9tr. 117.
Marburg, Freitag, 21. Mai 1880
XV. Jahrgang
«Eigen nimmt entgegen: tU Expedition b.Blatt ei, fglBte d-Annoncen-Bureaux von LH, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; L-asenstsin & Bögler in »t«n!fart a- M., Berlin.
Cöln ic.; Rudolf Zioilc in Berlin, Frankfurt <u M- re.
WkWslhk Jfitmiii
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d-Annoncen-Bureauk von 8. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jägerische Buchhandlung daselb«; Hrrmann'sche Vuchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. LhieneS in Elberfeld: L Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für daS Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JlustrirteS SountagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerer) bezogen 3'- Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr). — JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
Die Reichstagswahl im Kreise Kassel-Melsimgen, welche am nächsten Dienstag stattfinden soll, treibt hohe Wogen. Vier Parteien, conservativ, nationalliberal, fortschrittlich und socialdemokratisch, streiten um den Erfolg. Keine Partei läßt der anderen ein gutes Haar. Es ist schwer zu sagen, bemerkt der „Reichsbote", wie demoralisierend diese Wahlagitationen wirken und es wird in Zukunft für die conservative Partei eine ernste Sache sein, zu erwägen, in welcher Weise ste sich dabei zu beteiligen hat. Denn sie darf dabei nicht nach dem Grundsätze „der Zweck heiligt die Mittel," oder: „nur immer wacker verleumdet, es bleibt doch immer etwas hängen" handeln. Die conservative Partei muß auch in den Wahl-Agitationen durch die Reinheit und Hoheit ihrer Sache, wie ihrer Methode, hervorragen und sich dadurch die Achtung de« Volkes erringen. Das schließt nicht aus, daß die conservative Pattei mit der glühendsten Begeisterung ihre Anschauungen und Grundsätze verkündigen und mit allem Nachdruck die Verderblichkeit anderer Anschauungen darlegen und das Volk davor warnen sollte. Tapfer kämpfen mit guten, scharfen, aber ehrlichen Waffen — ohne vergiftete Spitzen — das muß conservative Taktik bleiben. Schließlich wird das Volk doch das meiste Vertrauen zu der Partei gewinnen, welche sittlich am höchsten steht und auch in politischer Beziehung die höhere Weisheit und die größte Opferfreudig» kett für das Wohl des Vaterlandes an den Tag legt. Mögen dann die gegnerischen Blätter wie eine Meute bissiger Kläffer der im Bewußtsein der Wahrheit ihrer Sache ruhig dahinschreitenden conscrvativen Partei nachlaufen und ste anbellen — das schadet nichts. Am Ende wird das Volk das ohrenzerreißende Gebell müde!
So sagen jetzt die liberalen Blätter in Kassel der con» servativen Partei wieder Schimpf und Schande nach; sie hätte durch die Zölle dem Volke 135 Millionen Mark neue Steuern auferlegt, hätte das Wald- und Forstpolizei- gesctz geschaffen, sie wollte der Schule die Selbständigkeit (!) berauben, wollte Handel und Wandel einengen, mittelalter» liche feudale Zustände herbeiführen, die Conservativen seien die schwarzen Reaktionäre. Kurzum, die ganze bekannte alte Litanei liberaler «Schimpfereien wird dem Volke wieder n die Ohren geschrieen und mit der Fettschrift der Wahl- lugblätter vor die Augen gemalt. Und weil in dem con» ervativen Wahlflugblatt einfach auf die bekannte Thatsache Angewiesen wurde, daß die meisten Juden zur Fortschrittspartei gehören, so giebt das den liberalen Blättern Veranlassung, auch dem Volke ihr altes Lied von der Judenhetze vorzuheulen, an die niemand denkt. Das nationale Flugblatt ist mit dem alten bekannten Größenwahn dieser Partei geschrieben: alles große und herrliche, was seit 1866 und 1870 in unserem Vaterlande geleistet worden, sei daS Verdienst der nationalliberalen Partei. Daß man in dieser
