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Marburg, Freitag, 28. Mai 1880

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Wie ist cs doch mit der Weltgeschichte? Ist sie Er­gebnis der Freiheit oder der Notwendigkeit, des Unbewußten oder des sich frei bestimmenden Willens? Erschafft sie sich ihre großen Männer, oder wird sie von den bahnbrechen­den Genies gemacht? Sind wir das Spielzeug heimlich reifender Kräfte und Gedanken, oder vermag es der Ein­zelne, eigenmächtig und bahnbrechend in das Räderwerk der menschlichen Maschine einzugreifen und die Entwickelung von Millionen zu bestimmen? Vielleicht läßt sich diese- Rätsel auf einer Fischerei-Ausstellung nicht lösen, aber die BerliiierAusstellung besitzt eines dieser bahnbrechenden Ge­nies in Fleisch und Bein, eines dieser Originale, von denen man oft nicht weiß, ob sie Sklaven oder Herren der sie treibenden Ideen sind. Dieses Prachtexemplar war nicht etwa ausgestellt, sondern gehörte zu den Ausstellern, und es wäre auch von den Berlinern jedenfalls einigermaßen gewürdigt worden, wenn es irgend einen Titel gehabt hätte, oder sich einer offiziellen Stellung erfreute, etwa als Wirk­licher Geheimrat. Ja, ich glaube, wenn Berlin einen ein­zigen Wirklichen Geheimen Rat hätte, der eine solche Kraft Und Initiative zeigt, wie dieser Francesco Cino, derselbe vürde als ein wahres Meerwunder betrachtet werden, aber ich wohl, schwerlich lange seiner offiziellen Stellung er­freuen.

Denn unser Freund ist kein Geheimrat und nicht ein­mal ein studierter Mann, ja. er hat in seinem ganzen Leben eine Schule besucht. Er hatte als armer, dummer Junge, rer er war, dazu einen triftigen Grund, den er jetzt nicht Zue Erröten erzählt. Er bildete sich nämlich ein, daß

