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Jliarfiucg, Freitag, s. April 1880
xv. Jahrgang
Anzeigen nimmt emgegen: die Expedition d.vlatte«, sowie d.Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein L Vogler in zrauksnrt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln :c.; Rudoft Kosse m Berlin, Arant» fart 6. M. re.
AttlMchk jfitimii.
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Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.
A Die englischen Wahlen.
Die Parlamentswahlen in England haben ein für alle Parteien überraschendes Resultat gehabt. Die Whigs oder die Liberalen hatten schon längere Zeit eine lebhafte Agitation gegen die Tories-Regierung betrieben, aber Niemand hätte doch gedacht, daß die Wahlen so günstig für sie ausfallen würden, wie es thatsächlich geschehen ist. Sicherlich hat das die englische Regierung selbst nicht gedacht, sonst hätte Beaconsfield schwerlich daS Parlament schon aufgelöst, wo seine hochfliegenden Weltreich-Pläne noch so sehr in der L-chwebe sind und noch so wenig eine feste Gestalt gewonnen haben. Beaconsfield und sein Ministerium werden nun zurücktreten und die Führer der Liberalen werden an ihre Stelle treten. In England haben aber übrigens die Begriffe conservativ und liberal eine vielfach andere Bedeutung als bei uns in Deutschland. Gladstone, der Hauptführer der Liberalen ist z. B. ein entschiedener gläubiger Christ; von dem noch liberaleren Bright ist bekannt, daß er mit Bibel und Gebetbuch in der Tasche nach den Par- lamentssttzungen die Armen und Kranken besucht, während Beaconsfield, der Führer der Conservativen, ungefähr den Standpunkt unserer deutschen Resormjuden einnimmt. (Stab-# frone hat es mehrfach für eine Schmach erklärt, daß das christliche England sich zum Beschützer der Türkei aufwarf. Beaconsfield hat aber die orientalifche Frage lediglich als politische Machtfrage behandelt und hat die Türkei nicht aus Liebe für den MuhamedanismuS beschützt, sondern lediglich deshalb um zu verhüten, daß Rußland sich auf der Balkanhalbinsel festsetze. Beaconsfield hatte hochfliegende politische Pläne. Er wollte England als eine den Erdball umspannende Weltmacht darstellen. Deshalb ließ er auch der Königin den Titel einer Kaiserin von Indien beilegen und suchte das ganze südliche Asten von Indien bis nach Kleinasien unter die Macht Englands zu stellen, wie er auch Afrika immer weiter in die englische Machtsphäre hineinzuziehen suchte. Die nüchternen Engländer sagten sich aber: zu einer solchen Politik sei England doch zu klein; dieselbe würde auf die Dauer die Machtmittel Englands
absorbiren. Und in der That haben die Kriege in Südafrika, in Afghanistan und die Kriegsbereitschaft der Flotte im Mittelmeer die Kräfte Englands in hohem Grade in Anspruch genommen. Das wurde um so fühlbarer, als das Land gleichzeitig unter einer schweren wirtschaftlichen Krisis leidet und die Staatseinnahmen im letzten Jahre um 1,800,000 Pfd. Sterl. zurückgegangen waren. So sehr die Politik Beaconsfields Anfangs dem englischen Ehrgeiz schmeichelte, so bedenklich wurde das Volk der praktischen und berechnenden Engländer doch nach und nach gegen diese Weltreichpolitik, und daraus ist der Umschwung der öffentlichen Meinung und der Ausfall der Wahlen zu erklären.
