Nr. 12 ä.
Marburg, Donnerstag, 27. Mai 1880
XV. Jahrgang
Li»eigen nimmt entgegen: eit Expedition ».Blatte«, (o»ie d-Annoncen-Bureaux 90« Th. Dietrich & Eo. in Lasset and Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasrnstein & Bögler in eklirrt c M., Berlin, ij, Wkn n.; Rudolf Arffe in Berlin, Iranl- furt a. L>r. re.
ObchMk jfitniiö
Anzeigen nimmt entgegen dir Gxpeditton d. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureauk von ®. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbK; Hermann'sche Buchhanol. ♦ daselbst; Jnvalidendaick i»
Berlin; W. ThienrS in Elberfeld: L. Schlotte in Bremen.
Crscheim täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „J»UftrirteS SouutagSblatt" durch die Expedition lKoch'fche Buch druck ereil bezogen 2\ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf-
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adrefien werden 25 Pfg. berechnet.
ür den Monat Ium werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpost
boten) Bestellungen auf die
Dderhessische Zeitung
mit deren Gratisbeilage
JllustrirteS Sonntagsblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.
Die Exped. d. Oberh. Zeitung.
Die Familie und der Socialismus.
II.
Aus dem vorigen Artikel (s. Nr. 116 d. Bl.) ersahen wir, daß die Frau schon gegenwärtig recht „vielseitig" beschäftigt wird. Daß aber die Häuslichkeit, das Familienleben darunter leidet ist selbstverständlich; denn wo nicht nur der Mann, sondern auch die Frau von morgens bis abends außer dem Hause thätig, wo die Kinder unter „Aufsicht" einer Nachbarin gelassen werden, die wiederum um die Kinder sich nur soviel kümmert, als absolut notwendig, da ist von Häuslichkeit und Familienleben keine Rede mehr. Und so kommt es denn, daß wir heute sehr viele Ehen zu verzeichnen haben, bei denen von einem wirklich ehelichen, familiären Verhältnis nichts anzutreffen ist. Und was das Schlimmste ist, bei unserer heutigen wirtschaftlichen Produktionsweise wird ein Familienleben für den Arbeiterstand von Tag zu Tag illusorischer. Noch zwei Dezennien so fortgcwirtschaftet — und die Arbeiter wissen in ihrer Gesamtheit nicht mehr, was ein glückliches Familienleben bedeutet. Und weshalb?
Der Betrieb der Maschinen im Gewerbe macht zunächst die gelernten Arbeiter überflüssig, indem die Maschinen selbst produzieren und zur Bedienung der Maschinen keine Kunstfertigkeit, sondern nur Gewandtheit notwendig ist. Diese Gewandtheit kann aber mit Leichtigkeit Frauen, ja selbst Kindern beigebracht werden, und so bedarf man denn nicht nur nicht die technisch gebildeten Arbeiter, sondern überhaupt des männlichen Arbeitsmaterials nicht mebr. Verfolgen wir die Sache einmal an der Hand eines Beispiels: Die Filzhutmacherei war noch vor einem Dezennium ein lohnendes Gewerbe. Dann kamen aber die Fach-, Filz- und Walkmaschinen und nun bedurfte man der gelernten Hutmacher nicht mehr, sondern Mädchen und Frauen zum Aufschließen der Fache und Arbeitsleute zum formen und formieren wurden eingestellt. Natürlich fiel nun auch der Lohn in einer ganz besonderen Weise. Aehnlich in allen Gewerben, wo die Maschine in Anwendung gekommen. Die tausende von Arbeitern die nun in den einzelnen erlernten Branchen nicht mehr Arbeit finden können, müssen sich nun natürlich nach anderer Arbeit umsehen, vergrößern also zunächst das
Die Tochter des Fregatteueapitäas.
Novelle von Fritz Mühlbach.
(Schluß.)
