Kr. 87,
Markurg, Mittwoch, 14. April 1880
XV. Mgaog
Anzeigen nimmt emgegen: die Expedition d.vlatte-, sowie o-Annoncen-Bureaur von Th, Dietrich L Co. in Kaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt c M., Berlin, gtipjig, CSln rc.; Rudolf Livffr in Berlin, Fran?' furt a. M. re.
GechesWe Jritimii.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d.vlatte- sowie d.Annoncen-Bureaur von ®. 8- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst,; Hermann'sche Luchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; 5ß. ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Tonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JAuftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (K och'fche Buchdruckerei) bezogen 2 k Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr). — Jnsertionsgedühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
Tagesbericht.
Der Bundesrat hat gestern auf Antrag Bayerns die Beratung des Gesetzentwurfs bctr. die RcichSstempclabgaben wiederaufgenommen und denselben nach den Beschlüssen der ersten Beratung angenommen mit der Maßgabe, daß auch Quittungen über Auszahlungen auf Postanweisungen stempelpflichtig sein sollen.
Die „Nordd. Allgem. Ztg." veröffentlicht einen am 17. März gefaßten und oem Cardinal Zacobini durch die Wiener Botschaft mitgeteilten Ministerialbeschluß: Die preußische Negierung erblickt in dem päpstlichen Breve vom 24. Februar um so bereitwilliger ein neues Zeichen friedlicher Gesinnung, wovon der päpstliche Stuhl beseelt ist, als diese Gesinnung damit zum ersten Mal einen auch nach Außen hin erkennbaren konkreten Ausdruck gefunden hat. Jndeß tarnt die Regierung jener Kundgebung, so lange Zweifel über deren Congruenz mit den bezüglichen staatsgesetzlichen Vorschriften bestehen, sowie wegen des in ihr zu Tage tretenden Mangels zu einer bestimmten die Erfüllung der gesetzlichen Anzeigepflicht sichernden Anordnung, nur einen theoretischen Werl beimessen. Demgemäß hofft die Regierung zunächst erwarten zu dürfen, daß der erneuten Erklärung über die versöhnlichen Absichten des PapsteS auch praktische Folge gegeben wird. Sobald die Regierung den sichtlichen in Thatsachen ausgedrückten Beweis hierfür in Händen hat, wird sie sich bemühen, von der Landesvertretung Vollmachten zu gewinnen, welche ihr bei Anwendung und Handhabung der einschlagenden Gesetzgebung freiere Hans gewähren und damit die Möglichkeit bieten, solche Vorschriften und Anordnungen, welche von der römischen Kirche als Härten empfunden werden, zu mildern oder zu beseitigen und so ein dem Verhalten der katholischen Geistlichkeit entsprechendes Entgegenkommen auch von Seiten des Staates zu bethätigen.
Die „Post" veröffentlichte das Schreiben, mit welchem der Reichstagsabgeordnete Bühler am 29. Februar d. I. seinen gestern vom Reichstage abgelehnten Antrag auf Berufung eines Staatenkongresses, behuss Herbeiführung einer allgemeinen Abrüstung dem Reichskanzler überreicht hat, sowie die Antwort de« Fürsten Bismarck vom 2. März d. I. In letzterer heißt es: „Ich bin leider durch die praktischen, dringlichen Geschäfte der Gegenwart so in An- genommen, daß ich mich mit der Möglichkeit einer .st nicht befassen kann, die, wie ich fürchte, wir beide sieben werden. Erst wenn es Ihnen gelungen sein wird, unsere Nachbarn für Ihre Pläne zu gewinnen, könnte h oder ein anderer deutscher Kanzler für unser stets o^.trsives Vaterland die Verantwortlichkeit für analoge Anregungen übernehmen. Aber auch dann fürchte ich,
daß eine gegenseitige Kontrole der Völker über den Rüstungs- Zustand ihrer Nachbarn schwierig und unsicher bleiben und das Forum, welches sie wirksam handhaben könnte, schwer zu beschaffen sein wird."
