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gtr. 104

Marburg, Dienstag, 4. Mai 1880

XV. Juptgaafl

Anzeigen nimmt emgegen: die Expedition d.Blatte», sowie d-Annoncen-Bureauk von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th Dietrich in Frankfurt a.M.; Haafenstein L Bögler in Frankfurt s- M., Berlin, ÄeipziS, Cöla 2t.; Rudolf jiloffe ia Berlin, Frank­furt a. M. rc.

ObttMlhk jfitiuiii.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d- Annoncen-Bureaur von ®. L- Daube & Co. in Frankfutt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Kuchhandl. daselbst; Jnvalidendani in Berlin; W. Thiene» in Elberfelds S. Schlotte in Bremen.

Srfhemt tSglich außer an den Werktagen nach sonn- und Fetettagen. PrerS für da» Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrtrteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerer) bezogen 2k Wart, durch bte Postämter de» Deutschen Reiche» 2 Wart 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr). - Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

ür die Monate Mai und Juni werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) Bestellungen auf die

Merhessische Zeitung

mit deren Gratisbeilage

JllustrivteS Sonntagsblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.

Die Exped. d. Oberh. Zeitung.

Fortschrittspartei and Armee.

I.

Wer die Vorgänge der sogenannten Confliktsveriode noch nicht vergessen Hal, der weiß, daß damals die Armee der Fortschrittspartei ein Dorn im Auge war. Jedenfalls ein Dorn im Fuße der „guten Revolutionäre", die fester auftretcn zu können vermeinten, wenn dieser Dorn entfernt wäre, was man dann erreicht glaubte, wenn das Kriegs­heer in die Form der Schweizer-Milizen umgegossen werden könnte. Die fortschrittliche Mehrheit des damaligen Abge­ordnetenhauses widerstrebte der vom Könige selber ent­worfenen und durch des „Königs Feldwebel", den Kriegs­minister v. Roon vertretenen Armee-Reorganisation in einer Weise, als ob man Volk und Land vor seinem ärgsten Verderbern zu schützen hätte. Die fortschrittlichen Parla­mentarier der Confliktspcriode kannten die Armee nur als „übermütige Soldateska". Die Verdächtigungen und Be­schuldigungen gegen des Königs Minister, namentlich die Herren v. Bismarck und Roon, überstiegen so sehr alles Maß, daß es zweifelhaft ist, was am größten erscheint: ob die opfcrmütige Ausdauer der Minister oder der tobende Fanatismus der fortschrittlichen Parlamentsredner. Der Abg. Virchow machte es preußischen Ministern zwar zum Vorwurfe, daß sie eine „preußische Sprache" redeten, welche niemand verstände, worauf Bismarck treffend antwortete: „Meine Herren, ich bin stolz darauf, eine preußische Sprache zu reden und Sie werden diese Sprache noch oft von mir hören."

Trotz des fanatischen Widerstandes der Fortschritts­partei erfolgte die Reorganisation der Armee. Es geschah damit aber nur, was geschehen mußte, wenn man der Zu­kunft Preußens und Deutschlands eine festere Gewährschast geben wollte, als die Reden uno Zeitungs-Artikel der Fort­schrittspartei. Was von dieser die „Schmach von Olmütz" genannt zu werden pflegt, ist ja nichts anderes, als ein Beweis für den politischen Scharfblick, die Regentenweisheit und Vaterlandsliebe des unvergeßlichen Friedrich Wilhelm IV. Roon, der das wohl besser verstand, als die Herren Virchow,

Em Prophet.

Novelle von Karl Sieben.

