Marburg, Donnerstag, 13. Mai 1880
Nr. 111.
XV. Jahrgang
Anzeigen nimmt entgegen: 1U Grpedition d.Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaur von Th. Dietrich & Co. in Aaffel und Hannover; Lh. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in jtenffutt a 3Ä., Berlin, jteiMtg, Cöln n.; Rudolf Aoffe in Berlin, Iranl« ftttt a. Lil. rr.
OdnIjkWk jfitmig.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d. Annoncen-Bureauk von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jägerische Buchhandlung daselbst'; Hermamrische Buchyandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in «lberfeld: L. Schlotte in Bremen-
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Tonn- und Feiettagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Ko ch'fche Buchdruckerei) bezogen 2k Marl, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Marl 50 Psg. (erd. Bestellgebühr). — JnsettionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf», berechnet.
Tagesbericht.
Der Kaiser hat im Montag Nachmittag dem Reichskanzler Fürsten Bismarck einen einstündigen Besuch abgestattet. _______________
Die nächste Sitzung des preußischen Landtages wird Donnerstag, den 20. d. M., 12 Uhr stattfinden. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Gesetzentwurfs über die Organisation der allgemeinen Landerverwaltung.
Eine jüngst ergangene Mnisterialentscheidung mißbilligt die Beschäftigung von Staatsbeamten, namentlich solcher, die dadurch leicht in Widerstreit mit ihren Pflichten geraten könnten, als Agenten von Versicherungsanstalten. Die vorliegende höchste Entscheidung ist gegen die Ansicht einer Beziiksregierung und eines Oberpräsidenten ergangen.
Infolge einer Mitteilung des Reichskanzlers, daß tu letzterer Zeit öfters Apothekerlehrlinge sich zur Apotheker- gehilsen-Prüfung gemeldet haben, welche die vorgeschriebene Lehrzeit mit Unterbrechung zurückgelegt hatten, und daß hierbei die Frage zur Erörterung gekommen sei, ob in derartigen Fällen die beantragte Zulassung zur Prüfung zu gestatten sei, haben die Einzelregierungen darauf aufmerksam gemacht, daß die Lehrzeit in unmittelbarer Aufeinanderfolge oder doch wenigstens ohne erhebliche Unterbrechungen zurückgelegt werden muß und daß nur der Reichskanzler ermächtigt ist, in Uebereinstimmung- mit der betreffenden Landesregierung in besonderen Ausnahmefällen von der fraglichen Vorschrift Dispensation zu erteilen.
General v. Treskow hat dem Kaiser nach Wiesbaden die befriedigensten Nachrichten über den Aufenthalt der Glückwunschdeputation in Petersburg überbracht. Die aus Petersburg zurückgekehrten preußischen Offiziere wissen nicht genug die Aufnahme zu rühmen, die sie in Petersburg und namentlich beim Kaiser Alexander selbst gefunden haben. Sie waren während der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes nicht weniger als viermal in das kaiserliche Palais geladen und der Kaiser behandelte sie stets mit der gewinnendsten Liebenswürdigkeit. Er streifte sogar die Politik. Er bemerkte z. B-, man müsse gar kein Gewicht auf Gerede und Geklatsch legen, als ob sein Sohn, der Thronfolger, dereinst nach anderen Grundsätzen als er selbst regieren werde. Das innig freundschaslliche Verhältnis zu seinem Oheim, Kaiser Wilhelm, werde niemals einem Wandel unterliegen und ebenso sei er überzeug^ eS werde ihnen, den beiden Herrschern, gelingen, zu bewirken, daß auch die beiden großen Reiche wie bisher in Frieden und Freundschaft miteinander lebten. „ LvMiiVL
—------'
Die Tochter des Sregatteucapitäas.
Novelle von Fritz Mühlbach• m j ö * g* i $
< Fortsetzung.) ' ' ' *
Nie, Nie! sagte der junge Lieutenant heftig^ der Verlust meines Bootes schmerzt mich nur wenig, auch das Mißlingen meines Angriffs nicht; aber ich bin ein entehrter Feigling und der Himmel selbst kann meine befleckte Ehre nicht wieder Herstellen. y , fj :
Nein, nein! nicht also! erwiderte Edelston, Sie haben mit Ihrer Mannschaft tapfer gefochten, bis jede Aussicht auf den Siez entschwunden war. Der Tapferste kann nicht mehr ihun.
