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Marburg, Dienstag, 16. März 1880

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Anzeigen nimmt tmgcgen: die Expedition d.vlatte«, sowie d.Annoncen-Lureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Franthurt a.M.; Bsenstein & Vogler in tlfurt a M., Berlin, zig, Cöln re.; Rudolf Kofft in Berlin, Frank­furt a. M ir.

GttMlhk jfitimn.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d-Annoncen-Bureaux von @. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Herrnann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene» in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach »onn- und Feiertagen. Pre.S für da» Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JSustrirteS SonutagSblatt" durch die Expedition (Kock'sche Buchdruckerei) bezogen U Mark, durch die Postämter de» Deutschen Reiche» 2 Mark 50 Pf«, (erd. Bestellgebühr) - Jnsertionsgebühr sür die gespaltene Me 10 «ka

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet. V

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Die Bewegung des Nihilismus.

Im Jahre 1869 wurden folgende anonyme socialistische Schriften in Rußland verbreitet: 1) Formel der revolu­tionären Frage; 2) Principien der Revolution; 3) Ver­öffentlichungen der Gesellschaft des Volksgerichts (Narotb naja razprava). Nr. 1. Sommer 1869. Moskau. Interessant war vorzüglich der Inhalt der „Formel der revolutionären Frage." Darin wurde ganz besonders her- vorgchoben, daß es nicht nothwendig sei, weil eben zu lang­wierig, das Volk zu belehren, sondern vor Allem zu em­pören. Im selbigen Jahre wurde auch der Socialist Jwa- noff in Moskau, weil man ihm nicht mehr traute, von Retschajeff erschaffen Dies führte zu einer großartigen Untersuchung und Jnhaftirung von ungefähr 80 Com- promittirten; Netschajeff, der eigentliche Mörder, jedoch hatte sich noch rechtzeitig durch die Fluckt nach England 'gerettet, wo er im Frühjahre 1870 die „Obschtschina" (Commune) herausgab. Späterhin, im Jahre 1876, während sich N. in der Schweiz aufhielt, ereilte ihn jedoch sein Schicksal, indem er daselbst auf Ansuchenedcr russischen Regierung verhastet und ausgeliefert, später verurtheilt wurde.

Besonders scharf trat die socialistische Bewegung unter

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dichter vertheidigten, hatte vor der Masse etwas Jmpo- ürende» und viele neue Elemente schlossen sich der Be­

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; selchem alle diese Angeklagten ihre Principien vor dem l hör her

fingestellt.

Doch schon im Jahre 1877 belebte sich die Bewegung bieder; zwei Prozesse, der „Prozeß der Fünfzig" im März Md der „Prozeß der 193" lenkte die Aufmerksamkeit der veffentlichkeit wieder der Bewegung zu. Der Muth, mit

vegung an. Die Herausgabe einer neuen periodischen presse (Obschtschina) ward beschlossen.

Mit dem erneuten Wiederaufleben der Bewegung nahm dieselbe eine vollständig andere als bisher zur Schau ge­tragene Physiognomie an: eS folgt eine Reihe von poli-

den Rusfen in den Jahren 1873 bis 1876 hervor. Im Jnlande wie im AuSlande waren mehrere Druckereien in Thätigkeit, umfangreiche Werke wie: „das Staatswesen und die Anarchie", sowie auch kleinere Broschüren pas- strten ballenweise die russische Grenze. Im Jahre 1876 trat innerhalb der Partei eine gewisse Erschlaffung ein: Ursache hierzu war hauptsächlich die damals in Anregung gebrachte „slawische Frage", denn ein erhebender Theil der Jugend ließ sich von der herrschenden Strömung mit fort- reißen und zog schaarenwcise nach der Herzegowina nnd Serbien. Dieser Erschlaffung folgte eine faß allgemeine Entmuthigung auf dem Fuße, die zur Folge hatte, daß die seit 1875 existirende Zeitung „Rabotnik" (Arbeiter) ein­zehen mußte. Gleichfalls wurde die periodische Ausgabe des „Wperjod", eines der mächtigsten Propagandamittel,

tischen Attentaten und Mordversuchen, welche in den be­treffenden Proklamationen offen als Thaten der „russischen social - revolutionären Partei" angekündigt wurden. Die Revolution ward seit dieser Zeit in Permanenz erklärt.

