Kr. S8.
«Marburg, Dienstag, 9. März 1880
xv. Jahrgang
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.Blatte-, sowie d.Annoncen-Bnreaur von Th, Dietrich & Co. in Mel und Hannover; Th Dietrich in Frankfurt a.M.; naasenstein & Vogler in Zrankfurt a M., Berlin, Leipzig, Cöln re.; Rudolf Hoffe m Berlin, Frankfurt a. M re.
OlitcheM ZcitiiW.
»nzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d.Annoncen-Bureaux von E. 8- Daube & Go. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst^; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene» in Elberfeld; L. Schlotte in Bremen.
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Tagesbericht.
Verschiedene Blätter des In- und Auslandes erzählen, daß Se. Majestät der Kaiser bei seinem neulichen Besuch den Reichskanzler bettlägerig gefunden habe. Diese Nachricht und alle daran geknüpften Vermuthungen entbehren aller Begründung, wie die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt. Dem Fürsten Bismarck war seit 14 Tagen wegen erheblicher Erkältungen ärztlich vorgeschrieben, das Zimmer nicht zu verlassen und besteht diese Vorschrift noch heute. An keinem Tage aber ist Derselbe genöthigt gewesen, da» Bett zu hüten, und hat namentlich am 27. Februar Se. Majestät den Kaiser zwar nicht, wie gewöhnlich, am Wagen, aber an der äußeren Thür des ersten VorzimmeS in Uniform mit Helm und Degen empfangen können. Wir wissen nicht, wer auf die Erfindung des Bettes zuerst gekommen ist.
Herr v. Bennigsen hatte am Freitag, wie liberale Berliner Blätter melden, wieder eine Unterredung mit dem Reichskanzler, welche länger als eine Stunde währte. Die Gerüchte, daß Bennigsen, welcher jetzt thatsächlich die ganze nationalliberale Fraktion hinter sich hat, wenn nicht sofort, so doch im Laufe der nächsten Monate in die Reichs- regierung' rM>. das preußische Ministerium eintreten werde, gewinnen Wner mehr an Wahrscheinlichkeit. Gegenüber diesen immer bestimmter austretenden Mittheilungen liberaler Blätter über den, wenn auch vielleicht erst nach Monaten erfolgenden Eintritt Bennigsens ins Ministerium, gemerkt die „Germania": Daß man sich in nationalliberalen Kreisen mit der Hoffnung, Herrn v. Bennigsen bald auf dem Ministersessel zu sehen, stärker wie früher trägt, ist Thatsache und spiegelt sich in der rosigen Stimmung nationalliberaler Organe wieder; indeffen sollen doch an maßgebender Stelle gewichtige Bedenken gegen die Be- mfung des Herrn von Bennigsen obwalten. Die Ge- wandthM^ Umsicht und Klugheit des nalionalliberalen MinisteMndidaten findet ohne Zweifel auch hier die volle WürdiHung, aber man glaubt, von dem Abgeordneten von BenniAen mehr Nutzen ziehen zu können, als von der nalionalliberalen Excellenz; man besorgt auch, daß _ Herr von Bennigsen seine geistige und politische Versatilität und Brauchbarkeit in der steifen Minister-Uniform weniger bewähren würde, wie bisher. Als politische Gegner deS Herrn v. Benniscn könnten wir ihm nur den Eintritt in den KreiS des Mannes wünschen, der entsetzlich viel Leute „verbraucht".
Der Berliner Korrespondent deS „Standard" will in der Lage sein, die folgende authentische Mittheilung zu einer besseren Beurtheilung der russisch-deutschen Beziehungen zu machen. „Nachdem Deutschland sich geweigert, Oesterreich von einer Besetzung Bosniens zurückzuhalten,
Die Rachtwaudleria.