Die Prolongirung vom 31. December 1879 über den Abschluß des deutsch-österreichischen Handelsvertrages bis zum 30. Juni 1881 ist Sonntag Abend durch den österreichischen Botschafter Szechenyi und den Vertreter des deutschen auswärtigen Amtes in Berlin unterzeichnet worden.
Der „Berliner Correspondent" des „Neuen Wiener Tagebl." berichtet über die Kanzlerkrisis in folgender bemerkenwerten Weise: ..Jrritirte schon", so beginnt die Darlegung, „die Baierische Ministerveränderung mit ihren nur wenig verhüllten Hintergedanken die Nerven des Kanzlers, so berührten ihn der voreilige Kulturkampf-Abschluß und manche sich daran knüpfende Vorgänge in Baden noch empfindlicher. Der Kanzler bezeichnete es dem Badischen Gesandten gegenüber als einen politischen Fehler, ja noch mehr, als eine Rücksichtslosigkeit gegen Preußen, daß die Badische Regierung sich so beeilt habe, das Kultnrexamen preiszugebcn und raß sie nicht erst den Abschluß der Verhandlungen Preußens mit der Curie abwartete. Nun mußte aber Fürst Bismarck, der ja überall seine gut in- formirten Leute hat, recht gut wissen, daß der Großherzog persönlich auf ven Abschluß der kirchlichen Wirren gedrungen hat und seinem Ministerium das Eingehen auf die Propositionen der Curie in Freiburg zur Pflicht machte. Der Badischen und Württembergischen Regierung legte der Kanzler überdies, eine zu sehr liberalisierende Haltung und unzulängliche Handhabung des SocialistengesctzeS zur Last. Aber mehr alles dies reizen den Reichskanzler die russenfreundlichen Strömungen, welche an den kleineren Deutschen Höfen sich geltend machten. Fürst Bismarck sprach es einer höchstgestellten Persönlichkeit gegenüber vor zwei Wochen aus, daß mehr noch als die russischen Jntriguen selbst, die halbrusstschen Bestrebungen Deutscher Höfe ihm das Leben sauer und die weitere Durchführung der auswärtigen deutschen Politik unmöglich machen. Ec stellte schon wenige Tage nach Enthüllung des Luisen-MonumentS dem deutschen Kronprinzen seine Demission in bestimmte Aussicht und er soll bei dieser Eröffnung betont haben, oaß diesmal keine Macht.der Erde ihn mehr bewegen könnte, von seinem Entschlüsse abzustehen. Als Haupquartier der „Russen in Deutschland" bezeichnete Fürst Bismarck Stuttgart und den Württembergischen Hof. Nächst -Stuttgart seien cs besonders der Darmstädtiiche und Oldenburgische Hof, welche den Ruffenkultus treiben. Darmstadt und Oldenburg könne man mit Recht „russische Stationen auf deutschem Boden" nennen. Aber auch in Mecklenburg, in Baden und in Sachsen-Weimar agitire und wühle die rus
sische Partei mit großem Eifer und leider nur mit zu fühlbaren Erfolgen. An diesen Höfen seien, der doppelt verwandtschaftlichen Bande, der Verschwägerungen und Verbindungen wegen, die russischen Bestrebungen um so ge- fährlicl er und mächtiger, als man ihnen nicht an den Leib gehen könne. Wie eine Bombe, die zum Zerplatzen reif, fiel in diese Tage der ohnehin großen Verstimmung des Reichskanzlers die Abstimmung in der Bundesratssitzung vom 3. d. M. Kleine Ursachen, große Wirkungen I Der Kanzler erblickte in der zufälligen Uebereinstimmung Würt- temberg's und der Kleinstaaten — deS „russischen Hof- Generalstabes" — in einer an und für sich wenig bedeutenden Angelegenheit ein verabredetes Complot, eine Demonstration, eine russisch-deutsch-particularistische Herausforderung, einen kecken Versuch dieser unirten Elemente, wie weit man in der Verhöhnung des