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Marburg, Dienstag, 27. April 1880

Nr. 88.

XV. Jahrgang

Anzeigen nimmt emgegen; dir Expedition d.vlatte-, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th> Dietrich & Co. in gaffet und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a M., Berlin, Lripzig,!n tu; Rudolf Kioffe in Berlin, Frank­furt a. M- rr.

MnWschk Zcitiuiz.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blatte» sowie d.Annoncen-Bureaur von ®. L Daube & Co. in Ktanlfurt a. M; JSger'sche Buchhandlung bofelbft; Hermann'sche Buchhandl. daselbst ; Jnvalibenbank in Berlin; W- Thiene» in Elberfeld; 4. Schlotte in Bremen-

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Sberhessische Zeitung

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Die Exped. d. Oberh. Zeitung.

Tagesbericht.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Ueber dieKanzler- krists und ihre Veranlassung sind in verschiedenen Wiener Blättern Mitteilungert verbreitet worden, welche die viel­besprochenen Vorgänge im Bundesrat auf angeblich reichS- feindliche Tendenzen einzelner Regierungen zurückzuführen versuchen und dabei die Insinuation enthalten, als ob aus­ländische Einflüsse auf die Haltung dieser Regierungen ein­gewirkt hätten. Wir haben von solchen Korrespondenzen bisher keine Notiz genommen, weil wir sie für ephemere Erscheinungen auf dem Gebiete der Sensations-Journalistik hielten. Da das angedeutete Thema aber immer von neuem variiert wird und deshalb schließlich gläubige Leser finden könnte, so glauben wir nochmals darauf aufmerksam machen zu müssen, daß es sich bei dem neulichen Entlassungsgesuch des Reichskanzlers lediglich um innere Fragen handelte, bei denen die auswärtige Politik nicht im geringsten eine Rolle spielte. Der Reichskanzler hielt sich nicht für berechtigt, einem Beschlüsse des Bundesrats, für den er die Verant­wortlichkeit nicht unternehmen wollte, die Ausführung zu versagen, ohne vorher sein Amt zur Verfügung des Kaisers gestellt zu haben. Er fühlte ferner das Bedürfnis, dem Mangel an disziplinarischem Zusammenhänge unter den Reichsbehördeu, welcher bei den Vorgängen im BundeSrate zu Tage getreten war, in einer Weise entgegenzuwirken, welche mehr Eindruck macht, wie die Aeußerung einfacher Wünsche und Kritiken. Wir geben gern zu, daß diese Motive nicht für Jeden, der außerhalb des Geschäftsbe­triebes steht, auf den ersten Blick erkennbar waren; daS aber können wir nicht verstehen, wie man aus diesen in­neren Verkommnissen, bei denen die Krisis einen formell geschäftlichen Charakter trug, den Vorwand zur Verdächti­gung einzelner oeutscher Regierungen hernehmen kann. Wir verstehen nicht, welches Interesse, wenn nicht lediglich das­jenige des Sensationsbedürfnisses des Lesers, irgend ein deutsches oder österreichisches Blatt daran haben kann, die jederzeit bewährte reichsfreundliche Politik der so frivol an­gegriffenen Regierungen in Zweifel zu ziehen. Wir wieder­holen: Alle Behauptungen über den Zusammenhang der Krisis mit Fragen der auswärtigen Politik sind ohne jeden auch nur scheinbaren Anhaltspunkt er unden.

Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß die liberale Presse jetzt eifrig bemüht ist, dem Reichskanzler das Ar­beitsfeld möglichst dadurch zu erleichtem, daß sie den Vor­schlag macht, behufs Vermeidung der fortwährenden Krisen, die Thätigkeit des Reichskanzlers aufdas alleinige Feld seiner Größe und seines Talentes" auf die auswärtige Politik zu beschränken. Es ist in der That rührend, wie besorgt diese Liberalen um den Reichskanzler sind, und wie sie sich abmühen, dem Fürsten solchen guten Rat zu er­teilen. Allein glücklicher Weise ist Fürst Bismarck nicht der Mann, der sich von den liberalen Blättern Rats er­holt, und wenn er selbst dazu Lust verspüren sollte, so ist die Maske zu durchsichtig, als daß er nicht sofort erkennen sollte, wer dahinter steckt. Es war den Liberalen sehr unbequem, als Fürst Bismarck, der sich bis dahin nur hauptsächlich mit der auswärtigen Politik beschäftigt hatte, plötzlich, als er auf seinem Gebiet ein wenig Luft bekam, inne wurde, welches Unheil die liberalen Theorien des Herr» Delbrück auf wirtschaftlichem Gebiet angerichtet hatten, diesem die Zügel entriß, um noch bei Zeiten daS dem Abgrund zu rollende Gefährt zu wenden und einem ebenen Wege zuzuführen. Man war überrascht, als der Reichskanzler der Wirtschaft dieser Manchesterleute ein Ende machte und man konnte sich gar nicht darin finden, daß o schnell der Amboß in den Hammer verwandelt werden olle. Allein die kräftige Hand des Fürsten belehrte sie ehr bald, daß nicht daran zu denken sei, eine Aenderung n seinen wirtschaftlichen Plänen herbeizuführen, und daß

mit Energie an dem weiteren Ausbau der mit dem vorigen Jahre begonnenen neuen Wirtschaftspolitik heran gegangen werden soll. Welche Manöver wenn auch vergeblich von den Liberalen in Scene gesetzt, um den Reichskanzler auf der betretenen Bahn zurückzuhalten, ist ja bekannt. Gesetze, welche die im vorigen Jahre begonnene Steuer­reform neuvcrvollständigten, waren die Antwort des Reichs­kanzlers. Der Ertrinkende greift nach einem Strohhalm. Die Manchesterleute benutzen die Gelegenheit derKanzler­krisis", um die ehemaligen Zustände wieder herzustcllen, sie schlagen vor, dem Kanzler nur das Feld der äußeren Politik zu überlassen? nun, was weiter geschehen soll, sagen sie allerdings nicht gleich, aber ihre Antwort ist so klar aus dem Vorschläge zu folgern: sie wollen, daß Fürst Bismarck die Leitung der Wirtschaftspolitik wieder an die Liberalen zurückgebe. Ein altes Berliner Sprichwort sagt: Damit werden Sie wohl kein Glück haben!" Dies mögen die Herren Manchestermänner beherzigen.

