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Nr. 113.

Marburg, Sonnabmd, 15. Mai 1880

xv. MgMfl

Anzeigen nimmt nngegen: eit Expedition d.Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kaffe' und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; tzaaserchein & Bögler in Frankfurt c. M., Berlin, Lcipzir, CSitt re.; Rudolf Llot'e in Berlin, IraÄ- furi a. M- rr.

ObcWsllik ZkitW

Anzeigen nimmt entgegen dir Expedition d. Blattes sowie d.Annoncen-Bnreaur von @. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbstg Hermann'sche Buchhaudl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; L. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach sonn- und Feiettagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „ZluftrirtrS EouutagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdrucker«i) bezogen 3i Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg. (ejcl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 Psg. berechnet.

Tagesbericht.

Der Kaiser hat bereits mehrere Truppenbestchtigungen zu Pferve vorgeuommen. Berliner Blätter schreiben: Es ist erstaunlich, mit welcher Rüstigkeit und fast jugendlichen Frische der greise Kaiser stundenlang zu Pferde sitzt. Der Aufenthalt in Wiesbaden ist allem Anschein nach von über­raschend guter Wirkung auf die Gesundheit deS Monarchen gewesen. Der gebräunte Teint, die körperliche Elasticität, die in allen Bewegungen wahrnehmbar, hat alle, die das Glück hatten, den Kaiser beobachten zu können, mit Be­wunderung und Freude erfüllt.

Fürst Bismarck hat gestern Nachmittag um 4 Uhr dem König von Sachsen einen nahezu einstündigen Besuch ab­gestattet. — Ucber eine demnächst bevorstehende Reise deS Fürsten Bismarck steht bis jetzt nichts fest.

Graf Ballestrem ist nicht nach Rom abgereist. — Der ' „Germania" zufolge ist Majunke weder von dem Centrum zur Reise nach Rom veranlaßt, noch mit irgend welchen Aufträgen betraut worden.

Ucber den Schlußakt des Reichstages bemerkt die „M. D. R. C." Folgendes: „Der Abg. v. Bennigsen, der Gegen­kandidat des jetzigen Präsidenten Grafen Arnim bei der Präsidentenwahl, nahm daS Wort, um dem Grafen Arnim für die umsichtige und unparteiische Leitung der Verhand­lungen den Dank auszusprechen. Man merkte es an den Worten des Abg. v. Bennigsen, daß seine Worte ernst ge­meint waren, und die lebhafte Zustimmung, das wieder­holte Bravo, welches von allen Seiten erfolgte, als der Redner geendet, war der Beweis, daß dieses Anerkenntnis dem Präsidenten von allen Fraktionen (abgesehen von den Sozialdemokraten, welche sich demonstrativ überhaupt vor dem Schlußakte aus dem Saale entfernten) gezollt wurde. Die Kundgebung war nicht mehr eine bloße Formalität, wie sie sich bei dem Schluß aller parlamentarischen Körper­schaften regelmäßig wiederholt, es war eine vollständige Ovation, die dem Präsidenten Grafen Arnim als wohl­verdientes Anerkenntnis von allen Seiten dargebracht wurde — ein Ereignis, wenn man erwägt, mit welchem Wider­willen die Präsidentenwahl seiner Zeit von den liberalen Fraktionen ausgesaßl wurde.

Die in der fortschrittlichen und ultramontanen Presse gebrachte Nachricht, daß der königlich bayerische Gesandte Herr v. Rudhcut oie erbetene Entlassung von seinem ber­liner Posten erhalten habe, ist unrichtig. Uebcrhaupt dürfte die Freude über einen Bruchzwischen der Reichsregierung und dem nach Preußen zweitgrößten deutschen Staate, die aus gewissen Organen angesichts der Frage Rudhart hervorleuchtet, etwas voreilig sein und der ganze Zwischenfall, dessen An-

Die Tochter des Fregattenkapitäns.

Rovelle von Fritz Mühlbach.

(Fortsetzung.)

