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Marburg, Dienstag, 23. März 1880
XV. ^atrgiog
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GkWschk ZcitiiW.
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Tagesbericht.
Das Präsidium des deutschen Reichstags, bestehend aus den drei Präsidenten, brachte, wie bereits erwähnt, am Sonnabend Nachmittag 2 Uhr Sr. Majestät dem Kaiser zu seinem Geburtstage die Glückwünsche des Reichstags dar. Se. Majestät drückte dem Präsidenten Grafen Arnim- Boitzenburg, nachdem derselbe den Gefühlen, welche die deutsche Reichsvertretung an diesem Tage durchdringen, Ausdruck verliehen, seinen wärmsten Dank auS. Hieran anknüpfend gab Se. Majestät weiter seine Befriedigung zu erkennen über den Verlauf, welchen die Verhandlungen und Be- schlüsfe des Reichstags seither genommen, die zu recht ersprießlichen Erfolgen geführt hätten; Se. Majestät gab sodann weiter die Hoffnung zu erkennen, daß auch die weiteren Verhandlungen des Reichstags nach dem Osterfeste in gleicher, dem Wohle des Vaterlandes entsprechender Weise verlaufen werden. Die Berichte der Kommissionen, welche bereits vorliegen — und Se. Majestät betonte hierbei namentlich die Militärvorlage — ließen ja das Bestreben erkennen, in möglichster Einhelligkeit mit der RcichS- regierung für daS Wohl des Reiches zu wirken und eS stehe somit auch wohl zu hoffen, daß daS Plenum sich dem Bestreben der Commission anschließen werde. — Demnächst unterhielt sich 'Se. Majestät noch längere Zeit mit jedem Einzelnen der drei Herren. Dem zwiten Vicepräsidenten, Hofrath Ackermann aus Dresden, sprach Se. Majestät sein tiefes Bedauern aus, daß der Landessürst dieses Herrn, König Albert von Sachsen, durch Krankheit behindert sei, wie eS ursprünglich seine Absicht gewesen und bisher immer geschehen, an diesem Tage Persönlich seine Glückwünsche nach Berlin zu überbringen. Gegen 21 2 Uhr war die Audienz beendet.
Der „Reichs-Anzeiger" bemerkt, daß die „Germania" und die übrigen Blätter, welche das Breve des Papstes vom 24. Februar abdrucken, in der lateinischen Stelle desselben: passurus ut borussico gubernio ante canonicam institutionem nomina exhibeantur sacerdotum illorum quos ordinarii dioecesium ad gerendam animarum curam in partem suae sollicitudinis creant — von dem amtlich bekannt gewordenen Texte insofern abweichen, als eS in cem amtlichen Texte vocant anstatt creant heiße. In einer officiösen, dem deutschen Botschafter in Wien zu- gcgangenen naitzösischerr Ueberfetzung laute die betreffende Stelle: nous tolerons que les noms des pretres que les eveques s’associeront pour partager avec eux les sollicitudes dans la Charge des ämes soient notifies au gouvernement prussien avant leur Institution cano« nique. ,
