Sir. 86
Jllaröurg, Dienstag, 13. April 1880.
XV. Iahigaii
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th Dietrich in Frankfurt a.M.; ßaafenftein L Bögler in »rankfurt a M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Roffe in Berlin, Frankfurt 6. M rc.
(OlicrlirlTifdic Jcitmig.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d-Annoncen-Bureauk von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hennann'sche Vuchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W- ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JRuftrirteS LonntagSblatt" durch die Erpedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2', Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
Tagesbericht.
Der kommandirende General des 11. Armeekorps General der Infanterie v. Bose ist in Genehmigung seines Abschiedsgesuches unter Erhebung in den Grafenstand und unter Belassung in dem bisherigen Verhältnisse als Chef des 1. Thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 31 und der aktiven Dienstzeichen mit Pension zur Allerhöchsten Disposition gestellt worden. An seiner Stelle ist der Gcnerallieutenant Freiherr von Schlotheim, bisher Kommandeur der 17. Division (Schwerin) mit der Füh- rung des 11. Armeekorps beauftragt. Ferner ist dem Generallieutenant Grafen von Brandenburg II., Kommandeur der Garde-Kavalleriedivision, der Rang als komman- dirender General beigelegt; der Generallieutenant, Graf v. Wartenslcben, Kommandant von Berlin, mit der Führung der 17. Division betraut; der Generalmajor Frhr. v. Meerscheidt-Hüllesscm zum Kommandanten von Berlin ohne gleichzeitig zum Chef der ©enbatmetie' ernannt zu werden, und der Generalmajor v. Caprivi, Kommandeur der 5. Jnfanteriebrigade, zum Kommandeur der 2. Garde- Jnfanteriebrigade ernannt worden.
Verschiedene Blätter haben in den letzten Tagen von Anordnungen in der Verteilung der Geschäfte im Cultu«- ministerium berichtet. Das Thatsächliche ist folgendes: Nachdem am 1. April v. I. das technische Unterrichtswesen dem Cultusministerium zugeteilt worden war, erreichte die Abteilung für die Unterrichtsanstalten einen solchen Umfang, daß eine Teilung in Aussicht genommen werden mußte. Zunächst entschloß sich der damalige Cultusminister zu einer vorläufigen Anordnung in der Art, daß die Directionsgeschäfte in Bezug auf die Bearbeitung deS Volksschulwesens und verwandten Materien, wie z. B. der Seminar- und Präparanden- sowie der Schulaufsichts- Angelegenheiten, unter und durch zwei verschiedene Directoren unzuträglich sei, hat der Cultusminister am 1. April bis auf Weiteres eine andere Verteilung der Geschäfte an- geordnet, welche darin bestehl, daß mit der Superreviston und Zeichnung der über die erwähnten Angelegenheiten eingehrtwen Verfügungen einer der älteren Räte des Ministeriums beauftragt worden ist.
Ein Telegramm aus Singapore vom 10. April be- bestätigt die Ermordung der französischen Unterthanen Wallon und Guillaume am 15. März durch Eingeborene Sumatras in der Nähe des Flusses Oengung. Zur Aufsuchung der Leichen und Bagage der Erschlagenen und zur Bestrafung der Schuldigen ist eine militärische Expedition aufgebrochen.
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Gestohlene Depeschen.
Historische Erzählung von O- W- (Fortsetzung.)
Verabredetermaßen begab sich Menzel am Abend zum Baron Maltzahn, und als ob er sich schon bewußt gewesen wäre, daß sein Besuch das Auge dritter Personen zu scheuen habe, machte er einen großen Umweg und stahl sich gewissermaßen in das auf der inneren Pirnaschen Gaste be- lezene, von dem Gesandten bewohnte Palais.
Was bei dieser Zusammenkunft zwischen beiden verhandelt wurde, davon steht actenmäßig nur Folgendes fest.
