Nr. 11».
Marburg, Sonntag, 23. Mai 1880
XV. Mrgaog
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Tagesbericht.
Die „Germania" bespricht die neue kirchcnpolitische Vorlage der Regierung und weist dieselbe vom Standpunkt des Centrums aus zurück. Das Blatt meint: mit der Fortdauer der Maigesetze werde der Culturkampf eine bleibende Institution. Wollte die Regierung in der That den Frieden, so mußte sie den Weg der Revision der Gesetze betreten.
Mit dem 1. Oktober d. I. müssen die Beamten und Unterbeamten der Reichspost- und Telegraphcn-Verwaltung die mittels kaiserlichen Erlasses vom 13 Oktober v. I genehmigte neue Uniform tragen. Dazu ist bestimmt worden, daß bei den Berkehrsanstalten sämtliche Beamte, also nicht nur die im äußeren, sondern auch die im inneren Dienste, sowie die im Bahnhofsdienste beschäftigten Beamten, gleiche viel ob dieselben bei Erledigung ihrer Amtsgeschäfte mit dem Publikum in Berührung kommen oder nicht, Uniform tragen. Tie in den Bahnposten beschäftigten Beamten können zwar bei den Amtsverrichtungen im Wagen während der Fahrt gewöhnliche Kleidung anlegen, haben j doch vor der Abfahrt bei Entgegennahme der Ladungsgegenstände und wenn sie beim Anhalten auf Unterwegsstationen den Postwagen verlassen, Uniform zu tragen. Auch die Amtsvorsteher müssen ihre Amtsgeschäfte gewöhnlich in Uniform verrichten, ebenso die Bezirks-Aufsichtsbeamten; dem Ermessen der letzteren wird cS jedoch überlassen, in Fällen, wo ihnen dies zweckmäßig oder unbedenklich erscheint, die Amtsgeschäfte in bürgerlicher Kleidung auszuführen, falls der Oberpostdirektor nicht anders bestimmt.
Deutsches Reich.
** Berlin, 12. Mai. Auf der Tagesordnung der morgenden Bundesrats-Sitzung steht außer der gestern erwähnten Angelegenheit Altonas die Vorlage, die Volkszählung in diesem Jahre betreffend, die Ausprägungen von Reichs-, Gold- und Silbermünzen im Jahre 1879, sowie die statistische Gebühr für Massengüter zum ermäßigten Satze und der Beschluß über das vom Reichstage angenommene Gesetz wegen Abänderung des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie und die Beschlußfassung über mehrere weitere vom Reichstage angenommene Gesetzentwürfe. — Ein Börsenblatt findet es auffällig, daß dem Reichstage keine Vorlage behufs Bereitstellung der Mittel zur offiziellen Beschickung der Ausstellung in Melbourne gemacht worden ist. Diese Notiz wäre überflüssig gewesen, wenn der Berichterstatter den Reichshaushaltsetat für 1880/81 durchgesehen hätte. In dem Etat des Reichsamts des Innern steht verzeichnet die Position von 300,000 M. zur Beschickung der Ausstellung in Melbourne. — Die in verschiedenen Blättern verbreitete Mitteilung, daß dem Landtag in der Nachsession Vorlagen
Die Tochter -es Fregattcucapitäas.
Novelle von Fritz Mühlbach.
(Fortsetzung.)
Dann warf er plötzlich den Mantel ab, sprang vom Sopha auf und — Nina stand vor ihm. Ja, rief sie, Sie haben es versprochen! Um Ihretwillen habe ich Haus, Heimath und Familie verlassen. . . Sie sind mir Heimath, Vaterland, Familie, Alles! Teurer, inniggeliebter Ethelston, dieser Augenblick macht alle meine Leiden wieder gut. — Bei diesen Worten schlang sie die Arme um seinen Hals und verbarg ihr errötendes Gesicht an seine Brust.