In Bezug auf das Verhalten der preußischen Regierung zu dem Briefe des Papstes wird von verschiedenen Seiten im Wesentlichen gleichblcibend Folgendes gemeldet: Im Foyer des Reichstages wurden am 18. d. M. die sonst besonders gut informirten Persönlichkeiten mit Fragen.bestürmt, waS wohl der gestern unter dem Vorsitze des Reichskanzlers stattgehabte Ministerrath beschlossen haben möge. Von allen Seiten wurde bestätigt, daß man sich dort mit kirchenpolitischen Angelegenheiten beschäftigt habe, die mit dem jüngsten Schreiben des Papstes an den Erzbischof von Köln in Verbindung stehen. Allein über das, was der Ministerrath beschlossen, vermochte Niemand Auskunft zu geben. Um bindende Beschlüsse, die eine sofortige Aen- derung der Maigesetze bezwecken, wird t< sich für'S Erste nicht handeln; man will an unterrichteter Seite wissen, daß dem preußischen Landtag in seiner Nachsession noch keine Vorlage zur Aenderung unserer Kirchengesetzgebung zugehen werde. Im Schooße der CentrumSfraklion ist man keineswegs optimistisch gestimmt, während man andererseits erwartet, daß die Regierung bald und entschieden den versöhnlichen Schritt des Papstes mit Concesstonen beantworten werde. Von der Curie wird, wie man hört, dringend die Aufhebung des kirchlichen Gerichtshofs verlangt, die diesfeits noch nicht zugestanden ist und auch kaum con-
cedirt werden dürfte. Dagegen ist man bereit, die gesetzlichen Bestimmungen über das Cultur-Examen der Geistlichen aufzuheben und in Verhandlungen darüber einzutreten, aus welche Weise den Diöcesen kirchliche Obern gegeben werden können. Das Gerücht, daß der König die verurthciltcn Bischöfe begnadigen werde, wird allgemein für unbegründet erachtet An eine Aufhebung des Ordensund KlostcrgesetzeS in Preußen, ist eben so wenig zu denken, alö an die Beseitigung des Jesuitengesetzes im Reiche, doch scheint entschieden zu sein, daß die Ausführung des OroensgefctzeS eine weit mildere werden soll, als dies bis jetzt der Fall gewesen. Die nächste Zukunft dürste schon den Beweis liefern, daß auf dem Verwaltungswege Vieles beseitigt werden kann, waS die Centrumsfraktion seit Jahren zu billigen Klagen veranlaßt hat. Eine gesetzliche Regelung dürfte bei den großen Schwierigkeiten nicht so schnell vor sich gehen. Heute hatte der Unterstaats- secretär im Cultusniinisterium v. Goßler mit dem Geh. Rath Hübler eine längere Conferenz.
Der Eintrag der Beschlüsse der Generalversammlung der rumänischen Eisenbahn-Gesellschaft vom 3. März in das Berliner Handelsregister ist nunmehr erfolgt. Der Vollzug des Vertrags erfolgt am 22. März.
Ein offizielles Communique der „Polit. Corresp." con- statirt, daß die Regierungskreise der durch ein Wiener Blatt erfolgten Veröffentlichung von Schriftstücken bezüglich der schwebenden Unterhandlungen wegen der Eisenbahn-Convention mit Serbien vollständig ferne stehen. Die Veröffentlichung enthalte mehrfache Unrichtigkeiten und Entstellungen, wie denn der Inhalt des abgedruckten ConventionS Entwurfes in einigen der wichtigsten Artikel, beispielsweise bezüglich der Tarifbestimmungen, mit den thatsächlich vorliegenden Anträgen nicht übereinstimme. ES sei darauf um so mehr aufmerksam zu machen, als eine von solchen Unterlagen ausgehende Beurteilung der Ergebnisse der schwebenden Unterhandlungen mindestens verfrüht erfcheine.
Deutsches Reich.
