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Ur. 60.

Marburg, Donnerstag, 11. März 1880

XV. «Mgaug

Anzeigen nimmt entgegen: He Expedition d.vlatte-, f0$ie d.Ännoncen-Bureau oon Th. Dietrich & Co. i staffel und Hannover; Th Dietrich in Frankfurt a.IDL naaienftein & Vogler i irankfurt a- M., Berlii Sechzig, Löln re.; Rudol. ülofle in Berlin, Frank» tuet a. qü ic

ZitllW.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d.vlattel sowie d-Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung bofelbft.; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendauk in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jlustrirtes SonutagSblatt" durch die Expedition iK och'sche Buchdruckerei) bezogen 3z Mart, durch die Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg. lexcl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Kür in der Expedition zu ertheileude Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 Pfg. berechnet.

Tagesbericht.

Der Kronprinz traf gestern, Dienstag Mittag 12>/z Uhr aus Italien in Berlin ein. Bei .seiner Ankunft von den Prinzen Wilhelm, Friedrich Karl, dem Erbprinzen unb der Erbprinzessin von Sachen-Mciningen, dem Hof- marschalle Grafen zu Eulenburg, sowie von seinen persön­lichen Adjutanten Major von Panwitz und Rittmeister Freih. v. Nyvenheim empfangen, begab sich der Kronprinz sofort mit der Erbprinzessin in das Königliche PalaiS, um die Majestäten zu begrüßen. Nachmittags fand bei dm Majestäten Hoftafel statt, zu welcher der Kronprinz, der Minister a. D. v. Manteuffel, Staatsminister Hof­mann, Minister a. D. Freih. v. Varnbüler, Reichsbank- präsident Dechend, der elsässische Generaldirector der Zölle Fabricius, v. Bennigsen und andere geladen sind.»

Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge hat der Erlaß des Reichskanzlers über die Schreibweise im Reichsdienste vom 28. v. Mts. folgenden Wortlaut: Zur Vermeidung von Mißverständnissen und Erhaltung der in der dienstlichen Korrespondenz nothweudigen Schreibweise ersuche ich Ew. Wohlgeboren, darauf zu halten, daß im Reichsdienste an der Rechtschreibung, wie sie bisher in übereinstimmender Praxis üblich ist, so lange festgehalten werde, bis im Wege der Reichsgesetzgebung oder einstimmiger amtlicher Verein­barung eine Abänderung herbeigeführt sein wird. Will- kürlicke Abweichungen von der bisher im amtlichen Verkehr allgemein üblichen, von den jetzigen Beamten auf den Schulen übereinstimmend erlernten Rechtschreibung sind dienstlich zu untersagen, nöthigenfallr durch eine steigende Ordnungsstrafe zu verhindern. — Weiter erfährt die «Norddeutsche Allgem Zeitung" aus zuverlässiger Quelle, daß über die Besetzung der neuen Dircktorstelle im Reichs- pvstamte noch keinerlei Beschluß gefaßt worden sei. Die Notiz der Blätter, in welcher für diese Stelle bereits be­stimmte Personen bezeichnet werdm, sei völlig aus der Luft gegriffen.'

Mehrere Verlagsbuchhändler haben im vorigen Monat eine Vorstellung an den Kultusminister gerichtet und die Besorgniß ausgesprochen, daß durch die Ausführung der Verfügung vom 21. Januar betreffend die Einführung der neuen Orthographie in den Schulen, den Verlegern von Schulbüchern erhebliche materielle Nachtheile erwachsen würden. Auf diese Eingabe hat der Minister unterm 3. März eine Erwiderung abgehen lassen, in welcher im Wesentlichen Folgende« ausgeführt wird: Das Hinderniß, welches der Gebrauch von Schulbüchern verschiedener Recht­schreibung der sicheren orthographischen Gewöhnung der Schüler entgegenstellt, sei ein wesentlicher Anlaß zum Erlaß einer für alle Schulen gültigen Vorschrift gewesen.

Die Rachtwaudleri«.

