Är. 71.
jiiu.fiurg, Mittwoch, 24. März 1880
XV. Mgaig
Anzeigen nimmt entgegen: Mt Expedition d.vlatte«, owie d Annoncen-Bureauz von Tv. Dietrich L Co. in Raffel and Hannover; Th. Dietrich in Frantfurt a.M.; Haasenstein & Bögler iv Zranstnrt a M., Berlin Zripzig, LStn rc.; Rudolf Sficffe in Berlin, Frank» tut! a. 'A lt.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d.Annoncen-Bureanx von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendsnk in Berlin; W. ThieneS in Llberfeld; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach sonn» uni Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrtrteS LvuntagSblatt" durch die Expedition (Roch'sche Buchdruckerei) bezogen S', Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (epi. Bestellgebühr). - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,.
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Zur Rechtschreibuugsfrage. '
Was doch die Parteileidenschaft thut! und was sie zu Wege bringen kannl Wenn man weiß, worum eS sich bei dem großen Lärmen um die „Puttkamersche" Rechtschreibung sachlich handelt, so schlägt man verwundert die Hänve zusammen, und fragt: Wie eS möglich ist, daß Männer des geschäftlichen Lebens über diese Anordnung deS Herrn von Puttkamer solches Geräusch machen können! Anders ist es mit den wissenschaftlichen Theoretikern, oder soll ich sagen Fanatikern. Diese haben in ihrer Weise Ursache, mit Herrn v. Puttkamer unzufrieden zu sein, weil er von dem praktischen Standpunkte eines geistlichen Minister» und vor Allem im Interesse der Schule einem Kampfe einigermaßen Einhalt gethan hat, der wissenschaftlich noch nicht zur Entscheidung reif ist, und in der Weise, wie er bis jetzt gesührt wurde, aus die Arbeit der Schule sehr verwirrend und hemmend einwirkte. Da sind von der einen Seite die Historiker, die, von der Geschichte unserer Schriftsprache ausgehend, sich nicht begnügen, eine einfachere und angebrachtere Schreibung für die gegenwärtige Gestalt unserer Schriftsprache zu erstreben, sondern diese selber verbessern wollen in der Weise, daß durch eine neue Schreibung mancher Wörter auch ihre Aussprache berichtigt, d. h. mit gewissen von jenen Herren aufgestellten Sprachgesetzen übereinstimmend gemacht werde. Da sind von der anderen Seite die Phonetiker, die verlangen, eö solle für jeden Laut nur ein bestimmtes Lautzeichen festgestellt und dann geschrieben werden, was und wie wir sprechen. Jene gehen über die Frage wegen einer Verbesserung unserer Schreibweise hinaus, und mengen die Frage wegen einer Verbesserung unserer Sprache hinein. Diese bedrohen uns mit der Gefahr, daß unsere im Wesentlichen übereinstimmende Schbeibwcise völlig zerstört werde, da in verschiedenen Gegenden Deutschlands ein und dasselbe Wort unserer Schriftsprache sehr verschieden gesprochen wird, und die Phonetiker der verschiedenen deutschen Landschaften nothwendig zu einer sehr verschiedenen Schreibweise kommcn^nüssen. Beide Parteien haben sich auf dem Felde der Schule und deS Sprachunterrichts durch die Thal geltend zu machen gesucht; und da der Streit noch lange nicht zur Entscheidung reif geworden ist, so haben sie sich sehr verschieden entschieden,
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Ein Abenteuer mit einer Leiche.
