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N». 121.

Marburg, Mittwoch, 26. Mai 1880

XV. ZahrgMg

Anzeigen nimmt rmgegen: die Gxpedttiox d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Laasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Ziipziü, Lölu zu; Rudolf Zloffe in Berlin, Frank­furt a. M- re.

AkchtssHk jcitmiii.

Anzeigen nimmt entgegen die Gxpedttton b. Blatte» sowie d-Annoncen-Bureaux von ®. 2- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Juvalibendant in Berlin; W. Thiene» in Aderseld: L. Schlotte in Bremen.

Srscheint tSzlich außer an den Werktagen nach Sonn, und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „ZtluftrtrteS SountagSblatt" durch die Ervedition («och'sche Buchdruck-r-t) bezogen 2i Mark, durch die Postämter d-S Deutschen Reiches 2 Mark 50 ?f0. (etcl8efteaflebW). -»UngS’K bie gespaltene Zeile lO Pfg 5üt in der Eppedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

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flkür den Monat Juni werden von allen Post- ö anstalten (auf dem Lande von den Landpost­boten) Bestellungen auf die

Bberhessische Zeitung

mit deren Gratisbeilage

JllustrirteS Sonntagsblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.

Die Expeb. d. Oberh. Zeitung.

Deutsches Reich.

** Berlin, 24. Mai. Man erwartete bisher, daß am Freitag bie kirchliche Vorlage zur ersten Beratung im Abgeordnetenhause gelangen wirb unb baß bei bieser Ge­legenheit ber Kultusminister ben einleitenben unb begrün» benben Vortrag halten bürste. Welche Gestalt bieser aber annehmen wirb, wenn bas Telegramm ber „Köln. Ztg." aus Rom sich bestätigt, nach welchem ber Papst aus Ver­anlassung ber Vorlage ber preußischen Regierung, bie in seinem Breve an ben Erzbischof Melchers ausgesprochene Bereitwilligkeit, bie Anzeige ber zu geistlichen Stellen be­rufenen Personen bei der Regierung zuzulassen, zurückge­nommen haben soll, läßt sich freilich nicht Vorhersagen. Sehr Beachtenswert ist jebenfalls, baß gleichzeitig bie „Germania", welche wohl schon im Besitz von Weisungen aus Rom sein könnte, ben Mund wieber sehr voll nimmt unb in's Kriegshorn stößt. „Ohne eine Spur von Be­ängstigung" sagt sie, „ja, mit einet gewissen Freude be­merkten wir am Schluß bes Reichstags bie plötzlich ver­änderte Tatik, bie Rückkehr zum direkten Angriffsystem mit dem alten Kulturkampf — hurrah. So haben wir es gern." An einer anderen Stelle desselben Artikels sagt bas Blatt: Wenn bie Regierung bie Absicht verfolgt, durch Entgegenkommen bas Vertrauen bet Katholiken auf sich zu lenken, so würde sie selbst mit der gänzlichen Be­seitigung ber Maigesetze unb • mit ber gänzlichen Wieder­herstellung des alten Zustandes wohl nicht mehr zum Ziele gelangen. Run, wenn die Dinge so stehen, kann sich die Regierung in der Thal alle Ftiedenöbemühungen ersparen. Es ist nicht das erste Mal, daß die „Germania" ver­sichert, der Kulturkampf habe lediglich der Kirche genützt und die Macht des Centrums verstärkt. Wenn dem so ist, so bleibt nur bie Frage übrig, warum bie „Germania" nicht unterlassen hat, bie Folgen des Kulturkampfes im kläglichsten Tone auszumalen. Einen Feind, den man fliehend vor sich hertreibt, bestürmt man doch nicht mit Klagen. Wenn man zwei so entgegengesetzte Rollen dnrch-

Die Tochter des Fregatteucapitäus.

Novelle von Fritz Mühlbach.

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(Fortsetzung.)

Ein so dumpfer Starrsinn, eine solche Teilnahmlosigkeit hatte sich ihrer bemächtigt, daß selbst der Vater nicht wußte, ob sie ihn kenne oder nicht. Dieser -instand hielt mehrere Tage an; endlich eröffnete ber Arzt L'Estrange, es sei keine i i Hoffnung mehr, Nina zu retten; er müsse sich auf's Schlimmste gefaßt machen.