Sie sind edelmütig, sagte der junge Mann warm. Sie wollen mich nicht verstehen. Als jede Hoffnung entschwunden war, als ich, dem Säbel Ihres Bootsmannes preisgegeben, da lag, da sprangen Sie herbei, um mein '. eben zu retten, und ich Ungeheuer, ich Feigling suchte sie zu tödten. Auch da noch, obwohl von meinem Pistol verwundet, legten Sir sich, ohne ein zorniges Wott, ohne einen Vorwurf ins Mittel und retteten mich vom wohlverdienten Tode. O wäre ich lieber hundertmal gestorben, als zu solcher Schande dem Leben erhalten!
Wiederum begrub der unglückliche, junge Offizier das Gesicht in beiden Händen; sein ganzer Körper zitterte con- vulsivisch. Ethelston that alles Mögliche, um ihn zu beruhigen und seinen Schmerz zu mildem. Er versicherte, daß seine Wunde n cht von Belang sei; er stellte ihm vor, daß in der Unruhe und Hitze eines Gefechtes Niemand Besinnung genug habe, um Herr seiner Handlungen zu sein; er sprach seine Vergebung so offenherzig, in so gütigen Ausdrücken aus, daß er ihn endlich einigermaßen besänftigte. L'Estrange wollte sich indeffen nicht eher zufriedm geben,
Aus M.-Gladbach hat der engere Ausschuß des Vereins der westfälischen Baumwoll-Industrie (Vorsitzender Kommerzienrat Wolff) unterm 6 d. Mts. eine Adresse an den Reichskanzler gerichtet, in welcher u. a. gesagt ist: Der unterzeichnete Ausschuß, invem er Eurer Durchlaucht seinen tiefgefühltesten Dank für die dem Reichstage gemachte Samoavorlage ausspricht, erblickt in der Ablehnung derselben seitens der Majorität dieser Körperschaft eine bedauerliche Verkennung der Bedürfnisse unseres Landes und Eurer Durchlaucht Bestreben, die wirtschaftliche Wiedergeburt Deutschlands durch eine segensreiche Kolonial- und Handelspolitik zu unterstützen. — Jedem wahren Vaterlandsfreunde, gleichviel welcher politischen Parteistellung er angehört, mußte die Bmst höher schlagen, als Eure Durchlaucht in der Bildung der Südseegesellschaft eine günstige Gelegenheit erfaßten, mit einem eventuellen höchsten Kostenaufwande von 300,000 M. jährlich seitens des Reiches den Grundstein zu einer künftigen Kolonialpolitik und dem Schutze und der Entwickelung deutschen Handels in fremden Landen zu legen — und er muß nunmehr tief erröten über die Schmach, welche dem Vaterlande in der Ablehnung dieses Bestrebens angetan worden ist. Die von den Gegnern der Vorlage, besonders dem Abg. Dr. Bamberger, ebenso trivial wie leichtsinnig gemachten Behauptungen, die auf völliger Unkenntnis der deutschen Hanbelsverhältnisse in den Südseestaaten beruhen und nicht zum ersten Male dem Wirtschaftsleben der deutschen Nation schwere Wunden geschlagen haben, stehen im grellsten Widerspruch mit den tatsächlichen Verhältniffen und dem Urteile sachkundiger Männer. Was derselbe einen blühenden HandA nennt, der durch die Bildung der Südseegesellschaft und das Patronat der deutschen Reichsregierung gestört werden könnte, ist leider nur ein Handel Deutscher im Auslande mit fremden Fabrikaten und Produkten, und als eine Unwürdigkeit muß es empfunden werden, daß unsere Landsleute im Auslande im Allgemeinen nur die Handlanger fremder Nationen und ihrer Interessen sind. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß cs Eurer Durchlaucht gelingen wird, Mittel und Wege zu finden, ein so zeitgemäß geplantes und für das Wirtschaftsleben der Nation so hochwichtiges Unternehmen doch noch zur Ausführung zu bringen, und verblechen mit aller Ehrfurcht rc.