Aus der Erinnerung eines amerikanischen Staiionsverwa^ers-
Der Zug Nr. 39 war eine ganze Stunde verspätet, die Ursache dafür ergab sich^von selbst. Ein furchtbarer Sturm wüthete schon zwölf stunden lang: der Regen fiel in Strömen aus einem dunklen Gewölle, welches den ganzen Himmel überhing, und dabei folgte ein Donnerschlag dem andern. Es war schon sieben Uhr, als endlich die rothen Lichter des Zuges bei der nächsten Kurve sichtbar wurden, und ich fühlte mich erleichtert bei dem Anblicke dieser Lebenszeichen. Zwei Brücken auf meiner Strecke gehörten zu den unsichersten der ganzen Linie. WaS konnte bei einem solchen Wetter Alles geschehen! Doch, jetzt war der Zug da und meine sorgen vorüber. NervöS hatte mich die Sache aber doch gemacht und dazu kamen an diesem Abend noch andere Dinge, um mich in Aufregung zu versetzen. Um 11 Uhr 30 Minuten Vormittags sollte ich ein Geld- packet von 13,000 Dollars erhallen. Es kam nicht und war mir mit diesem Zuge avistrt. Der Gedanke, diese große Summe Geldes über Nacht in meiner Verwahrung lassen zu müssen, war eben nicht angenehm, da ich allein die Station bewohnte. Zwei Passagiere verließen den Train; eigentlich sollte ich sagen, nur ein Pasiagier, denn der andere wurde in einem hölzernen Sarge aus dem Gepäckwagen gehoben.
Wer ist eS? fragte ich, als die unheimliche Fracht in das Stationsgebäude getragen wurden
Die Leiche meiner Schwägerin, antwortete der fremde Herr, welcher auSgestiegen war. Sie war tie Nichte des Herrn Eldridge, den Sie wohl kennen werden, und soll nun hier in der Familiengruft beigesctzt werden.
und die Schüler einer mehrklassigen Schule können in den Fall kommen, in jeder Klasse sich eine neue Schreibweise aneignen zu müssen, um ihren Lehrer zufrieden zu stellen. Dies hat sich je länger je mehr alö unleidlich herausgestellt. Es ist Herrn Rudolf v. Räumers Verdienst, daß er der überhandnehmendcn Verwirrung fest entgegengetreten ist, und behauptet hat:
1) Wir haben eine im Wesentlichen feststehende und durch die bisher geltende Schreibweise vertretene Schriftsprache, und bei der Frage wegen Verbesserung unserer Schreibweise handelt es sich hauptsächlich um möglichst einfache und zweckmäßige Darstellung derselben durch Buchstaben, nicht um Verbesserung der Sprache selbst.
2) Wir haben^auch eine im Wesentlichen feststehende und zweckmäßige Schreibweise, und diese ist als die anerkannte Darstellung unserer Sprache daö sprachliche Band, daS alle Deutsche zur Einheit eines Volkes verbindet, darum auch sorgfältig zu erhalten.
3) Unsere Schreibweise leidet aber an einigen Mängeln. Derselbe Laut wird oft nicht durch ein und dasselbe Zeichen ausgedrückt, und manches Zeichen bezeichnet an verschiedenen Stellen verschiedene Laute, ohne daß durch einfache durchgreifende Regeln fest stände, durch welche Zeichen ein Laut an seiner Stelle ausgedrückt werden solle.
4) Da auf diese Weise in vieler Beziehung Zweifel und Willkür das Festwerden in der Rechtschreibung gar sehr erschwert, so ist eine Verbesierung des Bestehenden und eine Vereinfachung der Regeln zu erstreben, dabei aber mit großer Behutsamkeit und Schonung zu verfahren.
Daß die Leidenschaftlichen unter den Theoritikern beider Seiten mit diesen Grundsätzen nicht einverstanden sind, war zu erwarten. Aber auch solche Freunde der Schule, welche in der Hauptsache mit Herrn v. Raumer einverstanden sind, werden durch die Weise, wie er dieselben praktisch durchgeführt hat, schwerlich befriedigt sein. Denn die Punkte, die den Lehrern beim Unterrichte in der Rechtschreibung die meiste Not machen, als die Anwendung de« e oder ä, die Verwendung der verschiedenen Zeichen für die Zischlaute und die verschiedene Bezeichnung der gedehnten Selbstlaute, haben keine Verbesserung durch Aufstellung und Durchführung einfacher Regeln erfahren. Jeder Versuch der Art würde nämlich zu einer so weit greifenden Aenderung der bis jetzt gebräuchlichen Wortschreibung geführt haben, daß man dann wirklich mit einiger Wahrheit von einer neuen Orthographie reden könnte. Davor aber hat sich Herr v. Raumer gescheut, und daS Bestehende in einer Ausdehnung geschont, daß der Lehrer im Rechtschrcibe- unterrichte durch seine Festsetzungen nur wenig Erleichterung gewonnen hat. Im Vergleiche mit dem, was er hat stehen lassen, ist das, was er geneuert hat, so überaus geringfügig, daß man in einem nach v. Raumer« Vorschriften geo ruckten Buche wird ganze Seiten lesen
Und Sie wollen die Leiche über 'Nacht hier lassen, fragte ich wieder.
