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Marburg, Freitag, 14. Mai 1880
XV. Jahrgang
Anzeigen nimmt emgegen: btt Expedition d.vlatteS, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a.M.; Saasenstein & Bögler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Cölu re.; Rudolf Moste in Berlin, Frank- furt s. M- rc.
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Anzeigen nimmt entaegen die Expedition d. Blattes sowie d-Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; JLger'sche Buchhandlung daselbst!; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendonk in Berlin; W- Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen-
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Die geschloffene Reichstagssessio«
Nachdem die am Montag Abend geschlossene ReichstagS- session in ruhigem, schleppendem Gleichmaß der Geschäfte dahingeflossen war und gegen das Ende ganz im Sande zu verlaufen drohte, wurde sie am Sonnabend durch das plötzliche Erscheinen des Reichskanzlers noch einmal gewaltig aufgeregt. Der Kanzler hatte sich während der ganzen Session nicht an den Debatten beteiligt. Nun kam er, um auch einmal sein Herz anszuschütten und seine Unzu- sricdenhett mit der politischen Lage zu erkennen zu geben. Die Lage ist allerdings für die Reformpläne des Kanzlers keine günstige. Im vorigen Jahre war dieselbe bei Schluß des Reichstags eine viel günstigere. Da trug der Kanzler als Siegespreis die Zollreform auö dem Reichstage^ heim. Diesmal hckt er von den zur Fortsetzung seiner Steuer« reformpolitik vorgelcgten Gesetzentwürfen keinen einzigen durchgebracht. Das Brausteuergesetz und die Stempelsteuer- Vorlagen sind alle unerledigt geblieben. Ebenso die Vorlagen über die Mehrausprägung der Silbermünzen, über das Pfandrecht an Eisenbahnen, das Faustpfandrecht für l Aktien-) Pfandbriefe, die Besteuerung der Dienstwohnungen der Reichsbeamten, die Küstenschifffahrt und die Elbschiff- fahrtsakte. Ganz abgelehnt wurde das Gesetz über die Staatsgarantie für die deutsche Seehandelsgesellschaft. Zu Stande kamen in der ganzen Session außer dem Budget nur die Novelle zum Militärgesetz, die Verlängerung des Sozialistengesetzes und das Wucher- und Viehseuchengesetz, sowie die von den Deutschkonservattven in Anregung gebrachten Anträge wegen Wiederherstellung der Innungen, Beschränkung der Theater-, Hausierer- und Wanderlagerfreiheit. Außerdem wurden noch die provisorischen Handelsverträge mit Oesterreich, der Schweiz und Belgien erledigt. In Hinblick auf die lange Sitzungsperiode ist das gewiß wenig genug. Für dm Kanzler ist es aber offenbar am empfindlichsten, daß er mit seiner Steuerreform nicht weiter gekommen ist. Es fand sich für dieselbe keine Mehrheit im Reichstage. Die Liberalen waren von vornherein, jetzt wie im vorigen Jahre, gegen dieselbe und werden es auch wahrscheinlich in Zukuft sein, weil sie gegen das Prinzip dieser auf dem System der indirekten Besteuerung basierenden Reform sind. Für diese Reform könnte der Kanzler nur auf die Konservativen und das Centrum rechnen, welche im vorigen Jahre auch die Zollreform durchgesetzt hatten. Aber das Centrum ging diesmal nicht mit, weil es erst Garantieen verlangte, daß die neuen Steuern auch wirklich zur Verminderung der direkten Steuerlast verwendet werden würden und begründete diese seine mißtrauensvolle Stellung damit, daß ein Teil der vorjährigen Zolleinkünfte durch die neue Militärvorlage aufgebraucht würde. Der Reichskanzler war über diese Haltung des Centrums sthr unbefriedigt und gab seinem Unmut darüber am Sonnabend
in ungewöhnlich scharfer Weise zu erkennen, indem er alle anderen Parteien aufforderte, in Zukunft sich absolut und für immer von dem Centrum fern zu halten. Das wird sich aber unmöglich durchführen lassen; denn das Centnim ist die stärkste Fraktion des Reichstages und eine solche Fraktion kann unmöglich ganz bei Seite gelegt werden.
