i Nr. 120.
Marburg, Dienstag, 25. Mai 1880
XV. Jahrgang
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Die Exped. Oberh. Zeitung.
Der Gesetzentwurf znr Aenderung der Maigesetze.
Die lang erwartete Vorlage zur Beendigung des sogenannten Culturkampfes ist dem Abgeordnetenhause gleich in seiner ersten Sitzung nach der Vertagung vorgelegt worden. Die Organe der verschiedenen Richtungen sind überrascht von demselben. Die liberalen Blätter sind enttäuscht; sie hatten nicht erwartet, daß der Entwurf so entgegenkommend und friedlich ausfallen würde. Die „Nat.-Ztg." gesteht ihre Ueberraschung ein. Das „Berl. Tgbl." kann die Lust, ein Händelchen zu machen, gleich beim ersten Durchlesen derselben nicht zurückorängen; es proponiert dem Reichskanzler : Gieb uns Falk wieder statt Puttkamer, so bewilligen wir diese Vorlage. Der „Berl. Börsencour." dagegen will sich ganz und gar nicht auf den Entwurf einlasien, er setzt demselben ein unbedingtes Nein gegenüber.
Das letztere Blatt ist ganz aus dem Häuschen geraten über diese Vorlage. Es sieht darin „ein Zukreuzekriechen vor Rom", einen „Gang nach Canossa". „Josef II. — ruft es aus — du bist nicht mehr der Einzige, der in diesem Kampfe verwundet zusammengebrochen ist, der als Kriegskosten vieses Kampfes einen Teil seines Ruhmes bei der Nachwelt zu zahlen hat." Es meint, der Vatikan könne nun in allen Kirchen ein Tedeum anstimmen lassen. „Arm in Arm mit dem Unfehlbaren fordert der deutsche Reichskanzler das Jahrhundert und die Geistesfreiheit in die Schranken". Das ist mehr als Unverstand, der sich nur aus der Angst dieser kulturkämpferischen Blätter, der Kulturkampf möckte aufhörcn, erklärt; denn als derselbe blühte, da riefen sie aus: „Es ist eine Lust zu leben!" Die „Germania" dagegen erkennt zwar an, daß in dem Entwürfe „recht dankenswerte Zugeständnisse enthalten seien", ein „kleiner Fortschritt sei gemacht", aber ihr Wert sinke „durch die Willkür der sie preisgegeben seien und durch den Fortbestand der Grundsätze der Falkschen Gesetzgebung." Sie meint, wenn die Regierung einen ehrlichen Frieden gewollt hätte, so hätte sie den Weg der Revision der Maigesetze betreten müssen. „Wenn die Regierung glaube, mit den
Die Tochter des Fregattenkapitäns.
Novelle von Fritz Mühlbach.
(Fortsetzung)
Auch schrieb er an Obrist Brandon, und schilderte ihm Ethelstons Verrat und Undank in den schwärzesten Farben, indem er zugleich die Aufforderung beifügte, als ein Ehrenmann die Verletzung des Gastrechts an dem Buben zu rächen.
Inzwischen bot Ethelston Alles auf, Guadeloupe wieder zu erreichen. Widrige Winde und die Hartnäckigkeit Jakobs, der die Wut seines Herrn nicht mit Unrecht fürchtete, verzögerten die Ausführung seiner Absicht, obwohl er auf seiner Hut war und ihm das Steuer nie anvertraute, als wenn er selbst auf dem Verdecke war. Nina lag die ganze Zeit über in wahnsinnigen Fieberphantasten. Er erkundigte sich fleißig nach ihr, ließ ihr alle nur mögliche Aufmerksamkeit erweisen, verharrte aber auf seinem Entschlüsse, sie nicht wieder zu sehen.