Teurer Vater, fuhr sie fort, wenn Deine Liebe meinen Fehltritt überlebt hat — wenn Du wünschest, daß Dein Kind ruhig sterbe — dann umarme ihn als Freund — und mache Du mein Unrecht wieder gut. —
Die beiden Männer sahen einander schweigend an, die Rinde tauete von ihren Herzen, sie umarmten sich herzlich, Nina's Auge glänzte freudig. Gott sei Dank! murmelte sie schwach. Laß' nun meine Mutter kommen — und mich segnen.
L'Estrange ging, um seine Gemahlin herbeizuholen. Teurer Ethelston, fuhr Nina fort, sprechen Sie ein Wort. Meine törichte Leidenschaft, die Eifersucht, die meinen Busen erfüllte ist erloschen. Meine :iebe . . . bleibt hier . . . ewig. Freund, Ratgeber, Bruder . . . zümen Sie mir nicht, daß ich Sie jetzt so nenne!" —
Noch immer unfähig zu sprechen, drückte Ethelston wiederh^,ihre feine Hand an seine Lippen. Eine Thräne fiel dar. die der Kranken bewies, daß es nicht Teilnahrns- losigke' ,>i, die seine Zunge fesielte.
Jetzt, trat L'Estrange -mit seiner Gemahlin ein, die zwar ein schwaches, törichtes Weib, aber deren Herz für Muttergefühle nicht erstorben war, wie ein so ernster Auftritt sie erwecken mußte.
Sie weinte lange und heftig an dem Lager ihres sterbenden Kindes; vielleicht das Bewußtsein, durch Vernach-
Heer der Arbeitslosen. Die Ueberflüssigen aber müssen auf alle Fälle Arbeit haben, sofern sie nicht verhungern oder stehlen wollen. Sie überlaufen den Fabrikanten nach Arbeit, und dieser drückt nun natürlich, da er sieht wie wohlfeil sich die Arbeiter anbieten, die Löhne. Ja, würde er, der Einzelne, dies nicht thun, so würde er einfach nicht konkurrenzfähig sein; da seine Konkurrenten sich wahrscheinlich die Gelegenheit, billiger zu produzieren, sich nicht entgehen lassen. Mit einem Minimum von Verdienst kann aber der Arbeiter, sofern er Familienvater ist, seine Familie nicht ernähren und deshalb muß die Frau auch in die Fabrik, um mit zu verdienen. Der Fabrikant nimmt weibliche Arbeitskräfte da, wo er sie verwenden kann viel lieber als männliche, denn sie sind billiger. Und deshalb werden die weiblichen Arbeitskräfte eingestellt und die männlichen enllassen.
Ja, wir haben es herrlich weit gebracht, indem wir der Bethätigung des Einzelnen keine Schranken setzten: Mann, Frau und Kind, alle können sie heute verdienen, während früher nur der Mann dies vermochte, können die Liberalen mit Recht auörufen. Aber sie verschweigen wohlweislich, wie es mit den Lohnverhältnissen steht und daß früher oft der Mann eben so viel verdient hat, als heute Mann, Frau und Kind zusammen. Wenn wir diese traurigen Verhältnisse ändern wollen, dann muß die Freiheit im Gewerbe aufhören, vor allem aber müssen Zwangsinnungen eingerichtet werden, damit die Maschinen, diese eisernen Arbeiter, zum Nutzen der Allgemeinheit, und nicht wie dies heute der Fall ist, zum Schaden eines großen Teiles der Arbeiter verwendet werden können. Dazu können aber nur die Zwangsinnungen verhelfen, welche im Laufe der Jahre die Jnnungsgenvssen an den Vorteilen wenigstens derjenigen Maschinen partizipieren lassen, die zu gemeinsamer Bemühung auf gemeinschaftliche Kosten angeschafft werden können. Bei den Schneidern zum Beispiel Nähmaschinen, bei den Tischlern Säge- und Hvlzschneide-Maschinen u. s. w.