Wenn man z. B. in dieser Session diese Taktik hätte befolgen wollen, so würden weder das Wuchergesetz noch die Gewerbeordnungs - Reformanträge durchgcgangeu sein, weil die liberalen Parteien sich denselben widersetzten; und wenn der Kanzler seine Steuerreform nicht ganz aufgeben will, so wird er doch in Zukunft wieder auf das Centrum zurückgreifen müssen; denn dasselbe wiro seinen wirtschaftlichen Grundsätzen gemäß doch immerhin 7 derselben eher zustimmen können, als die liberalen Parteien. Gerade der Schluß der Session hat bewiesen, wie eine solche Taktik unmöglich ist; denn obgleich der Kanter erst am Sonnabend den Reichstag und insbesondere die liberalen Parteien aufgefordert hatte, nicht mit bem Centrum zu stimmen, so wurde doch gerade in der Elbschifffahrtsvorlage, welche jene heftige Rede des Kanzlers veranlaßt hatte, schließlich der Antrag Windthorst-Delbrück-Birchow angenommen,
Zur Klärung der parlamentarischen und politischen Lage wird alles von den im preußischen Landtage zu erwartenden kirchenpolitischen Vorlagen und der Beilegung des sogenannten Kulturkampfes adhängen. Denn dieser Streit ist es, der seit Jahren unsere inneren polftischen Verhältnisse verwirrt, und so lange derselbe dauert, ist es unmöglich zu klaren und natürlichen Verhältnissen zu gelangen. Ist derselbe beendigt, dann ist die Möglichkeit gegeben, daß wir endlich daS Ziel erreichen, ohne welches ein gesundes, parlamentarisches Leben unmöglich ist — nämlich die Bildung einer großen conservativcn und einer großen liberalen Partei. Durch die vielen Frakttonen ist der Re- gierung ein erfolgreiches Regiment unmöglich. Haben wir zwei große Parteien, die ja unter sich immerhin ihre Schattierungen haben können, so kann die Regierung sich der einen oder anderen anschließen, je nachdem es für ihre Pläne paßt, und kann dieselben mit der einen oder anderen durchführen. Daö Durcheinanderwogen der vielen Fraktionen macht ein klares Regiment unmöglich — und diese Möglichkeit wird auch nicht beseitigt durch den so oft aufgetauchten Plan der Gründung einer liberal-conservativen Mittelpartei. Man kann nicht Feuer und Wasser zusammenmischen; conservattv und liberal sind Gegensätze, welche geschieden bleiben müssen, wenn Klarheit und Wahrheit in unsere Verhältnisse kommen sollen. Und darauf hinzuar- beiten, ist die große Aufgabe unseres politischen Lebens.
Tage-dericht.
Der „Reichs-Anzeiger" schreibt: In der Vormittags- Sitzung des Reichstags vom IQ. Mai hat der Finanz-
Minister die Behauptung des Abg. Virchow, daß seitens des Reichskanzlers die Frage an ihn gestellt worden sei, ob es nicht an der Zeit sei, die Freihafenstellung Hamburgs zu beseitigen, und daß er (der Finanzminister) hierauf zustimmend geantwortet habe, dahin berichtigt, diß eine solche Frage ihm nicht gestellt worden, daher auch keine Antwort erfolgt sei. Virchow antwortete darauf in persönlicher Bemerkung unter Hinweis auf ein Schreiben des Fürsten Bismarck vom 15. April an den Finanzminister, daß dieses Schreiben den von ihm behaupteten Inhalt wohl enthalte. Richtig ist, das ein Schreiben des Auswärtigen Amts an den Finanzminister vom 15. April existiert und die Verhältnisse der Unterelbe behandelt. Unrichtig aber ist, daß darin die von Virchow behauptete Frage gestellt ist. Die Berichtigung dieser Thatsache konnte im Reichstage nicht stattfinden, weil die zur Sache bezüglichen Akten nicht zur Hand waren. Inzwischen erfolgte der Schluß des Reichstags. Die Antwort des Finanzministers auf die Bemerkung des Abg. Virchow muß aber in vollem Umfange aufrecht erhalten werden. Es kann Letzterem ja überlassen bleiben, durch Veröffentlichung des ihm, wie eS den Anschein hat, genau bekannten Schriftstücks seine Behauptungen zu erweisen. Daß er von diesem Schriftstück überhaupt Kenntnis erhalten, kann nur durch Verletzung des Dienstgeheimnisses geschehen sein und wird den Gegenstand einer eingehenden Untersuchung bilden,
Ob die dem Landtage zugedachte Vorlage wegen der discretionären Vollmachten bezüglich der Maigesetze schon sämtliche Ministerial«Instanzen durchlaufen hat, ist noch nicht zuverlässig bekannt. Wie es heißt, soll dieselbe kurz, aber weitgreifend gefaßt sein, sowohl wegen der Befugnis der Anwendung sehr entgegenkommender Bestimmungen als des Ruhenlassens, oder auch der Rücknahme derselben, je nach der Haltung des Vaticans. Die Erwartung soll noch bestehen, daß der Papst bis zum Einbringen dec Vorlage oder bald darauf der Erfüllung der Anzeigepflicht Nachkommen werde.