(Fortsetzung)
Amalia versicherte ihn mit herzlicher Freude ihrer innigen Thellnahme, und der Lord erzählte: Ich war im Altrr von 28. Jahren, als ich Mary S . . . . kennen und lieben lernte; und bald auch so glücklich war, ihre Gegenliebe zu erringen. Ich will kurz über diese selige Zeit hinellcn, die von den Dichtern so reizend gemalt wird. In unserem Glück dachten wir nicht an die Schwierigkeiten, welche sich unserer förmlichen Vereinigung entgegenstellen würden, und die auch später daS Unglück unseres LebenS auSmachten. Mary war eine reiche Erbin, ich aber nur der jüngere Sohn eines der ältesten Famllien des englischen Adels. Trotz dieses ungünstigen Umstandes wagte ich es, um die Hand Mary'S zu bitten, und wurde abgewieseu. Von Verzweiflung und Leidenschaft getrieben, enfführte ich Mary; in Gretna-Green wurden wir getraut und glücklich kamen wir nach Frankreich. Von Paris aus schrieb Mary an ihren Vater und flehte in den rührendsten Ausdrücken um deffen Verzeihung. Es dauerte lange, bis eine Antwort kam — wäre sie doch nie gekommen! — In seinen: Schreiben fluchte der hartherzige Vater seiner Tochter, nannte sie die Mörderin ihrer Mutter, welche durch die Schande ihrer Tochter so angegriffen sei, daß man stündlich ihrer Auflösung entgegen sehen müsse. Zum Schluffe erklärte er, daß es seine Tochter nie wagen solle, ihm wieder unter die Augen zu kommen, und daß er das Band der Natur als zerrissen ansehe. Was meine arme Gattin durch dieses Schreiben litt, würde schwer zu beschreiben sein; als eine zerknickte Blüthe ging sie bald umher. Der Fluch des harten Vaters hatte das Herz der
unterbreitete die russische Regierung im Sommer 1879 Mr. Waddington den bestimmten Vorschlag eines gemeinsamen Angriffs gegen Deutschland. Gleichzeitig mit der Meldung dieser kriegerischen Botschaft bewegten sich die in Polen, Podolien und Lithauen liegenden Truppen der deutschen @reiue zu. Mr. Waddington weigerte sich, dem russischen Vorschläge Gehör zu schenken und war, unterstützt durch Herrn Grevy, im Stande, seinen Willen gewissen unternehmenderen Mitgliedern des Kabinets gegenüber durchzusetzen." Es ist unbegreiflich, wie angesichts der notorischen geschichtlichen Thatsachen solche handgreifliche Unwahrheiten in einem ernsthafte.: Blatte Aufnahme finden können. Ueber die Besetzung Bosniens durch die Oesterreicher bestand schon vor Ausbruch deS türkischen Krieges Einverständniß zwischen Rußland, Oesterreich und Deutschland. Die Besetzung fand 1878 statt und ein Jahr daraus soll Rußland sie verhindern gewollt haben!
Deutsche- Reich.
Berti«, 6. März. Der „Reichsanzeiger" rneldet, daß Se. Maj. der Kaiser dem Seehandlungs-Präsidenten Bitter den Adel verliehen hat. — Heute Nachmittag 4 Uhr hielt Fürst Bismarck dem Kaiser Vortrag. — Die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt die Mitthcilung der „Bossischen Ztg." der General-Postmeister habe für sein Ressort die Einführung der neuen Rechtsschrcibung zum 1. April angeordnet, für gänzlich unwahr. — Der Chef der Admiralität v. Stosch war der erste Rcichsbeamte, der sich mit der Putt- kamerschen Orthographie so einverstanden zeigte, daß er sie in Schriftstücken dienstlichen Charakters anwandte. — Bezüglich der Anordnung über die veränderte Rechtschreibung soll der Reichskanzler, wie die „Köln. Ztg." berichtet, ein metallographischeS Schreiben an die sämmtlichen Reichsbehörden gerichtet haben, in welchem dieselben angewiesen werden, sich der neuen Rechtschreibung nicht zu bedienen. Diesem Verbote soll sogar der Zusatz nicht fehlen, daß zuwidcrhandelnde Beamte