—
Marburg, Donnerstag, 20. Mai 1880
Nr. 116.
XV. Jahrgang
WchesW jfitimij
Anzeigen nimmt entgegen bie®jq>ebitio« b. Blattes sowie dAnnoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Aankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung bafeloft; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendani in Berlin; W- DhieneS in Elberfeld; E. Schlotte in.
Bremen.
Lueigen nimmt emgegen: dir Expedition d.Blattrs, sowie d-Annoncen-Bureaux von DH. Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt o- M., Berlin, Leipzig, Cöln k.; Rudolf iSiofie in Berlin, Irsnk- furt a. M. re.
Erscheint täglich außer an den Wetttagen nach Sonn, und Feiertagen. Preis für daS Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JAuftrirtkS SouutagSblatt" durch die Expedition (Koch'scke Buchdru-k-r-r) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. <-xcl B-stellgebühi). -MttionSEr fitr die gespaltene Ze.lelOPfg
Für m der Expedttton zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
Die Familie und der SocialtSmus.
L
Wenn in irgend einer Versammlung oder aber in der Presse den Socialdemokcaten vorgewvrfen wurde, daß sie die Ehe, das Familienleben aufheben wollen, so war es gewöhnlich der Fall, daß sie diesen Vorwurf entschieden zurückwiesen. „Wer kann uns ein socialistischeS Buch nennen, in welchem der Aufhebung des Familienlebens das Wort geredet wird", so lautete immer die Entgegnung der Socialisten. Wies man auf das von Most herausgegebene Buch „Die Lösung der socialen Frage" hin, in welchem gesagt ist, daß die Ehe der Uranfang der Sklaverei, der Knechtung des Schwächeren durch den körperlich Stärkeren sei und daß in Folge desien die Ehe, das Familienleben schwinden müsse, so antworteten wiederum die Socialisten, das Mostsche Buch zeuge nur von den Ansichten MostS, aber nicht von denen der Socialisten im allgemeinen. Nun ist aber im vergangenen Jahre in Zürich ein von Herrn Bebel in Leipzig herausgegebenes Werk erschienen, betitelt: „Die Frau und der Socialismus", welches voll und ganz die Ansichten Mosts, wenn auch in mehr wissenschaftlicher Weise, zu Tage fördelt. Hieraus ergiebt sich denn zur Evidenz, welchen Standpunkt die Socialisten gegenüber der Ehe und dem Familienleben einnehmen.
Bebel, tritt wie Most für die volle ökonomische Unabhängigkeit der Frau ein. „So lange die Existenz der Frau — so ist die Meinung dieser Herren — nicht eine selbstständige ist, so lange kann auch von einer Gleichberechtigung der Frauen nach dieser wie jener Richtung hin keine Rede sein. Die von dem Manne abhängige Frau ist naturgemäß dem Manne untergeordnet und deshalb in ihrer Freiheit beschränkt."
Die Frauen müssen also, ebenso wie die Männer, in die Fabriken, in die Werkstätten hinein, um sich selbständig und unabhängig ernähren zu können. Ist aber die Frau in der Fabrik thätig, so ist sie natürlich nicht in der Lage, das Hauswesen, die Kindererziehung rc. zn führen und zu letten; das Familienleben hat unter solcher Voraussetzung überhaupt aufgehört zu existieren. Und wozu gebrauchen wir auch ein gemütliches, familiäres Leben. Die Socialisten lagen uns da, daß „anstatt daß jede einzelne Frau wäscht, die Gemeinde eine großartige Dampfwäscherei einrichten wird; in großen Speisehäusern können ohne Zweifel mehr, bessere und dennoch billigere Speisen bereitet werden, als in den kleinen Familienküchen; selbst das Scheuern der Wohnungen kann man im Großen organisiert denken, so zwar, daß etwa eine Scheueranstalt geschaffen wird, welche die zu den betreffenden Arbeiten tauglichsten Leute anstellt und sie mit den besten chemischen nnd technischen Hilfsmitteln versieht. Und die Kindererziehung wird weit praktischer in großen Erziehungs-Anstalten betrieben als zu Hause."
Die Tochter des Fregattmcapitiius.