kommend handhaben. Mit einzelnen Ergebnissen der Wiener Besprechungen sich eingehend zu befassen, wird an der Zeit sein, sobald wir die entsprechenden Fakultäten vom £anb* W r?^anAt h^en. Die Befürchtung des Pronuntius Jaeoblni, für den Fall, daß etwa die Regierung wechselte, ist eine Gegenseitige. Wenn der Pronuntius Klarheit in dem Staatsministcrialbeschlusfe vermißt, so muß ich fragen was denn auf römischer Seite bisher klar ist. Wir haben seit des Ministers Puttkamer Amtsantritt erhebliche prak­tische Concessionen gemacht. Was hilft uns eine theoretische Parteinahme des römischen Stuhles gegen die Socialisten, wenn die katholische Fraktion des Landes unter lauter Be- kennung ihrer Ergebung in den Willen des Papstes in allen Abstimmungen den Socialisten, wie jeder anderen subversiven Tendenz öffentlich Beistand leistet?Die katho- lische Partei, die sich speziell zum Dienste des Papstes ^sentlich bekannt, hat im Landtage die Regierung auf allen Gebieten, z. B. der Eifeubahnfrage, dem Schanksteuergesetz, dem Feldpolizeigesetz, der Polenfrage angegriffen, ebenso in der Reichspolitik; selbst in Existenzfragen, wie z. B. bei dem Militäretat, dem Socialistengesetz, den Steuervorlagen steht die katholische Partei geschlossen uns gegenüber und nimmt jede reichsfeindliche Bestrebung unter ihren Schutz. Wenn man uns sagt, diese Fraktion werde irregeleitet durch ihre Führer, so würde ein Wort vom Papste oder den Bischöfen, ja auch nur die diskreteste Abmachung diesem unnatürlichen Bunde des katholischen Adels und der katho­lischen Priester mit den Sozialisten ein Ende machen. So lange statt dessen die Regierung in den Bahnen ihrer Existmz durch die römisch-katholische Fraktion bekämpft wird, ist Nachgiebigkeit für die erstere ganz unmöglich. Die Regierung kann friedlichen Bestrebungen friedlich ent­gegen kommen, läßt sie sich aber ihre Hand durch Kampf oder Drohungen binden, so hat sie als Negierung abdiciert. Wenn dazu kommt, daß auch der Papst oder der Pronun- tiuö von einer drohenden Sprache Nutzen für die Ver­handlungen zu erwarten scheint, so sieht man daraus mit Bedauern, wie fern man dort jedem hier annehmbaren Gedanken an einen modus vivendi steht. Die Andeutung definitiver oder sonstiger Beschlüsse, wie der Abbruch der Verhandlungen oder jede andere Drohung macht uns keinen Eindruck. Was unangenehmes oder gefährliches in dieser Art uns bereitet werden konnte, haben wir bereits erduldet und müssen es ferner dulden, wenn die Geistlichkeit ihre sie dem Staate wie der Bevölkerung entfremdende Rolle fortsetzt. Die Verminderung der Geistlichen, das Verschwin­den der Bischöfe, der Verfall der Seelsorge flößen uns leb­hafteste Sympathie ein, es ist aber Sache der Kirche und des Papstes, dies zu verantworten. In anderen Ländern hat die katholische Geistlichkeit unter sehr viel härteren Be­dingungen, ja unter großen Gefahren und Demütigungen ihre Gläubigen nicht unbefriedigt gelassen, das tolerari aüe Kinder, die in die Schule gingen, denselben Berns er­lernten, und meinte nun, es sei doch unmöglich, daß Alle darin Anstellung und Brot finden könnten. So stellte er sich als fünfjähriger Bengel auf sich selbst, lernte gar nichts und wanderte et in seinem dreizehnten Lebensjahre aus seiner elterlichen Hütte zu Rizza-Monferato hinaus in die Wett. Er halte 14 Sous in der Tasche und wollte end­lich das Joeal erreichen, das ihm schon lange vorgeschwebt hatte, nämlich Handelsmann zu werden. Vorderhand fand er darin freilich noch einige Schwierigkeiten und bis zu seinem neunzehnten Jahre lief er mit einem Stricke über der Schulter vor einem Karren hin. Dann schenkte ihm das Glück einmal einen kurzen Sonnenblick. Er begann wirklich mit dem Handeln, versuchte dies und jenes, schlug zuweilen einen Purzelbaum und stand wieder auf. Auf's Einzelne kommt es nicht an. Genug, er ist jetzt vierund­vierzig Jahre alt und läßt alljährlich etwa vierzig Mil­lionen Franken zwischen Italien und einigen nördlicher gelegenen Ländern hin und herroflen. Die italienischen Zeitungen aber nennen ihn den italienischen Napoleon oder ihren zweiten Cavour, und das ist vielleicht einer ihrer besten Einfälle, selbst wenn sie sich, was man fast annehmen möchte, der ganzen Tragweite dieser Titel nicht ganz bewußt sein sollten.

Denn die Italiener sind darin zum Teil noch ebenso unvernünftig wie wir, die wir Geschichte lesen und schrei­ben, daß sie als die eigentlichen Hebel der Weltgeschichte noch Säbel und Kanonen ansehen und sich einen wirklich großen Mann nur auf dem hohen Pferde der völkermor­denden Schlachten denken können. Eine erfreuliche Probe von höherer Intelligenz ist es daher immerhin, daß sie ihren Cirio nicht den neuen Garibaldi nennen; denn

