XV. MgW
Marburg, Mittwoch, 28. April 1880
Nr. 99.
Lungen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatte-, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Franlffart a.M.; Haaseustein L Vogler in .Frankfurt a. M., Berlin, zripgig, ESlu rc.; Rudolf Rosse i» Berlin» graul» furt 5. M. rr.
AnIskM jcitimg.
Anzeigen nimmt entgegen die Expeditto« d.vlatteS sowie d-Annoncen-Bureanr von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst!; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W- ThieneS in «lberfeld; «. Schlotte in Bremen-
Erscheint täglich außer au den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JluftrirteS LonutagStlatl durch die Cxpedition (Koch fche Buchdruckerei) bezogen 2*ä Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf«, (excl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pfg. berechnet.
Aür die Monate Mai und Juni werden von O allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) Bestellungen auf die
Dlierhessische Zeitung
mit deren Gratisbeilage
JllustrirteS Sonntagsblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.
Die Exped. d. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Der Kaiser hat Sonntag Nachmittag noch dem Fürsten Bismarck einen Besuch abgestattet. — General v. Treskow geht mit einem Gratulationsschreiben des Kaisers nach Petersburg, ebenso begeben sich die Commandeure der drei preußischen Regimenter, deren Chef Kaiser Alexander ist, zur Geburtagsfeier des Kaisers nach Petersburg.
Der Bundesrat hat gestern in zweiter Lesung die Anträge der Referenten zur Revision der Geschäftsordnung mit geringen Modifikationen angenommen.
Die Landwehr-Bezirks-CommandoS werden nächstens Vorschläge in Betreff der Besetzung der Seconde-Lieute- nantsstellen bei den Ersatztruppen, Garnison-Bataillonen und Landsturm-Formationen zu machen haben. Zu diesen Stellen können diensterfahrene inaktive Unteroffiziere, welche nicht mehr dienstpflichtig sind und sich zum Wiedereintritt für den Fall einer Mobilmachung bereit erklären, in Aussicht genommen werden. Dieselben müssen sich in geordneten Verhältnissen und in einer entsprechenden bürgerlichen Lebensstellung befinden. Haben diese Unteroffiziere ihre dienstliche Brauchbarkeit dargrthan, so können sie nach Maßgabe der sür die Besatzungsarmee gegebenen Bestimmungen ohne vorangegangene Wahl des OsfizierscorpS dem Kaiser durch die Gesuchslisten zur Ernennung zum Feldwebel- Lieutenant vorgeschlagen werden. Die Feldwebel-LieutenantS gehören zu den Lanbwehr-Offizieren und zwar zur Hauptklasse der Subaltern-Offiziere im Range der Seconde- Lieutenants. Sie erhalten die Offizierspenston nebst Pen- sionszulage, wenn sie als Feldwebel-Lieutenants eine die Invalidität bedingende Verwundung oder Dienstbeschädigung erleiden. Auch die Bewilligungen für ihre Hinterbliebenen regeln sich eintretendenfalls nach den Bestimmungen des Militär-Pensionsgesetzes.
Laut einer am 19. d. ergangenen Verfügung des Reichs-
Erasmus von Rotterdam über die dentsche« Gasthöfe.