in eine Ordnungsstrafe genommen werden sollen, die im Wiederholungsfälle zu steigern wäre. DaS „Berliner Tagebl." weiß sogar zu erzählen, auch der Kaiser sei von der Verfügung des Cultusministers nicht sehr erbaut. — Möglich, daß das selbstständige Vorgehen deS Herrn v. Stosch den reichskanzlerischen Erlaß gegen dir neue Orthographie hervorgerufen hat. Das neueste Heft des Marine-VerordnungSblatteS hat die neue Orthographie; wir sind etwas begierig, meint die „Köln. Ztg.", ob die nächste Nummer wieder zur früheren Schreibung zurückkehren wird. Der preußische Justizminister soll der neuen Schreibung gleichfalls nicht hold fein. Die Kunde von dem orthographischem Kampfe zwischen Bismarck und Stosch ist übrigens bereits ins Ausland gedrungen. So lesen wir in einer Berliner Correspondenz der Wiener
kindlich frommen Tochter gebrochen; ihre Gesundheit war untergraben. Bei ihrer zunehmenden Kränklichkeit riethen die Aerzte zu einer Reise nach Italien. Wir gingen nach Rom, wo mir die sanfte Dulderin ein Töchterchen schenkte. Die Zeit und das selige Gefühl, Mutter des kleinen Wesens zu sein, schienen nach und nach ihren Gram etwas zu zerstreuen, und ich gab mich der trügerischen Hoffnung hin, ihre Gesundheit werbe allmälig wieder hergestellt werden. Zwei glückliche Jahre lebten wir noch in Rom, nur getrübt durch die fortdauerude Entzweiung mit Marys Eltern. Da lief plötzlich die Nachricht von dem Tode meines Schwiegervaters ein; die Mutter war schon ein Jahr früher gestorben. Der Vater war dahin geschieden ohne uns zu verzeihen, ohne den Fluch zurückzunehmen, der so schwer auf unseren Seelen lastete. Da» brach meiner armen Gattin vollends das Herz. Wenige Wochen darauf weinte ich an ihrem Grabe. — Wie ich den ungeheuren Verlust ertrug, ich weiß es nicht. Ich wäre der Verzweiflung anheimgefallen, denn ich mußte mich als den Mörder derjenigen ansehen, für die ich gerne Leben und Glück geopfert hätte; doch dieses Kind, das theure Ebenblld der Dahin- geschicdenen, mahnte mich an meine Pflichten^ und war mir zugleich ein Trost für meinen Schmerz. Ich verließ mit dem Kinde Rom, wo Alles mich an meinen Verlust erinnerte, und weilte dann ein paar Monate auf einem Landhause unweit Florenz. Geschäfte halber mußte ich eines Tages nach der Stadt. Mein Kind, das ich seit dem Tode seiner Mutter nie verlassen hatte, blieb unter der Aufsicht seiner Wärterin zurück. Als ich am Abend zurückkehrte, fand ich meine Wohnung fast leer, einzig mein Bedienter war zurückgeblieben, und empfing mich zitternd mit der Botschaft, welche mich wahnstnnig zu machen drohte.
Presse: „Der preußische Cultusminister v. Puttkamer erließ vor Kurzem neue orthographische Vorschriften, die dem Reichskanzler ganz unsympathisch sind, und was that Herr v. Stosch? Er adopttrte diese preußischen Orthographie- Vorschriften für sein Admiralitäts-Ressort ohne alles weitere. Sogar einen kleinen Aokohama-Entwurf brachte er an den Bundeörath und Reichstag mit Puttkamerscher Rechtsschreibung neuesten Datums, er übertrug also ein rein preußisches Reglement sans fa^on auf zwei Reichs- Institutionen, ohne den Kanzler gefragt zu haben, was dieser ihm sehr übel genommen hat. Bismarck stieß plötzlich auf „Bundesrat" und „Lazarette", also auf eine ganz willkürliche Durchbrechung der beim „Bundesrath" und bei unfern Militär-„Lazarethen" üblichen Schreibweise. FlugS ging an Herrn v. Stosch die Weisung, es bleibe alles bei der bisherigen Rechtsschreibung bis zu einem Gegenerlaß des Kanzlers, und im übrigen verstehe eS sich auch von selbst, daß jederzeit die