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Marburg, Donnerstag, 22. April 1880
XV. Mg^g
Anzeigen nimmt emgegen: dir Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in jkaffel und Hannover; Th Dietrich in Franifutt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a M.. Berlin, Leipzig, LSln i-; Rudolf Lioffe ta Berlin, Irank- futt a. M. it.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d-Annoncen-Bureaup von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'schc Buchhandlung daselbst; Herrnann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W ThieneS in Elberfeld: L. Schlotte in Bremen.
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Tagesbericht.
Der „Reichs-Anzeiger" meldet: Fürst Hohenlohe ist in Berlin eingetroffen und hat die Leitung des Auswärtigen Amtes übernommen.
Die internationale Fischerei - Ausstellung in Berlin ist gestern Vormittag 11 Uhr von dem Kronprinzen feierlich eröffnet worden. Prinz Friedrich Carl, die Mehrzahl der Minister, viele hohe Reichsbeamte und Mitglieder des Bundesrats und des Reichstags, ferner sämtliche Botschafter und Gesandte und die meisten Mitglieder des diplomatischen Corps wohnten dem Acte bei. Minister Lucius hielt die Anrede an den Kronprinzen als Protector der Ausstellung, erklärte nach eingeholler Zustimmung des Kronprinzen die Ausstellung für eröffnet und brachte ein dreifaches Hoch auf den Kaiser aus, in das die Festversammlung unter den Klängen der Nationalhymne begeistert einstimmte Der Vorsitzende der Ausstellungs-Commission Bähr-Schmoldow brachte dann ein dreifaches, ebenso enthusiastisch aufge- uommenes Hoch auf den Kronprinzen aus, worauf der Kronprinz von dem Ausstellungs-Comito geführt und von den Festteilnehmern gefolgt, alle Ausstellungsräume durchschritt. Die Ausstellung ist äußerst glänzend und großartig, von fast allen Nationen beschickt, meist auch bis ins Detail vollendet. Der L>tadtteil, in welchem die Ausstellungs-Lokalitäten gelegen sind, trägt festlichen Flaggenschmuck.
In der gestern in Berlin stattgehabten ordentlichen Generalversammlung der Deutschen Bank waren 11987 Actien mit 2276 Stimmen vertreten. Auf die Verlesung des Geschäftsberichtes wurde verzichtet. Für das aus dem Aufsichtsrat ausscheidende Mitglied Landau wurde Albrecht Oswald (Hamburg) gewählt.
Die „Times" veröffentlicht das Rundschreiben Frey- cinets au die Vertreter Frankreichs im Auslande. Der Minister führt darin aus: dte französische Regierung wünsche keineswegs die Politik von Thiers zu ändern. Sie habe stets die Ausführung der Verträge zu beschleunigen und eine friedliche Lösung der schwebenden Fragen herbeizuführen versucht Die Regierung hoffe, daß ein Einverständnis zwischen England und der Pforte bezüglich der Thätigkeit der internationalen Commission zur Regelung der griechischen Grenze hergestellt werden und dieses zur balvigen Lösung der bez. Fragen führen würde. Orloff dürfte ein bedauerliches Mißverständnis bezüglich der Hartmann'schen Angelegenheit aufgeklärt haben. Die Regierung that alles Mögliche, um Rußland zu beweisen, daß nur Grünoe der bestehenden Gesetzgebung für die Verweigerung der Auslieferung bestimmend gewesen seien. Hoffentlich würden die Bemühungen der Negierung eine ruhige Beurteilung der
Gestohlene Depeschen.
Historische Erzählung von D- W.
(Fortsetzung.)
Sie thun sehr gcheimnißvoll, lieber Herr Erfurth, sagte lächelnd der Polizist. Wolan, Ihr Schwager war offenherziger gegen mich; er hat mir den Namen schon genannt: das Papier lautet an die Ordre C. F. Borchhardt in Dresden.