Partei selbst viel gemäßigter über den Wert jener liberalen Schöpfung wie z. B. der liberalen Gewerbe-Ordnung mit ihren Freiheiten, welche dem Volke zu Peitschen und Skorpionen geworden sind, denkt — wie hätten sie sonst gerade die Abg. Lasker und Bamberger, welche seit jener Zeit die Hauptführer der Partei waren, aus sich hinausdrängen und sich selbst mehr nach rechts wenden können? — von alledem sagt das Wahlagitationsblättchen nichts. Aber das Volk hat doch den liberalen Baum an seinen bitteren Früchten erkannt, welche er getragen hat — denn unsere ganze schlimme und verwirrte wirtschaftliche, soziale, sittliche und religiöse Lage ist doch unleugbar das Produkt der liberalen Aera. Das kann keine Dialektik der liberalen Wahlblätter wegläugnen — das ist Thatsache. Daß die conservative Partei in 2 Jahren nicht wieder gut machen kann, was in 12 Jahren verdorben ist — das wäre schon an sich sehr natürlich, wenn auch die conservative Partei nicht am Wohle unseres Volkes bauen müßte, wie die Juden an dem zerstötten Tempel, indem ste zugleich mit der Mauerkelle das Schwert tragen müssen, um jeden Stein, den sie einfügen, gegen die Angttffe der Liberalen zu verteidigen.
Wenn jetzt das Volk durch die Thatsache, daß es den Conservativen noch nicht möglich gewesen ist, alle Trümmer und alles Verderben der verflossenen Aera Hinwegzuschaffen verleiten lassen wollte, von der conservativen Partei abzu- faHen, unb wieder liberale oder fortschrittliche Abgeordnete zu wählen, dann werden wir unzweifelhaft sehr schweren Zeiten entgegengehen und das Volk würde diesen verhängnisvollen Fehler bitter zu bereuen haben.
Tagesbericht.
Der Kaiser conferierte gestern Mittag mit dem EultuS- minister v. Puttkamer und empfing um 2 Uhr in Privat- Audienz den rumänischen Gesandten Liteano, welcher seine Creditive überreichte.
Für den inländischen Verkehr sollen, wie die „Deutsche Verkehrs-Ztg." meldet, für das deutsche Reichspostgebiet vom 1. Juli ab neue Postanweisungsformulare in Gebrauch kommen. Dieselben werden oben rechts einen Postwertstempel zu 20 Pfennig tragen, der in Form und Farbe den Postfreimarken zu 20 Pfennigen entspricht. Links von diesem Wertstempel ist ein Raum für das Aufkleben eines zweiten Wertzeichens vorgesehen. Das neue sFormular unterscheidet sich, abgesehen von dem eingedruckten Wertstempel, von dem bisherigen hauptsächlich dadurch, daß der Vordruck in lateinischen Lettern und in blauer Druckfarbe hergestellt ist. Sodann ist der Raum für die Angabe des Bestimmungsortes nicht unwesentlich verbreitert; die bisher an betreffender Stelle vorgedruckten Worte „Bestimmungsott" und „Wohnung des Empfängers"
sind fortgelaffen und an deren Stelle ist lediglich das Wörtchen „in" getreten. Dieser geänderte Vordruck entspricht demjenigen, welcher bereits seit längerer Zeit für das Postkartenformular besteht. Im Weiteren ist auf dem neuen Formular bei dem Vordruck für den Postvermerk der bisher vorgesehene schraffierte Raum zur Angabe der Littera weggeblieben. Die neuen Postanweisungsformulare sind auf der Vorderseite des Abschnitts am Abgangsotte mit einem Abdrucke des Aufgabestempels zu versehen. Ein entsprechender Vordruck auf dem Abschnitt bezeichnet, wie bei den Packetadreffen, den Platz, wo der Stempel abzudrucken ist. Die Stempelung des Abschnitts kommt einem Wunsche entgegen, der von dem geschäftötreibenden Publikum wiederholt ausgesprochen worden ist. Im Ucbrigen wird nur die Rückseite des Abschnitts für die Bemerkung des Absenders