Sehnen Sie sich denn so sehr, Ihre Heimath wieder­zusehen? sagte Nina zögernd. Urteilen Sie selbst. Seit vielen Wochen habe ich nichts von meinen nächsten, meinen theuerstcn Jugendfreunden vernommen, nichts von den Braven, die mit mir in Kriegsgefangenschaft gerieten, als unsere Brigantine verloren ging. — O, erzählen Sie mir doch von Ihren Freunden, von Ihrer Heimctth I Jst's dort recht schön? Haben Sie auch dort diese glühende Lonne, diese erfrischende Seeluft und die duftigen Orangcnblüten? — Nein, sagte Ethelston lächelnd über die eifrigen, raschen Fragen des schönen Mädchens. Dafür haben wir Ströme, auf deren Wellen Ihres Vaters Fregatte segeln könnte; dichte, gewaltige Wälder und Haine, welche die Sonne mit ihren heißesten Strahlen nicht durchdringen kann und lachende, weite' Prairien mit den glänzesten nnd buntesten Blumen übersäet! — Wie gern sähe ich dies Land! Wie gern würde ich dort wohnen! rief Nina, deren glühende Einbildungskraft sogleich diese Schönheiten vergrößerte und ausmalte.

Sie können uns dort leicht einmal besuchen. Dieser | törichte Krieg ist bald vorüber; Ihr Vater hegt wohl auch den Wunsch, jene Gegenden, deren Seenerie so herrlich ist, zu sehen; oie Reise ist nicht gar zu beschwerlich. — Mein Later wird diese Inseln nie verlassen, es sei denn, er wolle nach Frankreich segeln, allein das haßt er. — Nun, dann e schieben Sie Ihre Reise nach Amerika noch ein paar Jähr­chen hinaus sagte Ethelston lächelnd und spielte zum ersten i Male auf Nina's Heirath an. Herr Bertrand wird sich 1 beeilen, Ihren Wunsch, den Mississippi zu sehen, zu be­

laß und Tagweite geflissentlich übertrieben wird, nicht so ausgelegt werden. Daß dauernd gute Beziehungen auch nach der persönlichen Richtung zwischen der Reichsregierung und Bayern auf beiden Seiten erwünscht sein müssen, liegt ebenso auf der Hand, als daß gewisse gesellschaftliche Rück­sichten von nimandem bei Seite gesetzt werden dürfen.

In Bezug auf das Wuchergesetz drucken die liberalen Blätter mit vielem Behagen ein Schreiben des Reichs­gerichtsrats Dr. Bähr ab, in welchem derselbe sich sehr scharf ausläßt über die unbestimmten Ausdrücke dieses Gesetzes, wodurch alles in das Belieben deS Richters ge­stellt und dadurch das Schlimmste, was der Rechtsprechung widerfahren könne, eine Ungleichheit in der Behandlung und Bestrafung nachgesagt werden würde. Aber waren es denn nicht gerade die Liberalen, welche die Konservativen zwangen, wenn das Gesetz überhaupt zu Stande kommen sollte, sich mit diesen unbestimmten Ausdrücken zu be­gnügen? Deshalb sollten die liberalen Blätter fein stille schweigen, sie sind schuld, daß eö so geworden ist. Aber das Gesetz wird auch in dieser Gestalt den Halsabschneidern einen heilsamen Schrecken einjagen und unsere Richter von der niederdrückenden Last befreien, die Exekutoreu der Wucherer sein zu müssen.

Ueber die Anzahl und die Verteilung der Reserve- und Landwehrofficiere der deutschen Armee bringt die „Deutsche Heereözeitung" in ihrer letzten Nummer einen statistischen Artikel, dem wir folgende Daten entnehmen: Bei den 15 Armeecorps sind 5321 Reserveofficiere vorhanden, von denen 3092 der Infanterie, 82 den Jägern und Schützen, 1354 der Kavallerie, 570 der Artillerie, 66 den Pionieren und 157 dem Train angehören. Dazu kommen noch 78 Officiere des Eisenbahnregiments und 736 Aerzle der Re­serve. Zählt man die Armeecorps nach der Totalsumme ihrer Reserveosficiere auf, so folgen: 4., 11., Garde-, 8., 7., 1., 3., 2., 6., 5., 14., 10., 9. und 15. Faßt man die einzelnen Truppenteile u. f. w. ins Auge, so verfügen über die meisten Reserveosficiere: das Infanterie-Regiment Nr. 36 mit 73, das Husaren - Regiment Nr. 7 mit 59, das Feldartillerie-Regiment Nr. 4 mit 31, das Fußartillerie- Regiment Nr. 4 mit 21, das Pionierbataillon Nr. 7 mit 16, das Garde-Trainbataillon mit 31; über die wenigsten: das Infanterie-Regiment Nr. 117 mit 2, daS Dragoner- Regiment Nr. 9 mit 6, das Feldartillerie-Regiment Nr. 24 und 25 mit je 6, das Fuh-Artillerie-Regiment Nr. 8 mit 3, daS Pionier-Bataillon Nr. 10 mit 1, das Train-Ba­taillon Nr. 9 mit 1. Von Landwehrofficieren besitzen die 15 Armeecorps 6091. Von diesen gehören zur Infanterie 4090, zu den Jägern und Schützen 47, zur Kavallerie 1137, zur Artillerie 597, zu den Pionieren 81, zum Train 139. Dazu kommen noch 132 Landwehrofficiere

