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Marburg, Mittwoch, 31. März 1880
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688* Bei dem bevorstehenden Quartalwechsel ersuchen wir unsere Leser ihre Bestellungen auf das zweite Quartal, damit in der Uebersendung keine Unterbrechung stattfindet, recht bald bei den Postanstalten machen zu wollen.
668° Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellungen an.
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« überall vom Boden des naturalistisch-egoistischen Gehenlassens auf den soliden Boden deS sittlichen Berufs gestellt werden. '■
Wie man hört, wird bei den Vorarbeiten im Reichs- ßustizamt das Hauptaugenmerk auf den vielfach hervorge- Iretenen Mißstand gerichtet, daß diejenigen Personen, welche das Actienunternehmen zuerst gegründet uuo die Entwickelung desselben leiten, also die sogenannten Gnrider sich hauptsächlich von dem Motiv der Sicherung de» eigenen Gründerlohnes und der Abwendung jeder ferneren Berant-
l US“ Mit dem Beginn des zweiten Quartals kommt die höchst spannende Original-Erzählung „Grstvhlttte Depeschen" zum Abdruck. Um vollständige Exemplare zu erhalten, wolle man bei den Postanstalten die Bestellungen baldigst machen.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatte«, sowie bAnnoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a SSL, Berlin, Leipzig, Cöln tu; Rudolf Kosie in Berlin, Frankfurt s. M. re.
Der tolle Hans.
Von Karl W. Hainau.
(Fortsetzung.)
„Ha ha, alteS Haus, ich weiß was Ihr denkt! Ihr glaubt mir fehlt's am baaren! Da nehmt den Thaler und laßt auflragen! Heute will ich einmal den Herrn spielen; die Zeiten ändern sich und auch im Arbeiter regt sich daS Gefühl nach Freiheit, nach Unabhängigkeit Unsere Menschenwürde gestattet nicht, länger mit unserm Schweiß und Blut die Herren vom Kapital zu mästen; nein, die Ideen, die großartigen Ideen unseres Jahrhunderts--
Weiter kam er in seiner Rede nicht; j-denfalls waren ihm die Gedanken ausgezangen und er begnügte sich mit einigen herausfordernden Blicken, einigen wilden Handbe- wegungen dem alten Stiefelputzer und dem Wirth zum traurigen Kater seine „Ideen" klar zu machen. Dann griff er nach seinem Knüppel und begleitete einen mit rauher Stimme gesungenen Gassenhauer mit wuchtizm Schlägen auf den Tisch.
Mißmutbig brachte ihm der Wirth zu essen und zu trinken und während der alte, ehrliche Gottlieb sich verächtlich von dem Freiheilsapostel abwendete, dachte Krurnrn- ftecher darüber nach, wo er den schieläugigen Herrn schon kinmal gesehen.
Eö war ihm, als müßte dies auf dem Amtsgericht ge-
trice dans sa sainte garde.“ 2) Dieser Antwort ist nunmehr am 26. d. Mts. die nachstehende Vervollständigung hinzugekommen: „Sa majeste l’empereur Alexandre ä St. Petersbourg. Ce n’est hier que j’ai re$u par le general de Schweinitz le texte exact du toast que vous avez prononce ä, l’occassion ma tete. «Ty re- trouve les sentiments qui nous unissent depuis de longues annees et qui ont contribue ä maintenir les bonnes relations entre nos pays et la paix europeenne malgre des guerres partielles. Recevez de tout coeur tonte ma reconnaissance pour ces sentiments officielle« ment prononces et qui resteront graves dans le coeur de votre meilleur ami. Guillaume.“ 3)
In deutscher Uebersetzung haben diese 3 Depeschen folgenden Wortlaut:
') „Empfangen Ew. Majestät unsere herzlichsten Glückwünsche zu Eurem 83. Geburtstage; möge Gott Eurer Majestät noch viele Jahre des Lebens, der Gesundheit und des Friedens zum Wohle Eures Volkes geben. Ich rechne mehr als je auf Eure alte und dauernde Freundschaft, wie Eure Majestät auf die Meinige rechnen können, zur Erhaltung und Befestigung der guten Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern, welche in Uebereinstimmung mit ihren gemeinsamen Jntereffen sind. Wir feiern soeben Eurer Majestät Geburtsfest; könnten wir noch recht oft diese Genugthuung haben."