In Bezug auf die Verhandlungen mit dem Vatikan wird derN. Pr. Ztg." mitgeteilt, von den neuen Vor­schlägen, welche nach derGermania" Jacobini dem deut- fchen Botschafter in Wien gemacht haben solle, sei der Re­gierung noch nichts bekannt, trotzdem aber müsse die An­gabe derGermania" doch als sehr wahrscheinlich angesehen werden, wenn sie auch wol etwas verfrüht sei. Dann heißt es wörtlich: Schon vorige Woche konnte darauf hin­gewiesen werden, daß nach Verkündigung des Staatsmini- sterial-Beschluffes vom 17. März als Antwort auf das päpstliche Schreiben vom 24. Februar weitere Schritte von praktischer Bedeutung Seitens der Curie nicht lange mehr ausbleiben könnten. Hier wenigstens war man überzeugt, daß es nur eines solchen Anstoßes bedurft hätte, um die bis dahin noch zögernden Verhandlungen in Fluß zu bringen. Die Andeutungen, welche über die Absichten der Curie ver­schiedenen Blättern aus Rom zugehen, beweisen, daß die hier gehegte Ansicht wol begründet war und im Vatican Wiederhall findet. Die schon früher ausgesprochene Er­wartung, daß der Vatican demnächst mit direkten Anträgen hervortreten werde, dürfte sich in sehr kurzer Zeit erfüllen. Das Gerücht, daß die Kanzlerkrisis mit den Verhandlungen in Rom in Verbindung stehe, wird als unrichtig bezeichnet. Man kann es den katholischen Blättern nicht verdenken, wenn sie wünschen, daß der Friede in einer für ihre Kirche möglichst günstigen Weise geschlossen wird. Allein sie sollten sich dabei doch nicht in so lächerlichen und dabei einen sehr wenig kirchlichen Sinn verratenden Auslassungen ergehen, wie die BonnerReichs-Ztg.", welche unter Rom folgende kindische Drohung an die preußische Regierung richtet: Fürst Bismarck hat erklärt, er werde nicht nach Canossa gehennun gut, der Papst geht aber auch nicht auf die Wartburg! Hoffen wir, daß die preußische Regierung zur Erkenntnis kommt, wie sehr der Friedensschluß eben sowol im Interesse des Staates als der Kirche liegt, und daß man nicht ferner die wolmeinendsten Absichten des Papstes mit einem kalten Hinweise auf Unterwerfung beantwortet. Auch die Geduld des friedliebendsten Papstes könnte endlich einmal zu Ende gehen, wie die seiner Unterhändler, dann möchte aber vielleicht ein etwaiger Friedensschluß, ähnlich wie der Kauf der sybillinischen Bücher, unter ungünstigeren Bedingungen erfolgen müssen als heute. Nun und wenn nun die Geduld des Papstes zu Ende ginge und zu den 900 unbesetzten Pfarreien nach und nach noch weitere 900 folgten, waS dann? Wen müßte das tiefer berühren, das Oberhaupt der Kirche oder das Oberhaupt des Staates? Nun wol, es kann ja schon sein, daß diese Zustände dem römischen Papste weniger zu Herzen gehen, als dem deut­schen Kaiser, aber die katholischen Blätter sollten sich doch im Jntereffe des Papstes hüten, eine solche Haltung des Papstes auch nur als Drohung in Aussicht zu stellen.

Ueber die Motive des Wehrsteuergesetzes hört dieNat.- Ztg." es werde darin hauptsächlich betont, daß der Gedanke, ein Aequivalent für den persönlichen Dienst statuieren zu wollen, völlig zurückzuweisen sei, sondern daß man nur beabsichtige, die Ungleichheit der Verteilung der mUitärischen Lasten zwischen den zum Dienst herangezogenen und den nicht herangczogenen Wehrpflichtigen durch eine angemessene Geldleistung auszugleichen, da die letzteren den Vorzug haben, die für den Erwerb meist wichtigen Jahre der Dienst­pflicht für sich voll ausnutzen und so einen erheblichen Vor­sprung erhalten zu können. Es soll ferner darauf hinge­wiesen werden, daß bereits im Norddeutschen Bunde ein ähnliches Gesetz und auch später im Jahre 1877 beabsichtigt war, die Berechtigungsscheine zum einjährig Freiwilligen­

dienst und die Scheine über Befreiung von der aktiven Dienstpflicht rc. mit einer Steuer von 20 Mark zu belegen. Außerdem soll in den Motiven auf die frühere Gesetzgebung in Baiern und Württemberg, welche durch die jetzige Ein­führung der Militärgesetze Preußens und deö Norddeutschen Bundes aufgehoben sind und auf die Gesetzgebung in der Schweiz wie in Oesterreich-Ungarn hingewiesen sein. Der Ertrag der Steuer ist nach ungefährer Veranschlagung auf die Höhe von 10,272,000 M. berechnet.

Ein Jahresbericht über das agrikultur-chemische Ver­suchswesen in Preußen zählt als Akademien Proskau und Poppelsdorf auf, als Versuchsstationen Königsberg, Inster­burg, Danzig, Dahme, Regenwalde, Posen, Breslau, Halle, Kiel, Hildesheim, Göttingen, Münster, Wiesbaden, Alt­morschen (jetzt Marburg), Bonn und Bremen.