posse sehr viel weiter getrieben, als nötig sein würde, nm in Preußen die Seelsorge zu üben, ohne mit den Maigesetzen in Konflikt zu kommen. Bis jetzt sind wir es, die praktisch entgegenkommen. Die gerichtlichen Ver­folgungen sind sistiert, soweit das Gesetz es uns erlaubt, den Staatsanwälten und der Polizei ist Mäßigung auf­erlegt; die Kirche aber läßt ihre Anwälte im Reichstage, im Landtage und in der Presse den großen und kleinen Krieg fortsetzen. Bezüglich der Gleichheit der Concessionen, bezüglich des Vorgehens pari passu in denselben ist unser staatliches non possumus ebenso zwingend wie das kirch- liche. Ich habe niemals zu Massella oder Jacobini eine Silbe gesagt, welche dahin gedeutet werden könnte, daß wir eine Revision resp. Abschaffung der Maigesetze nach Maß­gabe der klerikalen Forderungen willigen würden.

Bismarck."

Aus Berlin schreibt man noch:Ueber den Zeitpunkt, in welchem die Erklärung der römischen Kurie wegen der kirchenpolitischen Vorlage hier eingetroffen und über die Aufnahme, welche dieselbe beim preußischen Staatsministe- rinm gefunden, gehen die widersprechendsten Nachrichten durch die Blätter. Wie ans glaubwürdigster Quelle ver­lautet, traf die erste und bis heute einzige Mitteilung aus Rom am Sonnabend Nachmittag beim Reichskanzler ein unb von hier aus, nicht etwa von Rom, hat bieselbe ihren Weg in die Presse gefunden. Daß das Staatsministerium schon am Sonnabend mit der Sache beschäftigt worden sei, ist einfach unrichtig. Thatsache ist, daß einzelne Mitglieder des Ministeriums am Dienstag Nachmittag noch nichts von, der römischen Botschaft wußten, die Fürst Bismarck zunächst nur dem Ressortminister, Herrn von Puttkamer mitgeteilt zu haben scheint. Das ging um so eher an, als von einer offiziellen Mitteilung seitens des heiligen Stuhles bis heute noch nicht die Rede sein kann. Es gelangte durch welche Vermittelung mag dahin gestellt bleiben die telegraphische Nachricht hierher, der Papst habe sich bezüglich des Entgegenkommens der preußischen Regierung dahin ausgesprochen, er betrachte seinen bekannten Brief an den Erzbischof Melchers von Köln nunmehr als nicht ge­schrieben. Leicht möglich, daß diese Aeußerung für die

^.^"rdinals Hohenlohe bestimmt war. Die preu- ßilche Regierung war davon um so eher überrascht und mußte überrascht sein, als genau ausgerechnet werden konnte, daß der Text und die Motive der Vorlage an den Landtag nicht vor Sonntag nach Rom gelangen würben. Der Papst muß also ohne Kenntnis derselben und ohne Rücksicht darauf gehandelt haben. Nichtsdestoweniger bezweifelt man tu den maßgebenden Kreisen nicht im allergeringsten die Authencltät der Nachricht, man ist nur begierig, zu er-

*n welcher Form sie offiziell bestätigt »erben wird. Geschieht eine offizielle Notificiernng, so kann sich Herr der Unterschied liegt darin, daß Garibaldi, der einmal ein großer Mann und Kriegsheld gewesen ist, jetzt Kartoffel pflanzt und Kohl schwatzt, während Cirio das befreiende Werk des jetzigen Einsiedlers von Caprera mit Kartoffeln und Kohl sortsetzt. Ja, buchstäblich mit Kartoffeln und Kohl und noch einigen Sachen dazu, wie Eiern und Austern.

Daß man auch mit solchem erbärmlichen Geschütz große politische Thaten vollbringen kann, läßt sich mit wenigen Worten nachweisen.