In der letzten Nummer des „Deutschen Montagsblatt" wird erzählt: „In England giebt es eine Behörde, welcher das Recht zusteht, importierten schlechten Thee vernichten zu lassen. In der letzten Zeit ließ es sich jedoch diese weise Behörde beifallen, solchen schlechten Thee nicht zu konfiszieren und zu verbrennen, sondern dessen Ausfuhr nach Deutschland zu gestatten. Graf Münster, der seinen Landsleuten eine gute Taffe Thee sichern will, thut Schritte, damit in Zukunft der für England zu schlecht befundene „Perl- oder Pulver"-Stoff, den die Chinesen den dummen Barbaren aufschwindeln wollen, nicht in Hamburg oder Bremen verkauft werden solle. Wo bleibt denn das deut-
Die Tochter des Fregattenkapitäns. ==
Novelle von Fritz Mühlbach. •„? a *-*• £3 (Fortsetzung ) £ ~ "2 cl
Der junge L'Estrange trat sein eigenes Gemach an Ethelston ab; den heftigen Schmerzen deffelben war eine noch gefährlichere Schwäche und Lethargie gefolgt.. Der Wundarzt mußte ihn verbinden und ohne Unterschied des Vaterlandes auf jeeen der Verwundeten seine Sorgfalt ausdehnen. Nach einigen Tagen beschloß Kapitän L'Estrange Gregson und die Übrigen Mattosen der Brigantine gegen einige Franzosen umzutauschen, die kürzlich von einem amerikanischen Kaper kriegsgefangen gemacht worden waren. Demgemäß wurden sie an Bord des Kutters nach New- Orleans gesendet. Da der junge L'Estrange durch den Bootsmann die Adresse des Obersten Brandon und die Verhältnisse erfahren hatte, in welcher dieser zu Ethelston stand, so schrieb er ihm, er werde den Letzteren, deffeu er in den rühmendsten Ausdrücken erwähnte, wie einen Bruder verpflegen; die Gefahr seiner Wunden erheische zwar seine Rückkehr nach Guadeloupe, doch könnten seine Freunde sich darauf verlassen, daß er so gut als zu Hause gepflegt werden würde. Cupido blieb auf fein inständiges Bitten bei seinem Herrn zurück und besorgte dessen Gepäck und Papiere. Ter Kutter erreichte glücklich seinen Bestimmungsort; der beabsichtigte Tausch ward vollzogen und die Kriegsgefangenen gegenseitig ausgeliefert.