bestimmt sein. Die Lieferung der gestempelten Postanweisungsformnlare an die Postanstalten wird in derselben Weise, wie die der gestempelten Briefumschläge, in verschlossenen Päckchen zu 100 Stück, erfolgen. An das Publikum werden oie Formulare lediglich gegen Einziehung der durch die Postwertzeichen dargestellten Beträge abgelassen. Reben den Formularen mit eingedrucktem Wertzeichen sollen auch fernerhin Formulare ohne Wertzeichen in Gebrauch bleiben.D ieselben werden, nach Aufbrauch der vorhandenen Bestände an Postanweisungssormularen der bisherigen Art, der Einrichtung und dem Drucke des neuen Formulars entsprechend in Schwarzdruck hergestellt. Ungestempelte Formulare sollen aber in Folge nur in Mengen von mindestens 20 Stück, zum Preise von 10 Pfennigen für je 20 Stück, verkauft werden. Durch die mit Wertstempeln versehenen Postanweisungsformulare tritt der Zahl der bei den Postanstalten zu haltenden Wertzeichen ein neues hinzu, und es wird sich demzufolge das Geschäft bei der Verwaltung der Wertzeichen etwas erweitern. Wesentlicher aber ist die Ersparnis an Mühe und Zeit, welche den Postanstalten dadurch zu Gute kommt, daß das Bekleben der Anweisungsformulare mit Freimarken wegfällt und die Kontrole der unbeklebten Formulare erleichtert wird.
In letzter Zeit ist mehrfach von einer bevorstehenden Reform des Lehrplanes unserer höheren Lehranstalten die Reoe gewesen. Rach den von der „K. Ztg." eingezogenen Erkundigungen liegt allerdings ein solcher Plan im Kultusministerium fettig vor und seine Durchführung hängt nur noch von der Bewilligung der erforderlichen Mittel seitens des Finanzministeriums ob, die deshalb nötig wird, weil die Teilung der Tertia in Ober» und Unter-Tertia in allen Gymnasien durchgeführt werden soll. In Bezug auf Sexta, Quinta und Quarta soll der neue Lehrplan für Gymnasien und Realschulen erster Ordnung ganz über» einstimmend gestaltet werden und die Trennung erst in
Die Tochter -es Fregatterrca-itäas.
Novelle von Fritz Mühlbach.
«Fortsetzung)
Der Schooner ist weggekapett worden. Mein Vater benutzte ihn zu kleinen Reisen nach entfernten Punkten der Insel und als Aacht zum Vergnügen. Wie viel Leute bedarf es, um das Schiff zu regieren? — Mit Cupido, meinem schwarzen Freunde, und noch einem tüchtigen Seemann würde ich damit fertig werden.
r Dann will ich Ihnen den Schooner leihen; fenben Sie -ihn bei Gelegenheit zurück. Jakob, dem die Aufsicht darüber anverlraut ist, ist ein geschickter Seemann. Schreiben Sie auf, was Sie zur Reise bedürfen; in einer Stunde senden Sie es mir zu. Machen Sie sich fertig und halten Sie sich aus den ersten Wink bereit. Jetzt habe ich zu befehlen und Sie zu gehorchen. Gott befohlen, Herr Mentor.
Sie warf ihm einen Handkuß zu und entfernte sich. Ethelstou rieb sich die Augen, als ob er ihnen nicht traute. War das dieselbe Nina, die er vor zehn Tagen verzweifelt und gebrochenen Herzens gesehen hatte; Sein Nachdenken über diese Veränderung machte ihn nur noch verwirrter; endlich kam er, wie so viele Weisere und Dümmere als er, zu dem Schluffe, daß ein Weiberherz in seinen Saunen ein unauflösbares Rätsel sei.
Zur Flucht entschlossen eilte er auf sein Zimmer, um ben erhaltenen Auftrag auszuführen.
Indessen war Fanchette nicht müssig gewesen; sie hatte f-Jakob den Reichtum, die Schönheit des Ohiostaates in ben lebendigsten Farben geschildert; schlau hatte sie Versprechungen
eingewoben, welche die Gefühle des schwarzm Burschen sicherer entflammten. So zögerte er auf Fanchettens Bitten und seiner jungen Herrin Befehl nicht länger, den Kapitän zu verraten und alle Anstalten zur Flucht zu treffen.