Wie es heißt, will die Königin Gladstone, welcher schon von 1868—1874 Premier-Minister war, ausfordern, sich wiederum an die Spitze der Regierung zu stellen; allein es ist noch fraglich, ob derselbe die Aufforderung annimmt. Er hat sich in der letzten Zeit in seinen Wahlreden, namentlich in Beziehung auf Oesterreich, Aeußerungen erlaubt, welche ihm einen diplomatischen Verkehr mit Oesterreich sehr erschweren würden, und in diesem Lande ist es auch deutlich ausgesprochen, daß dort ein Ministerium Gladstone keineswegs gern gesehen werde. Namentlich hat eö dort verstimmt, daß er auch den Bestrebungen der Slawen, Panislawisten und den Heißspornen der italienischen „Italia Jrredenta" freundlich gesinnt ist. Aber eben deshalb hat man in Petersburg den Sturz des Ministeriums Beaconsfield mit Freuden begrüßt. Wenn auch ein Ministerium Gladstone nicht sofort in der äußeren Politik alle Engagements Beaconsfields abbrechen und ganz andere Wege einschlagen kann, so weiß man in Petersburg doch, daß Gladstone nicht mit dem Eifer wie Beaconsfield den russischen Bestrebungen auf der Balkanhalbinsel und in Asien entgegentreten und die Türkei unterstützen wird, und daS ist für Rußland vorläufig schon genug. Es erwartet, daß es nun in England nicht mehr einen Feind hat, der bei continentalen kriegerischen Verwickelungen ihm activ gegenübertreten werde. Rußland sagt sich: nun haben wir mit einem Gegner weniger zu rechnen. Deshalb herrscht auch in Petersburg großer Jubel über den Ausfall der englischen Wahlen. In Berlin sieht man aus demselben Grunde ebenso wie in Wien einem Ministerium Gladstone mit Mißtrauen entgegen; denn Deutschland kann eben so wenig wie Oesterreich die russischen panslawistischen und orientalischen Bestrebungen mit freundlichem Auge ansehen. Sollte daS neue englische Ministerium gerade in seinen kontinentalen Beziehungen wesentliche Aenderungen eintreten lassen, so würde das natürlich zu Auseinandersetzungen führen, welche vielleicht dem neuen Ministerium eine kurze Lebensdauer bereiten würden. In jedem Falle aber beweist dieser Wechsel in England, wie wenig stetig die englische Politik ist und wie wenig die übrigen Mächte mit ihr als einem
Factor rechnen können, welcher bei einer weit ausschauenden Politik in Anschlag zu bringen wäre. Das politische Ansehen Englands gewinnt dadurch keineswegs, allein der Engländer ist zu sehr Kaufmaun, als daß ihm die Baumwolle nicht mehr gelten sollte, als der Lorbeer.
Tagesbericht.
Die Genesung des Kaisers ist so weit vorgeschritten, daß Se. Majestät gestern eine Spazierfahrt machen konnte.
Es verlautet, daß die bisherige Art der Vornahme von Substitutionen bei Abstimmungen im Bundesrate jedenfalls zu einer Initiative führen dürfte, wonach dieses Substitutionsrecht, eine Anzahl von Stimmen verschiedener Staaten in Eine Hand zu legen, zur Vermeidung von Uebelständen die notwendige Beschränkung erfährt.
In parlamentarischen Kreisen wird als sicher angenommen, daß der Bundesrat durch Wiederaufnahme der Verhandlungen über die Stempelabgaben den Anschauungen des Reichskanzlers entgegenkommen werde, um so mehr, als die Reichsverfassung einen Reichskanzler erfordert, der für die Gesetzvorlage die Verantwortlichkeit übernimmt und solche gegenzeichnet.
Die Nachricht Berliner Zeitungen, daß der Reichskanzler schon vor 3 Tagen seine Entlassung gegeben, der Kaiser bereits darauf unter Verweigerung der Demission geantwortet und der Reichskanzler sodann das Demissionsgesuch aus Gesundheitsrücksichten erneuert habe, ist vollständig unbegründet. Der Reichskanzler hat vorgestern sein Demissionsgesuch eingereicht mit der Motivirung, wie in der vorgestrigen „Nordd. Allg. Ztg." angegeben war. Eine kaiserliche Entschließung liegt bis jetzt nicht vor.
Die von einigen Blättern kolportirte Nachricht, daß mit der vom preußischen Kultusministerium in Aussicht genommenen Verstärkung des Lateinischen im Lehrplan der Realschulen erster Ordnung nicht eine Mehrung, sondern sogar eine Minderung der staatlichen Berechtigungen jener Anstalten verbunden werden solle, entbehrt, wie die „Nordd. Vllg Ztg-" zur Beruhigung der beteiligten Kreise aus bester, wenn auch nicht amtlicher Quelle mitteilen kann, durchaus der Begründung; sie scheint nur aus Uebelwollen gegen den jetzigen Leiter des preußischen Kultusministeriums und auS dem Gerüchte entstanden, daß einige UnivrsitätS- professsren ihrem in dem Streit um die Medizin ange- sachten und genährten Grolle gegen die Realschulen an maßgebender Stelle nachträglich Ausdruck verliehen haben sollen.
Nachrichten aus England bezeugen, daß beide Parteien
jNachdruk verboten.)
Gestohlene Depesche«.
Historische Erzählung von £). W.
Schlesien, ein schönes, mit arbeitsamen Bewohnern bevölkertes Land, das Friedrich IL gleich nach seinem Regierungsantritte erobert und mit dem Schwert sowol im bttslauer, wie int dresdener Frieden behauptet hatte, war für die Kaiserin Maria Theresia ein zu großer Verlust, als daß sie ihn so leicht hätte verschmerzen können. Sie suchte daher, durch mächtige Verbündete unterstützt, das Verlorene zurückzuerobern und rasch fand sie die ihr nötigen Verbündeten.