Die sonst so gleichgültige Mutter Nina'« war durch bie Besorgnis ihrer Apathie aufgestachelt worben und wachte mit unermüdeter Sorgfalt am Krankenlager. Endlich sank Nina in einen ruhigen Schlaf; ihre Eltern faßten schon Hoffnung und erlaubten sich einige Stunden der langent­behrten Ruhe. — Am nächsten Morgen erwachte Nina; ihr Auge blickte nicht mehr irre unb leer um sich, eine leichte Röte färbte ihre Wangen, leise, aber vernehmlich rief sie ihren Vater an ihr Lager. Mit unnennbarem Ent­zücken bemerkte er biesen Dämmerschein ber wiederkehrenden i [ Vernunft. Seine Freude war von kurzer Dauer. Nina winkte ihm näher zu treten und sagte: Gott sei Dank, daß ich noch Deinen Segen, Deine Verzeihung erflehen kann, teurer Vater! Hier hielt sie ein und strich mit ber abge­wogenen Hanb über die Stirn. Ja jetzt entsinne ich mich! Der Orangenhain — die Flucht — das Schiff — die letzte Begegnung. — O, wo ist er — wo ist Ethelston.

In sicheret Verwahrung, antwortete L'Estrange mit kaum verhaltener Wut. Er soll meiner Strafe nicht ent- V. gehen. Der Schurke soll die Schwere meines gerechten Zornes--Halt ein, Vater! rief Nina, indem sie sich

mit ungeheurer Anstrengung im Bette ausrichtete und schnell

führen will, wie die des Triumphators und des Mitleid flehenden geschlagenen Mannes, macht man dem Zuschauer allzu deutlich, daß Alles nur Komödie ist.

Darmstadt, 24. Mai. Vorgestern Abend starb ber Präsident des deutschen Parlaments des Jahres 1848 in ber PaulSkirche zu Frankfurt, Heinrich Wilhelm August Freiherr v. Gagern, im 81. Lebensjahre. Geboren 1799 zu Bayreuth, bereitete sich v. Gagern 1812—14 auf ber Militärschule zu München zur militärischen Laufbahn vor, trat in nassauische Dienste unb machte als Lieutenant bie Schlacht bei Waterloo mit. Rach dem Frieden wandte er sich den juristischen Studien zu, denen er in Heidelberg, Göttingen und Jena oblag, und trat in den großherzoglich hessischen Staatsdienst ein. 1821 wurde er Assessor bei dem Landgericht in Worms, 1824 Regierungsassessor und 1829 Regierungsrat. Im Jahre 1832 wurde er in die hessische Zweite Kammer gewählt unb wirkte hier als einer der Führer der entschieden liberalen Partei, worauf er im November 1833 aus dem Staatsdienst entlassen wurde. Er lebte bann als Lanbwirt auf betn von seinem Vater erpachteten Gute Monsheim unb setzte nach seiner Wieder- erwählung auf ben beiden folgenden Landtagen den Kampf gegen das in Hessen herrschende Regiernngösystem fort. Die Ereignisse vomFebruar 1848 beriefen ihn zur Thätigkeit auf einen höheren Schauplatz. Der Erbgroßherzog wurde am 5. März zum Mitregenten ernannt unb von biefent Gagern an bie Spitze ber Regierung berufen, von welcher Stelle et jedoch, da ihn die Angelegenheiten des weiteren Vater­landes vollständig in Anspruch nahmen, bald wieder zurück- trat. Gagern gewann mit seinem erbkaiserlichen Einheits­gedanken einen begeisternden Einfluß auf die zahlreichen Gesinnungsgenossen in dem am 31. März 1848 zusammen- tretenben „Vorparlament" und wurde sodann zum Präsi­denten der am 18. Mai in Frankfurt eröffneten deutschen Nationalversammlung gewählt. Auch bei den Gegnern bestand kein Zweifel an ber Reinheit seiner Absichten. Als die Hoffnung auf-tine rasche Verständigung mit ben Regie­rungen sich als nichtig erwies, beantragte er mittels eines „kühnen Griffes" die provisorische Centralgewalt durch bie Nationalversammlung einsetzen zu lassen, woraus bie Wahl bes Erzherzogs Johann zum „Reichsverweser" erfolgte. Gagern sprach bereits bei ber Beratung ber ersten Artikel ber Reichsverfassung (am 26. Oktober) seine Ansicht für ein Ausscheiben Oesterreichs aus bem engeren Bundesstaate unb für ein weiteres Bündnis zwischen diesem und dem österreichischen Kaiserstaate aus. Dieser Gedanke fand in Oesterreich um so weniger Zustimmung, als der Kaiser- ftaat im Innern bald einen vollständigen Umschwung er­fuhr. Die bisherige Mehrheit in Frankfurt spaltete sich bald in Oesterreicher und Deutsche und am 15. December schieden v. Schmerling und seine Landsleute aus dem Reichsministerium aus und Heinrich v. Gagern trat nun seinen Arm ergriff, verfluche ihn nichtI Mich allein treffe Dein Zorn! Höre mich ohne Unterbrechung an — meine Stunden sind gezählt — meine Kraft ist erschöpft.