Ethelston war so überrascht, daß er eine Zeit lang kein Wort hervorbringen konnte. Nina glaubte, er teile ihr Entzücken, und blickh: mit liebeglühenden Augen zu ihm empor, während die schönen schwarzen Locken nachlässig auf den blendenden Nacken herabfielen. O sprich nur ein Wort! Nein, brich lieber das holde Schweigen nicht; laß mich hier ewig träumen!
Ethelston erholte sich bald von seinem Erstaunen. Tugend, Stolz und Ehre verschlossen der Stimme der Leidenschaft sein Ohr. Fest und ruhig führte er sie wieder auf's Sopha und sagte ernster als sonst: Nina, Sie betrüben mich über alle Maßen; Sie hören nicht auf, ein Herz zu begehren, das mir nicht mehr gehört. Sie sind für mich nicht mehr die Nina, die ich auf Guadeloupe kannte. ... die liebevolle, freundliche, gelehrige Nina . . . nein, ein wildes, eigensinniges Mädchen, das treulos jene Zurückhaltung außer Augen setzt, die des Weibes größte Zierde ist. Nicht genug daß Sie meine Gefühle verletzen. . . . Sie werfen auch deinen Flecken auf meine Ehre . . . unterbrechen Sie mich j nicht. . . Sie müssen die Wahrheü hören und ertragen
zugehen würden, welche die Frage des Steuererlasses behandeln, glaubt man als unrichtig bezeichnen zu müssen, da in orientierten Kreisen über dergleichen Vorlagen noch nichts bekannt ist. Dagegen wird, wie man hört, die Hc- rabmindemng der Matrikularbeiträge für das deutsche Reich, welche für Preußen ca. 480,000 M. betragen dürfte, Veranlassung geben, die Steuerreform in bestimmterer Form ins Auge zu fassen. Schon jetzt läßt sich übersehen, daß eine Steuerreform im Sinne der Regierung und des Abgeordnetenhauses liegt, erst dann durchführbar werden wird, wenn aus der Reichskasse möglichst hohe Deckungsmittel in die Kasse der Einzelstaaten fließen können, lieber die Behandlung der Steuerrefform in den Einzelstaaten scheint der preußische Finanzminister sich durch Benehmen mit den übrigen Finanzverwaltungen schon jetzt Benehmen zu wollen. — Im Einverständnis mit dem Justizminister hat der Minister der Medizinal-Angelegenheiten sich in einem vom 14. Mai datierten Erlaß dahin ausgesprochen, daß bei gerichtlichen Leichenöffnungen im Falle der Behinderung des Kreisphysikus dem in § 87 der Strafprozeßordnung vorgeschriebenen Erfordernis der Zuziehung eines Gerichtsarztes der Regel nach durch die Zuziehung eines pro physicate geprüften Arztes, und wenn ein solcher in der Nähe des Gerichtsortes bezw. des Ortes des Amtsgeschäfts nicht zu erlangen ist, durch die Requisition eines benachbarten Kreisphysikus zu genügen sein wird. Der Minister weist daher die Königl. Regierungen an, bett Staatsanwälten und Amtsgerichten die Namen der pro physicate geprüften Aerzte mitzuteilen; auch sollen die Regierungen bis zum 1. April 1881 darüber berichten, ob die Handhabung der Vorschrift des § 87 der Strafprozeßordnung im Sinne dieser hier angedeuteten Grundsätze erfolgt ist und welche Schwierigkeiten etwa bei der Ausführung derselben hervorgetreten sind. — Der Minister der Landwirtschaft hat sich am Dienstag nach Breslau zur Provinzial- Tierschau begeben. Derselbe gedenkt von dort aus einzelne Teile Oberschlesiens zu besuchen, um