Der berühmte Humanist entwirft von den Gastspelunken Deutschlands zu Anfang des 16. Jahrhunderts folgendes köstliche Bild:
„Bei der Ankunft grüßt euch Niemand, man gibt gar nicht acht auf euch, damit es nicht den Anschein habe, als ob man viel nach den Gästen frage; denn das halten sie für schmutzig, niederträchtig und des deutschen Geistes unwürdig. Nachdem Du lange geklopft und gerufen hast, steckt endlich irgenv Einer den Kopf durch das kleine Fenster der geheizten Stube, gleich einer Schildkröte, welche aus ihrem Hause hervorguckt. In solchen geheizten Stuben wohnen sie beinahe bis zur Zeit der Sommersonnenwmde. Diesen Menschen, der da herausschaut, muß man nun fragen, ob man hier einkehren könne. Schlägt er es nicht ab, so ersiehst Du daraus, daß Du Platz haben kannst, fragst Du nach dem Stalle, so antwortet er Dir mit Handbewegung; Du kannst dann Dein Pferd einstellen und es behandeln wie Du willst, ganz nach Deiner Weise, denn es fällt keinem Diener ein, eine Hand zu rühren. Ist das Gasthaus berühmt, so weist Dir ein Knecht allerdings einen Platz an, aber freilich einen ganz schlechten, denn die bessern werden für die Pferde der später ankommenden, besonders aber der Adeligen aufgehoben. Machst Du eine Ausstellung oder tadelst Du etwas, so kannst Du gleich die Rede zu hören bekommen: „Ist es Dir nicht recht, so such' Dir ein anderes Gasthaus." Heu wird in den Städten ungern und sparsam gereicht und ist fast ebenso theuer als der Hafer. Hast Du nun Dein Pferd besorgt, so begibst Du Dich, so wie Du bist in die Stube, mit Stiefeln, Gepäck
Postamts können Postanweisungen, welche bei deutschen Post- anstalten eingeliefert unv sür Empfänger in Deutschland bestimmt sind, fortan auf Verlangen der Absender oder Empfänger nach Orten solcher Länder nachgesandt werden, auf deren Verkehr die Bestimmungen des Pariser Ueber- einkommens vom 4. Juni 1878 über Austausch von Postanweisungen Anwendung finden. Danach hat die Postanstalt nach Maßgabe der ursprünglichen eine neue Postanweisung unter Benutzung des Formulars für den internationalen Verkehr auszufertigen, wobei von dem Betrage, auf welchen die ursprüngliche Postanstalt lautet, die für die Uebermittlung nach dem neuen Bestimmungslande festgesetzte Gebühr abgezogen und der dann verbleibende Betrag erforderlichenfalls nach Umwandlung in die Währung des neuen Bestimmungsgebiets als auszuzahlende Summe in das Formular eingerückt wird. Dasselbe Verfahren kann eingehalten werden bei Postanweisungen des innern Verkehrs Deutschlands, deren Nachsendung nach solchen Ländern gewünscht wird, mit denen auf Grund besonderer Übereinkommen Postanweisungen ausgetauscht werden können (Großbritannien, Vereinigte Staaten von Amerika, Britisch- Jndten n. s. w.), jedoch nur insoweit, als die ursprüngliche Postanweisung alle diejenigen Angaben enthält, welche auf Postanweisungen nach dem Lande, wohin die Nachsendung stattfinden soll, vorhanden sein müssen. Eine ans dem Vereinsgebiete herrührende, nach Deutschland gerichtete Postanweisung, welche innerhalb Deutschlands nachgesandt werden soll ist lediglich nach Maßgabe der für den inneren deutschen Postanweisungsverkehr gegebenen Besttmmnngen zu behandeln.
Amtlicher Mitteilung zufolge waren bei dem Reichsgerichte im letzten Vierteljahre 1879 an Spruchsachen zu bearbeiten: 2823 Civilsachcn (darunter 2 auf welche die Reichseivilprozeßordmrng Anwendung findet und 105 aus dem Bezirke des kölnischen Oberlandesgerichts), 740 Strafsachen, wovon 205 nach der Reichsstrafprozeßordnung und 53 aus dem kölnischen Bezirk. Von den Civilsachen sind 667 auSgeschieden, 571 erledigt und 1584 unerledigt geblieben; von den Strafsachen in derselben Reihenfolge: 35, 549, 156. Patentsachen waren 11 unerledigt geblieben zu bearbeiten, Beschwerdesachen 161 erledigt, 44 zmückge- nommcn, 15 unerledigt geblieben. Bei der Reichsanwaltschaft waren 998 Sachen zu bearbeiten. Verhandlungstermine haben 527 stattgefunden. Im Durchschnitt kamen auf jeden der 60 etatsmäßigen Räte und 8 Hülssrichter 55 bis 56 Spruch-, 3 bis 4 Beschwerdesachen.