ReichSgedankens und des Führerstaates gehen könnte — und er hob den Handschuh auf. Die Wirkung der Abstimmung auf den Kanzler soll eine furchtbare gewesen sein, und Fürst Bismarck vor Aer- ger gestöhnt haben und momentan der Sprache nicht mächtig gewesen sein. Die Familie des Fürsten befürchtete einen Schlaganfall und schickte in Eile und größter Besorgnis nach Geheimrat Struck und nach einem anderen Arzte. Aber bald hatte sich, nachdem der Zorn ausgcschäumt war, das kräftige Naturell Bismarcks erholt. Er wies ärztliche Hülfe lachend zurück, setzte sich zu seinem Schreibtisch und schrieb mit noch zitternder Hand sein Entlassungsgesuch an Kaiser Wilhelm. Kurz, knapp und von einer seine Umgebung fast erschreckenden Prägnanz soll das Schreiben gewesen sein. Herr v. Varnbülcr erzählte einem Abgeordneten eine Aeußerung des Kanzlers bei dieser Gelegenheit, welche ihm von keinem Geringeren als Grafen Herbert Bismarck mitgctcilt wordcit sei. Der Kanzler habe gesagt, er müsse sich oft genug von höchsten und allerhöchsten Personen überstimmen und zum Schweigen bringen lassen, aber er habe es satt, sich auch von Duodezgesandtcn, welche eS nicht einmal der Mühe werth erachteten, im Jahre zwci- bis dreimal im Bundesrat persönlich zu erscheinen, majorisieren zu lassen."
* Deutsches Reich.
•* Berlin, 12. April. Der Bundesrat ist mit Bezug auf einen bezüglichen früheren Beschluß der am 12. Febr. d. I- zu Montevideo unterzeichnete Auslieferungsvertrag zwischen dem deutschen Reich und der Republik Uruguay zur Beschlußfassung vorgelegt worden. Ferner ist dem Bundesrat der Entwurf eines Gesetzes, betreffend eie Con- trole des Reichshaushalts und des Landeshaushalts von Elsaß Lothringen für das Etatsjahr 1879/80 zugegangen. Die Controle wird danach von der preußischen Oberrechnungskammer unter der Benennung „Rechnungshof des Deutschen Reiches" nach Maßgabe der im Gesetz vom
Gestohleue Depesche».
Historische Erzählung von Ö- W- (Fortsetzung.)
In einer dieser Nächte beschlich ihn eine warnende Vorahnung seines endlichen Geschickes.
Um sich des Schlafes zu verwehren, pflegte er sich mit anregenden Mitteln, besonders mit Wein und Kaffee zu versitzen. Allein in jener Nacht waren diese Mittel nicht hmrlchend, ihn wach zu erhalten.
Erschöpft von der vielen und ängstlichen Arbeit, schlief er ein und würde am Morgen durch das Erscheinen seiner Kollegen überrascht worden sein, hätte ihn nicht ein kurzer Wortwechsel geweckt, welcher von zwei Schildwachen auf dem Korrid er seines im Schlosse belesenen Bureaus hcrrührte.
Im Bewußtsein seiner Schuld glaubte er sich verraten und wurde fast ohnmächtig. Als aber wieder völlige Stille eingetreten war, beruhigte er sich, löschte die Lampe aus und ging nach Hause, nachdem er die Depeschen, mit denen er sich während der Nacht beschäftigt, wieder an ihren gewöhnlichen Platz gelegt hatte.
Dieser nächtliche Vorfall hatte auf Menzel einen tiefen Eindruck gemacht. Seitdem wurde er in seinem verbrecherischen Treiben immer zaghafter und ängstlicher. Der geringfügigste Umstand konnte in ihm das peinigende Gefühl erwecken, daß man ihn bereits beargwöhne und daß seine persönliche Sicherheit in Gefahr sei.
Oft ging er tiefsinnig und die Hände ringend in den einsamsten Partien jenes Moöcinsky'schen Gartens umher, an welchem sich ter erste Schritt zu seinem Verhängniß begab, und suchte vergeblich den Schreckbildern zu entfliehen, mit welchen ihn sein böses Gewissen verfolgte.