Nun erzählte sie mit schwacher Stimme Alles, ihre Liebe, ihren Betrug, ihre fortgesetzten Versuche, ein Herz zu gewinnen, das einer Andern schlug. — In dieser ernsten Stunde beteure ich feierlich, schloß sie und sank erschöpft auf ihr Kissen zurück, er hat nie von Liebe mit mir ge­sprochen, mich stets nur gewarnt, beraten wie ein Vater — ach , ich nahm seinen Rat nicht an — sein Bild erfüllte meine Gedanken, beherrschte meine Gefühle, mein ganzes Selbst — beherrscht sie noch jetzt — laß' mich in Frieden sterben, umarme ihn als Sohn — als Freund. —

Kaurn konnte L'Estrange seine Bewegung bemeiftern. Nach kurzem Schweigen erwiderte er: Mein armes Kind, Du träumst noch, fürchte ich. Nur erst vor einigen Tagen warf ich ihm brieflich seine Schurkerei vor; seine Ver­teidigung war nur eine scheinheilige, leere Ausflucht. — Wie? fragte Nina schwach. — Der Vater wiederholte ihr die Worte des Briefe«; ein mildes Lächeln flog über ihre Züge, sie faltete die Hände und sagte: das sieht ihm ähn­lich — o mein edler, hochherziger Freund. Vater, Du bist blind, er mochte sich nicht durch die Schande Deiner Tochter entschuldigen. — Frage Fauchette, Jakob, sie wissen's nur zu gut, zweifle nicht, Vater. Bei dem Gott, vor dessen Thron ich zu erscheinen eile, ich rede die Wahrheit; versüße mir die letzten Augenblicke unb bewillige meine Bitte.

L'Estrange erhob sich mit abgewandtem Gesichte und befahl Ethelston unverzüglich herbeizurufen. Eine lange Pause erfolgte. Nina betete leise; ihr Vater bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen unb kämpfte heftig mit sich, um feine Festigkeit wieder zu erringen. Ethelston trat ein; er

selbst an die Spitze desselben. Allein das Parlament stand bald ohne Macht da. Nachdem am 21. März 1849 der Antrag Welkers, die entworfene Reichsverfassung „im ganzen" anzunehmen, vom Parlamente verworfen worden war, nahm Gagern mit dem gesamten Reichsministerium seine Entlassung, führte jedoch die Geschäfte noch fort, bis endlich die beschlossene Verfassung und die Kaiserkrone seitens des Königs von Preußen zurückgewiesen und dem ganzen Werke jede Aussicht des Bestandes entzogen war. Am 20. Mai nahmen Gagern und seine Freunde ihren Austritt aus dem Parlament. Gagern wirkte noch mit im Erfurter Unionsparlament (1850) und machte dann im Sommer 1850 als Major den unglücklichen Feldzug für Schleswig-Holstein mit. Im Jahre 1842 verkaufte er Monsheim und siedelte mit seiner Familie nach Heidelberg über, wo er eine Biographie seines Bruders Friedrich schrieb und herausgab. Im Jahre 1862 trat er den groß- deutschen Freunden Oesterreichs bei, ging als großherzoglich hessischer Gesandter nach Wien und kehrte nach Aufhebung dieses Postens (1872), nachdem ber Ban beö zu Frankfurt unb später in ber Union gescheiterten deutschen Reichs in ganz' anderer Weise durch den Fürsten Bismarck wieder ausgenommen und zum Ziele geführt war, nach Hessen zurück, wo ihn jetzt der Tod ereilt hat. Sein ideales deutsches Wollen wird immer in bester Erinnerung bleiben, wenn auch ein staatsmännisches Vollbringen ihm nicht ge­geben worden ist.

