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Slr. 89.

Marburg, Freitag, 16. April 1880

XV. MlgMg

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatte«, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Kaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln tu; Rudolf Waffe in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

(Olicrl|effifd|c Leitung.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d-Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; 3n»elibenbont in Berlin; W ThienrS in «berfeld: C. Schlotte in Bremen-

Erscheint täglich außer on ben äBedtagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Akluftrirtes EvNNtagSblatt" durch die Ervedition (R o ck'libe Buchdrulkeret) bezogen 2£ dkark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (e$d. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg Für tu der Expedtttou zu erthetlende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Tagesbericht.

Unser Kaiser begibt sich heute, am 15. April, nach Rathenow, wo eines der ältesten und berühmtesten Regi­menter der preußischen Armee, das Zieten-Husarenregiment (Brandenburgisches Nr. 3) sein löOjähriges Jubiläum feiert. Jrn Jahre 1730 errichtete König Friedrich Wilhelm I. nach einem in Bayreuth gesehenen Muster eine Freikompagnie Husaren mit weißen Attilas und gelben Schnüren, in wel­ches Korps vor nun 150 Jahren auch der später so be­rühmt gewordene Reiterführer Hans Joachim von Zieten eintrat Die Husaren wurden nach und nach zu einem Regiments erweitert, das schon zu Anfang der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts seine heutige Uniform (rot mit weißen Schnüren) erhielt. Wer hätte nicht von den Thaten dieser Reiterschaar unter Zielens Führung oft mit Be­wunderung gehört und gelesen? In der preußischen Armee wird mit Recht auf die Pflege des Korpsgeistes, der an die alten historischen Erinnerungen der Regimenter an­knüpft, viel gehalten; die Blätter der Hauptstadt sind ge­füllt mit Berichten über die Festlichkeiten, die durch die Anwesenheit des Kaisers und der obersten Heerführer ihre höchste Weihe erhalten. Daß der kühne Reitergeist des allen Zieten immer die ganze deutsche Cavallerie, heute die zahlreichste und beste aller Armeen der Welt, beseelen möge, wird jeder Vaterlandsfreund wünschen.

Die Wuchergesetz-Commission des Reichstages nahm die Wuchervorlage nach den Anträgen der Negierung mit ganz unwesentlichen Modifikationen an. Ein gestern beantragter auf Beschränkung der allgemeinen Wechselfähigkeit abzie­lender Zusatz-Paragraph gelangt in der nächsten Sitzung zur Beratung.

Meldung der „Polit. Corresp." aus Konstantinopel. Die Mehrzahl der Botschafter der Mächte ist bereits er­mächtigt, das türkisch-montenegrinische Abkommen zu ra- ttficieren.

Deutsches Keich.

•* Berlin, 14. April. Der Bundesrat hält heute wieder eine Sitzung, deren Tagesordnung als hervorragend­sten Gegenstand den schon erwarteten Antrag Preußens auf Revision der Geschäftsordnung des Bundesrats enthält. Die Begründung derselben zerfällt in zwei Abschnitte. Zu­nächst wird ausgeführt, daß der ursprüngliche Gedanke, dem Reichstage in dem Bundesrat ein korporatives Zusammen­wirken der leitenden Minister gegenüberstellen, sich nicht mehr ausführen lasse, seitdem die Arbeiten des Bundesrats einen so großen Umfang gewonnen, daß die Minister der Bundesstaaten nicht immer in der ReichShauptstadt ver­sammelt sein könnten. Da nun aber das Gewicht der

Gestohlene Depesche».

Historische Erzählung von O- W- (Fortsetzung.)

_ Mein Name ist Borchhardt. Ich habe erfahren, daß Sie neulich von dem Herrn Wullrich gegen Wechsel 200 Thaler auf drei Monate geliehen zu haben wünschen. Ist das richtig?

Jawol.