Das Centralcomitee des internationalen Vereins zur Bekämpfung der wissenschaftlichen Tierfolter hat sich mit einer Petition an den Reichstag gewandt, worin der Wunsch des Näheren begründet wird, daß der Reichtag die Initia­tive zu einem Gesetz ergreife, das im Allgemeinen folgende Verbote und Anordnungen enthalten soll: A. Einschränkung hinsichtlich der Qualität und Quantität der Versuche (Ex­perimente). 1) Verbot jeder Art von Vivisektion außer­halb der physiologischen Institute an Universitäten, also Verbot sowol der Prtvat-Vivisection, als auch der Vivi­section an Tierarzncischulcn. 2) Verbot der vivisectorischen Experimente an den physiologischen Instituten der Univer­sitäten zum Zwecke der Demonstration beim Unterricht und behufs Erlangung manueller (operativer) Fertigkeiten. 3) Die für die Forschung zulässig bleibenden Vivisektionen an den physiologischen Instituten der Universitäten unterliegen einer Reihe von früher bezeichneten Einschränkungen. B. Einschränkung hinsichtlich der Art der Versuchstiere (Pferde, Hunde und Katzen dürfen nicht zu vivisectorischen Ver­suchen benutzt werden). C. Ausübung einer Controle über die nach B. nicht ausgeschlossenen Versuchstiere. D. Alle Contraventionen gegen vorstehende Bestimmungen sind mit Strafe und zwar diejenigen gegen die Bestimmungen sub A. und B. mit Gefängnis zu belegen.

DiePolit. Corresp." meldet aus Cettiuje unterm heutigen von authentischer Seite, daß entgegen der in der türkisch-montenegrinischen Convention stipulirten 24stündigen Frist für die von den Montenegrinern zu effectuierende Occupation der von türkischer Seite zu räumenden Po­sitionen, der in Podgoritza eingetroffene Adjutant des Gou­verneurs von Skutari, Izzet Pascha, nur eine 7stündige Frist für dem Abmarsch der türkischen Truppen zugestand. Nachdem es den Montenegrinern unmöglich war, innerhalb dieser kurzen vertragswidrigen Frist die Occupation zu be­werkstelligen, bemächtigten sich die Albanesen nach dem Ab­marsch der türkischen Truppen aller früher von türkischer Seite besetzten und befestigten Stellungen. Die montene­grinischen Truppen blieben in einer beobachtenden Stellung und erwarten weitere Ordres.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. April. Die Berichte über dm vorgestrigen Besuch des Kaisers und der Kaiserin in der Fischerei-Aus­stellung konstatieren sowol die große Teilnahme deS Kaisers für diese Ausstellung, als auch die Frische und Rüstigkeit, mit welcher derselbe 211 Stunden in fortwährender Be­wegung geblieben ist. Es wird uns dies von autorisierter Seite bestätigt mit dem Hinzufügen, daß die Liebenswürdig­keit deö Kaisers alle, an welche derselbe ein freundliches huldvolles Wort richtete, wahrhaft entzückt habe. Die gestrige Generalversammlung des deutschen Fischereivereins in den festlich geschmückten Räumen des Rathauses, ge­staltete sich zu einem der schönsten internationalen Fest«. Fast sämtliche Botschafter und Gesandten, die hier anwesen­den Minister, Graf v. Moltke, der Präsiocnt des Reichstag» und mehrere Mitglieder des Bundesrats, Oberbürgermeister v. Forckenbeck, Magistrat und Stadtverordnete von Berlin wohnten der Versammlung bei. Außer v. Forckenbeck, der die Begrüßungsrede hielt, sprachen noch im Namen de» Fischereivereins Herr v. Behr-Schmoldow, der auch den Jahresbericht erstattete, ferner Dr. Georg v. Bunsen, der dann nach Forckenbeck das Präsidium übernahm und die Vertreter der Vereinigten Staaten Amerikas und Chinas zum Wort aufforderte. Herr Andrew White sprach nach einigen einleitenden deutschen Sätzen in englischer Sprache über die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Deutsch­land. Der Gesandte des himmlischen Reiches aber, Li-