Eine Aenderung auf wirtschaftlichem Gebiete muß auf alle Fälle bald geschehen, sonst gewinnen die sozialdemokratischen Utopien noch in unserem jetzigen Gesellschaftszustand zum Teil Form und Gestalt.
Diese Freiheit im Gewerbe, diese Zügellosigkeit der wirtschaftlichen Politik zertrümmert die Hauptgrundlage des Staates: das Familienleben. Wir wollen aber nicht die Aufiösung, sondern die Kräftigung des Familienlebens, und deshalb müssen wir darnach trachten, Verhältnisse einzuführen, welche die Frau auf ihren natürlichen Wirkungs- kreis: die Häuslichkeit und Kindererziehung, zurückweisen. Geschieht aber in dieser Beziehung nichts, dann wird die Armee der Unzufriedenen, der revolutionären Elemente immer größer werden; denn wer kein Heim, keine Häuslichkeit, keine Scholle, worauf er sich wohl fühlt, daher arm und elend ist und keine Hllfe nahen sieht, der schwört zum Sozialismus.
lässigung der Erziehung zu den Leidm ihrer Tochter beigetragen zu haben, ihren Schmerz noch mehr verbitterte. Aus Furcht, daß die ungemeine Aufregung ihrer Mutter Nina's schwache Kraft noch vollends erschöpfen möchte, bat Ethelston den Kapitän, sich mit teiner Gemahlin in's anstoßende Zimmer zu verfügen, dann flüsterte er der Leidenden etwas ins Ohr. Ein Lächeln umspielte ihren Munv, als sie erwiderte: Ja, ohne Verzug.
Er folgte den betrübten Eltern, indem er dem Priester, der unter der Thüre wartete, winkte näher zu treten und die Pflichten seines heiligen Amtes zu erfüllen. Nach Beendigung der Beichte Nina's trat Ethelston mit dem Vater wieder ein, die trostlose Mutter mußte aus ihr Zimmer gebracht werden.
Vater, sprach Nina matt, ich habe mich mit dem Himmel versöhnt ... laß mich hier ... auf Erben noch eine Bitte an Dich richten, eine Bitte um Vergebung!
Sprich sie aus, meine Tochter, sie ist Dir schon bewilligt. —
Verzeihe um meinetwillen Jakob und Fanchette; sie haben gefehlt, allein ich habe sie dazu bewogen.
Ich werde sie nicht bestrafen, sagte der alte Seemann weich. —
Tief gerührt flüsterte Ethelston ihr zu: Gesegnet sind, die da Frieden stiften, denn sie sollm Gottes Kinder heißen.
Dankbar drückte ihm Nina die Hand und fuhr zu L'Estrange gewendet fort: Vater laß sie einander heiraten — ich weiß, sie liebm sich . . . die sich lieben, sollten ver-
TageSberichl.
Die „Nordd. Allgem. Ztg." sagt, die wesentliche Stelle in dem Breve des Papstes Leo vom 24. Februar sei die Allokution des Papstes Pius IX. vom 12. März 1877 nachgebildet. Die Ähnlichkeit und die Verschiedenheit der den beiden Fällen zu Grunde liegenden Verhältnisse seien von gleich großem Interesse. Die „Nordd. Allgem. Ztg." erinnert dann an das Verbot des Papstes an die italienischen Bischöfe, das Exequatur nachzusuchen und an die Weigerung der italienischen Regierung, die Bischöfe in die mit den Bistümern verbundenen Bezüge einzuweisen, an das Gesuch der neun italienischen Bischöfe, daß ihnen erlaubt werde, das Exequatur nachzusuchen, an die Antwort des Papstes vom 29. November 1876 mit dem „tolerari posse" und an die vom Papste am 12. März 1877 gehaltene Allokution, deren einschlägige Stelle die „Nordd. Allgem. Ztg." im Wortlaute reproduciert. Die „Nordd. Allgem. Ztg." fügt hinzu, der gegenwärtige Papst sei in dem Entgegenkommen gegen die Regierung noch weiter gegangen, er gestatte, daß seine Behörden, ehe er einen Bischof ernenne, sich vergewissern, ob die italienische Regierung Begicrung Bedenken gegen den Designierten habe. Die Aehnlichkeit und die Verschiedenheit ergebe sich daraus, daß der Papst gegen die italienische Regierung, mit der er in erklärter Feindschaft lebe, entgegenkommender sei, als gegen die preußische, welche er seiner Freundschaft ver- sichern,. und daß die italienischen Bischöfe ein wärmeres Herz für ihre Heerde und größeren Mut gegenüber dem Papste bewiesen, als die Mehrzahl der preußischen Bischöfe.