(Fortsetzung)

Der Goldschmied schrak anfangs zusammen, als er den erbitterten Feind auf seiner Schwelle erblickte; bald jedoch fiel ibm ein, der Minister käme wohl nur deS Schmuckes wegen, den er selbst für den König zu fertigen hatte. Als er aber im Hintergrund die drohenden Gestalten der überall gefürchteten Wächter erblickte, da stiegen von neuem bange Ahnungen in seinem Herzen auf. Dennoch hatte er so viel Besonnenheit, jenem entgegen zu gehen und ihn nach der Ursache seines unerwarteten Besuches zu be­fragen, während seine Töchter, eben noch eifrig beim Spinnen beschäftigt, sich ängstlich aneinander schmiegten. — Wolfram war auigegangen, um seine alte Mutter, die nicht weit von dem Hause -des Goldschmieds wohnte, aufzusuchen. „Im Namen deS Propheten: Folgt mir!" herrschte Krech­ting den armen Greis an, indem ein schadenfrohes Lächeln seine aufgeworfenen Lippen umspiette. „Wohin?" wagte dieser im Bewußtsein seiner Unschuld den allmächtigen Minister zu fragen. „Zum König", war die barsche Ant­wort. „Und waö verlangt der König von mir?" entgeg­nete gefaßt der Greis und suchte gleichsam schon aus den Blicken seines Feindes die Antwort zu lesen. Höhnisch antwortete dieser, indem er sich zum Gehen anschickte und dem Alten winkte, ihm zu folgen: '„Ihr werdet's hören, guter Meister. Doch nun nicht länger gesäumt! Mr haben keine Zeit zu verlieren."

„L>o lebt denn wohl, meine Kinder", sprach der Gold­schmied zu seinen weinenden Töchtern gewandt, „bald hoffe ich gerechtfertigt zu Euch zurückzukehren. Verzaget dämm

Richter und Compagnie, hat wiederholt versichert, daß die Armee damals einem Kampfe nicht blos mit Oesterreich und dem übrigen Deutschland, sondern unter Umständen selbst mit Rußland auf keinen Fall gewachsen gewesen wäre. Um die Kämpfe, deren Keime, wie es schon Gneisenau sofort voraus sagte, durch den Wiener Congreß gelegt waren und die 1866 und 1870—71 zu solch erfolgreichem Aus­trage kamen, bestehen zu können, darum allein betrieb und bewirkte König Wilhelm mit seinen Ministern — gegen den erbitterten Widerspruch der Fortschrittspartei — die Neugestaltung der Armee. Der feste Wille und die er­leuchtete Weisheit König Wilhelms und seiner Minister hat — mit Gottes Beistand — Preußen größer gemacht, als es je gewesen ist, und den schönen Traum der Patrioten der Befreiungskriege — die Wiederherstellung des deutschen Reichs — zur schönsten Wahrheit verwirklicht. Der Wille der Fortschrittspartei dagegen — wenn er, wie überhaupt, formst besonderem Bezüge auf die Armee durchgedrungcn wäre — würde, fortschrittlich geredet, Preußen nicht blos „den Großmachtskitzel ausgetrieben" haben, sondern sogar, wie jener österreichische Diplomat eS erwartete, den König von Preußen auf den „Markgrafen von Brandenburg" reduziert haben. Es läßt sich kaum erklären, wie die Fort­schrittspartei es dem Könige Friedrich Wilhelm IV. zum großen Vorwurfe machen konnte, daß er, obendrein zur unrechten Zeit, nicht loSschlug, während sie cö dem Könige Wilhelm I. zu einem ebenso großen Vorwurfe machte, daß er die Armee in einen Stand versetzen wollte, u n, wenn die rechte Zeit gekommen und es notwendig sei, wirklich und mit Erfolg losschlagen zu können. Entweder war cs Uebelwollen gegen den einen und Unverstand gegenüber den anderen, oder es war beides gegenüber Beiden. Vielleicht auch nur liebevolle Rücksicht auf die „guten Revolutionäre", denen Virchow ja erst unlängst so warm das Wort geredet hat. Auf alle Fälle war Bismarck vollkommen berechtigt, am 18. Februar 1863 der Fortschrittspartei zu sagen: „Mir fällt ein Vorgang im englischen Parlamente ein, auf das Sie sich so gerne berufen. Es handelte sich um die Abschaffung von Monopolen, uno einer der englischen Staatsmänner bemerkte dabei, das zulässigste aller Mono­pole sei dasjenige der politischen Einsicht und Tugend, welches einzelne Parteien und Parteiführer sich beilegten." Unseres Erachtens hat die Fortschrittspartei durch ihre ganze Geschichte bewiesen, daß gerade sie am allerwenigsten unter allen Parteien auf dieses Monopol irgendwelchen Anspruch hat. Ihre „politische Weisheit und Tugend" summiert sich in dem Wörtchen nein, sobald die Regierung ein ja ver­langt; wie in allen Dingen, so besonders auch in Bezug auf die Armee.

