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Är. 87.

Marburg, Sonntag, 7, März 1880.

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Anzeigen nimmt entgegen: He Expedition d.vlatte«, sowie d-Annoncen-Bureaur von Th, Dietrich & Co. in gaffet und Hannover; Th. Meirich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln ic.; Rudolf Molle in Berlin, Frank­furt a. M- rc.

Anzeigen nimmt entgegen, dieEMdttton d.vlatte- sowie d-Annoncen-Bureauk von @. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendauk in Berlin; W, Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktaa« nach Sonn- und Feiert«»«. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJInftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (K och'sche Buchdruckerei) bezogen U Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche» 3 Mark 50 Psg sexcl Bestellgebühr). ^snsettionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pfg. Für in bet Spedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreflen werden 25 Pfg. berechnet.

Tagesbericht.

Der Reichstag wird heute die Berathung des Sozialisten­gesetzes vornehmen und hierbei zunächst dm Rechenschafts­bericht über die Ausführung des Gesetzes im Laufe des Jahres 1879 besprechen. Die Sozialdemokraten werden hierbei natürlich die mannigfachsten Kiagm über die Grausam­keiten und Unterdrückungen, welche man gegen sie angewendet, erheben; einen Erfolg derselben dürften sie aber wohl selbst nicht davon erwarten. Wenn einzelne ihrer Freunde, wie Herr Most u. s. w. fortfahren, in derselben Weise Hohn zu sprechen den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen, dann werden sie auch nicht erwarten können, daß die Behörden von der ihnen zustehenden gesetzlichen Machtbefugniß nicht den ausgiebigsten Gebrauch machen. Was ferner der Ge­setzentwurf betreffend die Abänderung des § 30 des So­zialistengesetzes anbelangt, so ist wohl schon jetzt mit Be­stimmtheit anzunehmen, daß derselbe die Zustimmung des Plenums findet, wenn nicht etwa ein Antrag auf Verweisung der Vorlage an eine Kommission die Majorität finden sollte. Eine Aenderung dürfte vielleicht in dem Gesetz dahin vor- genommen werden, daß sich der Reichstag in Betreff der­jenigen Sozialdemokraten, welche Reichstagsabgeordmte sind, ein Separatvotum vorbehält analog seinen bisherigen Beschlüssen in ähnlichen Fällen.

Die Fr aktion der deutschen Konservattven im Reichstage hat sich gestern Vormittag konstituirt und zum Ehrenmilgliede des Vorstandes den Felkmarschall Grafen von Melkte, zu Vorstandsmitgliedem die Abgg. von Seydewitz (Vorsitzender) von Helldorff-Bedra und Ackermann gewählt. Die Secre. tariats-Geschäfte der Fraktion wird, wie in früherer Session der Abg. Graf von Kleist-Schmcnzin versehen.

Die Budget-Commission des Reichstages beschloß, jbei den im Etat beantragten Kasernenbauten ca. IVz MMonen abzusetzen. *

Die Geschäftsordnungs-Commission des Reichstags hat sich gestern mit der Frage befaßt, ob die Mandate der in Folge der neuen Gerichtsorganisation beförderten Mitglieder des Reichstages durch diese Beförderung erloschen sind oder noch weiter bestehen. Sie hat sich dahin entschieden, daß die Mandate der Abg. Dr. Bähr (Kassel), v. Grävenitz durch ihre Ernennung zu ReichsgerichtSräthen, des Abg. Thilo durch seine Ernennung zum Amtsgerichtspräsidenten und Saro durch seine Ernennung zum Ober-Staatsanwalt erloschen sind.