Nebst der Zeitung „Obschtschina" erschienen auch noch der „Ratschalo" und „Semlja i Wolja", so wie zahllose Flugblätter. In all diesen Schriften wird gesagt, daß das strenge Vorgehen der russischen Regierung den Socialisten Dolch und Revolver in die Hand drücke. Dem ist jedoch nicht so. Die russischen Nihilisten, die im Jahre 1875 sich den kühnsten Hoffnungen Hingaben, wurden durch die Ereignisse des Jahres 1876 zur Aenderung ihrer Taktik bestimmt. Durch die gewöhnliche, thatenlose, geheime Pro­paganda versprach man sich nicht mehr viel, und deshalb versuchte man eö mit der Proclamirung des Schreckens, und wie die Ereignisse lehren, nicht erfolglos. Das rus­sische Volk staunt über die Machtcntwickelung und Energie der Nihilisten. ES ist der Meinung, daß trotz aller Poli­zei- und Gewaltmittel der Nihilismus nicht unterdrückt werden könne, da er zu weit verzweigt und deßhalb unfaß­bar sei. In sehr drastischer Weise zeigt sich diese Stim­mung bei Ausübung der Attentate: Die Zunächststehenden suchen sich möglichst wenig zu compromittiren; sie stürzen sich nicht auf den Attentäter, um so zu seiner Verhaftung und Vernichtung beizutragen, aus Furcht vor der unsicht­baren, geheimnißvollen Macht, die all den Helfern der sogenannten Reaktion Vernichtung androht. Die russische Regierung befindet sich den Nihilisten gegenüber in einer um so schlimmeren Lage, als nicht wenige hochstehende Per­sönlichkeiten, die mit dem Nihllismus in Betreff seiner Be­strebungen gar nichts zu schaffen haben, da sie gleichfalls Feinde des bestehenden Regiments und den Sturz desselben herbeisehnen. Daß Rußland so bald mit dem Nihilismus fertig wird, daran ist gar kein Gedanke, doch gibt es für Rußland bchnfS Unterdrückung der nihilistischen Bewegung keinen anderen, als den bereits eingeschlagenen Weg ener­gischen Vorgehens. Der Gedanke, daß durch Gewährung größerer Freiheiten oder einer Constitution die Macht des Nihilismus gebrochen sein würde, ist nur zum Theil be­rechtigt, indem diejenigen, die heute indirekt die Bewegung unterstützen, sich zurückziehen würden, die eigentlichen Anar­chisten aber würden ihre Agitation weiter fortsetzen, bis zur Erreichung ihres Zieles, Umsturz der bestehenden socialen und politischen Verhältnisse.

Tagesbericht.

Seit einigen Tagen taucht hier und da in den Zei­tungen die Nachricht auf, daß von der bevorstehenden Ver­lobung des Prinzen Wilhelm von Preußen mit der Prinzessin Mathilde von Schleswig-Holstein, Tochter des in Wiesbaden verstorbenen Herzogs Friedrich von Schleswig- Holstein-Augustenburg, die Rede sei. Erst jetzt nehmen

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Da kam plötzlich ein Brief von Lord B . . . Mit zitternder Hast, von schwarzen Ahnungen erfüllt, löste die Lady daö verhängnißvolle Siegel und las:

' Mylady 1

Ihr Vcrhältniß zu dem jungen Spanier, deffen Wittwe ich einst in Ihnen zu. sehen glaubte, ist entdeckt. Ob und in wie fern dieser je ein Recht hatte, Sie als seine Ge­mahlin zu betrachten, ist mir noch unbekannt. Ich vermuthe, daß Sie das Opfer eines Bösewichts geworden, der, nicht zufrieden, mit Ihnen als Jungfrau sein schändliche- Spiel getrieben zu haben, das schwache Weib eines allzusehr auf die Tugend seiner Gemahlin bauenden Mannes zu verlocken wußte, um die Ehre einer Familie zu.schänden, die seit Jahrhunderten fleckenlos da stand. Seiner Schändlichkeit setzte der Elende durch eine feige Flucht die Krone auf, als der Beleidigte ihn zum Zweikampfe auf Leben und Tod forderte. Ich bin glücklich genug gewesen, um seine Spur »ufzufinden, und werde ihn verfolgen von Land zu Land, dis sein Herzblut den Schimpf gebüßt hat, den der Elende mir zugefügt hat, und ich hoffe, Mylady, daß sie bald den der Verlegenheit befreit sein sollen, Gemahlin zweier Döänner zu sein.