Gesetzentwürfe seitens der Marineverwaltung nicht die Unterschrift: „In Vertretung des Reichskanzlers, v. Stosch" trügen, sondern die con- cretere Unterschrift: „Der Reichskanzler. In Vertretung v. Stosch." Der „Germania" zufolge hätte zwischen dem Reichskanzler und Herrn v. Puttkamer wegen der neuen Orthographie eine Besprechung stattgefunden, „die bei der Nervosität des ersteren einen erregten Charakter angenommenhaben soll." — Wir sind begierig zu erfahren, ob sich diese Nachrichten bestätigen. Einigermaßen verdächtig werden sie durch die Bemerkung der „Köln. Ztg.", „es liege nahe, an bedeutsame politische Folgen zu denken, welche sich an diese Verfügung deS Reichskanzlers, der zugleich preußischer Ministerpräsident ist, fast unvermeidlich knüpfen muffen." Die liberalen Blätter möchten eben gar zu gerne den Kultusminister v. Puttkamer zu Fall bringen. Was haben sie ihm nun schon Alles zwischen die Beine geworfen, worüber er stürzen sollte! — Nun soll er gar über das von ihm beseitigte DehnungS-h stürzen! Würde ein liberaler Minister diese Verfügung erlassen haben, dann würden die liberalen Blätter überströmen von Lob und Anerkennung, welches sich derselbe dadurch um die deutsche Sprache erworben habe, wurden besonders die nationale Seite hervorheben, da nun doch Aussicht sei, daß im einigen deutschen Reiche eine einheitlicbe Rechtschreibung zur Herrschaft kommen werde — aber da es ein conser- vativer Minister ist, der diese Verordnung erlaffen hat — so reiben sie sich schon vor Vergnügen die Hände, ob ihn dieselbe nicht zu Fall bringen werde. Im Grunde genommen aber hat Herr v. Puttkamer mit dieser Verfügung nur abgeschlossen, was sein Vorgänger Falk angefangen hat.
Hage«, 6. März. Der frühere Abgeordnete Friedrich Harkort ist heute Mittag gestorben.
Dresden, 5. März. In beiden Kammern gelangte heute ein Königliches Decret zur Verlesung, durch weiches
— Emmy war am Nachmittag plötzlich verschwunden, alle Nachsuchungen waren erfolglos geblieben; daS Kind hatte im Garten gespielt, die Wärterin war auf kurze Zeit inS HauS gegangen, als sie wieder in den Garten kam, war das Mädchen nirgends mehr zu sehen. Die Wärterin selbst war bei meiner Zurückkunft aus Furcht vor meinem Zorn entflohen, und mar: hat sie nie mehr in jener Gegend gesehen. Alle meine Nachforschungen nach dem Kinde blieben fruchtlos, obgleich ich Summen bot, die beinahe mein damaliges Vermögen überstiegen, demjenigen, der mir eine Spur von der so räthselhaft Verschwundenen angeben könne. Alles blieb umsonst. Um dieselbe Zeit erhielt ich einen Brief von meinem Vater, der mir den plötzlich erfolgten Tod meine» älteren Bruders meldete und mir gebot, eilig nach England zurückzukehren, da die dortigen Verhältnisse die Anwesenheit des nunmehrigen Erben unumgänglich nothwendig machten.
Da alle meine Bemühungen erfolglos blieben, auch nur die leiseste Spur von der Verlorenen zu entdecken, so mußte ich enolich dem Gebote meines Vaters Folge leisten und nach meiner Heimath zurückkehren. Der beunruhigende Gesundheitszustand meines BaterS, an dessen Wiederherstellung bald die geschicktesten Aerzte verzweifelten, machte eS mir zur Pflicht, in seiner Nähe zu bleiben. Vor wenigen Wochen folgte mein Vater dem vorangegangenen Liebling in's Grab, und erst als ich ihm den schuldigen Tribut der kindlichen Trauer gezollt, durfte ich wieder dem Zuge deS Herzens folgen, der mich nach Italien hinrief, um die Nachforschungen nach meinem Kinde svrtzusetzen.
So kam ich denn vor zwei Tagen auch hierher und sand mich so wunderbar an diesen Ort gesessett, daß ich