Slr. sa
«Marburg, Sonnabend, 10. April 1880
XV. I-Hlg-Ig
OIikchcMc ZitiiU
Berlin, 7. April 1880.
W ilhelm.
Der Kaiser hat das Demissionsgesuch des Fürsten Bismarck mit folgender CabinetSordre beantwortet: Auf Ihr Gesuch vom 6. April erwidere Ich Ihnen, daß Ich die Schwierigkeiten zwar nicht verkenne, in welche ein Conflikt der Pflichten, welche Ihnen die Reichsverfassung auferlegt, Sie mit der Ihnen obliegenden Verantwortlichkeit bringen kann, daß Ich Mich aber dadurch nicht bewogen finde, Sie Ihres Amtes um deshalb zu entheben, weil Sie glauben, der Ihnen durch die Artikel 16 und 17 der Reichsverfassung zugewiesenen Aufgabe in einem bestimmten Falle nicht entsprechen zu können. Ich muß Ihnen vielmehr überlassen, bei Mir und demnächst beim Bundesrate diejenigen Anträge zu stellen, welche eine verfassungsmäßige Lösung eines derartigen ConflikleS der Pflichten herbeizuführen geeignet find.
Ueber die nunmehr in den Blättern vielbesprochenen Verhandlungen des Bundesrats über die Quittungssteuer lesen wir in der „Nat.-Ztg." folgende Bemerkungen: Die Geschichte der Abstimmung im Bundesräte, um die es sich zunächst handelt, ist noch nicht vollständig aufgeklärt. Man erinnert sich, daß in den Ausschüssen des Bundesrats mit, so viel wir wissen, vier gegen drei Stimmen die Quittungssteuer überhaupt abgelehnt wurde; eventuell wurde beschlossen, einige wesentliche Modifikationen für die Nor- mirung der Quiltungssteuer dem Plenum des Bundesrates vorzuschlagen. Bei der Abstimmung im Plenum, wo allerdings diesmal die Stimmen mehr gezählt als gewogen wurden, entwickelte der preußische Finanzminister sehr objektiv die Gründe für die Wiederherstellung der Vorlage.
Gestohlene Depesche«.
Historische Erzählung von O- W.
(Fortsetzung.)
Beim Anblick der Alten und des fast luxuriös ausge- statteten Zimmers wurde Menzel nicht wenig überrascht; denn so hatte er sich die Persönlichkeit und die äußere Umgebung einer Kartenlegerin nicht vorgestellt. Dies aber trug dazu bei, ihm ein gewisses Vertrauen zu der Frau cinzuflößen und ihm sogar einige Achtung abzunötigen.
Die Sibylle, welche die Verwirrung ihres Besuches wol bemerkt haben mochte, unterließ nicht, ihn aus derselben zu befreien, indem sie, seinen kurzen verlegenen Gruß erwidernd, ihn nach seinem Anliegen fragte.
Erst zögernd und mit halben Worten auf seine bedrängte Lage anspielend, bald aber gefaßter und muthiger, schüttelte Menzel sein sorgenvolles Gemüt vor chr aus und bat sie um ihren Rat.
Ohne ein Wort zu erwidern, deutete die Holtzmann ihm durch eine Handbewegung an, daß er Platz nehmen wöge und entfernte sich in ein Nebenzimmer. Nach etwa zehn Minuten kehrte sie, mit einem schon stark angegriffenen Spiele in der Hand, zurück und ließ sich ihrem Besuche gegenüber an einem Tische nieder.
Nachdem sie, unverständliche Worte murmelnd, die Karten auf alle mögliche Art gemischt hatte, breitete sie dieselben auf den Tisch vor sich aus, bald in Reihen, bald in Häufchen, bald wieder nach allen Windrichtungen zerstreut. Dann schob sie das Spiel wieder zusammen, zog Nach einander einige einzelne Blätter heraus, welche sie jedesmal einige Minuten lang schweigend einer tiefsinnigen Betrachtung unterzog.