2) »Die Gefühle und Wünsche, welche Ew. Majestät Mir auch im Namen der Kaiserin ausdrücken, beweisen Mir von Neuem Eurer Majestät alte Freundschaft, die für daS Wol unserer beiden Völker eben so notwendig ist wir für die Erhaltung des europäischen Friedens. Empfangen Ew. Majestät Meinen aufrichtigsten Dank für Alles, was Euer Telegramm Mir in dieser Beziehung sagt. Möge Gott die Kaiserin in seinen heiligen Schutz nehmen."
3) „Erst gestern erhielt Ich vom General von Schweinitz den genauen Text des Trinkspruches, welchen Eure Majestät bei Gelegenheit der Feier Meines Geburtstages auögebracht haben. Ich finde darin die Gefühle wieder, welche Uns seit langen Jahren verbinden und welche dazu beigetragen haben, die guten Beziehungen zwischen Unseren Ländern, sowie den europäischen Friesen trotz partieller Kriege zu erhalten. Empfangen Ew. Majestät von ganzem Herzen Meine ganze Anerkennung für diese öffentlich au«- gedrückten Gefühle, welche verbleiben werden im Herzen Ihres besten Freundes Wilhelm."
Die „Nordd. Allgem. Ztg." reproduzirt ebenwohl vorstehende Telegramme und sagt: „Wir geben Vorstehendes mit um so größerer Genugthuung unseren Lesern wieder, als der Inhalt Den Beweis liefert, daß die Beziehungen beider so mächtigen, nahe befreundeten und verwandten Monarchen auch heute in demselben Maße wie früher eine zuverlässige Bürgschaft für die Dauer der seit mehr als gefolgt von einem mächtigen Neufundländer, an der Spitze des Zuges schritt.
ES war eine klassisch schöne schlanke Erscheinung; dunkelbraune Locken quollen hervor unter dem Eereviskäppchen, tiefdunkle mädchenzefährliche Augen schauten mutwillig und keck und doch so treuherzig umher und ein kleines Schnurr- bärtchen stand gar prächtig zu dem Antlitze, das einige nicht so ganz unbedeutende „Schmisse" aufzuweisen hatte.
„'n Morgen, Kameel", rief der junge Manu dm Wirt au, der unzählige Complimcnte machte: „'n Morgen, Kameel" rief die ganze Schaar.
Der junge Mann mit den kecken Augen war der tolle Hans. Man kannte ihn auf der Universität, in der Stadt, in der Umgegend nur unter diesem Namen.
Seine Heimath war Esthland, wo fein Vater, ein Kammerherr von Trontstett, ansässig war.
Hans kam nach Deu.schland, um sich auf der Universität allgemeine Bildung anzueignen; d. h. er sollte die Cameral- wissenschaft studieren, und wenn jemals ein „stud, juris et cameral." sich mit diesem Zweige der Wissenschaft vertraut gemacht hat — was sehr selten vorkommen soll! — so wird er sich nicht wundern^ wenn Hans nach fünf Jahren die Grundelemente der Cameralistik noch nicht „recht weg" hatte. Gleichwohl glaubte der Vater des jungen Mannes, daß Hans nach der Menge Geldes, die er gekostet, nun so weit fein muffe, um event. selbst den Lehrstuhl besteigen zu können und rief ihn aus feinen studentischen Himmeln kategorisch zurück, damit er in der Heimath tfuf den väterlichen Gütern die erworbenen Kenntnisse praktisch zu verwerten Gelegmheit hätte.