Der Goldschmied schaute verwundert drein und sprach mit verdrießlicher Miene:
Nun, wenn Sic den Namen schon wußten, wozu klopften Sie erst so lange auf den Busch?
Wozu? das sollen Sie sogleich hören, erwiderte der Beamte und nahm plötzlich einen anderen Ton an: Ich habe Ihnen zu eröffnen, Herr Erfurth, oder auch Borchhardt, wie Sie sich bei dem Wechselgeschäft mit dem jungen Warendorff nannten, daß ich Polizeibeamter bin und daß ich Sie zu meinem Vorgesetzten bringen werde, der Sie zum Untersnchungsarrest abführen wird.
Polizei I Untersuchungsarrest! schrie der Erschrockene, von seinem Stuhle aufspringend. Was reden Sie da?
Auch das will ich Ihnen sagen: Ihr Schwager bediente sich Ihrer, um den Referendar Warcndorff den in Rede stehenden Wechsel zu diskontiren; und sie thaten dies, indem Sie sich fälschlich Borchhardt nannten. Das Geld zu diesem sauberen Handel, 200 Thaler erhielten Sie von Ihrem Schwager, der dann aus Rache gegen Warendorff die falsche Anzeige machte, daß chm dieselben beiden Scheine gestohlen worden. Darauf hin wurden die beiden Scheine bei ihrer Umwechselung angehalten, und nun brachte der angeblich Bestohlene den Referendar in Verdacht dieses
Thatsachen seitens des großen Landes, dessen Freundschaft Frankreich wertvoll sei, herbeiführen.
In Ergänzung der vorstehenden Analyse der Note des Ministerpräsidenten Freycinct seitens der „Times" wird noch mitg'-teitt: Das Rundschreiben betont die friedliche Politik der Regierung und den Wunsch nach Eintracht und Uebereinstimmung mit allen Mächten. Die Regierung stehe mit sämmtlichen Mächten in guten Beziehungen. Die Note bespricht die Orientpolitik und erwähnt der Anerkennung Rumäniens, wobei Frankreich, Deutschland und England übereinstimmend gehandelt hätten. Die Regierung spricht ihre Genugthuung über die glückliche Erledigung der tür- kisch-montettegrinischen Differenzen aus, hofft auf ein baldiges Einvernehmen Bulgariens und Rumäniens in der Arabtabiafrage und wünscht, daß die in Bulgarien und Serbien durch die Lage der geflüchteten Muselmanen veranlaßten Unordnungen beigelegt werden würden. Es sei zu hoffen, daß denjenigen Muselmanen, die zurückkehren wollen und denen man während der Flucht ihren gesamten Besitz nahm, Gerechtigkeit werde. Bezüglich Egyptens gedenkt das Rundschreiben der Resultate, welche durch das französisch-englische Einvernehmen unter dem Beistand Deutschlands, Oesterreichs und Italiens erreicht wurden, und hofft auf eine befriedigende Entwickelung der Dinge. Schließlich gerenkt die Note der Dekrete vom 29. März und versichert, daß dadurch in keiner Weise der Protektion Abbruch gethan werde, welche die französische Regierung stets den Missionaren und Mönchen im Orient gewahrt habe. Dieselben würden die bisherige Unterstützung und Förderung finden.
Nach den Berichten aus London wird es immer wahrscheinlicher, daß Herr Gladstone Minister und selbst Premier- Minister wird, und das ist für Deutschland und noch mehr für Oesterreich kein glückliches Ereigniß zu nennen. Das Whigcabinet wird die bisherige englische Politik nicht ver- läugnen können, aber auch manches ändern wollen. Die übertriebene Begünstigung der Ansprüche aller kleinen Natiouali- tälen,, die Abwesenheit aller großen Gesichtspunkte in der auswärtigen Politik, die sehr weit getriebene Kriegsscheu, alles dies droht die unruhigen Elemente zu begüiistigen, von denen Oesterreich umgeben ist, ja, die es in seinem eigenen Schoße birgt.