Der Vertreter des Reichsschatzamtes sprach sich namentlich für die Anwendung der Quittungssteuer auf die Postanweisungen aus, der Vertreter der Post erklärte sich aus technischen Gründen dagegen und wurde namentlich von Württemberg darin sekundirt. Die BundeSratSmitglieder, welche mit Substitutionsvollmacht andere Staten vertraten, marschirtcn mit gebundener Marschroute, da sie ihren Instruktionen nachkommen mußten. Der königlich - sächsische Bevollmächtigte Held vertrat außer seinem eigenen Lande Sachsen-Weimar; er stimmte für die vier sächsischen Stimmen für die Besteuerung der Postanweisungen; für Sachsen- Weimar stimmte er gegen diese Besteuerung. Es gab dies den Ausschlag gegen die Vorlage.
Die den Königl. Regierungen erteilte Befugnis, den an pensionirte Forstbeamte als Zuschüsse zu ihren Pensionen bewilligten laufenden Unterstützungen bei Ablauf ihrer Be- willigungszeiten ohne Begrenzung auf eine bestimmte Zeitdauer, jedoch unter Vorbehat des Widerrufs selbstständig fortzahlen zu lassen, steht im Einzelfalle derjenigen Regierung zu, in deren Bezirk der betreffende Pensionär seinen Wohnsitz hat. Dem entsprechend soll auch in Fällen, wo die Fortzahlung durch eingetretene Umstände in Frage gestellt wird oder eine Erhöhung des Zuschusses eintretcn würde, diejenige Regierung die ministerielle Entscheidung einholen, in deren Bezirk der Empfänger z. Z. wohnt. Dagegen bleibt es, wie der Minister der Landwirtschaft, Domänen und Forsten in einem Erlasse vom 18. März ausführt, bei den Bestimmungen des Finanzministers vom 20. März 1874 resp. de- Erlasses vom 8. April 1874, wonach Gesuche um erstmalige Bewilligung derjenigen Regierung vorzulegen sind, in deren Bezirk der Bittsteller zuletzt in Dienst gestanden hat.
Die Session der französischen Generalräte bietet bis jetzt wenig Interesse. Bis jetzt wurden nur wenige Anträge gestellt, in welchen die Regierung gebeten wird, die Märzdckrete wieder aufzuheben. Einige derselben wurden durch die Vorfrage beseitigt, welche die Präfecten jedesmal stellten; nur zwei Generalräte, der der Vendse und der Cätes-du-Nord, haben bisher die Decrete verworfen. Der Generalrat der Loire-Cher nahm mit 16 gegen 8 Stimmen folgenden Beschluß an: 1) Abschaffung des Unterrichts- Gesetzes von 1850; 2) Ausschließung derjenigen, welche nicht zwei Jahre in den Staatsschulen verbracht haben, von den Staateämtern; 3) Unterdrückung der Stipendien im Scminarium von Blois, so lange die Jesuiten es leiten; 4) Unterwerfung aller Bürger, welche sich für die Con- gregationen bestimmen, und aller jungen Geistlichen, welche nicht zur Gemeindegeistlichkeil gehören, unter das Mllitärgesetz.
Dieser Hokuspokus mochte eine Viertelstunde gewährt haben, als die Sibylle die Lösung ihrer Aufgabe gefunden zu haben schien. Auch schien dao Ergebnis ihrer magischen Forschung ein sehr befriedigendes für sie zu sein; denn ihre vorher in düstere Falten gelegte Stirn glättete sich merklich wieder, als sie endlich mit ihrem Orakelspruch herausrückte.
