Nr. 108. Marburg, Sonntag, 9. Mai 1880
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattet s owie d- Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jägerische Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Juoalideudank in Berlin; D- Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen
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Tagesbericht.
Der „Reichs-Anzeiger" enthält einen Erlaß des Fürsten Bismarck an die preußischen Gesandten bei den Bundesstaaten betreffend die Hamburger Frage. Der Erlaß konstatiert den einstimmigen Beschluß der BundesratSausschüffe, nur über die technische, nicht über die verfassungsrechtliche Seite der Frage dem Bundesrate Bericht zu erstatten. Der Erlaß betont ferner die Notwendigkeit, verfassungsrechtliche Interpretationen im Interesse der Eintracht möglichst zu vermeiden. Die Ausscheidung preußischer Gebietsteile aus dem Hamburger Freihafenbezirk sei ein unbestrittenes Recht Preußens. Die beabsichtigte Ausscheidung von St. Pauli sei kein preußisches Interesse, da im Interesse Altonas das Verbleiben von St. Pauli außerhalb des Zollvereins wünschenswert sei. Mehr im Interesse Hamburgs sei jene Zoll-Linie vorgeschlagen. Der Bundesrat könne eine Zoll- Linie beschließen, ohne die Verfassungs-Interpretation bis zum Couflikt zu scharfen. Die Regierungen, welche durch Abtrennung St. Pauli's das V-rfassungsrecht verletzt oder berührt glauben, können gegen den Antrag stimmen. Die Zoll-Linie fällt alsdann, wenn die Majorität dafür ist, mit der Preußisch-Hamburger Landesgrenze zusammen. Der Erlaß legt entschieden Verwahrung ein gegen Begründung der Vota durch unrichtige Auslegung der Rcichsverfaffung. Der Reichskanzler würde in solchem Falle dem Kaiser nicht zu seinem Verzicht auf die zweifellose Aufrechterhaltung der Verfassung raten. Es wird ferner die Notwendigkeit ungetrübter Erhaltung der Einigkeit der Regierung betont und die Hoffnnng ausgesprochen, auf Erledigung der Anträge Preußens und Hamburgs im Bundesrate durch Verständigung ohne Entscheidung durch Majoritäten und Minoritäten. Preußen werde jeden sich innerhalb der Reichsverfassung bewegenden Antrag gern erwägen, vorausgesetzt daß die Bundesregierungen darüber einig seien, den Versuchen einiger Reichstagsmitglieder zur Beschränkung der verfassungsmäßigen Autorität des Bundesrats einmütig entgegenzutreten.
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Wie es in Reichstagskreisen heißt, sei der Schluß der Session für nächsten Montag in Ausficht genommen.
Ueber den von der Reichstags-Commission bezüglich der Elbschifffahrtsakte beschlossenen Vorbehalt, daß die gegenwärtig auf der Elbe bestehende Zollgrenze nur durch Gesetz an eine unterhalb dieser Grenze gelegene Stelle verlegt werden könne, schreibt die „Nordd.Allg.Ztg.": dieBorlage werde, wenn der Reichstag diesen Vorbehalt annehme, für diese Session erledigt sein. Für die Bundesregierungen werde eö unuiöglich sein, auf das in Artikel 7 der Reichsverfassung gewährleistete Recht zu verzichten. Der Bundesrat setzte 1868 in Ausübung dieses Rechtes die jetzige Zoll-
Die Tochter des Fregatteucapitäus.
Novelle von Fritz Mühlbach.
«Fortsetzung)
Ja, rief der Kapitän auS und seine Wangen färbten sich höher; wüßte ichs gewiß, daß wir Beide an stnen Klippen zerschellten ... der „Stolz deS Ohio" könnte nicht : rühmlicher untergehen.