In diesem Augenblick verlaffe ich England. Mylady, Sie begreifen, daß das Band auf ewig zerrissen ist, das wein Herz an ein Weib kettete, daö seine Ehre so schlecht zu bewahren wußte. Vor der Welt aber wird diese Ver­bindung fortdauern, und nie soll England erfahren, mit welcher Schmach Sie den letzten Sproß meines Geschlechtes delastcten. Sie werden bis zu meiner Rückkehr auf meinen

Gütern leben, und als deren Gebieterin von der Dietterschaft und den Umgebungen geachtet sein wie bisher. Das Be­wußtsein, schlecht an mir gehandelt zu haben, sei nur ihre einzige Strafe.

Sie begreifen, Mylady, daß ich unter diesen Umständen die Erziehung meines einzigen Kindes, der Tochter meiner himmelreinen, unvergeßlichen Mary, wohl nicht länger Ihnen anvettrauen kann. Ein Verwandter ‘ von Emmy'S Mutter wird das Mädchen daher in einigen Tagen abholen.

Leben Sie wohl, Mylady! Möge Gott Ihnen verzeihen, was Sie mir gethan, und Ihnen Ihre Einsamkeit Gelegen­heit geben, sich zu bessern.

L. . .

DaS unglüchliche junge Weib hatte diesen Brief nicht zu Ende gelesen. Ohnmächtig fand sie die eingetretene Dienerin, krampfhaft das Papier in den Händen haltend, als sie auf den Lärm, den der Fall der Gebieterin verur­sachte, zur Hülfe herbeieilte. Ein hitziges Fieber war die Folge dieser Erschütterung; mehrere Wochen schwebte sie, in wilden Phantasten befangen, unbewußt am Rande des Grabes, und als endlich die Kunst der Aerzte die Unglück- liche dem Tode zu entreißen vermochte, waren die Funktionen ihrer Geisteskräfte gestört. Ein stiller Wahnsinn schien sich ihrer bemächtigt zu haben. Sie war still und harmlos wie ein Kind, und das einzige Wort, das sie in diesem Zustande mit einem seltsamen Lächeln sprach, war der Name „Antonio".

Nach einem Jahre kehrte Lord B. nach England zurück. Seine Verfolgung war fruchtlos geblieben; der Spanier hatte geschickt alle Bemühungen des beleidigten Gatten zu vereiteln gewußt und floh feig vor dessen Rache. Die

die Berliner Blätter von dieser Mittheilung Notiz, selbst die in solchen Dingen sehr vorsichtige „Reue Preußische Zeitung" bringt sie mit dem Hinzufügen, daß die Nach­richt in Berliner Kreisen, die man als unterichtet ansehen dürfe, Verbreitung finde, eine ganz sichere Bestätigung je­doch noch nicht vorliege. Prinzessin Karoline Mathilde ist am 25. Januar 1860 geboren, also gerade ein Jahr jünger als unser dereinstiger Thronerbe.