Nun ich kann Ihnen damit dienen. Ich wollte Sie soeben in Ihrem Bureau aufsuchen und habe daS Geld gleich eingesteckt. Haben Sie dm Wechsel schon geschrieben? In diesem Falle könnte ich Ihnen die 200 Thaler sofort aushändigen.

Von diesem unerwarteten Anerbietm angenehm über­rascht, entgegnete der Referendar, daß er den Wechsel zwar noch nicht ausgestellt habe, doch könne dies ja bald ge­schehen.

Ter Mann zögerte.

Das geht nicht, sagte er. Ich habe noch mancherlei Geschäfte zu besorgen, dmn ich will Nachmittags nach Weißenfels reisen. Der Weg nach meiner entfernt ge­legenen Wohnung und dann wieder zurück würde mich zu lange aufhalten. Aber ich will Ihnen einen Vorschlag machen, besorgen Sie rasch dm Wechsel und bringen Sie ihn mir ins Kafieehaus zum goldenen Lamm; das ist nicht weit von hier, schrägüber der Hauptwache. Dort werde ich Sie im Billard-Zimmer erwarten. Also merken Sie sich, stellen Sie den Wechsel an die Ordre C. F. Borch­hardt in Dresden aus.

Gut, also im goldenen Lamm. Binnen einer Viertel­stunde werde ich dort sein. Adieu unterdessen!

Autorität des Bundesrats nur bei unmittelbarer Beteiligung der. leitenden Minister aufrecht erhalten bleiben könne, so schlägt der Reichskanzler vor, die Geschäfte deö Bundesrats in zwei Klassen zu teilen, von welchen die erste die wich­tigeren Aufgaben, namentlich alle gesetzgeberischen Arbeiten mit Einschluß der der bundesrätlichen Genehmigung unterliegenden Verordnungen, zu umfassen hätte, wäh­rend der zweiten die minder wichtigen und die laufenden Verwaltungsgeschäfte des Bundesrats anhcimfallen würden. Für dm ersteren Teil der Arbeiten wäre dann die Be­teiligung der Minister erforderlich. Der Hauptzweck des Antrages geht aber auf den Mißbrauch der mit den Sub­stitutionen getrieben werde. Die Begründung des preußischen Antrages sucht nachzuweisen, daß diese Substitutionen nach der Verfassung nicht gerechtfertigt sind. „Ich bin", heißt es dann zum Schluß der Begründung, „nach dem Vor­stehenden der unmaßgeblichen Ansicht, daß § 2. der Ge­schäftsordnung vom 27. Februar 1871 mit der Verfassung nicht verträglich ist, und daß alle Bundesstaaten ein Recht darauf haben, daß jeder unter ihnen seinen eigenen Bevoll­mächtigten habe oder als unvertreten im Sinne der Ver- fassung angesehen werde. Der § 3 der Geschäftsordnung enthält manche überflüssige Wiederholungen klarer Vor­schriften der Verfassung. § 6 beschränkt die Gegenstände der Verhandlungen des BundeöratS in einem mit den Thatsachen nicht im Einklänge stehenden Maße. Die bis­herige Praxis der Geschäflsordnung geht bei wichtigen Fragen in der Regel dahin, daß dieselben einem der Aus­schüsse überwiesen, und in demselben bis zur Abstimmung fertig gestellt werden, so daß die letztere meistens nur im Anschluß an das Ausschußgutachten möglich wird. Es dürfte hier eine Erschwerung der freien Bewegung des Plenums liegen, welche auch dm in dem betreffenden Aus­schuß vertretenen Bundesmitgliedern nicht immer erwünscht und bequem sein wird. Ich erlaube mir deshalb für die eventuelle Revision der Geschäftsordnung den Gedanken an­zuregen, ob eS sich nicht empfiehlt, die bisherige Tra­dition, nach welcher alle wichtigen Vorlagen in den Aus­schüssen vorberaten und vorbereitet worden, aufzugebm und dieser Praxis, nach dem Beispiele des Reichstags, die Vor­beratung im Plenum nach Bedürfnis zu substituieren, und auch die Ausschußanträge in der Regel zwei Plenarsitzungen durchlaufen zu lassen, bevor sie zum Beschluß erhoben werden können; so daß vor der zweiten definitiven eine erste Lesung stattzufinden haben würde, bei welcher die Regie­rungen ihre Ansichten äußern können, ohne zu votieren; daß zwischen diesen beiden Lesungen mindestens ein zu kurzer Berichterstattung hinreichender Zeitraum bleibe und daß von dieser Regel nur abgewichen werden könne, wenn die Abweichung gegen weniger als 14 Stimmen beschlossen wird. Für ganz unzulässig halte ich sowol, wie schon nach der jetzigen Geschäftsordnung die Duldung der Teilnehmer