Bei der großm Beliebtheit des tollen HanS konnte es natürlich nicht fehlm, daß feine Corpsbrüder ihm zu
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d-Annoncen-Bureaur von ®. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jägerische Buchhandlung das elbst;
Herrnann'sche Vuchhandl. daselbst; Jnvalidendani in Berlin; D Thienes iu Elberfeld: 6. Schlotte in Bremen.
Die Reform des ActiettgesetzeS.
Das Neichsjustizamt beschäftigt sich mit der Reform des Acticugesetzes. Kommt diese Reform auch zu spät, um die mit Hülfe dieses Gesetzes von den Gründern angerichteten Schäden zu verhüten, und ist auch das Lehrgeld und die Buße, welche unser Volk für die Irrtümer und Fehler der liberalen Politik bezahlen mußte, eine sehr schwere gewesen, so muß man es doch im Hinblick auf die Zukunft mit Freuden begrüßen, wenn eine gute Reform zu Stande kommt. Die beste Reform wäre freilich ein Verbot des ActienbetriebS für alle industrielle Unternehmungen. Höchstens sollte man die Aclie zulassen für große gemeinnützige Unternehmungen. Und da noch fragt es sich, ob eS nicht besser ist, wenn dieselben der «Staat oder die Gemeindeverbände unternehmen. Die Aette hat als wirtschaftlicher Faktor vollständig Fiasco gemacht und wenn man Fehler abstellen und Reformen einführen will, dann darf man die -böse Wurzel nicht stecken lassen, sonst ist alle Reform verlorene Mühe. Bleibt die Actie als wirtschaftlicher Faktor bestehen, so wird sie sich immer wieder einen Ausweg suchen, wie der Unkcautsame, wenn man auch dicke Schollen auf ihn legt: er treibt seine Keime durch die fernsten Ritzen. In der Actie selbst liegt der Fehler, weil sie den Geschäftsunteruehmer jeder persönlichen Verantwortlichkeit entbindet uno lediglich den Geschäflsgewinn als GeschäftS- princip ctablirt. Das rninirt den Geschäftsbetrieb. Die Actie entkleidet den Geschäftsbetrieb seine» sittlichen Charakters als Beruf und macht ihn selbst wie die menschliche
Erscheint« täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quattal mit der wöchentlichen Beilage ..ZSnftrirteS SouutaaSblatt" durch die Ervedition -KvL'scke Buchdruckerer) bezogen 3$ durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). — Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfa
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf», berechnet.
Arbeit zur Handelswaare. Hier steckt daS Verderben.
Möchte man bei der Reform das ja nicht übersehen. Will JUL unser Geschäftsbetrieb wieder gehoben werden, dann muß
wortlichkeit, nicht aber von der Ueberzeugung und Absicht, einem bestehenden dauernden Verkehrsbedürfnisse entgegen zu kommen, leiten lassen. So ist man im Reichsjustizamte insbesondere auf Maßregeln gegen sämtliche Gründergewinne bedacht, worüber bereits verschiedene Vorschläge gemacht sind. Unter andrem ist befürwortet worden, daß die illegitimen mehrfach durch allerlei Scheinoperationen gesteigerten und ber. Oeffentlichkeit sich entziehenden Grüuderge- winne auf eine dem Risico wenigstens annähernd entsprechende, jedenfalls ' aber dem öffentlichen Urteil unterworfene Prämie zurückgeführt werden, und daß andererseits wenn Anlagen von der zu errichtenden Gesellschaft übernommen werden sollen oder wenn ein Actionär eine auf das Grundcapital auzurechneude, nicht in baarem (Selbe bestehende Einlage macht, bas Verhältniß ber festgesetzten Kaufpreise zu ben darin mit enthaltenen Vorteilen der Gründer und anderer Zwischenpersonen und auch zu dem reellen Werte der Objekte für die Prüfung und Beurteilung seitens des Publikums zugänglich gemacht werde. Zunächst sind als Vorarbeiten int Reichsjustizamte in Angriff genommen worden: Eine Sammlung des statistischen Materials, eine Darstellung der ausländischen Actiengesetzgebung, eine Zusammenstellung der amtlichen Vorschläge und Gegenvorschläge und eine Uebersicht der bezüglichen Rechtsprechung der deutschen Gerichtshöfe und zwar im Gebiete des Civil- und Strafrechts.