Mein lieber Herr, sprach sie zu dem ängstlich gespannt und wie auf Kohlen sitzenden Geheimsekretär. Ihre Sache steht nicht so schlimm, wie Sie sich denken; Golt sei Dank, Sie sind noch zur rechten Zeit zu mir gekommen. Denn heute ist Neumond und rechts von der Sichel steht Ihr Schicksalsstern im vollen Glanze. Das bedeutet Glück, bedeut-ndes Glück. Wenn der Stern zur Linken der Sichel stünde, so würde das, der Himmel bewahre Sie davor, ein böses, sehr böses Zeichen für Sie sein. — Und nun, lieber Herr, werde ich Ihnen sagen, was Sie zu thun haben, um Ihre glückliche Konstellation nicht unbenutzt vorübergehen zu laffen; denn darauf kommt Alles an — Alles! Also morgen, bei gutem Wetter — und ich hoffe, wir werden morgen gutes Wetter haben — gehen Sie Nachmittags um dreiviertel auf vier Uhr in den gräflich Moscinscky- schen Garten: Sie kennen den Garten wol, der Eintritt steht jedem anständigen Manne frei. Dort begeben Sie sich an daö mit allerhand Porzellanscherben, buntem GlaS und farbigen Steinchen aufgelegte Bassin. Während Sie dann dort eine Zeit lang verweilen , verlieren Sie sich in tiefe Gedanken über ihre Verhältnisse und wühlen dabei mit ihrem Spazierstock in den bunten Scherben und Steinchen herum. Mittlerweile wirb ein Herr sich zu Ihnen gesellen und Sie freundlich anreden. Antworten Sie ihm geziemend so, wie es Ihren Verhältnissen entspricht. Dann wird dieser Herr Ihrer Not ein Ende machen, denn er ist
Anzeigen nimmt emgegen: dir Expedition b.Blatte«, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Laasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln re.; Rudolf Liesse in Berlin, Frankfurt a. M re.
Deutsches Reich.
»* Berlin, 8. April. Ein hiesiges Börsenblatt teilt mit, die preußische Regierung gehe mit dem Plane um, zur, jetzt bestehenden Stempelgesetzgebung, deren Reformbedürftigkeit der Finanzminister bekanntlich im Abgeordnetenhause während des letzten Winters aufs neue betont hat, eine Novelle behufs Herabsetzung des Jmmobiliar- Kaufftempels und des Auflassungsstempels zu erlassen, jedoch in der Absicht nach Emanation deS deutschen bürgerlichen Gesetzbuches an Stelle der im deutschen Reich bestehenden Stempelsteuergesetze, welche die verschiedenen Rechtsgeschäfte nach ungleichen Prinzipien treffen, namentlich den Grundbesitz ungleichmäßig belasten, ein Reichsgesetz in Antrag zu bringen. Nach eingegangener Erkundigung kann ich versichern, daß in kompetenten Kreisen von dem letzteren Plane nicht. Richtig ist allerdings, daß eine Novelle zu dem preußischen Steuergesetz ausgearbeitet wird, aber diese bezieht sich nicht auf Herabsetzung des Jmmobilial-Kauf« stempels oder des Auflassungsstempels. — Dem im Jahre 1860 von dem Grafen Adalbert von der Rccke-Volmarstein gegründeten deutschen Samariter-OrdenSstifte zu Creschnitz in Schlesien, Kreis Militsch, welches in seiner weiteren Entwickelung auch die Kranken- und Siechen-Pflege, sowie die Ausbildung von Diakonissen in den Bereich seiner Wirksamkeit gezogen hat und jetzt mit ca. 40 Krankenbetten ausgestattet ist, hat der Minister des Innern zur Aufbesserung seiner stark in Anspruch genommenen Mittel mit Allerhöchster Ermächtigung eine im Herbst d. I. ab- znhaltende Hauscollccte in den evangelischen Haushaltungen sämmtlicher Provinzen der Monarchie bewilligt. Diese Stiftung hat ihre segensreiche Thätigkeit weit über Schlesien ausgedehnt. Der Minister, indem er dieses in einem Erlaß den Oberpräsidenten mitteilt, veranlaßte dieselben, dafür Sorge zu tragen, daß der Kollekte keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. — Nach der im Reichs-Eisenbahn- amt aufgestellten Nachweisung über die im Monat Februar beförderten Züge und deren Verspätungen wurden auf 58 größeren Bahnen mit einer Gesammtlänge von 28425,80 Kilometer an fahrplanmäßigen Zügen befördert 10730 Kurier- und Schnellzüge, 71678 Personen-, 44909 gemischte und 71063 Güterzüge, an außerfahrplanmäßigen Zügen 880 Kurier-, Personen- und gemischte, 2329 Güter-, Materialien uno Arbeitszüge. Es verspäteten sich von 127,317 fahrplanmäßigen Zügen im Ganzen 1566. Von diesen Verspätungen wurden jedoch 731 durch das Abwarten verspäteter Anschlußzüge hervorgerufen. In demselben Monate des Vorjahrs verspäteten sich auf 57 Bahnen 1060 Züge.