Novelle von Fritz Mühlbach.
(Fortsetzung.)
Ethelston hatte einen stürmischen Ausbruch ihres Gefühls erwartet; allein dies regungslose tödtliche Schweigen erschütterte ihn. Mit den freundlichsten Worten suchte er sie aus ihrem starren Kummer zu wecken; er ergriff ihre Hand — sie war eiskalt, er rief sie bei Namen — umsonst , ihr Ohr schien taub für seine Stimme. Unfähig, länger den Anblick dieses stummen Schmerzes zu ertragen, unfähig, ihn zu mildern, ohne die gelobte Treue zu brechen, j stürzte er in's Haus, benachrichtigte die Erzieherin, daß Nina plötzlich im Orangenhaine erkrankt sei, und schloß sich dann in seinem Zimmer ein, um den ihn bestürmenden Gefühlen nachzuhängen. Vergebens suchte er sich zu beruhigen, vergebens sagte er sich, daß er keine Vor christ der Treue und Ehre übertreten, vergebens gedachte er Lucy's und seiner Heimath — Nina's Bild ließ sich nicht ver- bannm. Jetzt stand sie vor ihm in der Blüte jugendlicher Schönheit, in der vollen Glut ihrer Liebe — dann wieder tödtlich bleich, regungslos und verzweifelnd, wie er sie eben verlaffen hatte. Der schreckliche Gedanke, Wohlthatm s und Pflege so vergelten zu müssen, zerriß sein Herz; in innigem Gebete zu Gott, dem Tröster aller Bedrängten, suchte und fand er endlich Ruhe.
Inzwischen hatte die Erzieherin mit Hülfe zweier Schwarzen Nina in's Haus gebracht. Ihr Zustand war noch immer der nämliche; mit großen offenen Augen starrte . sie Alles an, und erkannte dennoch Niemand; dabei stammelte sie kaum vernehmlich irre Worte Man rief sogleich < einen Arzt herbei. Kaum hatte dieser die Kranke gesehen,
Wahrhaftig eine hübsche Perspektive, die sich da vor unseren Blicken eröffnet! Es sind Utopien, könnte man sagen, die niemals ihre Verwirklichung finden werden; leider aber haben die Utopien einen Untergrund, der in den heutigen gesellschaftlichen Zuständen wurzelt, und deshalb müssen wir uns sehr ernstlich damit befassen.
Unsere Liberalen wollen nicht unbedingt, wie die Socialisten sagen, die ökonomische Unabhängigkeit der Frau, sondern nur die möglichste Ausdehnung ves weiblichen Arbeitsmarktes, was so auf eins hinausläuft. Und so finden to'r denn heute schon die Frauen beschäftigt in den Zeugwebereien und Tuch-Fabriken, in den mechanischen Spinnereien, Zeugdruckereien und Färbereien, in den Stahlfederund Stccknadelfabriken, den Zucker-, Papier- und Bronze- Fabriken, der Glas- und Porzellan-Industrie und Glasmalerei, der Strohhutfabrikation und Strohhutwäscherei, in der Geschirr- und Tabaksfabrikation, den Leim- und Gelatine-Fabriken, in der Handschuhmacherei, Kürschnerei und Hutfabrikation, bet der Herstellung von Spielwaaren, in den Flachsmühlen, in der Uhrmacherei und Zimmermaterei, in der Pinsel- und Oblaten-Fabrikation, in den Zündwaaren- und Pulver-Fabriken, den Phvsphorzündholz- und Arsenik- Fabriken, im Setzerfach, in der Lithographie und Photographie, in den Ziegeleien, bei dem Häuser- und Eisenbahnbau, im Bergbau und bei dem Transport der Fluß- und Kanal-Boote.
Das find so ziemlich die Erwerbszweige der Frauen, in denen sie seit neuerer Zeit thätig. Diejenigen Erwerbszweige, in denen sie schon seit langem thätig, in denen sie so zu sagen als Priveligierte ausschließlich zu thun haben, lassen wir hier ganz unberückstchtigt.
