Nr. iO»
Marburg, Dienstag, 11. Mai 1880
XV. Mgaig
Anzeigen nimmt entgegen. eic Expedttio« d.Blatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasensteiu L Bögler in «rankfart a M», Berlin. AetPjiL, ; Rudolf Masse in Berlin, Frank« ft'rt a. M- re.
OttWslhk jritmiß.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d-Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Vuchhandl. daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; W- TtzieneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen-
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Fortschrittspartei und Armee, in.
Wir haben unseren vorigen Artikel mit der Frage geschlossen: Wie genügt die Presse der Fortschrittspartei den Rücksichten der Billigkeit und des Dankes gegen die Armee? In dem heutigen Artikel wollen wir diese Frage beantworten :
Ein im Verlage der fortschrittlichen „Volks-Zeitung" erschienenes Schristchen: „Gutgemeinte Vorschläge zu Reformen in der Armee", sowie ein Artikel jenes Blattes: „Vom Luxus in der Armee ' (Nr 90 vom 17. April), können noch in derselben untergebracht werden, in der auch Laskers neuliche Rede über die deutsche Flotte niedergelegt worden ist. Es ist das die Rubrik für allerlei Verderblichkeiten. Zu dem „Luxus in der Armee" wird nämlich von der „Votks-Ztg." gerechnet: die Garde, der Parademarsch, das Schildwachwesen, die Regimentsmusik, das blanke Ausputzen der Uniformen, die Fahnen der Cavallerie, das Cadeiteu-Corps, die Unteroffizierschule rc. rc. In der Abschaffung dieses „Luxus" bestehen die „gutgemeinten Vorschlägen zu Reformen in der Armee." Wie gesagt: das mag noch Humbug sein. Schlimmer als Humbug ist aber eilt Artikel der „Berl. Ztg." über die „Mißhandlung gemeiner Soldaten durch Offiziere". Es kann ja sein, daß auf dem Exerzierplatz manches geschieht, was besser unterbliebe. Aber wo wäre das am Ende nicht der Fall? Auch über die „Mißhandlung der Schüler durch die Lehrer" sind ja schon genug Zeitungs-Artikel geschrieben worden. Trotzdem erachtet man das deutsche Schulwesen als muster- giltig gegenüber dem Schulwesen aller anderen europäischen Länder, und hält es nicht als ein Zeichen der Freundschaft für die Schule, wenn jeder unliebsame Vorgang in derselben dem Publikum brühwarm aufgetischt wird. Ebenso wenig zeigt es Freundschaft für die Armee, wenn man jede Ungehörigkeit, die auf dem Exercierplatz oder sonstwo vorfällt, gleich au die große Glocke hängt. Wir wollen keineswegs, daß alles todgeschwiegen werde. Aber wir wollen auch nicht, daß alle möglichen Einzelvorkommnisse zum Schaden des ganzen ausgebeutet werden. Welchen Radau hat exempelsweise die „Volks-Ztg." neulich über den Jnster- burger Vorfall geschlagen, obgleich keineswegs feststand, daß die Offiziere die Anstifter und Hauptschuldigen des Streites mit den Civilisten waren. Die Einzelgehässigkeiten der verschiedenen fortschrittlichen Blätter werden nun aber gar in dem vorhin genannten Artikel der „Berliner Zeitung" in einer solchen Weise systematisiert und verallgemeinert, daß jeder, der das deutsche Heerwesen nicht aus eigener Anschauung kennt, dadurch den Eindruck gewinnen muß, man habe es nicht mit der wohl disziplinierten und allgemein geachteten Muster-Armee des Kaisers Wilhelm, sondern wirklich mit der fortschrittlichen „Soldateska" der
Die Tochter -es Fregattenkapitäns.
Rodelte von Fritz Mühlbach.
(Fortsetzung.)
Er ließ daher die Leute auf dem Hinterdeck zusammenrufen und redete sie folgendermaßen an: Meine Jungen, Ihr seht, in welcher Klemme wir stecken; können wir die Landspitze umsegeln, so ist's möglich, daß wir entkommen. Dies zu bewerkstelligen, müssen wir aber einige hundert Ellen weit unter dem Feuer der Fregatte hinsegeln. Was meint Ihr, sollen wir die Flagge streichen oder den Versuch wagen? Ein französisches Gefängniß oder die Heimuhl Wählt!