friedigen. — Nina fuhr auf, als hätte eine Natter sie ge­bissen ; dunkelrot schoß das Blut in ihre Wangen; zornig funkelten ihre Augen. Ich verabscheue diesen Herrn wie den Tod. Eher sterben, als ihn heirathen! Dann fügte sie leiser hinzu und der schmerzliche Ton ihrer Stimme durchbohrte sein Herz. Und mir das . . . mir das von Ihnen! Sie verbarg das Gesicht in ihre Hände und weinte.

Ethelston war auf's Aeußerste überrascht über den Sturm, den seine Worte so unvorsichtig heraufbeschworen hatten. Wie hätte er wähnen können, daß jene Heirath Nina so unangenehm wäre; sie hatte sich ja längst mit dem Gedanken vertraut machen können. Nach des jungen t'Estrange Schilderung war ja Bertrand ein reicher, ge­bildeter, edler Mann von einnehmendem Aeußeren, vielleicht die beste Partie auf den französischen Inseln. Woher nun dieser unerwartete Widerwille, dieser tiefe Kummer, der sie so schmerzlich bewegte? Weit entfernt, die Ursache zu er­raten, vermutete er, daß sie mit «einem jungen Offizier von dem Schiffe ihres Vaters ein Verhältniß angeknüpt habe. Daher ergriff er teilnehmend ihre Hand und sagte gütig: Verzeihung, Nina! wenn meine Worte Ihre Gefühle ver­letzten. Ich glaubte fest, Sie hätten in die Heirath mit Herrn Bertrand gewilligt. Gewiß, Herr L'Eftrange liebt seinen Liebling zu sehr, um ihn zu einer Heirath zu zwingen, die nicht die Liebe schließt. Erlauben Sie, daß Ihr Mentor — Sie haben mir ja erlaubt, mich so zu nennen — mit ihm darüber spreche? Nina entgegnete nichts; ihre Thränen stossen noch heftiger. — Ihr Bruder ist abwesend: Sie scheinen Ihrer Mutter nicht gerne Ihre kleinen Geheimnisse anzuvertrauen. Lassen Sie sich von meinem Rate leiten; ich bin viele- Jahre älter als Sie; dankbar für die Güte,

des Eisenbahnregiments und 883 Aerzte der Landwehr. Das Reserve-Landwehr-Regiment (Berlin) Nr. 35 behauptet mit 257 Infanterie-, 75 Kavallerie-, 20 Feldartillerie-, 11 Fußartillerie-, 9 Pionier- und 9 Trainofficieren den Vorrang gegenüber jedem anderen Landwehr-Regimente. Demnächst kommt Reserve-Landwehr-Regiment (Köln) Nr.40 mit in Summa 159 Osficiereu. Faßt man schließlich die Summe der Reserve- und Landwehrofficiere einschließlich des Eisenbahn-Regiments, sowie die Summe der Reserve- und Landwehrärzte zusammen, so ergiebt dies als Gesamt­bestand die respektable Summe von 11,622 Officiereu und 1619 Aerzteu im Reserve- resp. Landwehrverhältnis.