Guten Morgen!

Und so entfernten sie sich. —

Die Viertelstunde war noch nicht verstrichen, als Waren­dorff in das ihm bezeichnete Kaffeehaus trat. Das Billard­zimmer war stark besucht; doch dm Mann, der ihn hatte erwarten wollen, fand er nicht unter den Gästen. Nach langem Suchen öffnete er die nur halb angclehnte Thür eines kleinen Nebenkabinets. Port saß Borchhardt allein bei einem Glase Bier.

Warendorff setzte sich zu ihm und überreichte ihm den Wechsel.

Nachdem jener das Papier angesehen, steckte er es ein und drückte dem Referendar zwei Kammerscheine von je 100 Thalern in die Hand, indem er mit gedämpfter Stimme, aus die im Billarvzimmer verkehrenden Gäste beziehmd zu ihm sagte:

Lassen Sie das Geld nicht sehen, es find so viele Leute da; es braucht nicht alle Welt zu wissen, daß ich ein Geldgeschäft mit Ihnen mache. Sie können die Scheine unterm Tisch ansehen.

Warendorff that dies , und da sie vollkommen richtig waren, steckte er sie ein.

Und wie ist es mit den Zinsen? fragte er darauf dm gefälligen Geschäslsmann.

Darüber werden wir später mit einander fertig werden, antwortete Borchhardt. Ich bin jetzt pressirt, ich habe bis Mittag noch viel zu thun. — Mit diesen Worten erhob er sich, grüßte seinen nunmehrigen Schuldner schnell und verschwanv.

In der Eile hatte er den Stock deö Referendars statt des seinigen mitgenommen.

Warendorff war herzlich froh, aus seiner Geldverlegen-

an den Bundesratssttzungen, welche dazu weder eine landes­herrliche Legitimation haben, noch unter die, schon mit der Verfassung kaum verträgliche Ausnahme des § 19 der Geschäftsordnung halten. Mt Rücksicht auf die vorstehen­den Erwägungen und vorbehaltlich der Vervollständigung und Erläuterung derselben beehre ich mich der Beschluß- nahme der Hohen Versammlung im Namen Sr. Majestät des Kaisers den Antrag zu unterbreiten: der Bundesrat wolle ein Revision und Vervollständigung der Geschäfts­ordnung vom 27. Februar 1871 beschließen."

Braunschweig, 12. April. Der Vorstand des Ver­eins deutscher Tabak-Fabrikanten und -Händler ist heute in unserer Stadt zusammengetreten, um gegenüber den in der Presse aufgetauchten Gerüchten über die beabstchtigte Einführung des Monopols Stellung zu nehmen. Die Mitteilungen der aus allen Teilen Deutschlands einge­troffenen Mitglieder bestätigen in vollem Umfange den nachteiligen Einfluß, welchen die Nachrichten über die an­geblich geplante Einführung des Monopols auf die ge­summte Tabak - Industrie und auf alle ihre Hilfs - Jndu- strieen haben, sowie, daß das spätere Erscheinen der den Tabaksbau betreffenden Ausführungsbestimmungen die Tabak­bauer in empfindlicher Weise geschädigt hat, da die Vor­bereitungen für den Tabakbau auf dem Felde schon im März getroffen werden müssen. Der Vorstand sprach sich einmütig dahin aus, daß es dringend notwendig sei, den bestehenden Bureausitzungen ein Ende zu machen; es wurde eine in diesem Sinne abgefaßte Resolution, welche dem Reichstage schleunigst übergeben werden soll und welche die Bitte enthält, der Reichstag möge den Beunruhigungen ein Ende machen, beschlossen.