Er sprach diese Worte sinnend vor sich hin. Allem der Bootsmann hörte sie und starrte mit unverhohlenem Er. staunen den jungen Mann an, unter dessen friedlichem Aussehen er nimmer diesen entschlossenen Mut gesucht hätte. Wieder wirbelte eine Rauchwolke aus dem Buge des „Sperbers" hervor; die volle Ladung schlug durch das Takelwerk am Bugspriet, und obwohl sie keinen wesentlichen Schaden anrichtete, bewies sie doch, daß die Brigantine jetzt ganz im Bereich der feindlichen Kugeln war. Herr, ich fürchte, wir kommen nicht um die Landspitze herum, sagte der Bootsmann. Sic können uns Hinwegpfeffern und doch in gutem Fahrwasser bleiben.
Dann bleibt uns nur noch Eines übrig. Beantwortet das Signal! Hißt die Flagge auf! Das Schiff herum und gerade auf die Fregatte losgesegelt! — Der Bootsmann war womöglich noch überraschter bei diesem Befehl als vorher bei der Idee, das Schiff so wie die feindliche Fregatte auf die Klippen laufen zu lassen; jedoch gehorchte er ohne Frage und ohne Zaudern. Die Brigantine beantwortete das Signal, wandte um und segelte gegen den „Sperber" heran.
Auf dem Verdecke der Fregatte stand der Kapitän «L'Estrange, ein schöner Mann in mittleren Jahren, und Musterte mit dem Fernglase das kleine Fahrzeug. Jetzt 'efahl er dem Lieutenant, da« Feuer einzuftellen. Dies
Im 4. Berliner Landtagswahlbezirk wurde gestern Dr. HermeS (Fortschrittspartei) an Stelle des verstorbenen Dr. Zimmermann fast einstimmig zum Mitgliede des preußischen Abgeordnetenhauses gewählt.
Linie fest und werde auch weitere Modifikationen der Zoll-Linie nach seiner verfassungsmäßigen Zuständigkeit fortsetzen. Von der Ausschußmehrheit könne nur darüber Streit erhoben werden, ob der Bundesrat verfassungsmäßig competcnt sei, über die Lage der Zollgrenze 1880 ebenso zu beschließen, wie er 1868 unter Mitwirkung und persönlicher Zustimmung des damaligen Ministers Delbrück getan. Ein Bedenken, ob der Bundesrat ohne neues Gesetz dazu befugt sei, sei Delbrück damals nicht gekommen. Der Bundesrat werde innerhalb feines verfassungsmäßigen Rechtes unbeirrt beschließen, was er im Interesse des Reiches für nützlich halte.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Mai. Se. Majestät der Kaiser und König wird am Sonntag Abend 8*A Uhr Wiesbaden wieder verlassen und über Frankfurt a. M., Gießen, Kassel, Börsum und Magdeburg rc. wieder nach Berlin zurückkehren und am Montag früh auf der Potsdamer Bahn wieder in Berlin eintreffen. Während feines Aufenthalts in Wiesbaden erledigte Se. Majestät der Kaiser daselbst täglich die laufenden Regierungsgeschäfte und nahm die regelmäßigen Vorträge entgegen. — In Preußen wird seit 1773 in der Mitte zwischen Ostern und Pfingsten der Landes-Buß- und Bettag gefeiert. Dieser Bußtag hat eine nationale Bedeutung. Es ist aber die Zersplitterung in Bezug auf Buß» und Bettage in Deutschland eine sehr große. In 28 verschiedenen Landschaften des evangelischen Deutschlands werden jährlich 47 Bußtage an 24 verschiedenen Tagen gefeiert. Deshalb hat die deutsche evangelische Kirchenkonferenz zu Eisenach auf mehrfache Anregungen die Frage wegen Herstellung eines gemeinsamen Buß- und BettagS für die deutsche evangelische Kirche mehrfach erwogen und
halsstarrige Krämerschiff, fügte er hinzu, schien große Lust zu haben, zu entwischen, ohne an die Gefahr zu denken, die es lief, entweder an den Riffen zu zerschellen, oder von unfern Kugeln durchlöchert zu werden. — Es ist einer von diesen tollkühnen Amerikanern, sagte der Lieutenant, die glauben, Niemand könne es zur See mit ihnen aufnehmen. Nun, diesmal haben sie sich getäuscht. Ich meine, der . Fang wird sich der Mühe verlohnen, Kapitän.