Das Lebenslicht des russischen Reichskanzlers flackert noch hin und her, ist aber sichtbar im Erlöschen begriffen. Da sich Fürst Gortschakow seit fünf Jahren in einem durch ben Krieg mit der Türkei und den Berliner Frieden noch gesteigerten Gegensätze zu Deutschland befand, so ist fein Abtreten von der politischen Bühne allerdings als ein in erster Reihe für uns bedeutsames Ereignis zu betrachten. Indessen lauten die Nachrichten aus Petersburg nicht dahin, daß man erwarten könnte, sein Nachfolger werde für vorgeschwindelten Diebstahls. — Ob Sie nun um diese niederträchtige Manipulation Ihres Schwagers wußten und darüber schwiegen, wird sich bald Herausstellen.
Der bestürzte Goldschmied zitterte an allen Gliedern, wie vom Fieber geschüttelt. Ec beteuerte aufs Heiligste, daß er keine böse Absicht gehabt, als er den Wunsch seines Schwagers erfüllte und unter einem fremden Namen den besagten Wechsel diskontirte. Erst vor einigen Tagen sei ihm von dem vorgegebenen Diebstahl und von der gegen Warendorff' erhobenen Beschuldigung etwas zu Ohren gekommen. Infolge dessen habe er mit der Sache nichts mehr zu thun haben wollen und deßhalb habe er den Wechsel seinem Schwager zurückgegeben.
Ob das Alles, was Sie da sagen, entgegnete der Polizeibeamte, wahr ist oder nicht wird untersucht werden. Auf jeden Fall aber müssen Sie mit mir kommen — ganz still und ruhig wird es am Besten fein.
Der ins Netz gegangene Goldschmied sah ein, daß er sich fügen müsse, und ging nach einigem Widerstreben mit. Ohne Zweifel fühlte er sich wegen der Folgen seiner Teilnahme an der fatalen Wechselgeschichte nicht wenig beunruhigt; was ihn aber in noch weit höherem Grade be- ängstigte, war das Bewußtsein einer viel schwereren, noch unendeckten Schuld — Das Bewußtsein feiner Mitwissenschaft und seines thätigen Anteils an dem landesverräterischen Treiben seines Schwagers Menzel. Er hatte hierüber Briefschaften, vielleicht auch noch andere Beweisstücke seiner Schuld hinter sich, und so lag für ihn die Befürchtung nahe, daß seine Verhaftung Veranlassung werden könne, daß diese Zeugnisse feines strafbaren Geheimnisses anö Licht gezogen würden.
Und sie wurden es in der That.
jetzt Graf Peter Schuwalow sein, dessen Programm Friede und gutes Einvernehmen mit Deutschland ist. Der Posten eines Reichskanzlers wird wohl vorläufig nicht wieder besetzt werden und die auswärtigen Angelegenheiten nach wie vor von Herrn v. Giers besorgt werden.
Deutsches Reich.
V Berlin, 20. April. Das Gesetz über die Erhebung von Stempelabgaben soll am künftigen Freitag zur ersten Lesung gelangen. In parlamentarischen Kreisen glaubt man, daß der Reichskanzler bei dieser Beratung persönlich im Reichstage erscheinen werde. Man erzählt sich ferner, daß der Reichskanzler ein ganz specielles Interesse an dem Zustandekommen dieses Gesetzes nehme, obgleich es sehr schwer fein dürfte eine Majorität für dasselbe im Reichstage zusammen zu bringen. Man fürchtet, daß ein stilles Begräbnis in einer Commission wol das Schicksal fein dürfte, welches dem Gesetz im Reichstag bereitet wird. — Die „Stephan-Krisis", welche der „Kanzler-Krisis" gefolgt ist, ist noch immer nicht beseitigt, vielmehr scheint es uns als ob dieselbe noch akuter geworden ist und ein Rücktritt des bisherigen Staatssekretärs im Reichspostamt von seinem Posten jetzt mehr als je an Wahrscheinlichkeit gewonnen habe. Unterrichtete Kreise wollen wissen, der Reichskanzler gehe ernstlich mit dem Plane um, das Reichs-Post-, Telegraphen- und Eisenbahnwesen zu einem „Reichs-Verkehrsamt" unter der Leitung des zeitigen preußischen Handelsministers Maybach zu vereinigen. — Morgen wird der jährliche Bußtag in den altländischen Provinzen gefeiert.