Zuweilen dachte der Unglückliche wol an einen Rücktritt
von seiner strafbaren Verbindung; doch er hatte nicht den Mut, die Vorteile aufzugcben, welche für ihn mit dem Beharren auf seiner gefährlichen Bahn verbunden waren. Auch mochte ihn die Furcht zurückhalten, sich das Mißfallen des Gesandten zuzuziehen und sich dadurch des Schutzes zu- enlziehen, den derselbe ihm im Entdeckungsfalle zugesichert haben soll. Uns daß dieser Moment über kurz oder lang eintreten müsse —dieser Gedanke lag ihm jetzt Tag und Nacht gleich einem nicht mehx zu bannenden Alp auf seiner Seele.
Wie aber, wenn der Gesandte, vielleicht durch unabänderliche Verhältnisse gedrängt, seiner Zusicherung untren würde?
Hätte auch nur die bloße Möglichkeit einer solchen Eventualität, welche übrigens später wirklich eintrat, Menzel schon bestimmen müssen, fein Verhältnis zum Gesandten abzubrechen, so gab es hiezu auch noch einen anderen Grund für ihn; gerade um diese Zeit bewarb er sich um die Hand eines schönen und reichen Mädchens und schien begründete Aussichten zu haben, daß er Erfolg haben werde — wenigstens so weit die Einwilligung des Vaters der jungen Dame in Betracht kam.
Tie AuSerwählte war die einzige Tochter des sehr vermögenden pensionirlen Kriegsrats Neuhoff, welcher, imWitwen- stande lebend, die Paterre-Etage desselben Palais bewohnte, in welchem der preußische Gesandte die Beletage inne hatte.
Der alte Kinegsrat sah die Bewerbung des Geheimen KabinetssekretärS mit günstigen Augen an; seine Tochter Marie jedoch war anderen Sinnes; ihr Herz schlug bereits ganz entschieden, doch ohne daß ihr Vater eine Ahnung davon hatte, für einen jungen Mann, welcher in jeder Beziehung ihrer würdig war und feit einiger Zeit ihre wärmste Zuneigung gewonnen hatte.
Dieses Liebesverhältnis ward zur mittelbaren Veranlassung, daß Menzel von seinem traurigen Verhängnis ereilt wurde.
Im Kabinet wurde seit einigen Monaten ein noch junger Referendar beschäftigt. Er hieß Herrmann Waren- dorff und war der einzige Sohn eines reichen Rentiers, der sich vor einigen Jahren von den Geschäften zurückgezogen hatte.
Der alte Warendorff hielt seinen Sohn sehr knapp an Geld, indem er von der Ansicht ausging, daß dies das wirksamste Mittel sei, ihn vor einer verschwenderischen Lebensweise zu bewahren.
Der Referendar lebte freilich ein wenig flott, aber keineswegs derart, daß er für die Zukunft hätte Besorgnis erregen können. Er war ein kenntnißreicher, fleißiger und gemütvoller junger Mann, der zu der Hoffnung berechtigte, daß er eine gute und schnelle (Saniere machen werde. Er arbeitete mit Menzel in einem und demselben Bureau, und war so zwischen beiden eine nähere Bekanntschaft entstanden, wie sic unter Kollegen, welche gemeinsame Berührungspunkte mit einander haben, gewöhnlich zu bestehen pflegt.
Eines Morgens, als Warendorff etwas ftüher als sonst ins Bureau kam und Menzel schon beschäftigt sand, sagte er zu ihm:
Lieber Kollege, Sie sind ein wahres Muster von Fleiß und Diensteifer. Sie kommen schon immer vor der Bureau- stunde, bleiben Mittag über die Zeit hier und ich glaube daß Sie sogar manche Nächte an Ihrem Pult zubringen. Ist dem nicht so?
Menzel stutzte.
Die Nächte sagen Sie ? Wie kommen Sie daraus? fragte er verlegen. (Fortsetzung folgt.)