(Sortierung)

Dennoch bleibt sein Auge wie gebannt an der reizen­den Erscheinung hängen, ohne sich abwenden zu können von dem lieblichen Bilde. Da schweift zufällig auch das braune Gazellenauge der Dame über die Logenreihen hin, und bleibt ebenfalls starr auf den Zügen des jungen Mannes geheftet. Eine Todtenbläffe überzieht plötzlich ihr ohnehin bleiches und melancholisches Gesicht, dann fährt sie, als wolle sie eine plötzlich aufgestiegene unglückliche Erinnerung verwischen, mit der weißen Hand über die Stirne; aber wie von einer dämonischen Gewalt angezogen, sucht ihr Auge wieder den Gegenstand, der ihre Bewegung hervorrief, und der, wie vom gleichen Zauber befangen, immer nach ihr hinblickt.

Eben rauscht der Vorhang wieder in die Höhe, alle Blicke richten sich nach der Bühne — da fühlt der Ge­fährte der schönen Lady den Körper der Dame sich plötzlich schwer an seine Schulter lehnen; wie er sich umwendet, schaut er in das geisterbleiche Antlitz einer Ohnmächtigen. Schnell suchte er die Dame ohne Aufsehen zu erregen aus der Loge zu bringen, und das Kind folgt angstvoll und erschrocken den Eltern.

Können Sie mir wohl gefälligst sagen, flüsterte der schöne Unbekannte seinem Nachbarn zu, wer die Familie war, die sich eben jetzt aus jener Loge dort entfernte?

Der Gefragte, ein kalter Engländer, schaut zuerst, über den fremdländischen Accent des FragerS erstaunt, diesem mit forschendem Ausdruck in's Gesicht, vermuthlich um Nachzusehen, ob das Aussehen des Fremden auch eine Ant­wort von Seiten eines GenllemanuS entschuldige, und

Daraus ergebe sich, daß der Minister mit d.r Regelung deS orthographischen Schulunterrichts gleichzeitig Sorge für Beseitignng der Ungleichheit in den Schulbüchern habe tragen müssen. Hierbei sei jedoch dem finanziellen Inter­esse der Eltern und der an der Herstellung von Schul­büchern betheiligten Buchhandlungen Rechnung getragen woiden. Demnach habe man angeordnet, daß alle zur Einführung im Schulunterricht zu beantragenden deutschen Lehrbücher einschließlich der neuen Auflagen bereits im Gebrauch befindlichen, fortan die vorgeschriebene Ortho­graphie einzuhalten haben. Den im Gebrauch befindlichen oder dazu vorbereiteten Lesebüchern, welche vor dem An­fang de« Schuljahres 1880,81 hergestellt sind, ist die Zu­lässigkeit für die nächste Zeit ausdrücklich zugesagt. In Betreff der übrigen Schulbücher ist den Schulbehörden nur aufgegeben, auf Ausbreitung der gleichen Orthographie in geeigneter Weise hinzuwirkeni Als Zeitraum, innerhalb besten die orthographische Ausgleichung für alle in den drei untersten Klassen der hHercn Schulen gebrauchten Schulbücher sich zu vollziehen h^ben, sind fünf Jahre fest­gesetzt, in der Voraussetzung^ daß Schulbücher, welche innerhalb eines solchen Zeitraums nicht eine neue Auflage erfahren, nicht für lebensfähig 'zu erachten sind. In Be­treff der von Volksschulen zu gebrauchenden Bücher ist keine besondere Bestimmung getroffen, also behält die in dem vorhergehenden Abschnitt ds« Erlasses enthaltene Fest­stellung einer fünfjährigen Dachcr der Zulässigkeit der bis­herigen Orthographie ihre Geltung. Für die in den oberen Klassen der höheren Schulen gebrauchten Schul­bücher ist eine Fristbestimmung deßhalb nicht erfolgt, weil vorausgesetzt wird, daß die Schüler dieser Klasse schon zur sicheren orthographischen Gewöhnung gelangt sind und deß- halb von Differenzen in der Orthographie ihrer Schul­bücher weniger in Verwirrung gebracht werden. Der Mi­nister fährt fort: ES ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß die orthographische Umgestaltung der Schul­bücher in den meisten Fällen sich in kürzerer Zeit als in fünf Jahren vollziehen wird. Durch die Bezeichnung einer fest bemessenen Frist find die Interessen des VerlagSbuch- handels berücksichtigt worden. Von dieser Absicht setzt der Minister alle Schulbehörden in Kenntniß und erwartet, daß die allmähliche Beseitigung abweichender Schulbücher mit der gebührenden Schonung auögeführt werde. Sodann kommt der Minister auf die Klagen der Eingaben zu sprechen über die Nachtheile, welche die Verleger von Schulbüchern bereits durch die in den letzten zehn Jahren angevrdneten Veränderungen erlitten hätten. Der Minister führt aus, daß der Grund hiervon nicht in den Anordnungen der Unterrichtsverwaltung, sondern in der Einführung des dekadischen Systems für die Maße, Münzen und Gewichte durch die Reichögesetzgebung liege. Der Minister schließt mit einer Anerkennung der Bedeu-

