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Nr. 56

Marburg, Sonnabend, 6. März 1880

XV. Jahrgang

Sie entschuldigen, meine Dame, sprach er zu der Er- röthenden nach dm ersten achtungsvollen Begrüßungen, daß das lebhafte Jittereffe, welches ihre Erscheinung in mir erregte, mich bestimmte, so schnell von Ihrer gestrigen Ein­ladung Gebrauch zu machen, und ich bitte Sie im Vorraus, mein früheres Erscheinen nicht etwa zu sehr auf Rechnung meiner gereizten Neugierde zu setzen, so lebhaft, ich gestehe cS, diesen Augenblick erregt sein uiochte

Amalia fühlte, daß die Anrede eine Erklärung deS gestrigen Zusammentreffens fordere, und clwidcrte dieselbe mit dem Bekenntnis; ihrer seltsamen Krankheit. — Lord B., dessen Interesse an der reizendm jungen Dame dieses Bckenntniß nur noch gesteigert halte, wandte nun nicht ohne Erfolg seine Gewandtheit an, um die näheren Um­stände seiner Nachbarin zu erforschen, ein^Unlernehmen, bei welchem ihm seine Zutrauen erweckende Erscheinung und die natürliche Schüchtemheit der deS 'Umganges mit der höheren Gesellschaft ungewohnten Amalia selbst trefflich zu statten kam.

So hatte sich bald ein interessantes Gespräch entsponnm, dessen Fäden der Lord geschickt zu dirigiren wußte, als die kleine Emmy jubelnd mit einem gefangenen Schmetter­ling ins Zimmer hüpfte, um den schönen Fang der Mutter zu zeigm. Dm Fremden erblickend, ließ das Kind jedoch erschrocken und verlegen den Gefangenm mtschlüpfm, eilte rasch auf Amalia zu und schmiegte in reizender Verwirrung das niedliche Lockenköpfchen in die Falten ihres Kleides — Lord B. war bei dem Anblick der Kleinen mit lebhafter Gcberde vom Sessel ausgespmngm; seine großen geistreichen Augen hafteten mit einen. starrm forschenden Ausdrucke an dm lieblichen Zügen deS Kinde«; alles Blut schien aus seinem Gesichte zu weichen, dessen zuckendm Muskeln eine

fast übermannende GemüthSbewegnng verriethen. — Ihre Tochter, Madame? fragte er mit bebender Stimme.

Amalia erröthete tief und schaute mit einem fast er« schrockenm Blicke auf dm Fragenden. Dieser, das Auf­fallende seines Benehmens fühlend, schien mit Mühe nach Fassung zu ringen, und gewaltsam die innere Bewegung niederkämpfend, setzte er sich anscheinend mhig wieder nieder, indem seine Blicke die Frage wiederholten.

Meiner Liebe nach, die ich für diese» theure Wesm hege — erwiderte Amalia, indem sie die schüchteme Kleine zu sich emporhob und küßte — ist cS allerdings meine Tochter — doch die Bande der Natur verknüpfen mich nicht mit ihr.

Also bloS ihre Pflegetochter? fragte der Lord mit ge­spannter Erwartung.

Auf die bejahmde Antwott sprang der Lord wieder auf, seine Augm leuchteten seltsam, sein ganzes Wesen verrieth eine an dem sonst so kalten und gemessmm Manne höchst auffallmde Erregung.

Dürste ich sie wohl fragen, meine Dame, auf welche Weise Sie zu dem Kinde gekommen? — Entschuldigen Sie meine seltsame Heftigkeit, setzte er beruhigend hinzu, als ihn Amalia fast erschrocken und verwundert anblickte. Eine alte, lange gehegte und oft bitter getäuschte Hoffnung ist durch eine auffallende Ähnlichkeit mit einem Wesm, das mir sehr thmer war, die ich in dm Zügm dieses KindeS wiederfiude, aufs Neue angefacht worden; dieses mag dmn auch meine ungestüme Frage mtschuldigm.