Der Baron brachte das Gespräch alsbald auf die wirtschaftlichen Verlegenheiten des Geheimsekretärs, und nachdem dieser sich »»verholen darüber ausgesprochen, gab ihm jener 100 Thaler mit der Versicherung, daß er seinen Kalamitäten noch weiter und mit größeren Summen abhelfen, ihm auch, wenn es ihm wünschenswert erscheinen sollte, eine glänzende Stellung im preußischen Staatsdienst Verschaffen werde. Als Gegengefällizkeit möge er von Zeit zu Zeit Neuigkeiten aus der Cabinetskanzlei mitteilen, welche er jedoch stets an den Legationssekretär Hecht gelangen lassen solle. An diesen möge er sich auch immer wegen seiner Eeldbedürfniste wenden; man werde dafür sorgen, daß er sich von Gläubigern frei machen könne und dennoch über genügende Mittel zu einem standesgemäßen Auskommen zu verfügen haben werde.
Menzel, entzückt von ter ihm eröffneten Aussicht, sich bald seiner Schulden entledigen zu können sagte freudig zu und steckte das Handgeld seiner künftigen Verräthereien mit den wärmsten Danksagungen ein.
Nachdem aber dieser saubere Handel geschlossen war,
Deutsches Reich.
A Berlin, 10. April. Die Kanzlerkrisis, welche in ihren Hauptpunkten ja, wie bereits erwähnt, ihre Erledigung gefunden, steht nichtsdestoweniger noch immer im Vordergrund der politischen Diskussion. Wenn einige Blätter die Meldung enthalten, daß diese Angelegenheit in der gestrigen Sitzung des Bundesrats zur Sprache gekommen sei und wenn die „National-Zeitung" dennoch hinzufügt, daß Württemberg in der gestrigen Sitzung den Antrag gestellt habe, den am Sonnabend im Bundesrat gefaßten Beschluß, betreffend das Gesetz über die Erhebung der Stempelsteuer wieder rückgängig zu machen, so sind dies nur Combinationen, wahrscheinlich dadurch hervorgerufen, daß dem Bundesrate diesmal keine Tagesordnung vorgelegt wurde. In der gestrigen Sitzung ist eben nur, wie wir bereits gestern meldeten, die Angelegenheit des Handelsvertrages mit Oesterreich - Ungarn vorgegangen. Die Mitteilungen, welche darüber gemacht wurden, und welche darauf hinausgingen, daß es in Absicht liege, den jetzt bestehenden Vertrag nochmals um ein Jahr zu verlängern, hat bei den Bundesratsmitgliedern, wie wir hören, vollkommene Zustimmung gefunden und wird voraussichtlich eine darauf bezügliche Vorlage dem Bundesräte demnächst zugehen. Wenn die Kanzlerkrists trotzdem immer noch im Vordergrund der politischen Diskussion steht, so ist es namentlich die Frage über den ferneren Verbleib im Amte der Herren Staatsminister Hofmann und Staatssecretär Stephan, welche die hiesigen politischen und parlamentarischen Kreise beschäftigt. Unsere gestrige Mitteilung, daß beide Herren ihre Demission gegeben haben, wird uns auch heute bestätigt. Von der einen Seite wird uns gemeldet, daß der Rücktritt der beiden Herren bereits beschlossene Sache sei, von der anderen sonst auch gut unterrichteten Seite, wird an der Meinung festgehalten, daß es noch gelingen werde, die bestehenden Differenzen auszugleichen. Ob der neue Direktor im Reichspostamt, Dr. Fischer, dem bekanntlich ein großer Theil der Schuld an den Vorgängen, die der Sitzung vom 3. d. Mts. beigemessen wird, in seinem neuen Amte verbleiben, oder ob er anderweitig Verwendung finden wird, diese Frage dürfte voraussichtlich auch in den nächsten Tagen geklärt werden. Unterrichtete Kreise wollen wissen, das Vorgehen des Dr. Fischer sei im speziellen Auftrage seines Chefs Dr. Stephan erfolgt, und aus diesem Grunde habe letzterer sich veranlaßt gesehen, sein Demissionsgesuch einzureichen. Der ganze Vorgang botumentirt aber daher, mit welcher Zähigkeit und Energie der Reichskanzler an seinem Plan der Steuerreform festhält, und wie er alles daran setzt, diese große Idee zur Durchführung zu bringen. Bei dem gewohnten sicheren Auftreten des Fürsten Bismarck, bet zuvor Alles erwägt, ehe er einen Schritt thut, muß aber bie ganze Angelegenheit überzeugen, daß der Fürst von den bisher wahrgenommenen Erfolgen der neu einge- fand sich, daß Menzel dem Gesandten nicht nach dessen Wünschen dienen konnte, denn derselbe verlangte von ihm nicht Neuigkeiten untergeordneter Art, sondern Schriftstücke, welche die geheimen, gegen Preußen gerichteten Unterhandlungen zwischen Oesterreich, Rußland und Sachsen zum Gegenstand hatten.
