen Koblenz und Bingen zur Einführung gebracht. Beide Direktionen haben nämlich gestattet, daß die Retourbillete zwischen den korrespondierenden Kapellen und Ober- oder Niederlahnstein, Rhens und Braubach, Boppard und Kamp, St. Goar und St. Goarshausen, Nieder-Heimbach und Lorch, sowie Bingerbrück und Rüdesheim nach Belieben von den Reisenden auf der Hin- und Rücktour auf der rechten oder linken Rheinseite benutzt werden können, ohne daß eine Preisdifferenz gezahlt wird, und ohne daß der Stationsvorstand war, hatte sich einmal sehr geärgert bei Gelegenheit einer Aufführung von Schiller's Maria Stuart, und zwar hauptsächlich über die berühmte Streitscene zwischen Elisabeth und Matta. Ihre Majestät, welche sich offenbar keinen rechten Begriff von Schiller's Genius machen konnte, erschien diese Zänkerei im höchsten Grade skandalös, und auch mit der Schlußkatastrophe, Maria's Gang zum Schaffst, war sie unzufrieden. Sie hielt das Stück für sehr staatsgefährlich, nannte es ehrenrührig für alle gekrönten Häupter, vornehmlich aber für die weiblichen, und verlangte, daß es nicht mehr gespielt werden solle. Ihrem Wunsche ober Befehle wurde auch wirklich willfahrt und Schiller's schönes Trauerspiel verschwand für lange Jahre vom Wiener Repertoire. Als diese eigensinnige gekrönte Schillerseindin die hohen kaiserlichen Augen für immer geschloffen hatte und fomit dem irdischen Aerger entrückt war, da hofften die Schauspieler und Schauspielerinnen des Burglheaters mit Zuversicht, daß nunmehr „Maria Stuart" zur Aufführung und auf das gewöhnliche Repettoirb kommen könne. Sie hatten zu diesem Zwecke eine Petition um Aufhebung des Verbots der Aufführung eingereicht. Nach dem üblichen österreichischen Kanzleischlendttan vergingen mehrere Jahre, bevor ein definitiver Bescheid aus dem Cabinet des Kaisers erlassen wurde. Endlich, gerade an dem Vormittage, als die Probe des grünen Domino's stattfinden sollte, erschien ein solcher und brachte alle Gemüter in Aufregung. Die Petenten wurden abschlägig beschieden. Der Kaiser erklärte in dem Schriftstück, daß er der Hingeschiedenen sein Wort halten müsse.
Mit mehr oder weniger Zurückhaltung räsonierten die in ihren Erwartungen getäuschten Künstler und Künstlerinnen über das verhängnißvolle Edict, welches nach wie vor ein
die Billets für die eine ober andere Route gültig zu erklären hätte. Derartige Erleichterungen sind bekanntlich von dem Minister der öffentlichen Arbeiten alsbald nach Uebenmhme der staatlichen Verwaltung den Direktionen der neu erworbenen wie der älteren Staatsbahnlinien, wo irgend anhängig, allgemein zur Pflicht gemacht.
Ulm, 24. Mai. Der Gouverneur der hiesigen Festung, königlich preußischer Generallieutenant, Graf Neidhardt v. Gneisenau, beging, wie man dem „Schw. M." von hier schreibt, gestern sein 50jähriges Dienstjubiläum. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Jubilar ein von den Offizieren der Garnison gestifteter wertvoller, prachtvoll gearbeiteter silberner Tafelaufsatz überreicht. Der Name Gneisenau hat schon in den Befreiungskriegen eine hervorragende Stellung in der Geschichte eingenommen und wird solche auch unauslöschlich behalten., v. Gneisenau ist geboren am 3. Mai 1811, im Juni 1830 trat er zum 1. Kürassier- Regiment, wurde 1833 Sekonde-, 1847 Premierlieutenant der Infanterie, 1850 wurde er zum Hauptmann, 1857 zum Major, 1861 zum Oberstlieutenant und 1864 zum Oberst des 2. nasfauischen Infanterie-Regiments, in welchen Staat er zur Dienstleistung übergetreten war, befördert. 1868 trat er wieder in preußische Dienste, wurde zum Generalmajor und Kommandeur der 31. Jnfanleriebrigade ernannt, 1873 zum Kommandanten von Magdeburg berufen und daselbst zum Generallieutenant befördert und seit 1876 mit der Oberleitung der hiesigen Festung als Gouverneur betraut.