Inzwischen war die Fregatte zu sehr auf die Leeseite geraten; sie segelte deshalb mit Preßwind unb beschloß, die Anker nicht eher zu werfen, als bis sie hinlängliches Fahrwasser hätte, denn die weit vorspringenden Felsenriffe der nahen Küste drohten Gefahr. Darauf hatte Ethelston gerechnet; ruhig und schweigend schritt er auf dem Decke auf und ab, seine Leute, die auf dem Vvrderkastell standen, suchten vergeblich seine Absicht zu erraten.
L'Estrange stieg aufs Zwischendeck hinab und ging zu Tisch; er hatte dem Lieutenant Befehl hinterlaffen, noch eine Stunde in dieser Richtung zu verharren und zu ankern bis die Brigantine anlegen würdsi ~ *
Ethelston ließ die ganze Zeit über die Landspitze nicht aus den Augen. Jetzt murmelte er vor sich hin: Nun wirds glückm! — Dann hieß er dm Steuermann daö Schiff herum zu lenten und es dann und wann vom Winde umhertteiben zu lasten, als hätte er die Absicht, am Hintern Spiegel der Fregatte anzulegen. Nachdem et dies Mannöver eine Zeit lang fortgesetzt hatte, um den Argwohn des Feindes einzuschläfern, sah er zu seiner unaussprechlichen Freude, wie die Fregatte die Segel einreffte, um ihn herau- kommen zu lasten. Augenblicklich ergriff er diesm Vorteil und ließ den Bootsmann das Schiff umlmken und mit vollen Segeln auf die Insel PinoS loSsteuetu. Dies
Die Stempelsteuer-Commission des Reichstages beschloß die Besteuerung der inländischen und ausländischen Actien mit 5 pro Mille, lehnte dagegen mit 11 gegen 9 Stimmen die Besteuerung der Lombard-Darlehen und mit 15 gegen 5 Stimmen die Besteuerung der Cheks- und Giro-Anweisungen ab. Die Commission vertagte sich darauf bis Miftwoch,|;
Der „Nord^>. Allg. Ztg." zufolge ist dem Wunsche der deutschen Handelskammern entsprechend ein Berufskonsulat . in Genua errichtet und der bisherige Generalkonsul in Messina Bamberg zum Berufsgeneral? Consul in Genua bestellt.
den Beschluß gefaßt, daß ein gemeinsamer Bußtag am letzten Freitag im Kirchenjahre, also vor dem 1. Advent gefeiert werden möge. Ein Beschluß seitens der maß- gebmden Behörde, siegt jedoch zur Zeit noch nicht vor. — Nach einer Verfügung des Justizministers vom 19. v. M. unterliegen Vollmachten, welche ausschließlich zum Gebrauche in den nach der deutschen Civilprozeßordnung, der Strafprozeßordnung ober der Konkursordnung zu verhandelnden Rechtssachen bestimmt sind, nach preußischem Landesgesetze der Stempelpflicht. Es ist mithin für diese, sofern sie einen Gegenstand von mindestens 150 M. betreffen, binnen 14 Tagen nach ihrer Ausstellung der tarifmäßige Stempel zu verwenden, widrigenfalls die gesetzlichen Stempelstrafen verfallen, ohne Unterschied, ob von den Vollmachten in einem Prozesse Gebrauch gemacht worden ist oder nicht. — Die Gerichtsferien werden in diesem Jahre zum ersten Male im ganzen deutschen Reich zugleich anfangen und eine gleiche Dauer haben, und zwar nach der Vorschrift des § 201 des deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes vom 15. Juli bis zum 15. L-eptember, also volle 2 Monate. Währens diesen Ferien werden nur in Feriensachen Termine abgehatten und Entscheidungen erlassen werden.