Hurrah! Hoch die Heimath! rief die Mannschaft belebt durch die Worte ihres jungen Führers und ermutigt durch seine ruhige Haltung. Die Brigantine flog weiter. Auf der Seekarte war um die Landspitze herum tiefes Wasser angegeben; deshalb ließ Edelston dicht am Gestade hjn- steuern, wodurch mit der Schnelligkeü der Fahrt zugleich die Entfernung vom Feinde wuchs.
Unbeschreiblich war L'Estrange'ö Zorn und Erstaunen bei diesem Wagnis eines so Unbedeutenden Kauffahrers. Nochmals wiederholte er sein Signal, um das Fahrzeug womöglich unbeschädigt in seine Gewalt zu bekommen; es ward nicht beantwortet und nun befahl er, unausgesetzt zu feuern. Zum Glück für die Brigantine ging die See hohl, und die Marine-Artillerie war damals noch nicht so vervollkommnet. Zwar wurde daS Takelwerk, vom Vordersteven bis zum Spiegel fortgerissen, der Fockmast abgeschossen und der Rumpf vielfach durchlöchert, allein das^ Schiff umsegelte keck das Kap und segelte bald zwischen Sandbänken dahin, während sie die Fregatte hinderten, die Verfolgung weiter fortzusctzen.
Confliktsperiode, mit einem toüften Söldnerhaufen zu thtin, der nur durch die Mittel schlauster Gewaltmaßregeln zusammengehalten werden könnte. Jenes fortschritlliche Blatt behauptet u. a., daß infolge der schrecklichsten Mißhandlungen die Selbstmorde zu einer stehenden Einrichtung in der Armee geworden seien.
„Jeden Monat berichtet die amtliche Statistik — heißt es — von Unmassen von Selbstmorden in der Armee; weit seltener sind die Berichte über Verurteilungen wegen militärischer Mißhandlungen. Aber schon diese seltenen Berichte gewähren einen schauerlichen Einblick in die Mißstände gewisser Kreise. Tritte in den Unterleib, Stöße mit der Muskete, Exerzieren bis zur Ohnmacht, grauenhafte Torturen, wie sie ähnlich kaum die Inquisition ersonnen, sind gerichtlich constatiert worden."
Die „Deutsche Heereszeitung" weist diese Ausstreuungen der fortschrittlichen „Berl. Ztg." als Verleumdung zurück, hervorhebend, daß jede Mißhandlung Untergebener durch Vorgesetzte, auf Grund bestehender strengen Bestimmungen bestraft werden müßten und auch bestraft würden. Die Selbstmordfälle in der Armee hätten dieselben Ursachen wie diejenigen, welche auch in anderen Lebenskreisen vorkämen. Schließlich bittet die „Deutsche Heereszeitung" alle patriotischen Blättern, mit ihr der Herabsetzung der Armee durch eine abgünstige Presse entgegenzutreten. Wir haben, durch vorstehendes dieser Bitte entsprechend, zugleich aber auch bewiesen, daß innerhalb der Fortschrittspartei kein warmer Herzschlag für die Armee zu finden ist. Wie das Herz schlägt, so öffnet sich ja der Mund. Der Mund der Partei ist aber die Presse. Und doch will diese Partei den innersten Mittelpunkt des Volkes darstellen? Das Volk selber hat sie aber durch die letzten Wahlen in den letzten Winkel der äußersten Peripherie des nationalen Lebens versetzt. Umgekehrten Falles würde gerade die Fortschrittspartei an jenes Sprichwort erinnern, nach welchem des Volkes Stimme Gottes Stimme sein soll. Wir wollen das nicht thun. Dagegen möchten wir die Fortschrittspartei an das andere Wort erinnern: „Man hat dich gewogen und zu leicht erfunden." Was der Fortschrittspartei durch die Wahlen ausbezahlt worden ist, das hat sie an der Armee reichlich verdient.
' Deutsches Reich.