sich über die dortselbst notwendig werdenden Drainage-Arbeiten zu informieren. Die Rückkehr nach Berlin dürfte Ende dieses Monats erfolgen; auch soll es in der Absicht des Ministers liegen, die in Bromberg stattfindende Gewerbeausstellung zu besuchen. — Gestern starb hier der Präsident der Seehandlung, Wirkl. Geh. Rat Rudolph v. Bitter. Der Verstorbene, ein älterer Bruder des jetzigen Finanzministers, war lange Jahre ein ausgezeichneter Beamter des Finanzministeriums. In dieser Stellung ist er der Urheber wichtiger Gesetzentwürfe, u. A. des Gesetzes über die klassificierte Einkommensteuer von 1850 und des Gesetzes über die Neuregelung der Grundsteuer von 1861 geworden. Im Jahre 1865 wurde er zum Generaldirektor der direkten Steuern ernannt, als die Verwaltung dieser Steuern von der der indirekten Steuern getrennt wurde. 1869 wurde er als Unterstaatssekretär
lernen, so rauh sie Ihnen auch klingen mag. Ja, ich wiederhole es, Sie haben meine Ehre befleckt. Was wird ihr ehrenwerter Vater von einem Manne denken, den er als einen Gefangenen verwundet und leidend ausgenommen, den er gaststei verpflegt und der alle seine Wohlthaten dadurch vergilt, daß er ihm seinen Liebling, die Zierte und den Segen seines Hauses stiehlt? Nina, das hätte ich nicht geglaubt! Ich habe jetzt die schmerzliche, aber heilige Pflicht zu erfüllen, Sie in die Arme eines beleidigten Vaters zurückzuführen. Ich hoffe es, er wird Ihnen vergeben, wie ich es thue. Bis dahin, Nina, leben Sie wohl! Nach diesen, mit zitternder Stimme gesprochenen Motten verließ er bewegt die Kajüte.
So grünt der Fuß eines Vulkans; Blumen und Kräuter lachen in der frischen Schönheit des Mai's; üppige Weinreben verranken sich mit den weit verbreiteten Zweigen der Ulme; bie Luft ist mit Düften geschwängert; das Gesurnse der Bienen, das sanfte Murmeln eines rieselnden Baches dringt schmeichlerisch zum Ohr; plötzlich erwacht die schlummernde Glut des Berges; der Krater ergießt flammend Schwefel und feurige Ströme ... im Nu ist die eben erst fruchtschwellende, duftig blühende Stätte dürr, versengt, ttostlos! So, fühlte Nina, als sie ihre innige Liebe so von dem verschmäht sah, dem sie ihre Heimath, ihre Eltern, ihren Stolz geopfert! Seele und Leib schien zerschmettert, vernichtet . . . sie sprach nicht ... sie weinte nicht . . . ohne ein äußeres Zeichen ihres Schmerzes saß sie da mit entfärbten Lippen, mit irrem Auge.
Fanchette trat wieder ein und erschrack, als sie ihre Gebieterin in diesem Zustande sah. Kein Wort, keine Be- wegung verritt, daß sie das Mindeste von den dringenden Sitten, den stürmischen Fragen der Dienerin verstand. Nina
in das Ministerium des Innern berufen und 1873 zum Präsidenten der Seehandlung ernannt. 1874 wurde er Wirkl. Geh. Rat und im gegenwärtigen Jahre in den Adelstand erhoben. Bitter hinterläßt drei Söhne. Er war ein durch Arbeitskraft, scharfen klaren Geist und praktischen Blick ausgezeichneter Beamter, der sich namentlich in der schwierigen Durchführung der neu geregelten Grundsteuer, sowohl in beit alten, wie später in den neuen Provinzen ein bleibendes Verdienst um den preußischen Staat erworben hat.
