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Kr. 92

Marburg- Dienstag, 20. April 1880

xv. Zahlgang

Anzeigen nimmt cmgegen: die Expedition d.vlatte-, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in gaffcl und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; tzaasenstein & Vogler in zcankfurt a- M., Berlin, LeipziS, :c; Rudolf Kosse in Berlin, Frank­furt a. M- re.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d.vlatte» sowie d- Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Sranlfurt a- 2Jt; Jiger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Juvalidendank in Berlin; W. ThieneS in «brrfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Tonn- und Feiettagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen BeilageIlustrirtrS EanutagStlatt" durch die Expedition (K och'sche Buchdrucker ei) bezogen 2^ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). Jnfettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Deutsches Reich.

Berlin, 17. April. Der Kaiser conferirte gestern mit dem Kultusminister v. Puttkamer. Heute Nachmittag findet Hoflafel statt, woran außer dem Kronprinzen, mehreren Fürstlichkeiten und Generalen auch die Minister Hofmann, v. Puttkamer und Friedberg sowie mehrere Mitglieder deS Bundesrats und des Reichstags teilnchmen. Der Kaiser und die Kaiserin haben durch Allerhöchste Handschreiben dem Generalsuperintendenten Dr. Brückner ihrer Freude Ausdruck verliehen, daß durch Beschluß der vereinigten Kreissynoden Berlins die Kirchensteuer, als ein Werk von großer Wichtigkeit für die Zukunft Berlins, zur Annahme gelangt sei.

Haltern, 15. April. Die Nachricht desWests. Merk.", nach welcher die hiesigen Bürger nicht nur von der Kom­munalsteuer befreit seien, sondern von den Zinsen des städti­schen Vermögens noch etwas herausbezahlt erhielten, beruht auf einem groben Mißverständnis. Allerdings kommen 14,000 M. als Einnahme aus den städtischen Forsten den Bürgern zu gute, doch wird diese Summe als Abschlags­quote auf die Kommunalsteuer innebehalten, so daß diese immerhin noch 120 pCt. der Staatssteuer beträgt.

Meiuiugea, 17. April. In der Generalversammlung der Mitteldeutschen Creditbank sowie der Meininger Hypo- thekenbank wurden die auf der Tagesordnung stehenden Anträge einstimmig genehmigt.

Stratzburg, 17. April. Bei dem gestrigen Schluß des Landesausschusses dankte der Präsident dem Staats­sekretär und allen Vertretern der Regierung für ihr freund­liches Entgegenkommen. Durch die ausgezeichnete und herzgewinnende Persönlichkeit des Statthalters sei der Hoff­nung für das Landeswohl ein weites Feld eröffnet worden. Er bitte den Statthalter dem Kaiser für die neuen zum Wohle des Landes getroffenen Einrichtungen im Namen des LandcsauSschuffes feinen tiefgefühlten Dank auszu- sprechen.

AaSlaad.

Pest, 17. April. Der CommunikationSminister Pechy ist auf eigenes Ansuchen seines Amtes enthoben worden. Der Finanzminister Szapary wurde provisorisch mit der Leitung des genannten Ministeriums betraut.

Rom, 17. April. Die Deputirtenkammer diScutierte das Kriegsbudget. Dominai und Capponi meldeten An­fragen an über die Ausweisung des Deputirten Cavallotti aus Triest. In Beantwortung der Anfrage DamianiS setzte Ministerpräsident Cairoli die Schritte auseinander, welche bei dem Wiener Cabinet gethan wurden, um den Grund der Ausweisung Cavalottis aus Triest zu erfahren. Minister v. Heymerle, welcher von der Sache keine Kennt­nis hatte, wendete sich telegraphisch nach Triest und erhielt

Gestohlene Depesche».

Historische Erzählung von D- W.

(Fortsetzung.)