Berlin, 8. Mai. Der Chefredactenr des „Militärwochenblatts", Generallieutenant v. Witzleben, ist gestern gestorben. — Die gestrige Sitzung des Staatsministeriums soll sich auf die kirchenpolitische Frage bez. die desfallsigen Vorlagen für den preußischen Landtag bezogen haben. Der „Berl. Börsen-Cour." schreibt: Es unterliegt nunmehr keinem Zweifel, daß Fürst Bismarck vor den preußischen Landtag mit einer Vorlage treten will, welche die preußische Regierung ermächtigt, maigesetzliche Bestimmungen nach
Wunderbarer Weise war Niemand an Bord der Brigantine verwundet worden., nur Ethelston hatte am linken Arm durch einen Splitter eine leichte Wunde erhalten. Er beachtete diese Wunde nicht weiter und gab ruhig die nötigen Befehle zur Ausbesserung und Wiederherstellung der zerstörten Sparen und des Takelwerks.
Sobald Alles einigermaßen wieder geordnet war, ließ er die Leute zu Tische gehen; er selbst lehnte sich über die Brustwehr des Schiffes hinaus und zählte anscheinend eifrig die eingeschlagenen Kugeln; allein feine Gedanken waren in weiter Ferne. Kaum vernehmbar flüsterte er: Teure, teure Lucy! das Fahrzeug, das deinen Namm führt,*) ist verwundet und entstellt, aber nicht entehrt. Dank dem Himmel! keine« Franzmann'S Fuß hat noch sein Deck betteten.
Hier unterbrach ihn Gregson, der die Fregatte sorglich durch das Fernglas beobachtet hatte. Um Verzeihung, Sir, sagte er, der „Sperber" setzt seine Boote ans, der Wind läßt nach, in der nächsten Stunde werden wir kaum eine Katzenpfote voll haben. — Ethelston fuhr aus seiner Träumerei empor und überzeugte sich soso« von der Wahrheit dieser Nachricht. — Du hast recht, sagte er, aber wir haben eine gute Stunde vor unS. Die Windstille hält die Fregatte fest. Laß' die 2eute ruhig essen, sag' ihnen nichts und laß' ihnen extra ein Glas Grog geben; aber keine Trunkenheit! sie werben dm Kopf und Hand hmle Abend nötig haben. Schicke Cupide in meine Kajüte
*) Lucy war Oberst Brandon's Tochter, die Geliebte des jungen Kapitäns- Ihren Namen sollte das Schiff führen, aber Ethelston mochte den Namen nicht aus dem Munde eines jeden gemeinen Matrosen hören, deshalb nannte er es „Stolz des Ohio", was in seinem Sinne dasselbe bedeutete
ihrem Ermessen zu handhaben oder außer Anwendung zu lassen. Wir können hinzufügen, daß diese Vorlage erfolgen wird, auch ohne vorherige thatsächliche Bekundung der Friedensliebe seitens der katholischen Bischöfe, die, wie man vor kurzem noch offiziös andeutete, die Vorbedingung für jede staatsseittge Nachgiebigkeit bilden sollte. Die Regierung will eben Blanco-Vollmacht für alle Eventualitäten haben, um mit dieser Vollmacht besser unterhandeln zu können. Die in Rede stehende Vorlage ist noch nicht aus- gcarbeitet, und es ist noch nicht bestimmt, welchen Teil der Maigesetze sie der Diskretton der Regierung anheimgegeben, auch nicht, ob die Blanco-Vollmacht zeitlich umgrenzt oder auf die Dauer verlangt werden soll.