Ansbach, 19. Mai. Die heutige öffentliche Hauptversammlung süddeutscher Conscrvativer dauerte über 3 Stunden und wurde von dem Regierungsrat Luthardt (Augsburg) geleitet. „Wir conservative Männer" — so ungefähr sagte der Präsident u. A. — wollen vor unS und Andern Rechenschaft ablegen über das, was wir wollen, und dabei den Nachweis liefern, daß eS notwendig und möglich ist, die christliche Ueberzeugung im öffentlichen Leben geltend zu machen. Eö ist unser Wunsch und Gebet, eine christliche Obrigkeit zu haben und möglich zu machen bei den gegenwärtigen Einrichtungen des constitutionellen Systems." Der Redner schloß mit einem dreimaligen Hoch auf Se Majestät den König von Bayern und auf seinen Antrag sandte die Versammlung das bereits gestern mitgeteilte Telegramm an den König ab. Den ersten Vortrag hielt der bekannte Professor der Naturwissenschaften Dr. Pfaff von Erlangen über die Notwendigkeit des christlichen Staates. Der geistvolle und klare Vortrag machte einen tiefen Eindruck auf die Versammlung. Es war wohl- thuend, gerade aus dem Munde eines so hervorragenden Mannes der Wissenschaft eine so entschiedene Apologie der christlichen Weltanschauung in ihrer Notwendigkeit und Bedeutung für unser staatliches Leben und die Zukunft unseres Volkes zu hören, und bet Präsibent bemerkte am Schluffe dieses Vortrags mit Recht: gegenüber den Einwendungen unserer Gegner, als ob Glauben und Wissen nicht zu vereinen seien, stehe als Zeugnis für uns der wissenschaftliche Vortrag, den wir eben gehört; bie reine Vernunft und die praktische Vernunft steht auf unserer Seite. Daran schloß sich ein sehr interessanter und in« structiver Vortrag des aus feinem Briefwechsel mit dem Fürsten Bismarck bekannten Freiherrn v. Thüngen-Roßbach übet den Wucher, — eine geradezu hervorragende öcono- mische Leistung, in der die mit Hilfe der l beraten Gesetze hereingebrochene finanzielle Schädigung unseres Volkes durch die Geldbarone und Wucherer an der Hand von Thatsachen und Zahlen dargelegt wurde. Dr. Perrot von Frankfurt a. M. sprach treffend über Börse und Actienwesen, Hof- gürtlermeister und Gemeiuderat Stähle (Stuttgart) beleuchtete aus seinen reichen Erfahrungen heraus unser heutiges Gewerbe und tie Notwendigkeit der Gründung von Innungen; Redaeteur Fleischmann (Kaiserslautern) zeigte mit ließ sich geduldig die Hände reiben und die Schläfe baten. Endlich brach sie in ein lautes, wahnsinniges Lachen aus, das bis zu Ethelstons Ohr drang und in seinem Herzen widerhallte. Sogleich sprang er aus's Verdeck und gebot dem Schwarzen, mit Fanchette vereint Nina zu unterstützen. Dann lehnte er, in tiefes Nachdenken versunken, die Arme in einander verschränkt, sich über das Bollwerk hinaus.
Ter Mond war aufgegangen, seine Strahlen versilbetten die Wellen, kein flüchtiges Wölkchen verdunkelte den Glanz des Himmels; die ganze friedliche Natur schien ruhig zu schlafen. Und da drunten ... wenige Schritte von ihm... welcher Sturm in der Brust der Jungfrau! Er schauderte, allein sein Gewissen sagte ihm, er habe recht gethan Mid träumend sah er deutlicher, immer deutlicher in ben Strahlen des Mondes sich Luey's teures Bild gestalten, wie es sich, beifällig winkend zu ihm herüber neigte. Fest entschlossen gebot er Cupido, der am Steuer stand, nach Osten umzulenken; Jakob erhielt in noch strengerem Tone den Befehl die Segel aufzuhissen und alsbald war der Schooner dicht beim Winde geholt und segelte in gerader Richtung auf Guadeloupe zu. —
Während dies an Bord der Seemöve geschah, war Kapitän L'Estrange mit der Fregatte nach Pointe ä Pitre zurückgekehrt. Wie groß war fein Schmerz, wie groß fein Zorn, als er die Flucht seines Gefangenen mit seiner Tochter, den Verlust seiner Aachd und zweier seiner Sklaven erfuhr ! — Er schloß ganz natürlich, daß die Entflohenen ben Weg nach New-Orleans eingeschlagen hätten unb sandte daher schleunigst die „Schwalbe" nach, mit dem Befehle, sie durch List ober Gewalt zurückzubringen.
(Fortsetzung folgt.)