Kaum war der junge Warendorff wieder ins elterliche HauS zurückgekehrt, als er alle ihm zu Gebote stehenden Mittel in Bewegung setzte, um jenem jungen Manne auf die Spur zu kommen, jenem angeblichen Borchhardt, von dessen Erscheinen die Wiederherstellung seines durch den Verdacht eines Diebstahls gebrandmarklen Namens abhängig war. Aber überzeugte sich bald, daß seine Mittel nicht hinreichten, sein Unternehmen gelingen zu lasten, und daß dasselbe jene Sachkenntniß erfordere, deren Beruf es ist, dem Verbrechen nachzuspüren und die Strafbaren in ihren Höhlen aufzu­suchen.

Dies wies den Referendar auf die Notwendigkeit hin, sich der Mitwirkung eines erfahrenen.Kriminal-Polizeibeamten zu versichern, und er wählte hiezu eine Persönlichkeit, wie er sie für seinen Zweck nicht besser hätte finden können. Erst vor wenigen Tagen war der bisherige Leipziger Po- lizcibeamte Röhring an das Dresdener Polizeiamt versetzt worden. Diesen Mann zog Warendorff zu Rate, und nachdem er ihm den Fall, um welchen es sich handelte, genau aus einander gesetzt halte, bewog er ihn um so leichter, sich mit der Sache zu besoffen, als der alte Warendorff ihm für seine Bemühung eine Belohnung von 1000 Thalern zusicherte.

Nöhrung machte sich mit Bewilligung seiner vorgesetzten Behörde mit vielem Eifer ans Werk. Vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung wanderte er in der Dtadt umher, prüfte jedes Gesicht, welches ihm begegnete, und die Abende verbrachte er in den besuchtesten Schankhäusern oder sonstigen

die Antwort, daß der Befehl zur Ausweisung von der Po­lizei erteilt worden sei, weil sie in Folge der Anwesenheit Cavallotis eine Störung der Ruhe besorgte. Haymerle widerrief nun den Ausweisungsbefehl, allein Cavalotti war bereits abgereist. Damani erklärt sich durch diese Er­widerung für zufriedengestelll.

Paris,. 17. April. Der Ministerconsell beschloß end­gültig die Ernennung Says zum Botschafter in London und Duchatels zum Botschafter in Wien. Die Ernennung John Lemoinnes zum Gesandten in Brüssel wird erfolgen, sobald die belgische Regierung ihre Meinung diesbezüglich zu erkennen gegeben hat. Ein Artikel Emil Olliviers in derEstafette" mißbilligt die Proteste der Bischöfe gegen die Märzdecrete. Das Amtsblatt meldet die Ernennungen des Grafen Duchatel zum Botschafter in Wien und John Lemoinnes zum Gesandten in Brüssel.

Madrid, 18. April.Diario" bringt eine Mitteilung über ein angebliches Geständnis Oteros an den Obersthof- meister Herzog von Sexto. Hiernach habe Otero von einer geheimen Gesellschaft, in Toledo, deren Mitglieder ihm selbst unbekannt gewesen, den Auftrag erhalten, den König zu töten. Geld und Waffen seien ihm geliefert und habe man ihn, falls er die passende Gelegenheit vorüber- gchen ließe, mit Ermordung bedroht.

London, 15. April Das neue Haus der Gemeinen ist nun fast vollständig gewählt. Es besteht, soweit bis jetzt Berichte darüber vorliegen, aus 349 L beraten, 235 Konservativen und 63 Homerulern Die Liberalen ge­wannen 57 Sitze in den städtischen Wahlbezirken und 48 in den ländlichen. Die Homeruler haben den Konserva­tiven in Irland 7 Sitze entristeli. Die Majorität der Liberalen über die vereinigten Konservativen und Home­ruler stellt sich demnach auf 57 Stimmen. In Hale- fowen kam es vorgestern Abend nach Bckanntgebung deS Wahlresultats in Ost-Wercestersshire zu ernsten Ruhestö­rungen. Der Pöbel zog während mehrere Stunden unter Tromurel- und Pfeifeuklängen durch die L-traßen und schrie und tobte wie besessen. Zwischen zehn und 11 Uhr zog der Haufen an das Hauptquartier der Konservativen, warf die Fenster ein und bedrohte den Hotelbesitzer. Hierauf wurden den Häusern anderer hervorragender Kon­servativen ähnliche Besuche abgestattet. Während mehrerer Stunden war die Polizei außer Stande, dem wüsten Trei­ben Einhalt zu thun. Das Benehmen der Polizei bei der TagS zuvor stattgehabten Abstimmung soll zu der Ruhe- ftömng Veranlassung gegeben haben, mehrere Personen sollen bei dieser Veranlassung roh behandelt woreen sein. Die Stadt befindet sich in großer Aufregung, das liberale Komite untersucht die gegen Polizei vorgebrachten Beschul­digungen. Am Montag Abend wurde in Berron-in-Furneß ein Versuch gemacht, den Premierminister in effigie auf der Straße zu verbrennen; die Figur wurde den Demon-