Zur Herbeiführung eines übereinstimmenden Verfahrens bei Aufstellung der Gütertarife hat der Eisenbahn-Minister unterm 1. d. Mts. angeordnet, daß bei Berechnung der Tarifsätze für 100kg Beträge unter O,oos Mark außer Ansatz gelassen, Beträge von O,oo& Mark und darüber aber für O,oi Mark gerechnet werden. — Betreffs der Festsetzung der Stärke der in Personenzügen laufenden Achsen unter Güterwagen hat der Minister der öffentlichen Arbeiten unterm 3 d. M. folgendes verfügt: Nachdem Aeußerungen der Eisenbahnverwaltungen darüber verlangt worden waren, ob eS nach den bisherigen Erfahrungen unbedenklich sein würde, von der bisherigen Forderung einer Minimalstärke von 115mm für die vorerwähnten Achsen abzusehen und hierfür tiefe Fahrzeuge nur bis zu höchstens 80 Procent ihrer Tragfähigkeit beladen zu lassen, hat die Mehrzahl der Verwaltungen sich dahin ausgesprochen, daß eine Aen- deruug der vorhandenen Bestimmung, wenn auch für die Betriebssicherheit nicht gerade bedenklich, doch weder wün­schenswert noch erforderlich sei. Es wird hierfür geltend gemacht, daß die bei dem Erlasse jener Bestimmung maß­gebenden Gründe noch heute vorliegen, die schwachen Achsen bereits sehr alt und größtenteils unter alten Wagen be­findlich seien, deren sonstige Eigenschaften schon ihre Ein­stellung in die Personenzüge nicht ratsam erscheinen lassen, so wie, daß es überhaupt wünschenswert sei, die schwachen Achsen möglichst bald zu beseitigen. Endlich wird darauf hingewiesen, daß eine Einschränkung der zulässigen Bela­dung der in Personenzügen lausenden Güterwagen auf 80 Procent ihrer Tragfähigkeit eine Aenderuug der Tarif- Vorschriften erheischen würde und es vielfach mit Schwierig­keiten verknüpft sein möchte, das Gewicht der Ladungen auf den Uebergangsstatiouen festzust tzen. Auf Grund dieser als zutreffend zu erachtenden Einwendungen bestimmt der Minister, daß es bei den bisherigen Forderungen einer Minimalstärke von 115mm für die Achsen der in Personen­zügen laufenden Güterwagen fein Bewenden behält und die bereits vielfach einzeführte und zur Erleichterung des Ueber- nahmegeschäfts empfohlene Maßregel, die Achsstärken durch eine bezügliche Aufschrift an den Langträgern der Wagen

mit der Sie mich während meiner langwierigen Krankheit verpflegt Haden, roeree ich Ihnen mit der liebevollen Teil­nahme eines Vaters oder älteren Bruders ratend zur Seite stehen. Nina's kleine Hand zitterte heftig in der )einigen, doch antwortete sie nicht. — Wenn Sie mir Ihr Geheimniß nicht sagen, so muß ich es errraten. Ihr Widerwille gegen jene Heirath entspringt weniger aus Mißfallen an Herrn Bertrand, als aus Neigung zu einem Andern, dessen Wahl vielleicht Ihre Eltern nicht billigen.

Nina entzog ihm ihre Hand und machte einen vergeb­lichen Versuch ihre Thränen zu trocknen. Das dünne Netz, welches ihre schwarzen Locken zusammenhielt, hatte nachge­geben, entfesselt wallte das Haar auf den Nacken deS Mädchens herab und verschleierte die tiefe Röte ihrer Wangen. Mit inniger Teilnahme ruhte Ethelftons Auge auf ihr. In ihrem sprachlosen Kummer lag eine Natur, eine Würde, die ein härteres Herz wie das {einige gerührt haben würde. Da, als er sah, wie sich ihr Busen stürmisch hob, als ihre Stellung die feine Rundung der vollen Glieder hervortreten ließ, bemerkte er zum ersten Male, daß er nicht mit einem Kinde, sondern mit einem Mädchen sprach, in welchem die Blüte der Weiblichkeit so früh ge­reift war, mit einem Mädchen, dessen Herz sprechen gelernt hatte. Deshalb fuhr er eben so gütig, aber achtungsvoller als bisher fort: Nina, ich will mich nicht in ihre Geheim­nisse drängen: allein glauben Sie, daß ich Ihren Schmerz teile, daß ich wünsche ihn zu heben, so viel ich vermag, und Sie zu tröften. Meine Neugierde beleidigt Sie, ich gehe; vielleicht finden Sie in der Einsamkeit ihre Ruhe wieder.

Nina legte noch immer weinend ihre kleine Hand auf .seinen Arm und flüsterte: Nein, nein, Sie beleidigen mich nicht; bleiben Sie, ich bitte Sie darum.