E« ist eine seltsame und doch einfache Geschichte, die ost wunderliche Vermuthungen in mir erweckte, versetzte Amalia.

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Tagesbericht.

Gegenüber den namentlich von fortschrittlicher Seite kommenden Acußerungen, daß die Hoffnung, die veränderte Zollgesetzgebung, werde eine Besserung der wirthschaftlichen Zustände berbeiführen, sich nicht erfülle, kann nicht oft genug hervorgehoben werden, daß man in allen einsichts­vollen Kreisen niemals erwartet hat, nach Einführung des neuen Zolltarifs werde sofort eine goldene Zeit wie aus der Versenkung emporsteigen; daß man nur zu der An- nahute sich berechtigt glaubte, eine große Anzahl Branchen der Industrie und des Handels würde eine allmälige Steigerung erfahren Daß diese Annahme keine imaginaire gewesen, bezeugen die Mitthcilungen, welche aus allen Theilen des Deutschen Reichs über die Verkehrsverhältnisse eingehen. Wir haben nicht unterlassen, die Stimmen welche von zu­ständigen Stellen lautbar geworden sind, zu registnren, um den thatsächlichen Beweis der Richtigkeit jener Annahme zu führen. Gleichzeitig können wir aber nicht umhin zu bedauern, daß die Provinzial- und Lokalblätter derjenigen Bezirke, in denen sich die geschäftliche Situation total zum Bessern gervandelt hat, nicht in erster Reihe auf diesen Umschlag aufmerksam machen und dadurch falschen Au«- streuungeu Vorbeugen, deren Zweck stets eben nur eine stetige verneinte Opposition gegen die Welt der Thatsachen ist. — Daß diese aber ein anderes Gesicht angenommen haben, als sie vor einem Jahre zeigten, ergiebt u. A. auch ein im Monat Februar erstatteter Bericht über den Gang der Geschäfte in Chemnitz, einem Orte, der al« Industrie- Platz von hoher Bedeutung ist. Der Gang der Geschäfte, heißt es, war im Allgemeineti im Monat Januar d. I. ein recht befriedigender. Es muß hervorgehoben werden, daß Beschäftigung für die mcisten Zweige der Chemnitzer Industrie schon während des Jahres 1879 in ausreichen­der Weise vorhanden gewesen ist und nicht erst von dem Aufschwünge, der sich in der Kohlen uuö Eisenindustrie in Folge des amerikanischen Bedarfs eingestellt hat, her- fcatirt. Für fertige Maaren ist meist auch ein besserer Preis erzielt worden. Aeußerst günstig ist die augenblick­