Tagesbericht.

In den conservativen Kreisen des Reichstags hat eS nicht und vertraut auf Gott, der eS schon zum Besten führen wird!" Noch einmal küßte er seine Töchter, die ihn vergeblich zurückzuhalten suchten, und folgte der Wache, welche ihn, unten am Hause angelangt, in ihre Mitte nahm.

VI.

Krechting war anfangs in einiger Entfernung gefolgt; dann aber als der betrogene Vater ihn wegen der Dunkel­heit nicht mehr sehen konnte uno die Tritte der Wächter allmählich in der Ferne verhallten, verschwand er und schlüpfte, nur von einem Schergen begleitet, wieder in das eben erst verlassene Haus. Seite Mädchen sahen den Schreck­lichen in größter Bestürzung zurückkehren. Und mit Recht. Hatte er doch vor vier Jahren um Mariens Hand angehalten und war von dieser, welche schon ein inniges Band mit Wolfram umschlang, zurückgewiesen worden; und wenn sie dieser Zurückweisung auch die gelindeste Form gegeben hatte, so blieb es doch immer eine Zurückweisung, welche ihr jener nie verzieh. Jetzt also war für ihn die Stunde der Rache gekommen. Eine Zeit lang weidete er sich an der Angst seiner Opfer. Besonders schien Marie in diesen Augenblicken, da die Sorge um das Schicksal ihres geliebten Vaters und um das ihrige ihrem schönen Angesicht einen eigentümlichen Zug von Wehmut aufgedrückt hatte, noch reizender als zuvor zu sein und verfehlte denn auch nicht in dem Herzen des Ministers ein Gefühl menschlicher Rührung aufsteigen zu lassen, daö durch das Andenken an so manche frohe Stunde, welche er in dem kleinen Erkerstübchen einst erlebt, noch vermehrt wurde. Aber auch nur einen Augenblick vermochte die beffere Natur in ihm obzusiegen; bald wurde sie wieder von dem Gedanken der Rache verdrängt, welcher mit erneuerter Gewalt vor Krechtings Seele trat. Zugleich erinnerte er sich an den Auftrag seines Herrn und daö Ver-

unangenehm berührt, daß in der liberalen Presse der Be­schluß des Senioren-Conventes des Reichstags dahin ge­deutet worden ist, als ob derselbe als unabhängig von den Ansichten der übrigen Facloren bet Gesetzgebung selbststän­dig den Schluß der gegenwärtigen Session des Reichstages habe herbeiführen wollen. Von conservativer Seite hatte man stets daran festgehalten, daß ein derartiges Vorgehen nur auf Grund einer gemeinsamen Verständigung zwischen der Reichsregierung und dem Reichstage erfolgen könnte.