Am Donnerstag Nachmittags 5 Uhr fand bei dem Reichskanzler Fürsten Bismarck ein parlamentarisches Diner statt, an welchem außer den Präsidenten des Reichstages, Grafen Arnim - Boitzenburg, Freiherrn von Frankenstein und Herrn Ackermann, noch theilnahmen die Abgg. Staats- Minister Dr. Lucius und v. Puttkamer, Graf Moltke, Frhr. v. Varnbüler, v. Bennigsen, Dr. Windthorst, Del­brück, v. Kardorff, Graf Frankenberg, Richter-Meißen, Stumm, Dr. von Schauß, Meyer - Bückeburg, Dr. Gneist, Bernards, von Höldcr, Eysoldt, Gras Kleist, von Scyde- witz, von Helldorf - Bedra. Außerdem waren Graf Herbert Bismarck, Graf Rantzau und Baron von Holstein gegen­wärtig. Graf Wilhelm Bismarck war durch Unwohlsein am Erscheinen gehindert. Im Ganzen waren es 45 Gedecke, Und wurde in dem großen Saale servirt. Bei Tafel saß die Fürstin zwischen dem Grafen Arnim-Boitzenburg und Herrn Ackermann, der Fürst zwischen Freiherrn v. Francken- stein und Herrn von Bennigsen. Nach Tisch nahm der Kanzler, dem das Stehen schwer fällt, sofort auf einem Divan Platz, neben. ihm Graf Arnim-Boitzenburg und Dr. Windthorst Fürst Bismarck war sehr heiter und gesprächig, rauchte seine, lange Pfeife und unterhielt sich namentlich mit dem Präsidenten in eingehendster Weise, und dann mit Dr. Windthorst in vertraulichem Zwiege­spräch ; gegen 7 V? Uhr trennte sich die Gesellschaft. Die Rat. Ztg. weiß noch Folgendes zu berichten:Nun, es ist ja Alles sehr glatt gegangen," so _ begrüßte der Reichskanzler seine Gäste,es scheint, daß es wirklich besser ist, wenn ich nicht dabei bin mrd meine Gegenwart reizt und aufregt." Das allgemeine Gespräch hielt sich von den großen politischen Fragen vollständig fern.

Um die feit fünf Iahen auf Kosten des Deutschen Reichs auch zum Nutzen und zur Freude der ganzen ge­bildeten Welt veranstalteten Ausgrabungen in Olympia Uicht mit übereilter Hast, sondern in würdiger Weise zu

Ende zu führen, war eine nachträgliche Forderung von 90,000 M. schon an den BundeSrath mit der begleitenden Denkschrift gelangt, wurde aber später wieder zurückgezogen. Dank der warmen Theilnahme, welche Kaiser und Kron­prinz diesem schönen Unternehmen widmen, steht indessen, wie dieKöln. Ztg." meldet, jetzt in sicherer Aussicht, daß aus dem Dispositionsfonds eine angemessene Summe für den Schluß der Ausgrabungen in Olympia bewilligt wird.

Aus Pari« vom 3. wird gemeldet: Fürst Hohenlohe ist heute früh mit Familie hier eingetroffen und wird morgen Grovy und Freycinet seine Besuche machen. Der Fürst gedenkt gegen Ende des Monats zur Uebernahme seiner neuen Funktionen nach Berlin zurückzukehren. Der Ankunft des Herrn von Radowitz als außerordentlicher Gesandter zur Vertretung deö Fürsten Hohenlohe wird im Laufe der nächsten Woche entgegengesehm. ' Alle Angaben betreffs der späteren Lösung der Frage, ob Fürst Hohen­lohe nach Ablauf des Provisoriums hierher zurückkehren oder die provisorische Stellung definitiv behallen wird, sind nichts als Hypothesen. Die Frage ist noch vollständig unentschieden, doch glaubt man in unterrichteten Kreisen, daß der Fürst selbst seinen Botschafterposten nicht definitiv zu verlassen wünscht. Der Tempö ist in der Lage, zahlreiche Details über das Diner beim Grafen St. Ballier und die dabei vom Kaiser dem französischen Botschafter gegenüber gethanenen Aeußcrungen zu geben, welche den Charakter hoher Sympathie Sr. Majestät für diesen, wie für Grsvy und Freycinet an sich tragen und allen beunruhigen­den Gerüchten hinsichtlich der Beziehungen zwischen Frank­reich und Deutschland ein Ende machen. Die Regierungs­blätter betonen die hochfreundliche Bedeutung des Diners und die von Seiten der deutschen offiziellen Wett unver­hohlen zur Schau getragenen durchaus friedlichen Intentionen.

Deutsche» Reich.