Deutsches Reich.
•« Berli«, 26. April. In öffentlichen Blättern kehrt noch immer das Gerücht wieder, daß Veränderungen in und Schmutz. Diese geheizte Stube ist allen Gästen gemeinsam. Daß man wie bei den Franzosen, auch ein eigenes Zimmer zum Umkleiden, Waschen, Kämmen und Ausruhen anweist, kommt hier nicht vor, sondern in dieser Allerweltsstube kannst Du Deine Stiefeln ausziehen ober Dein Hemd wechseln. Sind Deine Kleider vom Regen durchnäßt, so hängst Du sie an den Ofen und stellst Dich selbst um Dich zu trocknen dorthin. Auch ist Waffer bereit, um sich die Hände zu waschen, es ist aber gewöhnlich so sauber, daß Du Dich nach frischem Wasser umsehen mußt, die vorgenommene Waschung wieder abzuspülen. Kommst Du um 4 Uhr des Nachmittags an, so wirft Du doch nicht vor 9 Uhr speisen, auch nicht fetten erst um 10 Uhr. Denn es wird eher nicht aufgetragen, als wenn sie alle beffammcn sind, damit auch allen gleiche Bedienung zu Teil werde.
So kommen in dem geheizten Raum häufig 80 bis 90 Gäste zusammen: Fußreisende,, Reiter, Kaufleute, Schiffer, Fuhrleute, Bauern, Knaben, Gesunde und Kranke. Hier kämmt sich der Eine das Haar, dort wischt sich ein anderer den Schweiß ab, wieder ein anderer putzt seine Schuhe und Reitstiefel, jenem stößt der Knoblauch auf, und es ist ein Wirrwarr der Sprachen, wie er beim Thurmbau zu Babel nicht größer gewesen sein kann.
Daß das Anglotzen und Angaffen schon damals prakttcirt wurde, geht daraus hervor, daß er fortfährt: „Gewahren sie Jemand, der sich durch eine würdige Haltung auszeichnet, so sind aller Augen auf ihn gerichtet, dergestalt, als sei er ein Wundervieh oder eine Art neuen aus Afrika hergebrachten GetierS; und selbst, nachdem sie am Tische Platz genommen, sehen sie den Fremden mit dem Antlitz nach dem Rücken gekehrt unverwandt an, so daß sie darüber fast das Effen
den hohen Reichsämtern b^vorstehen. Namentlich wird immer wieder der Rücktritt deS StaatssecretärS Stephan in Aussicht gestellt. Es wird mir arf das bestimmteste versichert, daß alle diese Annahmen jeder Begründung entbehren. In Verbindung mit diesen unrichttg angetünbigten Personalveränderungen wird auch die Annahme wieder vorgebracht, es solle ein sog. Reichs-Verkehrs- ministerium errichtet werben. Man versteht darunter die Vereinigung der Reichs-Post- und Telegraphen-Verwaltung mit der Verwaltung der preußischen Staatsbahnen und den Eisenbahnen in den Reichslanden unter einem und demselben Chef. Auch die Annahme ist völlig irrig, daß dieser Plan neuerdings noch irgendwie in Frage stehe. Schon die ungeheure Arbeitslast, welche dem Chef dieser vereinigten großen Verwaltungszweige erwachsen müßte, verbietet jeden Gedanken, einem solchen Plane näher zu treten. — Der Artikel, welchen am Sonntag die „Nordd. Allg. Ztg." brachte und worin gemeldet wurde, daß nur ein akutes neuralgisches Leiden den Reichskanzler verhindert habe, für die Vorlage, betr. die Unterstützung der deutschen SeehandelSgesellschaft persönlich einzutreten, und daß es völlig falsch sei anzunehmen, die Regierung lege auf die Annahme dieser Vorlage im Reichstag keinen erheblichen Wert, ist offenbar autorisiert und daher für die richtige Beurteilung der Stellung der Reichsregierung von unverkennbarer