Alle diese zum Departement des Auswärtigen gehörigen Dokumente aber waren, da der sächsische Hof sich zur Zeit in Warschau befand, in Schranken verschlosfen, deren Schlüssel der Kabinetschcf in Verwahrsam hatte.
Sobald Menzel diese Umstände dem Legationssekretär Hecht mitgeteilt hatte, meldete der Gesandte das Hindernis nach Potsdam und von dort langte nacht acht Tagen ein Bund der verschiedenartigsten Schlüssel an, welches Menzel zugestellt wurde. Da er unter den Schlüsseln keinen passenden fand, so gab er sie zurück, jedoch drei Wochen darauf erhielt er ein anderes Bund Schlüssel und unter diesen fand er einen, womit er die Schränke öffnen konnte.
Nun hatte er — so lautete später die Aussage Menzels — so oft es bie Gesanbtschaftssekretäre Hecht unb Ples- mann verlangten, diesen, entweder im Original oder in Abschrift, den Inhalt aller bezüglichen Depeschen des Wiener und Petersburger Kabinets, sowie Abschrift der Rückäußerungen des sächsischen Ministers des Auswärtigen mitgeteit. Dies geschah wöchentlich zwei bis drei Mal, besonders Sonntags und Donnerstags, wo nicht viel vorkam unb er in bei Mittagsstunde sich allein in der Kanzlei befand. Zuweilen stellte er den Secrelären auch Depeschen des Versailler Kabinets zu, wenn dieselben etwas enthielten, was ihm für den Baron von Maltzahn von außerordentlicher Wichtigkeit zu sein schien.
Wenn Menzel, was zuweilen vorkam, sich einige Zeit
führten Steuer ben Beweis erhalten hat, von der Durchführbarkeit seines Systems. — Die XII. Commission des Reichstags zur Vorberatung des Wuchergesetzes, welche heute gewählt worden, besteht auS folgenden Abgeordneten: Dr. Reichensperger (Olpe) Vorsitzender, Dr. Marquardsen (Stellv, des Vorsitzenden), v. Puttkamer (Liebbau) Schriftführer, Graf v. Bismarck Schriftführer, Dr. Mayer (Donauwörth), Freiherr v. Ow (Landshut), Pfafferoth, Senestrey, Bernardi, Trautmann, Schlulow, v. Kleist-Retzow, Freiherr v. Marschall, v. Flottwell, Kiefer, Dr. Sommer, Dr. Dreyer, Fürst zu Hohenlohe-Langenburg, Findeisen, Freund, Klotz.
Ausland.
Pest, 10. April. Unterhaus. Präsident Slavy legt das Amt des Präsidenten und das Abgeordnetenmandat in Folge seiner Ernennung zum Reichöfinanzminister nieder. Auf Antrag Jokais beschließt das Hauö der Verdienste Slavy'S im Protokolle zu gedenken.