Berlin, 4. März. Im Auftrage des Kaisers ist dem BundeSrath der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Erhebung von Reichsstempel-Abgaben nebst Tarif und Be­gründung vorgelegt worden. Der § 1 des Gesetzentwurfs lautet:Die in dem anliegenden Tarif bezeichneten Urkun­den unterliegen den daselbst bezeichueten Stempel-Abgaben für die Reichskasse nach Maßgabe der nachstehenden Be­stimmungen". Die übrigen 49 Paragraphen ordnen sich unter folgende Rubriken: 1) Aktien und auf den Inhaber lautende Werthpapiere (§§ 25), 2) Schlußnoten und Rechnungen über Werthpapiere (§§ 611), 3) Lombard­darlehen 1218), 4) Quittungsstempel (§§ 1925), 5) Checks- und Giro-Anweisungen (§§ 2629), 6) Lotterie- loose (§§ 3038), 7) Allgemeine Bestimmungen (§§ 3950). Dar hervorragendste Interesse dürften die Tarif­sätze haben. Ich theile daher heute zunächst diese auszüglich mit. Es soll der Steuersatz betragen von Aktien und auf den Inhaber lautenden Werthpapieren 5 vom Tausend des NennwertheS, von Schlußnoten auf Wechsel, inländische Aktien, Staats- und sonstige Werthpapiere und Maaren im Betrage von 3001000 Mk. 10 Pfg., von 1000 5000 Mk. 25 Pfg., von mehr als 5000 Mk. 50 Pfg., von Schlußnoten aus ausländische Mien u. s. w. von 300 1000 Mk. 25 Pfg , von 10005000 Mk. 50 Pfg., von mehr als 5000 Mk. 1 Mk., von Rechnungen, Noten, Ver­zeichnissen, Geschäftsbücherauszügen und sonstige Berech­nungen bestehender oder ausgeglichener Guthaben oder Ver­pflichtungen, welche im Bundesgebiete ausgestellt werden, von 300-1000 Mk. 10 Pfg, von 1000-5000 Mk. 25 Pfg., von mehr als 5000 Mk. 50 Pfg., wenn das Geschäft ausländische Aktien, Staats- und Werlhpapiere betrifft, resp. 25 Pfg., 50 Pfg. und 1 Mk., von Lombarddarlehen 2,io vom Tausend, von Quittungen über Summen bis 300 Mk. 10 Pfg., von andern 20 Pfg., von Checks und Giroanwei­sungen über Beträge von 10300 Mk. 10 Pfg., von mehr als 300 Mk. 20 Pfg., von Lotterietosen mit 5 vom Hundert. Aus der Begründung fei zunächst noch hervorgehoben, was über den zu erwartenden Ertrag der Reichsstempel­abgaben gesagt ist Es heißt da:der Brutto-Ertrag der Abgaben, welche in dem gleichnamigen, dem Reichstage 1878 vorgelegten Gesetzentwürfe zusammengefaßt waren, wurde damals, in annähernder Uebereinstimmung mit der Schätzung in dem Entwürfe von 1875 auf IVn Millionen Mk. ver­anschlagt, wovwt 6 Millone.t aus die Lotterieloose gerechnet wurden. Bessere Grundlagen für die Schätzung stehen auch jetzt nicht zur Verfügung. Durch die vorgeschlagenen Ver­änderungen bei den Abgaben für Schlußnoten und Rech­nungen und für ausländische Werthpapiere, sowie durch

die Verstärkung der Controlmittel und durch die Besteuerung der Quittungen und Checks wird eine namhafte Erhöhung des Ertrages herbeigeführk' werden. Das Maß derselben entzieht sich allerdings jeder Berechnung; der gesammte Rohetat aus dem Entwürfe kann aber wohl nicht höher als auf 20 Millionen Mk. geschätzt werden. Der Gebrauch des Checks hält sich noch in einigen Grenzen; der Ertrag aus ihrer Besteuerung wird zunächst 300,000 Mk. schwer­lich übersteigen, aber voraussichtlich stetig zunehmen." Nachdem in Folge der Erweiterung des Staatsbahnnetzes mehrfach auf die Nothwendigkeit einer angemessenen Ver­einfachung des Betriebs der in Staatsverwaltung befind­lichen Bahnstrecken hingewiesen worden ist, hat der Minister der öffentlichen Arbeiten in einem Erlaß vom 26. Februar d. I. die Köuigl. Eisenbahndirektionen veranlaßt, eingehende Ermittelungen auch darüber anzustellen ob und in welchem Umfange auf Stationen, welche mehreren Staatsbahnen, bezw. für Rechnung des Staates verwalteten Eisenbahnen gemeinsam find, eine Einschränkung oder Vereinigung der bisher getrennten Geleise und sonstigen baulichen Anlagen augänglich erscheint.