Elisabeth, Kaiserin von Rußland, die sich durch gewisse Aeußerungen Friedrichs über ihren Privatcharakter verletzt fühlte, trat zuerst dem Bunde gegen den jungen König, dessen Feldherrntalente man noch nicht genügend kannte, bei. Dasselbe that der König von Polen, Kurfürst von Sachsen, der, durch seinen preußischen Nachbar schon einmal aus seiner Residenz vertrieben, Sicherheit für die Zukunft zu erhalten hoffte. Endlich vermehrte auch der König don Frankreich, Ludwig XV., die Zahl der gegen Friedrich verbündeten Feinde, und ihm folgten die durch französische Unterstützungen von ihm abhängigen Schweden.
Dieses ungeheure Bündniß gegen eine noch junge Mo# narchie, nicht durch Staatskmgheit, sondern durch Hofin- driguen entstanden, war seit Jahrhunderten ohne Beispiel Und von den einschneidendsten Folgen sollte es sein. Ein geheimer TeilungStraktat der verbündeten Mächte sprach Uiit dürren Worten aus, worauf es abgesehen — die Betäubung fast aller Länder eines nicht sehr mächtigen Königs.
Nun suchte man in Wien einen Vorwand zum Kriege
und fand ihn bald in einem unbedeutenden Streit, den Friedrich damals mit dem Herzog von Mecklenburg-Schwerin wegen der Rekrukirung seiner Truppen hatte. Friedrich bezog sich bei dieser Meinungsverschiedenheit auf gewisse Rechte seines Hauses, die er durch seine Gewalt geltend gemacht. Dies aber stempelte man in Oesterreich zu einer Verletzung des westphälischen Friedens, und Maria Theresia verlangte die Aufrufung aller Mächte, welche denselben garantirt hatten. ,
Der Untergang Friedrichs wäre ganz unvermeidlich gewesen, wenn er nicht durch die Verräterei eines sächsischen Geheimen KabinetssekretärS, Namens Menzel, Nachricht von dem ihm so gefährlichen Bündnisse erhalten und durch diese zeitige Entdeckung die ihm drohende Gefahr nicht außerordentlich abgeschwächt hätte.
Heber die Art und Weise der Ausführung dieses historisch merkwürdigen Verrats des sächsischen Beamten giebt es verschiedene Versionen. Die Einzelheiten des Vorfalls liegen als Geheimniß in den Archiven von Dresden und Berlin begraben. Indessen dürfte eine unseres Wissens noch wenig bekannte Version, obgleich sie eine etwas romantische Färbung hat, der Wahrheit vielleicht noch am nächsten kommen.
Friedrich Wilhelm Menzel war ein Sohn des damals schon seit einigen Jahren verstorbenen Geheimen HofratS Menzel. Im Jahre 1740 war er, noch sehr jung, im königlichen Kabinet als Kanzlist angeftellt und später zum Geheimen Sekretär befördert worden. Seine Familie stand in großer Achtung und im Rufe erprobter Rechtschaffenheit. Nur sein Schwager, der Goldschmied Erfurth, erfreute sich nicht des allgemeinen Vertrauens, obwol ein positiver Grund nicht vorlag.
Menzel befand sich bereits zwölf Jahre in seiner amtlichen Stellung und hatte sich immer brauchbar und diensteifrig bewiesen. Allein er besaß eine Schwäche, die zur Grundursache seines Unglücks wurde — die Sucht zu glänzen. Er machte einen Aufwand, der mit seinen knappen Mitteln in keinem Verhältnisse stand, und geriet dadurch in die peinlichsten wirtschaftlichen Verlegenheiten. In dieser schlimmen Lage griff er zu dem gewöhnlichen Mittel leichtsinniger Schuldner; er machte immer neue Schulden, um bie älteren damit zu bezahlen. Dies verschlimmerte seine Lage, so daß er bald weder aus noch ein wußte.
Um diese Zeit, im Jahre 1757 war es für den preußischen Hof immer wichtiger geworden, den zwischen den Kabinetten Oesterreichs, Rußlands und Sachsen schwebenden, gegen König Friedrich gerichteten Unterhandlungen auf die Spur zu kommen und da Dresden der Knotenpunkt war, so erhielt der dortige preußische Gesandte, Baron v. Maltzahn, den Auftrag, alles aufzubieten, um diese Geheimnisse zu erforschen.
Wie dabei der Gesandte gerade auf den ihm nur wenig bekannten Geheimsekretär Menzel gekommen, ist im Dunkel geblieben. Dagegen scheint es gewiß, daß der preußische Legationssekretär Hecht mit Menzel durch eine Mittelsperson anfangs indirekt, angeknüpft hatte, und zwar zu dem Zwecke denselben mit dem Gesandten in direkte Verbindung zu bringen.
Dies wurde auf eine ziemlich abenteuerliche Weise ins Werk gesetzt.
In Dresden lebte eine Kartenlegerin Holtzmann, die wegen ihrer angeblichen Begabung, zukünfttge Ereignisie zu erforschen, viel von sich reden machte und besonders unter den höheren Ständen viele Gläubige fand. Der