Ausland.
Wie«, 28. Mai. Die Generalversammlung der Staatsbahn-Gesellschaft genehmigte die Anträge des Verwaltungs- ratcs und bestimmt die Dividende auf 5 Frcs. wonach sich das GesammterträgniS von 1879 auf 30 Frcs. per Actie beläuft. Der Juli-Coupon wird mit Hinzurechnung von 5 Frcs. Abschlagszahlung auf die diesjährigen Interessen mit 10 Frcs. eingelöst und 224,964 Frcs. werden auf Rechnung pro 1880 übertragen. Die austretenden Verwaltungsräte wurden wiedergewählt.
Pest, 28. Mai. Der im Duell verwundete Graf Zichy- Ferraris ist gestorben.
Rom, 27. Mai. In der heutigen' Sitzung der De- putterteukammer stimmten bei der Wahl der vier Vice- prästdentm 426 Abgeordnete. Auf Bare fielen 211, auf Spantigati 207, aus Manrogonato 206, auf Rudini 200, auf Abignente 200, auf Piancioni 195, auf Tajani 190, auf Baccelli 135 Stimmen. Da kein Candidat die notwendige Stimmenzahl erhielt, findet Stichwahl statt. Für diese wie für die Wahl der Secretäre und Quästoren einigten sich die Parteien der Constitutionellen und Dissidenten, eine gemeinsame Liste vorzuschlagen. Zu Secretären wurden Solidati und Ferrini (Dissidenten'), Mariotti und Quar-
Meisterstück des größten deutschen Dramatikers von der Wiener Bühne verbannte, nur der sonderbaren eigensinnigen Launenhaftigkeit einer alten und sogar schon längst begrabenen Frau zu Liebe. Theodor Körner, der von frühester Jugend auf im väterlichen, Schiller so nahestehenden Hause in der innigsten Verehrung des seinem Vater befreundeten Dichters großgezogen war, geriet darüber in hohen Zorn und war in der Wahl feiner Worte nicht eben vorsichtig, so daß einige Anwesende glaubten, ihn warnen zu müssen.
Gerade als die Diskussion über die heikle Angelegenheit ihren Höhepunkt erreicht hatte, trat Antonie Adamberger, in einen Pelzmantel gehüllt und noch etwas angegriffen und bleich von der überstandenen Krankheit herein. Nachdem sie von allen Seiten die herzlichsten Glückwünsche zu ihrer Genesung empfangen, wurde sie um ihre Meinung über das kaiserliche Edict befragt, dessen Erscheinen einen solchen Sturm des Unwillens veranlaßt hatte.
Da antwortete sie mit ihrem sanften Lächeln, halb gegen Körner, halb gegen die Anderen gewendet:
„Ich will mir gewiß nicht anmaßen, den Schaden zu beurteilen, den dadurch das Publikum jedenfalls erleidet, noch was sich für und gegen die Sache selbst sagen läßt; es ist eine einfache Frage zwischen Recht und Unrecht, zwischen Wahrhttt und Falschheit. Was mich betrifft, so kann ich nur sagen, daß wenn ich einer geliebten Person ober sonst irgenb Jemanden ein Versprechen gegeben hätte, so würde ich es unter allen Umständen halten, so lange ich lebe, und der Tod dieser Person würde das Versprechen nicht weniger bindend, ja wohl noch bindender für mich machen."
Diese mit einfacher Herzlichkeit gegebene Hinweisung auf