V" Berlin, 20. März. Berlin zeigt heute ein festlich Gewand. Auf und von den Dächern herab wehen Flaggen und Fahnen in den deutschen und preußischen wie auch hier und da in anderen Bundesfarben, in den Schaufenstern der Läden erblickt man in reichen Draperien die lorbeer- umkränzte Büste deS Kaisers. Die Militärpersonen durchziehen im Paradeanzug die Straßen, die Postillione erscheinen im Galaanzug — kurz, alles trägt oaS Zeichen des Festschmuckcs. Die Schulen, die Behörden und Corpo- rationen haben sich gleichfalls vereint, um an dem heutigen Tage vie offizielle Feier des Geburtstages unseres deutschen Kaisers zu begehen, da der eigentliche Tag, der 22. März bereits in die sogenannte stille Woche fällt. Freudiger Stimmung begnet man überall und er selbst der Silbergreis welcher heute seinen 84. Geburtstag begeht befindet sich trotz seines hohen Alters in einer so herrlichen männlichen Frische, wie sie selten von Gottes Gnade einem so hohen Alter verliehen. Alle Klassen der Bevölkerung haben sich an dieser Feier beteiligt. Die Militärbevölkerung in der üblichen Weise durch die Speisung der Mannschaften und durch die persönlichen Glückwünsche der höheren Offiziere, die Civilbevölkerung durch ein offizielles Diner der städtischen Behörden und durch die öffentliche Kundgebung von der Galerie des RathhauseS herab, von welcher Mittags 12 Uhr der Choral „Nun danket alle Gott" wie auch_ eine Reihe patriotischer Lieder von einem starken MusikkorpS herabgeblasen wurde. Die offiziellen Kunv- gebungen bei Sr. Majestät selbst, die Gratulationscour, war in der Art geordnet, daß um 11' 2 Uhr die Generale und Militärbevollmächtigten, um 12 Uhr die Commandeure der Leibregimenter, um 12^ Uhr die aktiven Staatsminister, unter Vortritt deS Vicepräsidenten deS Staatministeriums Grafen zu Stolberg-Wernigerode, um 1 Uhr die land- fäfsigen Fürsten und deren Gemahlinnen, um l3/< Uhr der Bundesrath unter Führung des Reichskanzlers Fürsten v. BiSmarck und um 2 Uhr das Präsidium des Reichstages die Ehre des Empfanges hatten. Militärischerseits wurde der Geburtstag des Allerhöchsten Kriegsherrn um 11 Uhr durch die Ausgabe der Parole gefeiert. Nachmittags traten die verschiedenen Offizierkorps zu Diners zusammen, während die Mannschaften sich des AbeittS in geeigneler Weise vergnügten. Die Königliche Akademie der Künste v ran- staltete zu Ehren deS Tages eine öffentliche Sitzung in der Singakademie, wobei der Direktor der Nationalgalerie, Dr. Jordan die Festrede hielt, welcher der Choral von I.
S. Bach „Lobe den Herrn" voranging. Die Motette von Haydn „Du bist's, dem Ruhm und Ehre gebührt", schloß die Feier. In sämmtlichen Schulen der Stadt wurde die Jugend in entsprechender Feier auf die hohe Bedeutung deS Tages aufmerksam gemacht. Um 412 Uhr findet daS Familiendiner bei Sr. Könizl. Hoheit dem Prinzen Friedrich Carl statt. Gleichzeitig ist die Marschallstafel im Garde du Corps-Saale fervirt. — Das diplomatische CorpS war zur Feier des Tages zum Festmahl beim Fürsten Bismarck vereinigt, daß preußische Staatsministerium, die Räthe deS auswärtigen Amtes und die vortragenden Räthe der verschiedenen Ressorts waren vom Vizepräsidenten des Staats- ministeriumS ^Graf zu Stolberg-Wernigerode zum Diner geladen. Die Staatssecretäre des Reichs und die Minister, welche gleichzeitig Reichsminister sind, waren vom Staatsminister Hofmann ebenso auch die betreffenden Räthe zu einem Diner vereint. Genug, in allen Teilen der Bevölkerung wurde in schlichter und herzlicher Weise die Feier des heutigen Tages begangen und überall ertönten die Wünsche, daß der Allmächtige den siegreichen Monarchen dem Vater- lande noch lange erhalten möge. — Nachmittags um halb 5 Uhr fand anläßlich des Geburtstages des Prinzen Friedrich Karl bei Letzterem Familientafel und Abends um 9 Uhr zur Feier des Geburtstages des Kaisers eine Soiree im weißen Saale statt, wozu 750 Personen eingeladen sind, darunter die Prinzen und Prinzessinnen, die fremden ein- getroffeuen Herrschaften, vie Botschafter, Generale rc. — Prinz F riedrich Karl empfing heute Vormittag die Glückwünsche der Majestäten, der Mitglieder des Königlichen Hauses und der fremden Fürstlichkeiten. — Die Mitglieder deS Reichstags sind fast sämmtlich in ihre Heimath zurück- gekehrt, und nur noch wenige von ihnen sind noch hier verblieben, werden aber ihren Vorgängern auch schon in den nächsten Tagen folgen, so daß dann nur noch die hier in Berlin wohnhaften Mitglieder anzutreffen find. Am 6. April, wo der Reichstag wieder zusammentritt haben schon Vormittags die Deutschconservativen und am Abend die Deutsche Reichspartei Fraktionssitzungen.