Karlsruhe, 11. April. Das Gesetz über Verwendung der Lehrerinnen an den Volksschulen bestimmt, daß 5pCt. der Lehrstellen mit Lehrerinnen besetzt werden sollen. Im Notfall kann bis zu 6 pCt. gegangen werden. Von ersten Lehrstellen sind die weiblichen Lehrkräfte ausgeschlossen. In der Regel findet die Verwendung für die 4 ersten Klassen statt. Nur unverheiratete Lehrerinnen können feste Lehrstellen erhalten. Die Anstellung von Industrie- Lehrerinnen ist besonders geregelt. — In den Schlußpara­graphen des Gesetzes sind die Bestimmungen über die Wittwen- und Waisengehalte, bezw. Beitragspflicht hievou- wegen neu geregelt, besonders auch bezüglich der Schulge­hilfen. — Eine Verordnung des Justizministers trifft Be­urkundung der auf dem Bodensee eintretenden Geburts­und Sterbefälle.

Stuttgart, 11. April. Bis in die fünfziger Jahre hinein hatte Stuttgart auf dem Gebiete der bildenden Künste hervorragende Leistungen zu verzeichnen, und die hiesige Kunstschule hatte eines regen Zuspruchs von Seiten junger Maler und Bildhauer sich zu erfreuen, sowol wegen des ausgezeichneten Lehrerpersonals, welches hier wirkte, heil befreit zu sein, sand aber gar nichts Auffälliges daran, daß ein ihm unbekannter Mann, der doch vielleicht nicht überzeugt fein konnte, daß er wirklich derjenige fei, den er hatte aufsuchen wollen, ihm ohne Weiteres, ja ohne einmal genau zu wissen, ob auch die Unterschrift des Wechsels richtig, 200 Thaler in die Hand gedrückt. Auch fiel ihm nicht bei, daß der Mann nicht nach seiner Wohnung oder seinem Gewerbe gefragt hatte, was doch in der Ordnung gewesen wäre.

Bei Licht betrachtet, lag in dem ganzen Handel so etwas Ungewöhnliches und Sonderbares, das jeden Andern zur Vorsicht aufgesordert haben würde. Aber Warendorff war zu begierig gewesen, das Geld zu erhalten, als daß er über das Selisame der Sache hätte Betrachtungen an­stellen sollen.

In der angenehmsten Stimmung verlies er das Kaffee­haus und begab sich in sein Bureau. Frohen Mutes er­zählte er seinem Kollegen Menzel, wie wunderbar schnell er zu dem Gelde gekommen, um das er sich schon ein paar Tage vergeblich bemüht hatte.

Das freut mich außerordentlich, sagte Menzel mit teil­nehmendem Tone. Wer ist der Mann, der sich so artig gegen Sie benahm? Ich komme auch zuweilen in die Lage, ein Darlehen suchen zu müssen, aber die Geldverleiher machen mir immer viele Schwierigkeiten.

Er heißt Borchhardt, C. F. Borchhardt schreibt er sich.

Borchharct — Borchharot — ein Geschäftsmann dieser Gattung mit Namen Borchharoi ist mir unbekannt. Wo wohnt der brave Mann?

Ich habe wahrhaftig vergessen, ihn darnach zu fragen, antwortete sorglos der Referendar.

(Fortsetzung folgt.)