Deutsches Reich. .u nb s
•* Berlin, 11. Mai. Für den 20. Mai ist bekanntlich das Abgeordnetenhaus zur ersten Sitzung nach der Vertagung berufen worden. Auf der Tagesordnung steht die zwette Lesung des Gesetzentwurfs über die Organisation der Landesverwaltung. ES war- hei Schluß der Arbeiten des Landtags bekanntlich eine andere Tagesordnung unwichtiger kleiner Gegenstände in Aussicht genommen worden. — Am Donnerstag, den 13., wird ver Bundesrat wieder als bis die Wunden Echelstons verbunden wären; eiligst stürzte er fort, um den Wundarzt herbeizurufen; er selbst wollte bei der Operation zugegeU'^ein.
Ethelston ward entfielet; er hätte außer einigen unbedeutenden Fleischwunden zwei Schußwunden erhalten; eine Musketenkugel war tief in seine linke Schulter gedrungen, und L'Estrange's Schuß hatte den linken Oberarm zerrissen. Dieser war bald besorgt und verbunden; aus jener konnte die Kugel nicht gezogen werden. Dem Wundarzt fehlte eö entwever an der nötigen Geschicklichkeit oder an den dazu erforderlichen Instrumenten. Sobald der Verband beendet war, entließ Ethelston den Wundarzt, wandte sich gutgelaunt zu L'Estrange und sagte: Run, mein junger Freund, bedarf ich Ihres Beistandes. Ich darf keine Zeit verlieren, die Saite in die Schaluppe zu bringen. Wir müssen so viel Proviant und so viel vom Notwendigsten hineinschaffen, als sie fassen kann, denn diese Brigantine ist verloren. Ihre Drehbasse und die Kanonen der Fregatte haben's ihr angethan; sie sinkt mehr und mehr, und in ein paar Stunden wird sie untergehen.
Aus mein Wort, Herr! sagte L'Estrange, Sie sind der tüchtigste Mann, der je einen Kauffahrer befehligte. Sie überlisten mit Ihren MannöverS eine Fregatte, nehmen ihre Boote gefangen, fechten, als hatten Sie in ihrem Leben nichts Anderes gethan, sitzen so still unter der Sonde des Wundarztes, als verzehtten Sie Ihr Mittagsmahl, und nun reden Sie mit dieser Ruhe davon, die ^Brigantine zu verlassen, um deretwillen Sie alle diese Gefahren gelaufen sind.
Das ist nun meine Philosophie, Herr L'Estrange. Zuerst versuchte ich, ohne Gefecht davon zu kommen; als dies unmöglich war, focht ich, so gut ich konnte. Was
eine Plenarsitzung abhalten. Die Sitzung wird die erste sein, in wecher die neue Geschäftsordnung in ihr Recht eintritt. Es werden mithin zu derselben auch die von den Regierungen neu ernannten Vertreter, statt der bisherigen substituierten ihre Funktionen beginnen. Die Tagesordnung dieser Sitzung ist sehr reichhaltig. An Vorlagen stehen auf der Tagesordnung u. A. folgende: Mitteilung über den Inhalt von Bundesrats-Drucksachen in öffentlichen Blättern; die Zusatzakte zur Schifffahrtsakte für die Donaumündungen; Dienstvorschriften über die Besteuerung des Tabaks und Mitteilung betreffend die Erledigung einer Beschwerde über Anforderungen der Zollverwaltung. Außerdem kommen mündliche Berichte vor, über die vom Reichstag gefaßten Beschlüsse betreffend den Nachweis der Identität für das zum Export bestimmte Mehl, über Vermehrung der Wertzeichen zur Erhebung der statistischen Gebühr, über die Vorlage betreffend die Deöinfection von Eisenbahn- Viehwagen im Verkehr mit Belgien, über den Antrag Hamburgs wegen Erledigung von Streitsachen zwischen Senat und Bürgerschaft durch das Reichsgericht, sowie endlich über eine Reihe von Eingaben. — Heute Vormit- tag 11 Uhr traten im Reichs amt