Stuttgart, 24. Mai. Das genaue Resultat der Reichstagswahl in Reutlingen ist für Payer (Volkspartei) 5860 unb für Geß (Reichspartei) 3620 Stimmen. Die Beteiligung an ber Wahl war gering.

Nürnberg, 22. Mai. Der Verbandstag der bayerischen Gewerbevereine, 7975 Mitglieder zählend, der an Pfingsten in Nürnberg abgehalten wurde, hat dem König für die WittclSbachstiftung gedankt und gebeten, daß seiner Zeit über die Verwendung der Verwaltungsausschuß und das Gewerbemuseum gutachtlich gehört werden. — Der Garantie- Fonds für die nächstjährige Nürnberger Landesausstellung beträgt jetzt 502,000 Mark.

Paffa«, 24. Mai. Nach dem nunmehr vollständig vorliegenden Ergebnisse der Ersatzwahl zum Reichstage erhielt Ober-Landesgerichtsrat Friedrich Abt (Ceritrnm) 7494, Egger (liberal) 1790 Stimmen; ersterer ist dem­nach gewählt.

Aoslasd.

Wie«, 24. Mai. In ber Generalversammlung ber Donau - Dampffchifffahrts - Gesellschaft hielt ber Direktor Kassian einen kurzen Vortrag über bie projektirte Ketten- legung in bet Donau, worin derselbe bie Ansicht beS Direktoriums tunbgab, baß die Strecke Regensburg-Wien wegen ihres schwachen Verkehrs und der großen Eisenbahn- wußte zwar von Nina's Krankheit, aber nichts von ber Gefahr, in welcher sie schwebte. Unwillig über bie ihm widerfahrene unverdiente Behandlung unb nicht abnenb, wozu er hier erscheine, fragte er falt und stolz nach Kapitän L'Estrange's Befehlen. Verzweifelnd zeigte der unglückliche Vater, unfähig ein Wort zu sprechen, auf die leblose Gestalt seiner Tochter. — Ein Blick erklärte ihm Alles. Er eilte auf den Kapitän zu, ergriff seine Hand, die er herzlich schüttelte und sagte tiefbewegt von der ungeahnten, entsetz­lichen Prüfung, die ihn betraf: Vergeben Sie, daß ich so gesprochen, ich wußte ja nichts, ich ahnte ja nichts.

Tie Todesbläfse der Stim Nina's stach sonderbar von ihren schwarzen, in Unordnung geratenen Locken ab, die langen Wimpern waren geschlossen, bie Wangen glühten auf einige Augenblicke, die Lippen waten farblos, bie dünnen, marmorweißen Finger sanft auf der Brust gekreuzt. Alles dies gab ihr einen Anflug von überirdischer Schönheit, daß Ethelston, ber mit starren, feuchten Augen sie betrachtete, schon zu zweifeln anfing; ob der Geist noch in seiner lieb­lichen Hülle wohne? Da schlug Nina die Augen auf, ihr Blick begegnete dem Ethelstons. Ein süßes Lächeln um­spielte ihren Mund unb ihre Wange rötete sich in wärmerer Glut, sie streckte bie Hand gegen ihn aus: Können Sie mir vergeben? —Sprachlos drückte er ihre Hand an seine Lippen. Ich habe mich an meinen Eltern sehr versündigt, fuhr sie fort, noch mehr aber an Ihnen. Dank sei dem Himmel, daß er mir diese kurze, aber kostbare Stunde zur Sühne gewährte. Sie haben mich oft Freundin, oft Schwester genannt, seien Sie mir jetzt ein Bruder.

(Schluß folgt)