Endlich glückte es dem Wundarzt des „Sperbers", dir Kugel ans Ethelstons Schulter zu ziehen. Bei der Ankunft auf Guadeloupe erklärte er feinen Patienten außer Gefahr; jedoch schärfte er ihm die strengste Ruhe ein und gebot ihm das Zimmer zu hüten, bis seine Genesung weiter vorgerückt sein würde. Der leidenschaftliche junge L'Estrange
vermochte seinen Vater, fofort den Kranken in sein Haus aufzunehmen, schllderte seiner Schwester Nina den Heldenmut und Edelsinn ihres Gastes in den glühendsten Farben und ließ sie die kräftigsten und erquickendsten Getränke bereiten. Stunden lang saß er an seinem Lager; kurz, er erwies ihm alle die Liebe, mit der rasche und edle Charaktere gethanes Unrecht zu vergüten suchen. —
Bald nachdem der At^t Ethelston außer Gefahr erklärt hatte, sah der junge L'Estrange sich genötigt, nach Europa zu segeln, um sich dort im Seedienste auszuzeichnen, da er fein Wort verpfändet hatte, nicht gegen die Vereinigten Staaten zu fechten. Frankreich bot jetzt selbst den abenteuerlichsten seiner Söhne ein reiches Ernteseld des Ruhmes und der Ehre. Bei seinem Abschiede bat er seine Schwester wiederholt, Ethelston alle nur mögliche Aufmerksamkeit zu erweisen. Der Kapitän war diel durch den Dienst beschäftigt; Madame L'Estrange, eine spanische Creolin, verließ ihr Zimmer selten. Dort lag sie in einem Lehnstuhl und blätterte nachlässig im Florian; ein paar schwatzende Papageien und eine Negerin, 'die ihr Kühlung fächeln mußte, waren ihre einzige Gesellschaft. Sv fiel die ganze Last der Pflege auf die freundliche, gutherzige Nina, Ka- pttäu L'Estrang's jüngste Tochter. Zwei ältere Schwestern waren verheiratet.
Nina zählte jetzt sechszehn Sommer; ihr Charakter war der ihres Bruders, offen, heftig und heißblütig. Ihre Gefühle waren nie durch ihre schöne, aber empfindliche, träge Mutter richtig geleitet worden; Romane, Gedichte und Schauspiele, wie sie ihr auf den Bücherreposttorien des Gesellschaftszimmers zufällig ins Auge fielen, waren die Nahrung ihres Geistes gewesen. Ihr Vater verzog und ihr Bruder verzärtelte sie, ihre Gouvernante gouverniette
sie; dem Unterrichte derselben verdankte sie höchstens einige Fertigkeit in der Musik. Ihr Antlitz, wie ein schöner Spiegel strahlte in seinen Zügen die Wärme und Leidenschaftlichkeit ihres Charakters zurück; ihre Hautfarbe war dunkel, aber rein, ihr Haar schwarz und glänzend; chre Augenbrauen waren äußerst fein geschnitten, die Augen groß, ausdrucksvoll und in jenem feuchten Glanze glühend, welcher das Merkmal creolischer Schönheit ist. Rosig schwollen ihre Lippen, und nichts übertraf die blendende Weiße ihrer Zähne, wenn ein holdes Lächeln ihre Perlenreihen erschloß. Sie war außerordentlich schön gebaut, jede ihrer Bewegungen achmete Anmut. Die ganze Glut des sonnigen Klimas, in welchem sie aufgezogen war, schien sie zu erfüllen, ihr Temperament, ihre Einbildungskraft, ihre Leidenschaften, Alles glühte in ihr mit seiner feurigen, aber gefährlichen Wärme. Den Gebräuchen ihres Vaterlandes gemäß war sie schon als Kind mit einem der reichsten Pflanzer auf der Insel verlobt worden; dieser befand sich jetzt m Europa. Noch fehlten an der zur Heirat festgesetzten Zeit zwei Jahre, und sie machte sich selten Gedanken über diese oder ihr künftiges Schicksal.
Das war das Mädchen, welches jetzt Ethelston verpflegte. Noch ehe sie ihn gesehen, hatten die Erzählungen ihres Bruders die ganze Teilnahme und Sympathie ihres romantischen Geistes für ihn geweckt. Ethelston war zwar nicht außerordentlich schön, doch war sein Gesicht männlich und ausdrucksvoll, sein Benehmen artig und einnehmend. Seine Schwäche erhöhte noch das Anziehende seines feinen Gesichts durch jenes feine Dahinschmachten, wie es. ein Dichter genannt hat.
Noch ehe Nina ihrem dankbaren Patienten den dritten Trank dargereicht hatte, pochte ihr Herzchen heftig; kaum