Nach einigen Tagen — die Entfernung jtion Guadeloupe konnte nur noch gering sein — stieß der Schooner auf die „Schwalbe", die sogleich Jagd auf ihn machte. Der Lieutenant kam mit acht Mann an Bord der „Seemöve", und ließ Ethelston sofort ergreifen und streng bewachen und die beiden Schwarzen fesseln. Vergebens machte der junge Mann, beleidigt gegen eine so harte Behandlung, Vorstellungen. Der Offizier ließ sich auf keine Erörterung ein, sondern ließ die Gefangenen, ohne ihn einer Antwort zu würdigen, auf die „Dchwalbe" bringen, p Nach der Ankunft zu Pointe ä Pitre wurde Jeder besonders eingekerkert, während Nina nicht ohne viele Ge-
Zugeständnissen der Vorlage das katholische Volk zu gewinnen und die Centrumswähler von dem Centrum zu trennen, so dürfte sie bald eine neue Täuschung erfahren; denn so groß das Vertrauen des Volkes auf seine parlamentarischen Vertreter, ebenso stark sei das Mißtrauen gegen die Regierung." Man sieht, daö Centrumsorgan stellt sich der Vorlage ablehnend gegenüber. Es wird aber für das Centrum viel darauf ankommen, wie sich der Papst zu der neuen Vorlage stellen wird — und es wäre wohl weise gewesen, wenn die „Germania" etwas vorsichtiger und zurückhaltender in ihrem Urteile gewesen wäre. Uebrigens hat wohl auch niemand erwartet, daß die Regierung es der „Germania" würde recht machen können. Wenn man die Vorlage vorurteilsfrei betrachtet, so muß man sagen, daß dieselbe vielen guten Willen thatsächlich bezeigt, um den Frieden wieder herzustellen. Sie hat ein lhatsächlicheö reelles Angebot gemacht und cs fragt sich nun, was der Papst dagegen zu bieten hat. Wir bezweifeln noch, daß er dieser Vorlage ein schroffes non possumus entgegensetzen wird. Die „Germania" bezeichnet jetzt die Revision der Maigesetze als den Weg zum Frieden; allein früher, als wir diesen Vorschlag machten, wies sie denselben zurück und verlangte pure Abschaffung der Maigesetze. Hätte die Regierung jetzt den Weg der Revision betreten, so würde sie wahrscheinlich auch jetzt die Abschaffung als den Weg zum Frieden bezeichnet haben. Wie gesagt, recht würde es die Regierung ihr schwerlich haben machen können. Allein thatsächlich enthält der Entwurf auch bereits eine teilweise Revision oder Abänderung der Maigesetze gerade in prin- cipiellen Punkten. So wird im § 3 die Competenz des kirchlichen Gerichtshofes wesentlich beschränkt, indem bestimmt wird, daß durch den Richterspruch desselben nicht mehr die Entlassung eines Geistlichen aus dem kirchlichen Amte, sondern nur die Unfähigkeit desselben zur Weiterführung feines Amtes und der Verlust des Amtseinkommens verhängt werden kann. § 10 ändert das Ordensgesetz in wesentlichen Punkten ab, indem er nicht blos die Orden zur Krankenpflege, sondern auch zu Kleinkinterschulen, wie zur Leitung von Erziehungsanstalten für Taube, Stumme, Blinde, Idioten, gefallene Frauenspersonen zuläßt. § 4 ermöglicht die Wiedereinsetzung der abgesetzten Bischöfe, indem er bestimmt, daß denselben durch den König die staatliche Anerkennung als Bischof ihrer Diöcese wieder erteilt werden kann. Das alles sind Aenderungen der Maigesetze, welche es als unzweifelhaft erscheinen lassen, daß die Regierung den kirchlichen Frieden will und wir wollen hoffen, daß man im Vatikan so klug ist, diese dargereichte Hand nicht zurückzustoßen.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Mai. Der Kaiser hat im Laufe dieser Woche die Besichtigung der Truppen fortgesetzt und fahr in ihr früheres Gemach gebettet wurde. Die Fieberglut schien das Gehirn des armen Mädchens angegriffen zu haben. In ihrem Wahnsinn sang sie abgerissene Strophen aus alten Liedern und erzählte ihrer Umgebung, ihr Geliebter besuche sie oft, allein er sei unsichtbar I dann glaubte sie sich wieder auf einem Schiffe und fragte nach der Richtung des Windes und nach der Entfernung von der Küste.
Der trostlose Vater saß oft neben ihrem Lager und lauschte auf diese wilden Fieberphantasieen, bis ihn die Verzweiflung aus dem Zimmer trieb, wo er sich in Verwünschungen Ethelstons, des undankbaren Verräters, Luft machte. Er konnte eö nicht über sich gewinnen, ihn zu sehen, denn er müßte ihn ermorden, sagte er. Eines Tages schrieb er indessen an seinen Gefangenen folgende Zeilen: Ein Vater, dessen Zorn noch größer als selbst sein Schmerz ist, wünscht zu wissen, womit Sie die Sie treffende Anklage entkräften und widerlegen können — die Anklage, zum Lohne treuer Güte und Gastfreundschaft, seine Sklaven und seine Aacht geraubt, seine Tochter entführt und dem Tode geweiht zu haben.