sagte dann, nach der Richtung hinblickend, welche der Frager ihm andeutete: Das war Lord B.....mit seiner

Gemahlin und Tochter.

Alö der Engländer sich umwendete, um vermuthlich eine Antwort oder Bemerkung des interessanten Unbekannten zu erwarten, war dieser verschwunden.

Der Fremde, in welchem unser Leser schon den ver­meintlich verstorbenen Antonio wird erkannt haben, hatte sich mühsam in's Freie gedrängt, und kam noch eben zu rechter Zett, um zu sehen, wie Lord B . . . . seine ohn­mächtige Gemahlin in den Wagen hob unb das elegante Fuhrwerk rasch davon rollte — Da der Spanier keine eigene Equipage bei sich hatte, so rief er hastig nach einem Fiaker, warf dem Kutscher ein paar Goldstücke zu und befahl ihm, daö Fuhrwerk, das eben abgefahren, einzuholen und nicht aus den Augen zu lassen, bis es anhalte, und durch den Glanz deS Goldes angestachelt, peitschte dieser seinen Gaul, daß er wie ein Pfeil in der angedeuteten Richtung davon schoß.

Wie reizend, wie himmlisch schön doch diese« Weib ist, tausendmal schöner in ihrer blassen Melancholie, als vor­mals mit den rotheu Rosenwangen! — Und welch fürst­licher Anstand! — Wie habe ich dieses göttliche Weib auch nur je verlassen können! — Aber wie in aller Welt sollte denn auch Amalia dazu gekommen sein, eine englische Lady zu werden, eine Dame der haute Aristocratie? So rief Antonio für sich selbst seine abgerissenen Bemerkungen in die Nacht hinaus, und bog sich weit vor in dem leichten Fuhrwerk, als wollte er durch seine Ungeduld die Schnel­ligkeit des halbtodt gehetzten Gaules beschleunigen.

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Der Frühling begann langsam die aus starrem Winter-

tung, welche der deutsche Buchhandl für die Entwicke­lung der deutschen Schulliteratur habe. Man wird hinzu­fügen dürfen, daß aus dieser Anerkennung doch unmöglich der Anspruch des Buchhandels hergeleitet werden kann, wichtige und nützliche Reformen des Unterrichts bloß in dem ma­teriellen Interesse des Buchhandels und der bequemeren Ausnutzung des Vertriebes von Schulbücher Willen zu unterlassen oder auf unabsehbare Zeit hinauszuschieben.

Meldung der „Politischen Correspondenz" aus Phi- lippopel: Ein Schreiben des bulgarischen Metropoliten erklärt, laß ein angeblicher Hirtenbrief, welcher die Bul­garen aufgefordert hätte, die Beziehungen zu den Griechen abzubrechen, nicht existire.

Deutsches Reich.