öffentlichen Lokalen. Aber eine Persönlichkeit, wie Waren­dorff sie ihm beschrieben, fand er nirgends. Zwar verlockte ihn mancher der ihm Begegnenden durch mehr oder weniger Aehnlichkeit mit dem Gesuchten zu einer hoffnungsvollen Jagd, doch immer erwies sich dieselbe als eine unfruchtbare. Es schien, als ob er Schatten verfolge, die plötzlich in Nichts zerrannen, sobald er sie zu erhaschen glaubte.-

So hatte der Beamte schon gegen drei Wochen rastlos seine Nachforschungen ohne jedes befriedigende Ergebnis betrieben, als seine Geduld und Ausdauer endlich ihren Lohn erhielten. Eines Abends im Theater bemerkte er einen langen, hageren Mann mit semmelbloncem Kopfe und schmalem, bartlosem Gesicht, der im Parquet zwischen zwei Damen saß, über welche er handhoch wie ein Pfahl em­porragte. Dieser Kopf, dieses Gesicht, diese Figur paßten genau auf die Beschreibung, welche Warendorff dem Be­amten von Borchhardt gemacht hatte.

Wenn das nicht mein Mann ist, lasse ich mich hängen; sagte Nöhring, der seinen Platz ebenfalls im Parquet, doch seitwärts von jenem hatte, zu sich selbst und wartete ben nächsten Zwischenakt ab, um dann zu versuchen, seiner Entdeckung näher auf den Grund zu kommen. Vorläufig beschränkte er sich darauf, ben Mann im Auge zu be­halten unb sich bie Nummer des Platzes beffelben zu merken. Es war bie Nummer 79 auf bet dritten Bank zur Linken. Aber indem er diesen Umstand seinem Gedächtnisse einprägte, verfiel er auf eine List, welche, wenn sie gelang, seine Ver­mutung bestätigen mußte.

Und die List glückte ihm.

Sobald der Vorhang gefallen war, begab er sich auf ten Flur hinaus unb richtete seine Aufmerksamkeit auf bie Garderobenstücke, welche bie Theaterbesucher vor dem Ein-

ftranten von ber Gegenpartei entrissen. Später sammelte sich ein Haufen von 1012,000 Personen in Ramsben Square, gegenüber ben beibeit politischen Clubs. Einige Fenster des liberalen Clubs wurden zertrümmert; jene des eonservativen Clubs teilten das gleiche Schicksal. Die Po­lizei drang zu Wiederholtenmalen auf die Menge ein, allein erst nach zwei Stunden war sie im Stande, die Ordnung wieder herzustellen. Die Mid-Cheshire-Abstimmung führte in Northwich zu aufregenden ©eenen. Die Stadt ist sehr liberal: die eonservativen Wähler wurden mit faulen Eiern, Mehl und blauen und weißen Pulverdüten beworfen. Ab und zu kam es zum Handgemenge; mehrere Personen wurden durch Steinwürfe schwer verletzt. Die Ausruhracte wurde verlesen und einige Straßen durch die Polizei gesperrt. Der zweite konservative Kandidat wurde mit Mehl und Schmutz beworfen; gegen 8 Uhr Abends wurden die Fenster des konservativen Clubs eingewvrfen; nach Eintreffen einer frischen Abteilung Polizeimannschaft gelang , die Ruhe wieder herzustellen.