Tsgrsr-ericht.
Der „Reichs-Anzeiger" ist auf Allerhöchsten Beseh! in den Stand gesetzt, anläßlich der Geburtstagsfeier des Kaisers Wilhelm die zwischen Diesem und dem Kaiser Alexander gewechselten Telegramme zu veröffentlichen. Am Morgen deS 22. März erhielt Kaiser Wilhelm daS nachstehende Telegramm des Kaisers Alexander: „Veuillez recevoir nos felicitations et voeux de coeur pour votre 83me anniversaire de naissance. Que Dieu vous äccorde encore bien des annees de vie, de sante et de paix pour le bonheur de vos peuple. Je compte plus que jamais sur votre ancienne et constante amitie comme vous pouvez compter sur la mienne pour le maintien et la consolidation des bons rapport s entre nos deux nations qui sont d’accord avec leurs inte- rets communs. Nous allons vous feter. Pussions nous avoirs cette satisfaction encore biens de fois.“ ) Auf vorstehendes Telegramm antwortete Kaiser Wilhelm: „Les sentiments et les voeux, que vous m’exprimez ainsi qu’au nom de l’imperatrice me prouvent de nouveau votre ancienne amitie qui pour le bonheur de nos deux nations et si necessaire ainsi que pour le maintien de la paix europeenne. Recevez mes plus sin- cöres remerciments pour tout ce que votre telegramme me dit sous ce rapport. Que Dieu prenne l'impera- wcsen sein und hätte damals ein Gendarm sich in Begleitung seines Gastes befunden.
Mittlerweile wurde es Nachmittag.
In den Zweigen der Linde summten und surrten die Bienen; Gottlieb ttank seinen sechsten Schoppen; Krumm- stechcr erhob sich von seinem Nachmittagsschläfchen und der schieläugige Kerl überlegte soeben, »wen er nunmehr mit seinen Ideen über das neunzehnte Jahrhundert beglücken sollte: da klang von Weitern, doch immer näher und näher kommend, begleitet von dem Bellen der Hunde, dem Jauchzen der Dorfjugend das alte Studentenlied:
„Ucberall bin ich zu Hause, Ueberall bin ich bekannt, Macht daS G ück im Norden Pause Ist der Süd mein Vaterland.
Lustig hier und luftig Da: Ubi bene, j 4 patria.
„Ubi bene, ibi patria“, sang mit donnernder, wenig harmonischer Stimme der Chor; Gottlieb war aufgesprungen um dm Ankommenden entgegenzueilen; der Frcihcitsapostel wars einen wilden Blick auf die frohsinnigen jungen Männer und wandte sich zum Gehen, wobei er, vermuthlich in der Zerstreutheit, ein Tischmesser zu sich steckte; Krummstecher blieb, daS alte Sammetkäppchen in der Hand, vor der Thür stehen; droben endlich aus dem Giebelfenster schauten durch die weißen Gardinm, die Levkojen und Meerzwiebeln hindurch, die Blauaugen und spähten nach — dem tollen Hans. —
Da erschienen die Herren Studenten auf dem freien Platze unter der Linde, etwa zwanzig bis dreißig; hell leuchteten die hellblauen silbcrglsticktcn Käppchen, hell blitzten in der Sonne die wuchtigen Paradehieber; Heller noch als beide die dunklen Augen eines der Studenten, der