fticl, 17. April. Gestern zog ein heftiges Gewitter, das erste in diesem Jahre, über unsere Stadt hin, welches von einem starken Regen begleitet war, der für die Vegetation außerordentlich belebend und segenbringend gewesen. Leiber hat das Gewitter, wie heute aus dem östlichen Holstein eintreffende Reisende erzählen, gleichbedeutende Schläge verursacht. So traf der Blitz auf dem circa 2*2 Meilen von hier belegenen Meierhofe Marienwärder, adligen Guts Lehmkuhl das Kuhhaus und griff das Feuer mit so rasender Schnelligkeit um sich, daß von dem ganzen großen Viehstapel von 120_ Kühen nur ca. 12 gerettet merben konnten. — Der Herings- und Sprottenfang ist in ben letzten Tagen ein recht lohnender gewesen, weshalb der Preis dieser Fische sich denn auch bedeutend niedriger stellte. Geräucherte Sprotten, welche augenblicklich schön und schmackhaft find, werden hier für 80 bis 100 Pfennige per Wall verkauft. Auch der Dorschfang war in letzter Zeit ein recht guter, jedoch hatten die Fische nur Mittelgröße, weshalb sie nur einen Preis von 3, 4 und 5 Pfennige per Pfd. bedangen. — Die erste schleswig-holsteinische Gymnasialdirektoren-Konferenz ist jetzt definitiv auf die 3 Tage vom 19. bis 21. Mai festgesetzt. Die Sitzungen werden im Plenarsitzungssaale der Königlichen Regierung
Während der eben erzählte Vorgang im Kaffeehause zum „König von Polen" sich abspielte, befand sich der Geheimsekretär Menzel auf dem Lande und machte sich in hellerer Gesellschaft einen vergnügten Tag. Er hatte keine Ahnung davon, daß dieser Tag der letzte seiner Freiheit sein werde — der letzte bis an fein Lebensende.
Als er spät Abends in die Stadt zurückkehrte, fand er in seiner Wohnung eine gerichtliche Station vor, am anderen Morgen um 9 Uhr in der Untersuchungssache wider dm Referendar Warenborff zu einer Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter zu erscheinen.
Menzel war in seiner Angelegenheit bereits zweimal gerichtlich vernommen worden, ohne daß dabei irgend etwas darauf hingcbeutet hätte ober daß er sich im entferntesten Hütte träumen lassen, daß diese von ihm eingefäbelte nichtswürdige Jntrigue für ihn selbst eine schlimme Wendung nehmen könnte. Sein einziger Mitwisser und Genosse bei diesem arglistigen Racheakt war sein Schwager Erfurth, und von diesem halte er, wie er glaubte, um so weniger eine Indiskretion zu befürchten, als derselbe ohnehin schon durch verbrecherische Gemeinschaft mit ihm zur größten Verschwiegenheit und Vorsicht gebunden war.
. Daher erschien denn Mmzel arglos und unbesorgt, daß ihm etwas Unangenehmes begegnen könne, am nächsten Morgen zur bestimmten Stunde vor dem Untersuchungsrichter.
Wider Erwarten und wie man an seiner Miene wahr- nehmen konnte, nicht zu feiner Freude fand er bereits den ebenfalls vorgeladenen Referendar Warendorff in Begleitung eines ihm noch unbekannten Mannes anwesend.
Dieser Unbekannte war der Polizeibeamte Röhring.
(Schluß folgt)