Hannover, 7. MA. Der frühere Justizminister Leonhardt ist, wie bereits telegraphisch gemeldet, heute gestorben. Adolf Leonhardt war geboren am 6. Juni 1815 in Hannover, besuchte das Lyceum seiner Vaterstadt und die Universitäten Göttingen und Berlin. Von 1842 ab Advokat, trat er 1848 in das hannoversche Justizministerium als Referent ein, wurde Justizrat, Oberjustizrat, Generalsekretär, Staats- und Justizminister, nach der Einverleibung Hannovers in den preußischen Staatsverband Präsident des Ober-Appellations-Gerichts in Berlin und nach dem Rücktritte des Grafen zur Lippe Justizminister. Er war kurze Zeit Mitglied der 1. und dann der 2. hannoverschen Kammer; Mitglied des Herrenhauses infolge Berufung durch Allerhöchstes Vertrauen, zugleich als Kronsyndilus, auf Lebenszeit durch Allerhöchsten Erlaß vom 16. November 1867. Leonhardt hat auf dem Gebiete der Justiz-Gesetzgebung eine sehr rege Tätigkeit enwickelt. In Hannover erging während seines Ministeriums ein neues Hypothekengesetz. Preußen verdankt ihm außer einer Reihe kleinerer Gesetze die Novelle zur Konkurs-Ordnung, die Subhastations- Ordnung und insbesondere die Grundbuch- und Hypotheken- Gesetze vom 15. Mai 1872, welche seitdem im ganzen Gebiete des preußischen Staates außer der Rheinprovinz eingeführt sind, neuerdings die Vormundschafts-Ordnung. Die Justizgesetzgebung des deutschen Reiches dankt seiner Mitwirkung zahlreiche wichtige Gesetze; es seien erwähnt die Gesetze, betreffend privatrechtliche Stellung der Erwerbsund Wirtschafts-Genossenschaften, Aktien-Gesellschaften, Gewährung der Rechtshülfe, Errichtung des Reichs-Ober- Handels-Gerichts, Sttafgesetzbuch, Militär-Strafgesetzbuch, Gerichts-Verfassung, Strafgerichts-Ordnung, Gemein-Schuld- ordnung rc. Mit vollem Rechte darf Leonhard als unermüdlicher und thätiger Reorganisator der preußischen und deutschen Justizgebung bezeichnet werden, dessen Bestreben darauf gerichtet war, das gerichtliche Verfahren sowohl in der streitigen, wie in der freiwilligen und Strafgerichtsbarkeit zu vereinfachen, rasch und doch zu einem in dem Urteile sicheren, den Forderungen der Humanität — im Strafprozesse — Rechnung tragenden zn gestalten. — Vor und sage ihm, er solle mir einer Schnitten kalten Braten und ein Glas Wein bringen.
Mit dieser Weisung stieg er in die Kajüte hinab, wo er sogleich die Seekarte zur Hand nahm. Er fand, daß viele Klippen und Sandbänke die Schifffahrt an dieser Küste außerordentlich gefährlich machten, selbst für ein Fahrzeug, das, wie die Brigantine, nicht gar tief im Wasser ging. Wenige Minuten später befand er sich wieder auf dem Verdeck, wo er eine Weile die still liegende Fregatte betrachtete. Dann ließ er die Segel einreffen und sich vom Zimmermann Bericht erstatten über bett Schaden, welchen die Kugeln der Fregatte verursacht hatten.
Der Fregattenkapitän hatte indessen Befehl gegeben, zwei Boote, eine Schaluppe und die Pinassc zu bemannen, um die Brigantine bei der eintretenben Windstille zu nehmen. Die Schaluppe hatte eine Carronabe unb 25 Mann unter Anführung des jungen L'Estrange, der als Lieutenant auf der Fregatte diente. Die Pinasse führte eme Tebraffe und 13 Mann. Um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, sandte der Fregattenkapitän eine so imponierende Ltteitmacht, die jeden Widerstand von Seiten des schmutzigen kleinen Zuckerbootes, wie er's nannte, unnütz erscheinen lassen sollte.
Die Mannschaft des „Stolzes des Ohio", trunken von ihrem Glücke und dem erhaltenen Extra-Grog, tobte und lärmte, lachte und schwatzte laut über die Ereignisse des Morgens, als Ethelston sie auf bas Hinterdeck beschieb. — Meine Jungen, sprach er, bisher habt Ihr wie Männer Eure Pflicht gethan. Die Arbeit ist jedoch nicht beendet. Der „Sperber" ist entschlossen, unser Schiff als gute Prise davon zu führen. Bereits hat er seine Boote ausgesetzt; widerstehm wir, so wird's heiß hergehen; streichen