Unter den oben angeführten Beschäftigungen giebt es einige von höchster Gefährlichkeit, so das Belegen der Spiegel mit Quecksilber. Gefahren für das Leben durch Verletzung der Gliedmaßen entstehen besonders bei dem Maschinenwesen in der Textilindustrie und in der Zündwaarenfabri- kation. Außerdem ist es wahrlich kein schöner Anblick, Frauen mit über die Schultern gezogenen Seilen, hinter oder vor den Männern gehend, schwer beladene Boote flußaufwärts ziehen oder bei dem Eisenbahnbau schwer beladene Schubkarren mit den Männern um die Wette fahren zu sehen: ober sie als Handlanger Kalk und Gement anmachend oder schwere Lasten Steine tragend, bei dem Hausbau zu beobachten und bei dergleichen Beschäftigungen mehr.
Tagesbericht.
Aus Berlin vom 18. d. M. wird telegraphisch gemeldet: Der Kaiser folgte gestern Nachmittag einer Einladung des Hausministerö Grafen v. Schleinitz zum Diner, zu welchem auch der österreichische Botschafter Graf Szechenyi geladen war. Heute Mittag nahm der Kaiser im Uhrsaale des Akademiegebäudes die für die Ruhmeshalle be-
so erklärte er geheimnißvoll, sie habe einen heftigen Anfall, brummte etwas von Fiebersymptomen, Gehirndruck und schüttelte den Kopf noch geheimnißvoller. Mehrere Tage hindurch war Nina's Zustand höchst beunruhigend; sie fieberte und lag in wildem Delirium. Ethelstons Angst und Unruhe war unbeschreiblich; wie groß war daher seine Freude, als er erfuhr, die Krisis sei überstanden und die jugendliche Stärke ihrer Constitution verspreche baldige Genesung. Bis dahin hatte er manches Verhör zu bestehen; die Erzieherin fragte wiederholt, wie es zugegangen sei, daß er Nina gerade angetroffen, als sie so plötzlich erkrankt sei? Und Madame L'Estrange verwundette sich immer, wie es möglich sei, daß Nina beim Spazierengehen im Orangenhaine so schnell einen Krankheitsanfall bekommen habe?
Tausend widersprechende Gedanken kämpften in Nina's Seele während ihrer Genesung; sie erinnerte sich der letzten Motte Ethelstons recht wohl. Bald nannte sie ihn treulos, undankbar, herzlos; dann schalt sie sich selbst, ihn geschmäht zu haben, und segnete ihn mit bar zärtlichsten Liebe; balb wollte sie ihn nie wieder sehen oder sprechen, bann wieder wollte sie ihm blos zeigen, daß sie ihre Schwäche besiegt habe. Trotzdem überredete sie sich allmählig selbst, Ethelston habe sie nut getäuscht und in Bezug auf ein früheres Verhältniß gelogen, um den Schmerz, ihre Liebe nicht erwidert zu sehen, zu mildern. Hält er mich blos für ein Kind, pflegte sie leidenschaftlich auszurufen, so oft dieser Gedanke sie durchzuckte, er muß mich noch lieben, mich allein!
Eine junge Negerin, ihre Dienerin, war die einzige Vettraute ihrer Liebe. Fanchette, so hieß sie, hätte der Wut des Kapitäns getrotzt, ja selbst ihr Leben für ihre Herrin gewagt. Eines Abends war das Mädchen in bett
stimmten Statuen ber preußischen Könige in Augenschein. Der Kronprinz reift heute Abend von Potsdam nach Düffeldorf, trifft dort mit der Kronprinzessin zusammen und geleitet dieselbe nach Potsdam zurück, woselbst beide am Donnerstag früh 7 Uhr eintreffen. Der Erbprinz und die Erbprinzessin von Meiningen haben sich gestern zum Besuch nach Oldenburg begeben und kehren von dort morgen früh nach Potsdam zurück. — Fürst Orlow trifft heute Abend in Brüssel ein, übernachtet dort und reift morgen früh nach Paris weiter.
Der „Reichs-Anzeiger" publiciett eine königliche Gabi« netSorbre vom 7. Mai, wonach an die Stelle der am 1. October eingehenden technischen Baudeputation die Akademie des Bauwesens tritt, welche eine berathende Behörde bildet und dem Minister für öffentliche Arbeiten untergeordnet ist.