Die Militärgcsetz Commission des Reichstags hat heute Vormittag ihre Berathung fortgesetzt. Zunächst nahm die Commission den Bericht der gestern eingesetzten Subcom- Mission^ für die zu § 3 des Gesetzes zu formulirenden Vorschläge entgegen. Nachdem man diese Vorschläge ein­gehend discutirt, gelangten diejenigen zur vorläufigen An­nahme, welche eine UcbungSpflicht der Ersatzreserve I. Klasse dahin festgesetzt, daß diese wehrpflichtigen Mann­schaften verpflichtet sein sollen, eine lOwöchentliche, sodann eine 4wöchentliche und 2 je 2wöchentliche Uebungen mitzu­machen. Nachdem somit der § 3 in der Spezialdiskussion ebenfalls erledigt war, schritt die Commission zur Abstim­mung über die ersten drei Paragraphen. Zu § 1, welcher festsetzt, daß die Friedenspräsenzstärke des Heeres an Mann­schaften für die Zeit vom 1. April 1881, bis zum 31. März 1888 auf ein Prozent der ortsanwesenden Bevölke­rung vom 1. Dezember 1875 festgestellt werden, die Ein­jahrig-Freiwilligen hierbei aber nicht in Anrechnung konimen sollen, war der Antrag gestellt, statt des Prozentsatzes die Zahl von 427,274 als Präsenzstärke aufzunehmen. Dieser Antrag wurde mit 12 gegen 7 Stimmen angenommen. Ein zweiter Antrag, die Bewilligung dieser Präsenzstärke nur auf 2 Jahre auszusprechen, (gestellt vom Centrum und der Fortschrittspartei) wurde mit derselben Stimmen­zahl abgelehnt. Ein Antrag des Abg. Rickert, die Bewilli­gung nur auf den Zeitraum von 5 Jahren auszusprechen, wurde mit allen gegen die Stimmen der Abgg. Rickert, (Hagen) und Müller (Gotha) verworfen und endlich der § 1 mit der in der Regierungsvorlage geforderten Dauer der Prüfung der Präsenzstärke von 7 Jahren mit 12 gegen 7 Stimmen (die Stimmen des Centrums und der Fortschrittspartei) angenommen. Mit derselben Majorität wurde auch der § 2 und zwar unverändert in der Fassung der Regierungsvorlage angenommen. Der § 3 erhielt so­dann auch bei dieser Abstimmung die obenerwähnte Abän­derung dahin, daß die Ersatzreserven I. Klasse verpflichtet sind, 4 Uebungen mitzumachen, von denen die erste 10 Wochen, die zweite 4 Wochen und die beiden letzten je 2 Wochen anzudauern haben. Mit dieser Aenderung wurde schließlich der § 3 angenommen, (dagegen nur die Stim­men der beiden fortschrittlichen Abgg. Richter (Hagen) und und Müller (Gotha) und dann die Sitzung auf Montag Abend vertagt.

Zeit hatte auch ihre Macht an dem edlen Manne ausge­übt. Der traurige Zustand seiner Gemahlin, in welcher er mehr das unglückliche Opfer eines schändlichen Verrathes sehen mußte, als eine schuldbeladene Sünderin, schmerzten ihn tief, und wie schön war die Unglückselige noch in diesem Zustande! Die furchtbare Macht, welche den Spiegel ihrer Seele getrübt, hatte den göttlichen Reiz ihrer Schönheit nicht zu zerstören vermocht, und war spurlos an diesem bleichen Engelsgesichte vorübergegangen. Obschon Lord B. das Band, das ihn an dieses Wesen knüpfte, als auf ewig zerrissen betrachtete, wurden doch die berühmtesten Aerzte aufgeboten, um diesen traurigen Zustand zu heben. Aber hier scheitette die Kunst. Einstimmig erklärten sie eine Reise nach dem Kontinente und allenfalls in Gegenden, in welchen die Lady früher gelebt, sei das einzige Mittel, die, wie es schien, gänzlich erloschene Rückerinnerung wieder zu erwecken, und selbst dieses Mittel wollte der edle Mann nicht Unterlasten.

Des Mondes bleiche, herbstliche Sichel zog über den dämmernden Bergen und Felsen, welche den Brienzersee um­gaben, herauf. Eine Gesellschaft, aus drei jungen Männern und zwei Führern, nebst einem Bedienten bestehend, stiegen rasch und vorsichtig, von den höhen des Faulhorns her- kommend, den Ufern des schäumenden Gießbaches nach der Tiefe zu. Sie hatten sich vermuthlich auf ihrem Ausfluge verspätet, einer der Führer hatte eine aus zusammenge­lesenen Stücken Kienholz bereitete Fackel angezündet, und leuchtete den Andern auf dem gefahrvollen Wege vor. Eben waren die Fremden in die Nähe des gastlichen WirthS- hauses beim Gießbach angelangt, und im Begriffe, ihre Schritte dorthin zu lenken, als ihre Aufmerksamkeit durch