Stuttgart, 7. Mai. Das „Neue Tageblatt" meldet, v. Steinheiß, Präsident der dem Ministerium des Innern unterstellten Centralstelle für Gewerbe und Handel werde demnächst zurücktreten.
Ausland.
WitU, 7. Mai. Abgeordnetenhaus. Es wird ein Gesetzentwurf vorgelegt, wonach zur Bedeckung des diesjährigen Abganges von 24,559,046 fl. der Erlös der bewilligten Emission von nominell 20 Millionen Goldrente per 17,854,000 fl. und die bisherigen diesjährigen Einzahlungen auf Activforderungen des Staates an die bestandenen Staatsvorschußkassen im Betrage von 5,883,918 Gulden verwendet werden sollen.
Paris, 6. Mai. Die Republique Francaise bespricht heute die Hamburger Angelegenheit, die ein unerwartetes Licht auf die politische Lage des mächtigen Nachbars Frankreichs werfe, der vielleicht noch nicht mit seinen constimtio- nellen Umgestaltungen fertig sei und der wohl nicht end- gülttg beim Bundes - Kaiserreich stehen bleiben werde. Nachdem die Republique Francaise „die Frage als unbeteiligte Zuschauerin", da die inneren Angelegenheiten Deutschlands keinen Einfluß auf die Beziehungen zu Frankreich ausübcn können, beleuchtet, schließt sie wie folgt: „Die Hamburger Angelegenheit ist also in der Schwebe; aber in diesem Augenblick ist im Reiche alles in der Schwebe: der Kanzler, der Bundesrat, der Reichstag, diese drei Factoren der Verfassung gleichen drei Räderwerken, die nicht mehr in inanbergreifen. Da der Bundesrat neulich die Absichten des Kanzlers nicht erkannt hatte, so weigerte kühne Mannöver blieb natürlich nicht lange unbemerkt. L'Eftrange's Erstaunen war groß, als er an dem Lärmen über sich und an dem Schwanken bes Schiffes bemerkte, daß es seinen Lauf verändere. Er eilte aufs Verdeck uttd sah, wie die listige Brigantine mit ausgefpannten Segeln pfeilschnell dahinflog und glücklich entkommen zu wollen schien. Der Fregattenkapitän war über eine solche Keckheit empört und schwur hoch unb- teuer, der kleine Krämer sollte seine Unverschämtheit teuer bezahlen.
Der „Sperber" war ein Schnellsegler; als er jetzt mit vollen Segeln dahinfiog, mußte es Jedem klar werden, daß die Brigantine nicht um die Landschaft fahren konnte, ohne in den Bereich feiner Kugeln zu kommen. Aber Ethelston's Plan stand fest. Da er feine Leute freudig unb von dem Erfolg seines Mannöver begeistert sah, hoffte er noch, das Fahrzeug in den verworrenen Kanal hinter der Insel zu bringen, wohin die Fregatte es nicht wagen durste, ihm zu folgen. Bald begrüßte diese den „Stolz des Ohio" wieder mit einer Ladung; eine Kugel schlug durch die Wände des Schiffes und zerschmetterte das Kompaßhäuschen dicht neben dem jungen Kapitän in tausend Stücke. Der Steuermann ward ängstlich und wich von der Richtung ab; kaum bemerkte dies Ethelston, so erteilte er ihm einen Verweis unb hieß einen älteren Matrosen ans Steuer treten. Die Fregatte schien nun entschlossen bet Brigantine ben Weg abzuschneiben ober sie durch ihre Kugeln zu versenken, wenn sie die Landspitze zu umsegeln versuchte. Ebelstvn sah die ganze Gefahr und war bereit ihr zu trotzen. Da er jedoch nut einen Kauffahrer befehligte, durfte er nicht die Mannschaft ohne ihre eigene Einwilligung einer solchen Gefahr ausfetzen.
(Fortsetzung folgt)