Die Beschlüsse des Reichstages auf Revision ber Ge- werbeorbnung harren im Bunbesrate weiterer Entscheibung. Man würbe sehr irren, wenn man annehmen wollte, biefe Angelegenheit sei auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben. Vielmehr liegt es in ber Absicht, bem Reichstage in ber nächsten Session eine womöglich recht grünbliche Revision ber Gewerbeorbnung vorzulegen. Man wirb bazu als Grunblage für bie vom Reichstage gewünschten Gebiete bie jetzigen Anträge wählen, indessen auch darüber hinaus weitere Bestimmungen der Gewerbeordnung berühren. Hierüber sollen nun noch Erhebungen stattfinden und auch Arbeiten benutzt werden, welche nach ähnlicher Richtung früher im preußischen Handelsministerium gemacht worden und mancherlei schätzbares Material geliefert haben. Der Umfang, in welchem dies geschehen soll, möchte sich durch die Ausschußberatungen über die Resolution des Reichstages ergeben.
Der Untersuchung iu Betreff der Sekundärbahnen und der Flußregulierungen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, welche im Laufe dieses Sommers vorgenommen werden soll, scheint man im Arbeitsministerium eine besondere Bedeutung beizulegen. Wie die „N. Pr. Ztg." aus Thüringen erfährt, ist es dem Delegierten gestattet worden, eine jüngere Hülsskraft mitzunehmen. Die Wahl des Freiherrn v. Weber ist auf den Sohn des Professors Bohnstedt in Gotha gefallen. Der junge Mann ist königlich preußischer Bauführer und in weiteren Kreisen dadurch bekannt geworden, daß er bei der letzten Bewerbung um die Schinkelpreise einen solchen davontrug. Bekanntlich errang der Vater, Professor Bohnstedt, vor sieben Jahren bei dem Preisausschreiben um Entwürfe zu einem Reichstagsgebäude den Preis.
Die „Polit. Corresp." meldet aus Konstantinopel:
E i »aür -
Orangenhain gegangen, um dott einige Früchte zu pflücken. Während dieser Beschäftigung hörte sie Jemand sprechen; sie schlich hinzu und erblickte Ethelston im dichten Schatten eines Baumes mit einem Buche auf bem Schooße. Er hatte sich hierher gestohlen, um ungestött über seine Pläne nachzugrübeln, unb so sehr hatte er sich in ber Berechnung ber Möglichkeiten und in bie Vergleichung der Entfernungen vertieft, daß Fanchette unbemerkt herangekommen und ihn belauschen konnte. Ich muß und will es versuchen, sprach er laut vor sich hin. Wir müssen ein Boot stehlen, wir Beide, Eupido unb ich, können cs regieren. Pflicht unb Liebe gebieten mir, nicht länger hier zu bleiben. Mit einem Fischernachen erreichen wir Antigua ober Dominica ober treffen irgenb ein neutrales, amerikanisches Schiff an. Meine teure, arme Nina! fügte er leiser hinzu, wollte Gott ich hätte bie Küste nie betreten! Dieser Schatz, fuhr er fort, unb zog eine Locke aus dem Busen, bieses heilige Angebenken an bie ferne Geliebte hat mich fest gegen beine Reize, kalt gegen beine Liebe, aber — ber Himmel ist mein Zeuge — nicht gefühllos gegen beine Leiben gemacht. Dabei küßte er die Locke, verbarg sie wieder im Busen und versank in tiefes Sinnen.
Leise schlich Fanchette fort und eilte, ihrer jungen Gebieterin auf ihre Weise zu erzählen, was sie gesehen hatte. Sie verband und deutete bie wenigen Worte, welche sie bei ihrer geringen Kenntniß des Englischen verstauben hatte, wie sie glaubte, baß Nina sie am liebsten hören würbe. Ethelston, erzählte sie, habe mit sich gesprochen unb eine Karte besehen, er habe Inseln erwähnt, zu denen er segeln wollte, und zärtlich ihren Namen genannt, so wie etwas aus dem Busen gezogen, was er geküßt habe.
Die Freude erlaubte Nina nicht, an bem Gehörten zu