Ethelston las in der dunklen Einsamkett seines engen Kerkers wiederholt dieses Schreiben. Lange war er wegen der Antwort in Verlegenheit. Er fühlte L'Estrange's Schmerz und war zu stolz und zu edelmütig, als daß er sich durch die Erzählung des Hergangs hätte rechtfertigen wollen. Wenn gleich durch ein mit Jakob und Fanchette einzeln angestelltes Verhör, worauf er hätte dringen können, feine Unschuld und der ihm gespielte Betrug klar geworden wäre, so mochte er doch die Delikateste nicht verletzen, die Nina selbst vergessen hatte, und zu der Last ihres schweren Schmerzes auch keinen Gran mehr dadurch hinzusügen, daß
gedenkt in der nächsten Woche die Vorstellungen der Regimenter entgegen zu nehmen. Am 29. Mai soll die große Parade die militärischen Feierlichkeiten des Frühjahrs beschließen. Am 4. Juni hat der Kaiser zugesagt in Magdeburg der Feier der zweihundertjährigen Vereinigung Magdeburgs mit dem Staat der Hohenzollern beizuwohnen. Gegen den 9. Juni will sich der Kaiser nach Düsseldorf zum Besuch der dort jetzt stattfindenden rheinischen Gewerbeausstellung und allgemeinen Kunstausstellung begeben, worauf der Kuraufenthalt in Ems folgen wird. — Der von dem dritten und vierten Bundesratsausschuß über die Anträge Preußens und Hamburgs betr. die Einverleibung Altona's in das Zollgebiet, gemachte Vorschlag, die Einverleibung zu beschließen, wurde in der Plenarsitzung des Bundesrats angenommen, und zwar vorbehaltlich näherer Ausführungs- Modalitäten ist die Annahme mit Einstimmigkeit erfolgt. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." bezeichnet die Behauptung der „National-Zeitung", daß nach den Bestimmungen der Elb- schifffahrtsacte auf der Elbe keine Zölle erhoben werden dürften, als unrichtig. Die Elbschifffahrtsacte handle ausschließlich von der Freiheit der Schifffahrt auf der Elbe und faste nur die Abschaffung resp. die Revision der Elbzölle ins Auge. Sie lasse die Steuerverhältnisse der Elbuferstaaten ganz unberührt und bestimme in Artikel 14 ad a. ganz ausdrücklich, daß bezüglich der Manthen, der Eingangsund Verbrauchssteuern jedem Staate daö Recht verbleibe, die in das eigene Landesgebiet einzuführcnden Maaren, sobald dieselben den Fluß verlassen, nach seiner Handelspolitik zu belegen. — Bezüglich eines Berliner Telegramms der „Kölnischen Zeitung" über eine angeblich unter Teilnahme der Herren Bleichröder, Hansemann und anderer Finanzmänner am Montag bevorstehenden Versammlung, worin darüber beraten werden solle, ob das Samoa-Unternehmen nicht mit der Colonisiernng Borneos zusammen in« Auge zu fassen sei, erfährt die „Nordd. Allg. Ztg." auf Erkundigung, daß das Telegramm auf einem Irrtum zu beruhen scheine. Der Versammlung am Montag liege eine Verwechselung mit der Generalversammlung der Südsee-Gesellschaft zu Grunde. Von einer Beteiligung der Letzteren an dem Projekte der Verwertung des Overbcck'schen Besitzes auf Borneo sei niemals die Rede gewesen.
Minden, 18. Mai. Die Regierung hat an die ihr unterstellten Beamten die Weisung ergehen lassen, sich fortab, der neuen Rechtschreibung nicht mehr zu bedienen.
Esten, 18. Mai. Die Herren Oberbürgermeister Hache und Commerzieurat E. Waldthausen, welche am Sonnabend den 5. Mai Sr. Durchl. dem Fürsten Bismarck den kunstvoll ausgeführten Ehrenbürgerbrief der Stadt Essen überreichten, sind sehr befriedigt von der äußerst freundlichen und ehrenden Aufnahme, welche sie bei dem Herrn Reichskanzler fanden, zurückgekehrt. Zum Diner er sich von dem Verdachte reinigte. Er antwortete daher ganz kurz:
Mein Herr!
Ihre Worte, so hart sie sind, wären nur zu gerecht, wenn ich des Verbrechens schuldig wäre, besten Sie mich bezüchtigen. Gott im Himmel, der in unseren Herzen liest, ist unser aller Richter. Bin ich des Verbrechen« schuldig, so wird er mich durch Gewissensbiste entsetzlich martern und einen beleidigten, mit Recht entrüsteten Vater schärfer rächen, als er selbst in seinem Zorne wünschen könnte. Bin ich es aber nicht, so wird er dereinst meine Unschuld an den Tag bringen und zu Ihrem schweren Kummer auch noch das Bedauern hinzufügen, so ungerecht des niedrigsten Undankes angeklagt zu haben.
Ihren Diener und Gefangenen E. Ethelston.
Nach Empfang dieses Briefes, in welchem sich da« ruhige Bewußtsein der Unschuld aussprach, war L'Estrange's Glaube an seine Schuld etwas schwankend geworden. Wäre er auf den Einfall gekommen, an die Teilnahme der Flucht einige Kreuz- und Quer-Fragen zu richten, er würde die Wahrheit entdeckt haben; allein er war zu aufgeregt, als daß er besonnener Ueberlegung fähig gewesen wäre. Daher zerriß er das Schreiben, zertrat es wütend mit den Füßen und rief: Der schändliche Heuchler! Will er mich auch so mit Worten abspeisen, wie er meiner armen Nina Frieden vergiftet hat?
Die Krankheit Nina's nahm jetzt einen anderen Charakter an; die fieberische Aufregung, das wilde Phantasieren hörte auf. Eine Schwäche und eine allmälige Abzehrung trat ein, die die Kunst der Aerzte zu Schanden machte.
(Fortsetzung folgt)