Halle a. 0. S. 20. März. Heute Vormittag stießen im hiesigen Bahnhofe zwei Personenzüge zusammen. Viele Personen wurden verletzt, 4 sollen getödtet worden sein. Mehrere Waggons wurden zertrümmert. — lieber das Unglück liegen jetzt noch folgende nähere Nachrichten vor. Fast zu gleicher y eit treffen auf dem Hallischeu Bahnhof zwei Züge ein, der eine, welcher von Magdeburg kommt, um 9 Uhr 57 Minuten Vormittags, der andere aus Halberstadt eine Minute später. Für beide Züge war das Einfahrtssignal gegeben, der Magdeburger Zug war bereits auf das Mittelgeieis eingelaufen, als der eine Minute später fällige Halber- städler Zug auf dem rechts gelegenen Hauptgeleiö in den Bahnhof einlief; doch der Zug blieb hier nicht stehen, eine Weiche war falsch gestellt und über ein in das Mittelgelcis auslaufendes Seitengcleis bog der Halberstädier Zug ein, gerade auf den Magdeburger Zug zu, ein Katastrophe schien unvermeidlich, ein schriller klagender Pfiff, der Lokomotivführer gab Contredampf, doch — das Grausige war nicht mehr adzuwenden, der Zusammenstoß der beiden Züge erfolgte, der Halberstädter Zug streifte noch den Raugirzug. Mit solch gewaltiger Wucht stießen die beiden Personenzüge auf einander, daß beide sofort aus den Geleisen gehoben wurden. Rechts und links stürzten die Waggons auf die Geleise, hier waren die Seitengewände vollständig ausein- andergeriffen, dort die Trittbretter abgerissen, die Fenster zertrümmert; ein entsetzlicher, furchtbarer Anblick. Die Maschine des Halberstädter Zuges bohrte sich in die Waggons ein, das Unglück nahm hierdurch größeren Umfang an. Ein markerschütterndes, herzzerreißendes Wehegeschrei erhob sich, aus den Waggons drangen die lautesten erschütterndsten Hülferufe, ein entsetzlich fürchterlicher Anblick bot sich dar. Hier sah der Gatte seine Gattin blutcnv unter den Trümmern deS eingestoßenen Waggons liegen, bort mußte der Vater, welcher nach feinem kleinen Sohn rief, den grausigen Anblick erleben, daß fein Liebling mit dem Kopfe unter ein Maschinenrad.geraihen und so sein jugendliches Leben hatte aushaucheir muffen. Hier lag wieder eine Frau, welcher die beiden Beine abgefahren waren. Schnelle Hülse war bei der Hand, sofort begannen die Rettungsarbeiten, viel Müh' und Schweiß war nothwendig, aus den schrecklichsten, erbarmenSwerthen Situationen wurden die Unglücklichen so schnell als möglich befreit und in Sicherheit gebracht. Die Zahl der Lvdtcn beträgt 4, die der Schwerverwundeten 16 (darunter zwei Hoffnungslos), die der Leichtverwundeten 4. Der an dem Unglück schuldige Weichensteller, Namens Schnabel, hat sich erhängt. Er hinterläßt acht Kinder. — Die Betriebsstörung ist vollständig beseitigt.