Karlsruhe, 6. April. Das Gesetzes- und Verordnungsblatt macht das Gesetz betreffend die Aufstellung der Kataster der directen Steuerr bekannt, wodurch die Bestimmungen vom 17. März 1854 über die Zusammensetzung gut und menschenfreundlich und hilft gern, wo er kann, besitzt auch die Mittel dazu. So wird es Ihnen von der Stunde an, wo Sie seine Freundschaft zu gewinnen suchen, am Gelbe niemals fehlen. Das, lieber Herr, ist der Rat, den ich Ihnen gebe, und wenn Sie ihn befolgen, wird es Ihnen wolergehen; denn die Sterne lügen nicht, und Ihr Stern bedeutet Glück, beständiges Glück — Nun gehen Sie mit Gott.
Damit nickte die Sibylle ihrem Besuche zu, raffte ihre Karten zusammen un verschwand in das Nebenzimmer.
Menzel stand über das, was er gehört, so verblüfft da, als ob er das Orakel von Delphi over Dodona vernommen hätte. Nur war das Dresdener Orakel nicht so dunkel wie jenes; es hatte so klar und menschlich gesprochen, daß es ein Kind hätte verstehen können. Er würde gern noch einige Fragen an die Prophetin gerichtet haben, allein sie kehrte nicht zurück. So blieb ihm denn weiter nichts übrig, als zu gehen. Er opferte dem Orakel zwei Thaler die er auf den Tisch legte, und verließ das Heiligtum, wo den Seörängten gegen ein gutes Geldgeschenk die Zukunft geoffenbart und für die Gegenwart Trost und Beruhigung gespendet wurde.
DaS sehr rentable Geschäft der Holtzmann brachte es mit sich, daß sie sich ihren Kunden gegenüber mit ebenso viel Schlauheit als Diskretion benahm. Niemals fragte sie einen ihrer Besucher nach seinem Namen ober Stand, und von keinem nahm sie direkt Geld an und da dies öfters als Uneigenützigkeit angesehen wurde, so fielen die Gaben um so reichlicher aus.
(Fortsetzung folgt.)
Anzeigen nimmt entgegen die Expeditton b. Blatte« sowie d. Annoncen-Bureaur von ®. 8- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung bafelbft; Herrnannffche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendarst in Berlin; W. Thiene« in Elberfeld: 6. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS SountagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2i Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf«, berechnet.
Äür das zweite Quartal werden von allen Post- O anstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) BesteUnnge« auf die
Bberhessische Zeitung
mit deren Gratisbeilage
JlluftrirteS Sonntagsblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.
Die Exped. d. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Dem Kaiser ist die vorgestrige erste Ausfahrt und der Besuch der Oper sehr gut bekommen, so daß sich Se. Majestät gestern nach gut verbrachter Nacht der Erledigung der laufenden Regierungsgeschäfte in gewohnter Weise widmen konnte.