Dem jungen Italien drohte dieselbe Gefahr, die auch mit dunkeln Schatten über dem geeinigten jungen Deutsch­land liegt, die Gefahr, von den Kosten der erhöhten gesell­schaftlichen Stellung im europäischen Concerte erdrückt zu werden. Hüben wie drüben sehe» wir, wie schwer es dem Volksgeiste wird, mit den plötzlichen Erfolgen genialer 'Staatsmänner, den Triumphen siegreicher Heere gleichen schritt zu halten., Industrie und Handel zagen unb zau- bem, bte neu eröffneten Bahnen zu betreten unb bleiben in den alten Geleisen, in benen sie unter ben erschwerten Bedingungen notwendig verkümmern müssen, unb selbst bie bureankratische Maschine versagt vor ben neuen Auf­gaben, weil es so gar schwer ist, das alte Räberwerk auf brettere Grnnblage zu stellen ober das alte System mit neuem Geiste zu beleben. Unb was sogar unser moberneS parlamentarisches Universalmittel gegen bieses alte Gesetz der Trägheit wert ist, dafür dürfte des Herrn Bambergers neuliche Rede in der Samoa-Angelegenheit typisch sein. Nun wird es für Deutschland ziemlich verwickelter Mittel und vielfacher Arbeit der Geister unb Körper bebürfen, um aus biesem Sumpfe herauszukommen. Italien aber hat in feinem natürlichen Beruf als Garten Europas und

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hennann'sche Buchhanbl.

Anzeigen nimmt rmgegen: die Expedition d.Blatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Lriprig, Tbln rc>; Rudolf Kost- in Berlin, Frank- futt a. M. ic.

Aür den Monat Juni werden von allen Post- O anstalten (auf dem Lande von den Landpost­boten) Bestellungen aus die

Bberhessische Zeitung

mit deren Gratisbeilage

JllustrirteS Sonntagsblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.

Die ExpeS. d. Oberh. Zeitung.

Tagesbericht.

Der Kaiser conferierte am Dienstag längere Zeit mit dem Fürsten Bismarck.

Aus Erklärungen beS Fürsten Bismarck an verschiebene Abgeordnete soll hervorgehen, baß bie Verhandlungen mit dem Papste noch nicht abgebrochen sind.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Nachdem über bie Genesis der Vorlage, betr. bie kirchenpolitischen Gesetze unb deren Verhältnis zum Staatsministerialbeschluß vom 17. März, tu Landtagskreisen Zweifel unb irrtümliche Auf­fassungen verlauten, sinb wir in ben Stand gesetzt, folgen­den Erlaß an ben Kaiserlichen Botschafter in Wien vom 20. April mitzuteilen:Daß in unseren Unterhandlungen Rückschläge früher ober später eintreten würben, darauf war ich burch die Haltung bes Centrums vorbereitet; wir müssen auch ferner barauf gefaßt fein, daß römischerseits jedes Mittel der Diplomatie erschöpft wird, bevor wir zu einem erträglichen modus vivendi gelangen, da bie römi­schen Prälaten durch ihre mangelhafte Einsicht in bie preußischen Verhältnisse stets verleitet werben, übertriebene Erwartungen zu hegen unb ihre Ziele zu hoch zu stecken. Wenn man geglaubt, daß wir nicht blos abrüften, sondern unsere Waffen im Wege der Gesetzgebung vernichten wollten, so hat man uns eine große Thorheit zugetraut, wozu ich durch keine meiner Aeußerungen Anlaß gab. Andererseits ist der Pronuntius im Unrecht, wenn er der preußischen Regierung einen Vorwurf daraus machen will, daß der Staatsministerialbeschluß vom 17. März die Wiener Be­sprechungen mit Schweigen übergehe. Der Staatsmini- sterialbeschluß nimmt sehr wesentliche Modifikationen der Maigesetze in Aussicht, wenn er für bie Regierung bie Befugnis erstrebt, bie Ausführung ber Maigesetze zu unter­lassen. Bis jetzt ist bie Regierung verpflichtet, jene Gesche streng burchzusühren; bei Entbinbung von biefer Verpflich­tung kann sie bte Gesetze friedlich unb freundlich entgegen*

daselbst; Juvalid-ndank in Berlin; W. Thienes in Hßerfelb; C. Schlotte in

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