Petersburg, 17. April. DerRegierungsbote ver­öffentlicht eine amtliche Bekanntmachung, wonach bie höchste Erecutivkommission eine Revision ber Documente bezüglich ber auf administrativem Wege angewiesenen sowie polizei­licher Aufsicht unterzogenen Personen angeordnet hat. Diese Revision ist davurch veranlaßt worden, baß mehrere ber gedachten Personen, besonders der studierenden Jugend an­gehörige, ihre Schuld bereut und durch ihr gutes Verhalten günstige Atteste von den örtlichen Gouverneuren erwirkt haben. Auf den Vortrag Loris-Melikoffs genehmigte der Kaiser die obige Anordnung. Fürst Gortschakoff hatte Nachts heftiges Fieber unb wenig Schlaf. Das Allge­meinbefinden war aber Vormittags besser.

Konstantinopel, 18. April. Wie es heißt stnb sämt­liche Botschafter ber europäischen Mächte nunmehr bevoll­mächtigt, bas Protokoll des türkisch-montenegrinischen Ab­kommens zu unterzeichnen. Der Großvezir Said Pascha machte dem Sultan den Vorschlag, die Nationalversamm­lung auf Basis eines veränderten Wahlgesetzes einzuberufen. Aus Armenien wird berichtet, daß die Hungersnot noch andauert. Die Pforte traf Maßregeln zur Linderung des Notstandes.

Philippopel, 17. April. Die außerordentliche Session der Provinzialversammlung von Ostrumelien wurde heute geschlossen. In der Schlußrede sprach der Generalgouver­neur Aleko Pascha seine Befriedigung aus, die Versamm­lung ihre Arbeiten, namentlich die Beratung des Anleihe­gesetzes, beendigt habe unb forbert die Deputirten auf, das Eisenbahnprojekt Burgas-Jamboli in der nächsten Session einem ernsten Studium zu unterziehen. DaS Budget für 1880/81 veranschlagt die Einnahmen mit 73,738,896, bie Ausgaben mit 72,865,346 Piaster.

Washington, 17. April. Der Bericht beS Ausschusses

tritt ins Parquet an bie mit ber Aufbewahrung beauftragten Logenschließer abzugeben pflegten. Diese Gegenstänbe würben an Rechen aufgehängt, bie in georbneter Reihenfolge genau mit ben Nummern ber Parquetplätze korrespondirten.

Nun lief bie Absicht des Polizeibeamten darauf hinaus, zu erfahren, ob der Inhaber des Parquetplatzes Nr. 79 Garderobenstücke zur Aufbewahrung abgegeben, unb wenn bieS der Fall, ob sich aus denselben ber Name des Eigen­tümers ermitteln lasse. Und inbem er zu biefem Zwecke bie an ben Rechen aufgehängten Sachen musterte, fanb er, daß an dem Rechen Nr. 79 nur ein Hut nebst einem Stock mit Elfenbeinkrücke hingen.

Diese beiden Gegenstände konnten leicht zu der beab= sichtigten Entdeckung führen. Der Hut konnte inwendig mit dem Namen des Besitzers versehen, ber Stock aber berjenige fein, welcher Warendorff gehörte unb Borchhardt beim Fortgehen aus dem Kaffeehaufe zum goldenen Lamm in ber Eile statt des feinigen mitgenommen hatte. Diese Verwechslung schien übrigens eine unabsichtliche gewesen zu sein, ba beibe Stöcke sich einanber sehr ähnlich sahen; nur hatte ber Warenborffsche ein Unterscheidungszeichen: an dem oberen Ende der Elfenbeinkrücke befand sich auf einem kleinen Silberplättchen ein W. eingegraben.

Jetzt trat der Beamte auf den betreffenden Logenschließer zu und sagte:

Ich bitte um meine Sachen Hut unb Stock Nummer 79!

Dabei suchte er in seinen Taschen etwas umstänblich nach seiner eigenen Garderobenmarke, die natürlich eine ganz andere Nummer hatte.

Der Logenschließer wartete nicht darauf, sondern nahm