Ja, sagte er kurz. Glauben Sie, daß ich selbst noch nach der Villa des Herrn Eldridge gelangen kann?
In diesem Sturm, erwiderte ich, wird cs wohl schwer sein; ich rate Ihnen lieber in dem nahen Hotel zu übernachten. Ich zeigte darauf dem Fremden noch die Richtung, in welcher das eine Viertelstunde, Wegeö entfernte Hotel lag und ging selbst zum Zugführer.
Dieser übergab mir da« Packet mit dem Gelde und meinte: Sei auf Deiner Hut, Bill. In dem Packele hier ist genug enthalten, um einen unserer Buschklepper zu veranlassen, eine Kugel in Deinen Kopf zu logiren, ohne daß Du Gelegenheit hättest, gegen diese Einmietung zu prote- stiren. Ich gab eine scherzhafte Antwort, die aber, offen gestanden, nur gezwungen von meinen Lippen kam; dann gab der Condukteur das Zeichen, ein schriller Pfiff der Lokomotive ertönte und im nächsten Augenblicke fetzte sich der Zug in Bewegung. Ich blickte noch den roten Lichtern nach und als sie im Dunkel der Nacht verschwunden waren, überkam mich da« Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit in seiner ganzen Schwere.
Im Hause eingetreten, warf ich noch einen Blick nach dem Sarge, der in einer Ecke des Gepäckraumes aufgestellt war und ging dann in mein anstoßendes Zimmer, um mich möglichst gemütlich für den Abend einzurichten.
Ich legte einige frische Scheite Holz in das Kaminfeuer, stellte Wasser zu, um mir einen Grog zu brauen, stopfte die Pfeife, nahm ein Zeitungsblatt zur Hand und setzte mich in meinen alten Lehnstuhl. Alles war vorbereitet, um einen ruhigen Abend zu genießen. Der Sturm, der draußen heulte, machte ein warmes Zimmer, doppelt
können, ohne nur einmal auf etwas Ungewohntes zu stoßen, während man in manchen neueren Drucken kaum eine Zeile ohne Anstoß lesen kann, weil auf die Schreibung historische oder phonetische Grundsätze Einfluß gewonnen haben. Wer also mit der Sache und deren Entwickelung in dem letzten Menschenalter vertraut ist, dem kommt beim Lesen der Zeitungen das Wort in den Sinn: Taut de bruit pour une omelette!
Bedenkt man aber, daß bei dem in der Wortschreibungsfrage geführten Streit der allergrößte Teil unseres Lehrer- personal« zu einem begründeten Urteile so gut wie unfähig ist, daß aber von den verschiedenen Strömungen im Verlaufe des Kampfes alle Lehrer bis zu der kleinsten Dorfschule herunter bald so bald anders berührt werden, daß also die Gefahr drohte, diesen Teil des Unterrichts in gänzliche Ratlosigkeit gestürzt zu sehen, weßhalb auch bereits an vielen Orten die Lehrer-Collegien an mehrklassigen Schulen zusammengetreten sind und sich über eine auf ihrer Schule fest zu haltende Schreibweise verständigt haben, so muß bie gesammte Schulwelt, d. h. das ganze Volk, Herrn von Puttkamer Dank sagen, daß er durch seine Verordnung die v. Raumer'sche Schreibweise für alle Schulen als Regel vorgeschrieben, und dadurch, so viel an ihm ist, dem trostlosen Schwanken und der störenden Verwirrung ein Ende gemacht hat.