Die „Nordd. Allgem. Ztg." publiciert die Antwort des Fürsten Bismarck auf ein Gesuch der Stadt Stendal, die Polizeiverwaltungen *ber Städte von über 10,000 Einwohnern der Aufsicht des Landrats zu entziehen. Fürst Bismarck schreibt: Die mir als Reichskanzler obliegenden Pflichten erlauben mir bei verminderter Arbeitskraft leider nicht mehr, mich in dem früheren Maße an den Arbeiten des preußischen Staatsministeriums zu beteiligen. Ich bin namentlich außer Stande, auf die Gesetzentwürfe über die Verwaltung einen Einfluß zu üben. Den Wunsch der Stadt Stendal würde ich aber auch dann, wenn ich mich an den Beratungen des Landtags beteiligte, nicht zu vertreten vermögen, und würde ich von der Aufhebung des innerhalb der Kreise bestehenden geschäftlichen und räumlichen Zusammenhanges eine Lockerung der, wie ich glaube, nützlichen Gemeinschaft und der Wechselwirkung zwischen Stadt und Land befürchten.
Die Eommission des Abgeordnetenhauses für die Verwaltungsreform-Gesetze hat das Verwaltungsgerichts-Gesetz mit unwesentlichen Abänderungen angenommen. Nach den Vorschlägen des Senioren-Convents beginnt die Beratung der Vorlage über Abänderung der kirchenpolitischen Gesetze am Freitag. Anfang der nächsten Woche soll die dritte bunden werden! Ihre Sttmme ward schwächer und schwächer und schwächer, noch einmal schlug sie die dunkeln Augen auf und blickte Ethelston an, ihre Augen strahlten in übernatürlichem Glanze. Auch Sie. . .werden heiraten; aber Niemand wird Sie lieben ... wie Ihre Schwester .... näher . .,. immer näher . . . lassen Sie mich Ihren Odem fühlen. . . . Vater, lege Deine Hand in die seinige . . . so! . . . O, dieser Tod ... ist Para . . .
Nina war nicht mehr. Noch immer spiegelte sich das himmlische Lächeln in ihren Zügen, welches ein Abglanz des Paradieses zu fein schien, das sie zu nennen sich bemühte, als der Tod sie überraschte. Ihr irdischer Schmerz war vergangen; erschöpft sank der verwaiste Vater in Ethel- stons Arme.
Nur wenige Tage verweilte Ethelston bei L'Estrange. So gütig und liebevoll sich dieser auch gegen ihn benahm, fühlte doch der junge Mann, daß seine Gegenwart die trauernden Eltem nur schmerzlich an den erlittenen Verlust erinnerte; er benutzte daher die Ankunft einer Tochter des Kapitäns, die auf Jamaika verheiratet war, als Vorwand zur Abreise.
L'Estrange entließ ihn unter bielen Beweisen seiner Achtung,, nachdem er ihm das Versprechen abgenommen hatte, während der Dauer des Krieges nicht mehr gegen Frankreich zu fechten, und das gleiche Schiff, mit welchem die Tochter des Kapitäns herübergekommen war, führte Ethelston und seinen treuen Cupido nach Portugal, von wo auö Beide bald das Festland von Amerika erreichten.