Leipzig, 2. März. Nach einem Erkenntniß des Reichs­gerichts, 3. Strafsenat, vom 10. Dezember v. I. ist jeder Mitbewohner eines Hauses (nicht nur der Eigenthümer ober dinglich Berechtigte, sondern jeder berechttgte Inhaber einer Wohnung oder eines BesitzthumS) in Ausübung des HanS- rechts befugt, solche Personen, die sich ohne jedwede Be- fugniß im Hausflur, auf den Treppen oder in einem sonstigen von den Hausbewohnern gemeinschaftlich benutzten Raume aufhalten, wegzuweisen und die Nichtbeachtung dieser Weg­weisung ist auf den Antrag des Ausweisenden als Haus­friedensbruch (8 123 Str.-G.-B.) zu bestrafen.

Aus -em Grotzherzogthum Hesse«, 3. März. Der Großherzog wohnte gestern Abend mit ben erwachsenen Mitgliebern seiner Familie einem großen Souper mit Ball bei, welches ber russische Gesandte aus Veranlassung des 25jährigen RegiemngsjubiläumS des Kaisers Alexander in seinem mit russischen, beulschen und hessischen Fahnen ge- schmücktm PalaiS veranstaltet hatte. Heute ist der Groß- Herzog nach Lich abgereist, um der Beerdigung des Fürsten Ludwig zu SolrnS-HohensolmS-Lich beizuwohnen. Der Heim­gegangene Fürst, geboren im Januar 1805, vermählt mit einer Prinzessin Isenburg-Büdingen, war ein Mann von ftaatmännischer Bedeutung und hat sich auch durch seine staatsrechtlichen Schriften einen Namen gemacht. Er war Mitglied deS preußischen Staatsraths, erbliches Mitglied des preußischen Herrenhauses und der 1. hessischen Kammer mehrere Jahre lang Präsident der letzteren, sowie er auch 1847, als in Berlin der vereinigte Landtag zusammentrat, zu dessen Präsidenten berufen wurde. Nachkommm hat derselbe nicht hinterlaffen.

Angsbvrg, 5. März. DieAllg. Zeitung" meldet ferner: An Stelle des zurückgettetenen Ministers von Pfretzschner wird der Vorsitz hn Ministerrathe dem Kultus­minister v. Lutz übertragen und LegationSrath Frhr. Ärafft v. Crailsheim zum Minister des königlichen Hauses und deS Auswärtigen ernannt.

Ausland.

Pari-, 5. März. (Senat.) Minffter Ferry erklärt bei Befürwortung des Gesetzentwurfs betreffenb bie Unter» richtsfreiheit: bie Vorlage fei eingegeben burch politische Gesichtspunkte. Die Kongregation der Jesuitm sei eine permanente Verschwörung gegen ben Staat, welcher in Bezug auf Moral und Politik nicht inbifferent sein könne. Der christliche Unterricht sei nicht bedroht, ba ja 120 von ben Priestern geleitete Anstalten unb zahlreiche autorifirte Kon­gregationen bestäuben. Der Minister legt ferner bar, baß bie Lage ber Jesuiten in Frankreich immer eine ungesetzliche gewesen fei. Morgen wirb Ferry seine Rebe fortsetzen. Temps" schreibt: bie in einigen Zeitungen veröffentlichten angeblichen Manifeste eines revolutionären ComiteS feien das Werk von Agents provocateurs, welche Frankreich und Rußland zu entzweien suchten.

Petersburg, 4. März. Das erste Verhör deS Ver­brechers, ber auf ben General LoriS-Melikoff schoß, wurde durch ben Stabthauptrnann vorgenommen. Der Attentäter ist seiner Aussage nach ein getaufter Israelit aus bem Gouvernement Minsk, wo er das Gymnasium absolvirte. Derselbe heißt angeblich Hyppolit Mladchky. Der Ver­brecher sagte u. And. im Verhör, Gras LoriS-Melikoff werde durch seine Genossen getödtet werden, wenn nicht durch ihn, dann durch einen zweiten, wenn nicht durch diesen zweiten, so durch einen dritten. Gras LoriS-Melikoff begab sich bald nach bem Attentat zum Kaiser unb empfing dann, wie