Völlig sinnlos aber ist eS, wenn solche Männer gegen Herrn v. Puttkamer Sturm laufen, welche von der Sprachwissenschaft nichts verstehen, und verständigerweise doch nur das Jnlereffe haben können, bei ihrer einmal gelernten und fest angeeigneten Schreibweise zu bleiben, ohne darin ungemütlich gestört zu werden. Denn sie gerade haben sich bei Herrn v. Raumer und Herrn v. Puttkamer schönstens zu bedanken, daß sie vor den Störungen durch die Historiker und Phonetiker vor der Hand geborgen sind, unb bi« an ihr Ende bei ihrer Schreibweise ohne Aergernis verbleiben können. Wenn sie dennoch in leidenschaftlicher Weise gegen Herrn v. PuttkamerS Verordnung Front machen, so thun sie es entweder aus Gründen, welche mit der Sache nichts zu thun haben, oder weil sie — und das dürfte bei den Meisten der Fall sein — die v. Raumer'sche Rechtschreibung gar nicht kennen. Diese letzteren sollten doch vor Allem sich das Büchlein: „Regeln und Wörterverzeichnis für die deutsche Rechtschreibung zum Gebrauch in den preußischen Schulen, Berlin, Weidmann'sche Buchhandlung, 1880", das in jeder Buchhandlung für 15 Pfennige zu haben ist, einmal genau ansehen. Sie werden dann erstaunt sein, daß man über diesen Gegenstand so viel Staub aufge»' wirbelt und sogar den hohen deutschen Reichstag damit in Aufregung gebracht hat.
Ob jedoch die gegenwärtige Schreibweise wird auf die Dauer bleiben können, oder tote sie beträchtlich vereinfacht und der Unterricht in der Rechtschreibung wesentlich er-
schätzenswert. Trotz Allem vermochte ich mich aber nicht behaglich zu fühlen. Die Pfeife wollte nicht brennen, der Grog schmeckte mir nicht und für die Zeitung sand ich keine Aufmerksamkeit Nur um mich zu zerstreuen, begann ich auf das Spiel des Morse'schen Telegraphen-Apparates zu lauschen, dessen Geklapper mir zur leichtverständlichen Sprache eine« Freundes geworden war. Ein furchtbarer Donnerschlag übertäubte für einen Augenblick Alles, bann hörte ich wieder auf den Apparat und fuhr plötzlich erschrocken zusammen. Ganz deutlich hörte ich ihn rufen:
„Watch de hox!“ (Gieb Acht auf bett Sarg.)
Nach einer Weile abermals: Gieb Acht auf ben Sarg! Unb bann zum britten Male: Gieb Acht auf bett Sarg!
Mit meiner Ruhe war es nun ganz vorüber. Wer sandte die Depesche? WaS sollte sie bedeuten? Ich empfand nun klar unb beutlich, daß mir etwa« Lesonbere« bevorstanb. Unwillkürlich nahm ich meine alte Pistole vorn Kasten herunter, bie mir, ungelaben unb verrostet, wie sie war, von keinem großen Nutzen sein konnte. Dann sah ich nochmals nach, ob baS Hau« gut verwahrt sei, schloß sorgfältig bie Fensterläden unb öffnete gänzlich die Thür, welche von meinem Zimmer in den Gepäckraum führte, damit ich den Sarg immer im Auge behalten könne. Ich setzte mich bann zum Apparat und fragte die Stationen auf der Linie, ob sie an mich depeschirt hätten. Alle antworteten: „Nein!"
Ick dachte, daß ich mich am Ende doch verhört hätte, setzte Zürich wieder zum Fenster und hielt meinen Blick auf den Sarg gerichtet, der mit jetzt ganz unheimlich geworden war, als plötzlich der Apparat wieder ganz deutlich tief: „Gieb Acht auf den Sarg", und diese Warnung dreimal wiederholte. (Schluß folgt.)