Der Abg. Virchow erschien am Freitag in der Sitzung der Petitionscommission, um gelegentlich der Verhandlung über die Petitionen gegen die Section lebender Tiere das von ihm erbetene Gutachten mündlich abzugeben. Er äußerte sich dahin, daß die Wissenschaft die Vivisection nicht entbehren könne, und begründete diesen Ausspruch durch einen historischen Rückblick auf alle Forschungen und Erfahrungen, die seit dem 16. Jahrhundert der Wissenschaft durch die Vivisection neue Bahnen gebrochen haben. Dem berühmten Gelehrten gelang der Nachweis, daß allein durch Experimente an lebenden Tieren das alte System von Grunde aus reformiert werden konnte und daß die Ent­deckung des Blutkreislaufes, sowie des Unterschiedes zwischen motorischen und Empfindungsnerven diesem Studium zu verdanken sei Eine Beschränkung dcr Section lebender Tiere wäre schon deshalb unstatthaft, weil Aerzte und Privatgelehrte, welche sich an Orten befinden, wo keine Universität existiert, ihre für die Wissenschaft und die Praxis erforderlichen Studien nicht verfolgen könnten. Wären die Einwendungen gegen die Vivisection stichhaltig, so müßten auch Maßregeln getroffen werden, welche die Versuche mit neuen Arzneimitteln verbieten. Virchow be­zeichnete in dieser Beziehung solche Arzneien, deren Wirk­samkeit nut an lebenden Tieren erprobt werden könnte. Ucbrigens führt der Abgeordnete an, daß in Berlin bereits Anordnungen getroffen feien, um Ausschreitungen ein Ziel zu setzen. In Anbetracht dessen, daß die Vivisection auf Lehranstalten im Interesse des wissenschaftlichen Fortschritts nicht entbehrlich sei, und keine Gründe vorliegen, strafge­setzliche Maßregeln zu treffen, in Anbetracht endlich, daß jedermann der Beschwerdeweg an die Landesbehötden offen steht, beschloß die Commission, dem Plenum des Reichstags den Uebergang zur Tagesordnung vorzuschlagen.

Kaiser Alexander von Rußland ist am Freitag zu feinem 62. Geburtstage von Abordnungen preußischer und österreichischer Offiziere begrüßt worden. Auch die berliner Presse begrüßte den Kaiser, der für Deutschland stets so viel Wohlwollen gezeigt hat, als Die Rücksicht auf die russische Volksstimmnng gestatten wollte, mit aufrichtiger Teilnahme. Es erhält sich die Hoffnung, daß Rußland sich durch den Ministetwechsel in England nicht verleiten sprechen, das Opfer seinem Henker zuführen zu wollen. Und so machte er dieser Szene schnell ein Ende, indem er mit finsterem Blick Marien befahl, ihm sofort zu folgen; und da diese sich standhaft sträubte, so ergriff er das zitternde Mädchen, welches kaum Zeit halte, sich noch einmal an die Brust ihrer lautschluchzenden Schwester zu werfen und sie dem Schutze Wolframs und des Himmels anzu- bcfehlen. Darauf hüllte Krechting sein Opfer in die weiten Falten seines Mantels ein, indem er ihr drohend zuflüsterte, daß der leiseste Hülferuf ihrerseits den sofortigen Tod ihres Vaters, welcher ein Verräter sei, zur Folge haben werde. Willenlos und tiefgebeugt vom Schmerz verließ Marie am Arme des triumphierenden Bösewichts die Stätte, ander sie das Licht der Welt erblickt hatte und die ihr so lieb und teuer war, um den schlimmsten Stunden ihres Lebens ent- gegenzugehn, während Margaretha, die sonst so fröhliche, mit ihrer Trauer sich allein überlassen blieb.

VII.

Eben klang cs dumpf uno schwer vom nahen Lambertus- thutme herüber, der Wächter kündete die elfte Stunde an, indem er die lautlose Stille durch den monotonen Ruf eines Hornes unterbrach, da betraten-zwei dunkle Gestalten, in denen der Leser sofott den Minister und sein armes Opfer wiedererkennen wird, das Portal des halberleuchteten bischöf­lichen Palastes. Hier mußte Marie in der verschwenderisch auSgcstatteten Vorhalle warten, während Krechting dem König das Gelingen seiner List mitteilte. Schüchtern und mit klopfendem Herzen betrachtete sie die ehrwürdige Halle, welche sonst nur zu frommen Zwecken diente und jetzt dcr Schau­platz des verruchtesten gottlosen Treibens war. Zwar durch daö Gewerbe ihres Vaters an den Glanz des Goldes ge­wöhnt, hatte sie doch noch nie so viele kostbaren Geräte in