Berlin, 9. März. Interessanter als die erste war die gestrige zweite diesjährige parlamentarische Tischgesell­schaft beim Fürsten Bismarck, zu der ungefähr 30 Per­sonen geladen waren. Küche wie Keller waren wie immer vorzüglich, und den ziemlich zahlreich vertretenen süddeut­schen Abgeordneten behagte ein dem Fürsten als Ehren­geschenk zugegangener „Grünthaler Göttertrank" ganz außer­ordentlich. Nach aufgehobener Tafel wurde bei Kaffee und Tabak — der Reichskanzler rauchte aus seiner langen Pfeife — unter Scherzen und Plaudern auch vielfach das Gebiet der Politik gestreift und der Reichskanzler zeigte sich wie selten aufgeräumt und aufgeknöpft. Die „Nat.- Ztg." berichtet u. a.: Gelegentlich einer zufälligen Er­wähnung der Hartmann'schen Angelegenheit bemerkte der Reichskanzler, daß er die von der französischen Regierüng in dieser Frage beobachtete Haltung nicht mißbilligen könne, so sehr er auch die That Hartmanns und seiner Genossen verabscheue. In England sei da« überaus populäre Mini­sterium Palmerston zum Fall gebracht worden, als e« im Parlamente nach dem orsinischen Attentate die berüchtigte Verschwörungsbill einbrachte. Die junge Republik habe keine andere Entscheidung treffen können, wenn sie sich nicht einer Gefahr auSsetzen wollte. Er sei überzeugt, daß ernsthafte Unterbrechungen der russisch-französischen Bezie­hungen durch den Zwischenfall nicht herbeigeführt werden würden. Nach heute aus Petersburg eingegangenen Nach­richten habe zwar Fürst Orlow bereits erklärt, er bleibe in Paris nur noch als Privatmann, und er werde an diesem Vorsatze unbedingt festhalten: das bedeute aber noch nicht den Abbruch oder die Sistirung des diplomatischen Ver­kehrs zwischen den beiden Ländern. So lange Ausliefe­rungsverträge zwischen zwei Nationen nicht beständen, habe keine von den Consequenzen betroffene Nation ein Recht, sich über die andere zu beklagen. „Derartige Fälle find dann aus dem Gesichtswinkel der inneren Politik desjenigen Landes anzusehen, von welchem man die Auslieferung ver- schlafe erwachende Erde mit seinen glänzend grünen, blumen- durchwirkten Teppichen zu schmücken; hie und da jubelte schon eine Lerche, mit raschem Schwünge daö blaue Aether- meer durchschiffend, dem Schöpfer ein Loblied. Lord B . . . . bewohnte seit einigen Tagen seinen Landsitz wenige Stunden von der Hauptstadt. Seine junge Gemahlin saß eben in ihrem zierlich eingerichteten Boudoir am geöffneten Fenster, und schaute in den Park hinaus, wo die Blättchen sich zart aus den springenden Knospen hervorzudrängen began­nen, und einige Frühblumen ihre süßen Düfte in die laue Luft hinaushauchten; die Natur feierte mit dem herrlich­sten Frühlingsmorgen ihr stilles Auferstehungsfest. Der Lord war wieder nach der Stadt zurückzeeilt, wo einige dringende Geschäfte ihn noch auf ein paar Tage festhielten. Das Gesicht der jungen Dame war sehr bleich, in ihrem ganzen Wesen gab sich eine auffallende Unruhe kund, und das ttefklare braune Auge, dessen Schönheit durch die glänzende, elfenbeinartige Weiße der Haut nur noch deut­licher hervortrat, schweifte unstät bald auf den Gegenstän­den des Zimmer«, bald auf den Partten des Gartens umher, in welchem die kleine Emmy sich eben in der toll­sten Lustigkeit mit dem Töchterchen des Gärtners Herum­trieb. Zu ihrem größten Schreck bemerkte die junge Dame plötzlich einen Menschen in der Livre eines Bedienten, der mit spähenden Blicken überall hinschauend, zu den spielen­den Kindern trat und ein paar Worte mit ihnen zu wechseln schien. — Nachdem der Bursche, wie es schien, die gewünschte Auskunft erhalten hatte, näherte er sicb rasch dem Gebäude, zog die Klingel und eilte bald darauf wieder fort. Wenige Minuten nachher brachte die Kammerjungfer der jungen Lady ein zierlich gefaltetes und versiegeltes Billet und ent- femte sich wieder.