Ethelston ließ Cupido Alles bereit hatten und folgte einer zweiten Einladung Nina's. Sie war in derselben heiteren Laune als vorher. Zwar wandte sie das Gesicht ab, doch spielte ein seltsames Lächeln um ihren Mund. Ei, Herr Ethelston, begann sie, so sind Sie denn wirklich ent- schloffen, unS ttotz zahlreich drohender Gefahren zu verlaffen? fragte sie. — Ja, es ist mein Wunsch, meine Pflicht, mein fester Entschluß. Ich trat in der Absicht bei Ihnen ein, nochmals meinen Dank für Ihren gütigen Beistand auszusprechen. — Nina wandte sich erblassend hinweg unb sagte leise: Und Sie verlassen uns ohne Schmerz, ohne Bedauern.
Trotz seiner Selbstbeherrschung konnte er die Rührung nicht ganz verhehlen, womit ihn'das Zittern der Stimme Nina's, in welcher der ganze Schmerz ihrer Seele und daS tiefste Gefühl bebte, erfüllt hatte. Liebe Nina, mein Schmerz beim Abschiede von Ihnen würde Verzweiflung fein, wenn ich glauben müßte, daß mein Besuch dauerndes Unglück in dieses Haus gebracht. Ich wünschte Sie, wie ein Mentor feinen Zögling, wie ein Bruder seine Schwester zu verlassen, in der Hoffnung, Sie Ihrer Eltern Wünsche krönen und Ihr glückliches Geschick im Kreise derer vollenden zu sehen, die der Himmel zu ihren Begleitern im Leben bestimmt hat. Mögen Sie dann still und freudig auf mich als auf einen treuen, innigen Freund zurückblicken, der--Ein Wink
des schönen Mädchens, das bleich wie Marmor in ihren Stuhl zurücksank, unterbrach ihn. — Nach einigen Minuten
sagte sie, obwohl noch immer tödtlich bleich, fest und ruhig: Ich schäme mich meiner Schwäche; schweigen wir von der Vergangenheit unb überlassen wir bie Zukunft bem Schicksal. Morgen Abend wird Alles zu Ihrer Abreise bereit sein; eine Stunde vor Mitternacht wird ein Mann mit einem kleinen Boote unten am Landungsplätze halten. Es ist fern vom Fott und keine Schildwache steht in der Nähe; rudern Sie nach dem Schiffe und segeln Sie ab. Wird die Fahrt aber nicht zu gefährlich fein ? Der Wind pfeift entsetzlich; ich fürchte die Annäherung eines Orkans.
Eine rauhe Nacht ist am geeignetsten, Nina, entgegnete Ethelston mit funkelnden Augen.
Für Alles, was ich für Sie thue, bitte ich nur um eine Gunst. — Nennen Sie ste, sagte Ethelston rasch. — Hier in der Stadt ist ein kranker, junger Mann, der Sohn achtbarer Eltern aus New-Orleans, der in seine Heimath zurückzukehren wünscht, und wäre es nur um dort zu sterben. Nehmen Sie ihn und seine Wätterin mit! — Mit Vergnügen ; ich will ihn pflegen wie einen Bruder. — Bemühen Sie sich seinetwegen nicht, er bedarf außerdem der Ruhe und hat seine Wärterin. Lasten Sie ihn in bet kleinen Kajüte ungestört allein. — Ihre Befehle sollen treulich ausgefühtt werden, verkästen Sie sich darauf. Wo möglich will ich ihn sicher nach Hause bringen. — Sobald Sie das Schiff erreicht haben, entfliehen Sie eiligst. Beide werden schon an Bord sein. Leben Sie denn wohl! ich habe vielleicht nicht Kraft genug, Sie nochmals zu sehen. Nina reichte ihm die Hand, sie war eiskalt. Ihr Gesicht war halb abgewendet und sie zitterte heftig.
(Fortsetzung folgt.)