Rom, 10. April. Die „Gazette ufsiziale" veröffentlicht das Dekret, durch welches der von der betreffenden Commission vorgelegte Liquibirungs-Entwurf in Betreff ber Schulden ber Gemeinde Florenz genehmigt wirb. Gläubiger, welche bis zum 31. December 1880 ihre Schulbtitel nicht vorgelegt ober ber Liquibirung nicht zugestimmt haben, verlieren ben ihnen zukommenden Anteil.
Petersburg, 10. April. Das Befinden des Reichskanzlers Fürsten Gortschakoff hat sich bis jetzt nicht gebessert. Die Athmungsbeschwerden haben nachgelassen, jedoch ist große Schwäche eingetreten.
Charkow, 9. April. Der bei dem hiesigen Militär- Kreisgericht schwebende politische Prozeß endete mit der Verurteilung sämtlicher sechs Angeklagten zur Verbannung nach Sibirien auf 6—10 Jahre.
Philippopel, 10. April. Die Provinzialversammlung votirte bei der Budgetberatung mit 31 gegen 8 Stimmen einen strengen Tadel gegen den Finanzdirektor Schmidt wegen NichtauSsührung der Artikel 203 und 204 des organischen Statuts.
Koustautinoptl, 10. April. Der Sultan sanktionirte das Bürget, welches die Ausgaben auf 17,039,000 und die Einnahmen auf 16,156,000 Livres veranschlagt, während die englisch-französische Commission bie Ausgaben mit 19 und bie Einnahmen mit 14 Millionen angesetzt hatte.
Heffe»»Ra8>».
Marburg, 12. April. (Schwurgerichts - Sitzung.) Der Gerichtshof besteht aus bem Landgerichts - Direktor Herrn Dahlmann als Vorsitzenden, den Herren Landgerichtsräten Steinhaus und Gleim als Beisitzern. Die Staatsanwaltschaft ist vertreten durch den ersten Staats- Anwalt Herm Bertram, bie Verteidigung durch Herrn mit bem Hofe in Warschau befanb, so erlitten baburch seine Mitteilungen an Herrn von Maltzahn keine Unterbrechung. Denn bann lieferte er die Depeschen in bie Hände des dortigen preußischen Gesandtschaftssekretärs Benoit, zuweilen direkt, zuweilen aber durch zuverlässige preußische Bauern, bie sich eigens zu bie)em Zwecke bei Benoit in der Eigenschaft von Kutschern, Bedienten oder Reitknechten aufhielten.
In Dresden wurde die Kommunikation Menzels mit dem Gesandten auf zweierlei Art gepflogen: entweder er übergab die Depeschen versiegelt seinem Schwager Erfurth, ber sie einem ber beiben Gesanbtschaftssekretäre zustellte, ober er wählte an dazu besonders bestimmten Tagen ben folgenbell cerabrebeten Weg: Der Hausflur des vom Baron Maltzahn bewohnten Palais war mit einem Säulengang verziert. Hinter einer dieser Säulen, welche vom Aufgange der Treppe rechts die erste war und einen Winkel bildete in welchem Leitern, Feuereimer und Kehrbesen standen, versteckte Menzel Abends im Finstern die Depeschen, und auf diesem Wege empfing er am Tage darauf auch die verabredeten Zahlungen des Gesandten.
Diese Geldbeträge gab Menzel später inSgefammt auf 3000 Thaler an; sie sollen jedoch weit über 12,000 betragen haben.
Uebrigens widmete dieser Mann seinem landeSveräterischen Treiben die angestrengteste Thätigkeit^ Sogar manche Nächte brachte er, im Kabinet eingeschloffen, beim Schein einer verdeckten Lampe und bei dicht verhüllten Fenstern damit zu, die am Tage eingelaufenen Depeschen zu lesen- oder zu kopiren.
(Fortsetzung folgt.)