des Innern die Ausschüsse für Justiz- und Rechnungswesen zu einer Sitzung zusammen. — Mit Rücksicht auf die vor Kurzem erlassene Novelle zum Fischereigesetz vom 30. Mai 1874 haben in letzterer Zeit Verhandlungen mit Vertretern derjenigen Staaten staltgefunden, welche jenes preußische Gesetz durch die Landesgesetzgebung eingeführt haben. ES handelte sich bei diesen Verhandlungen speciell darum, auch die in der Novelle festgestellten Bestimmungen in den betreffenden Staaten znr Durchführung gelangen zu lassen. — In verschiedenen Correspondenteu wird erzählt, daß in Folge der vorgekommenen Waldbrände, Waldbesitzer im Westen der Monarchie bereits jetzt den Eintritt in den Wald verboten hätten. Dies sei nicht in der Ordnung, meint man, da das Feld- unb Forstpolizeigesetz erst am 1. Juli in Kraft trete; Letzteres ist allerdings richtig und beruhen jene Anordnungen, wenn solche wirklich erfolgt sind, aus dem sehr klaren Recht jedes Besitzers über sein Eigentum verfügen zu können; das neue Gesetz bleibt dabei aus dem Spiel. — Nach der im Reichs-Eisenbahnamt ausgestellten Nachweisung über die Betriebsereignisse im Jahre 1879 waren im Ganzen zu verzeichnen 541 Entgleisungen und Zusammenstöße fahrender Züge. 844 Entgleisungen und Zusammenstöße beim Rangieren und 1342 sonstige^BetriebSereigniffe. Es verunglückte l Zug mit Personenbeförderung auf 6396 solcher Züge und 1 Güterzug auf 4114 Güterzüge. Von den 362 Unfällen, welche zur gerichtlichen Kognition gelangten, wurde in 140 Fällen die gerichtliche Untersuchung eingestellt, in 55 Fällen ergingen rechtskräftige Erkenntnisse, durch welche 15 Personen freigesprochen, 59 insgesamt zu 5 Jahren, 4 Monaten, 17 Tagen Gefängnis
uns betrffocn hat und noch betreffen wird, ertrage ich, so gut es geht. Ich bitte Sie nur, Ihre Leute in Ordnung zu halten; lassen Sie die Meinigen beim Transport der Verwundeten und des Proviants in die Schaluppe unterstützen. Damit grüßte er seinen Gefangenen und ging auf'S Verdeck.
Ethelston bekämpfte männlich den Sturm seiner Gefühle; doch nur mit schwerem Herzen schickte er sich an, seinem Schiffe, das er vielleicht, noch mehr um seines Namens, als um der Gewohnheit willen liebte, ein letztes Lebewohl zn sagen. Als er die letzten Befehle in Betteff des Räumens der ^Brigantine erteilte, lenkte Gregson seine Aufmerksamkeü auf ein Segel, welches an der Backbordseite im Abendwinde heraufschwamm. Das Schiff hißte die französische Flagge auf, wie man deutlich durch das Fernrohr sah. L'Estrange, der auf das Verdeck getreten war, erkannte es sofort als die „Schwalbe", einen Kutter, der dem „Sperber" zum Kreuzen in diesen Gewässern beigegeben worden war. Eine dunkle Röte erglühte auf einen Augenblick in Ethelston's Wangen, als er sah, daß Widerstand fruchtlos sein würde. In der nächsten Stunde mußte die Brigantine versinken und die braven Seemänner Gefangene sein.
Zu stolz dem französischen Offizier seine Bewegung zu betraten, kämpfte er sie gewaltsam nieder, und fuhr mit seiner gewöhnlichen, kühlen Ruhe und angemeffenen Bestimmtheit fort, seine Befehle zu erteilen.
Endlich war der Transport der Menschen, Proviantvorräte und wichtigen Papiere aus der Brigantine in die Schaluppe in größter Eile und Ordnung bewerkstelligt. Ethelston verließ sie zuletzt; zuvor aber befahl er dem Zimmermann, die Pflöcke und das Werg hinauSzuschlagen,