Wichtigkeit. Es ist daher durchaus unrichtig und wol auf einen taktischen Kniff zurückzuführen, wenn in einigen Korrespondenzen die Verwerfung der Vorlage als etwas den Bundesregierungen Gleichgültiges hingestellt wird. — Das nunmehr abgeschlossene Hauptgeschäft in Kohlen hat, wie die Berichte aus verschiedenen Bergrevieren konstatieren, die Zechen veranlaßt, eine Reduction der Förderung eintreten zu lassen, indem man das Angebot und die Nachfrage in ein richtiges Gleichgewicht zu bringen Willens ist. Für nächsten Herbst erwartet man, nach allen den hierfür maßgebenden Symptomen zu schließen, ein sehr lebhaftes Geschäft Mehrere Zweige der Industrie erfreuen sich bereits eines guten Fortgangs, so haben z. B. die Fabriken in Iserlohn und Lüdenscheid gute Beschäftigung und zu lohnenden Preisen Absatz. Die Hütten sind durch die vielen im Winter eingegangenen Bestellungen noch auf längere Zeit mit Aufträgen reichlich versehen. — Die im Reichs- Eisenbahnamt aufgestellte Uebersicht der BetriebSergebniffe bet Eisenbahnen Deutschlanbs im Monat März d. I. er- giebt für die 189 Bahnen, welche schon im entsprechenden Monat des Vorjahres im Betriebe waren und zur Vergleichung gezogen werden konnten, daß die Einnahmen aus allen Verkehrszweigen im März b. I. bei 66 Bahnen höher und bei 23 geringer als in bemselben Monat bes Vorjahres unb bie Einnahmen vom 1. Januar bis Enbe März b. I. bei 81 Bahnen höher unb bei 8 Bahnen geringer als in bemselben Zeitraum des Vorjahrs waren.
vergessen. Etwas in der Zwischenzeit zu begehren, geht nicht an. Wenn es spät Abends geworden ist unb wenn keine neuen Ankömmlinge mehr zu erwarten sinb, tritt ein alter Diener mit grauem Barte, geschorenem Kopfhaar, mit grämlicher Miene unb schmutzigem Anzuge herein, läßt seinen Blick still zählenb, nach ber Zahl ber anwesenben Gäste Herumschweifen, und den Ofen desto stärker Heizen, je mehr er gegenwärtig ist, wenngleich die Sonne bereits durch ihre Hitze anfangt lästig zu werden, denn es bildet bei den Deutschen einen Punkt guter Bewirtung, wenn alle vom Schweiße triefen. Wird es nun Einem zu heiß und öffnet er, nicht an solchen Qualm und Dampf gewöhnt, ein Fenster, um frische Luft zu bekommen, so schreit man gleich von allen Seiten: „Zugemacht, zugemacht." Wenn Du nun antwortest: Ich kann es ja vor Hitze nicht aushatten, so schreien sie wieder: „Dann such' Dir ein anderes Gasthaus." Und doch ist nichts gefährlicher, als wenn so »iele Menschen, zumal wenn die Poren geöffnet sind, ein und denselben Qualm einathmen, in solcher Luft speisen und mehrere Stunden lang in solchem Qualm verweilen muffen.
Nach einer Weile kommt ber bärtige Ganymeb wieder unb bedt so viele Tische, als er für bie Zahl ber Gäste hinreichend glaubt, mit Tischtüchern grob wie das gröbste Segeltuch unb so schmutzig, baß man-sieht, sie seien schon lange im Gebrauch gewesen — für jeben Tisch bestimmt er minbeftens acht Gäste. Diejenigen, welche mit ber Lanbesfltte bekannt sind, setzen sich, wohin es ihnen beliebt, denn hier ist kein Unterschied zwischen Armen und Reichen, ober zwischen Herren unb Dienern. Haben sich nun alle an die Tische gesetzt, erscheint wieder ber sauertöpfische, mürrisch griesgrämige alte Kerl, zählt nochmals seine Ge-