liche Lage für denjenigen bei weitem überwiegenden Theil der Strumpfwaarenfabrikatiou, welcher für den Export arbeitet. Nicht nur Nordamerika, sondern auch England, Spanien, Italien und Rußland geben reichliche Bestellungen und gewähren lohnende Preise. Die Löhne für die Strumpf­wirker, welche fast ausschließlich auf den Dörfern in ihren eigenen Wohnungen arbeiten, sind erheblich gestiegen, namentlich in den künstlichen Artikeln. In der Maschinen- fabritation ist im letzten Motiat keine Aenderung ciugetreten, die meisten Fabriken sind gut beschäftigt; einzelne Zweige, z. B. die Webstuhl-Fabrikation, sind in besonders lohnen­der Thätigkeit. Die Baumwollspinnereien haben Beschäfti­gung, die Kammgarnspinnereien müssen vielfach Aufträge ablehnen, die Möbelstoff-Fabrikation hat zahlreiche Auf­träge, namentlich in modernen Artikeln. Dieselben werden vielfach in Chemnitz gefertigt und lassen einen profitablen Nutzen. Die bedeutenden, zum größten Theil für den Export und darunter in nicht geringem Maße nach England arbeitenden Vigognespinnereien in Crimitzschau und Werdau find in voller, lohnender Thätigkeit. Der Absatz der in Plauen und vielen anderen Orten des Gebirges gefertigten Gardinen ist befriedigend. Nur die Kleiderstoff-Fabrikation hat noch nicht genügende Aufträge. — Die Kohlenförderung in dem Zwickauer und Luganer Becken ist auch im Januar eine sehr lebhafte gewesen. — In Betreff des Kolengeschäfts wird auch aus Dortmund, einem Hauptbezirk für Eisen­industrie, berichtet, daß die erhöhte Regsamkeit, welche sich in allen Zweigen der Eisen- und Kohlenindustrie am Schluffe des Jahres 1879 glücklicher Weise wieder einge­stellt, auch im Januar 1880 nicht allein angehalten, sondern eine weiteren Impuls erfahren hat. Die Eisenwerke, sowohl Hochöfen als Walzwerke, sind mit Aufträgen bis Ende des Jahres und darüber hinaus versehen; im Eisen­geschäft hat die Nachfrage zugenommen und mit derselben eine weitere Preissteigerung. — Nur Ohren, die nicht hören wollen, und Augen, die nicht sehen wollen, können einen Aufschwung der wirthschaftlichen Verhältniffe leugnen. Nach einer so langen und unerquicklichen Krisis wäre es jedenfalls loyaler, das Bessere anzuerkennen, al« durch Jeremiaden, die ohne Berechtigung sind, jenen Theil der Bevölkerung, welcher der industriellen Bewegung fern steht, mit vagen Besorgnissen zu erfüllen, nur um denselben für oppositionelle Argumente empfänglicher zu machen.

Die „Times" vom 27. Februar bringt folgendes Telegramm aus Genf:

„In Bern ist mau bemüht, die Verwaltungen deS Weltpost-Vereins zur Einführung eines internationalen Austausches von Post - Päckereisenkungen bis 6 Pfund, und zwar gegen Erhebung eines einheitlichen Gebühren­satzes, zu bewegen. Man glaubt, daß Frankreich bezüg­

lich des Zustandekommens eines derartigen Arrange­ments das hauptsächlichste Hinderniß bilde."

Je größer die Erleichterungen sind, welche in den letzten Jahren auf dem Gebiete des internationalen 23 rief« Verkehrs ftattgefuubeu haben, um fo fühlbarer machen sich in den Kreisen deS Publikums die Schwierigkeiten gelcnb, welche nicht selten mit der Versendung von Packeten nach dem Auslande verbunden sind. Einen schlagenden Beweis liefert eine Bekanntmachung der schweizerischen Postver­waltung, worin eS unter Anderem heißt: „In jüngster Zeit sind Klagen darüber laut geworden, daß Fahrpost- stücke nach gewissen Bestimmungsorten im AuSlande nicht im Voraus bis zum Bestimmungsort srankirt werden könneit, und daß bei Verwendung von Frankozetteln dem Aufgeber dann exorbitante Taxen angercchnet werden. Wenn trotz der Tarifsammlung, welche den Postanstalten geliefert ist, Lücken in dieser Bezichnttg vorhanden sind, so muß die schweizerische Postverwaltung auS dem Grunde jede Ver- aittworttichkeit ablchnen, weil es nicht in ihrer Macht liegt, diese Verhältnisse zu ändern. Bekanntlich besaßt sich noch in vielen Ländern die Post in keiner Weise mit dem PackcttranSport, sondern überläßt diesen Verkehrszweig an­deren Anstalten und Unternehmungen, und eS wird ein­leuchten, daß es unter solchen Verhältnissen im Allgemeinen schwieriger ist, zu einfachen, stabilen und billigen Tarifen zu gelangen, als wo die Staatspost die Sache ordnet und betreibt, wie in Deutschland, Oesterreich-Ungarn u. s. w." Bei uns in Deutschland hat man ähnliche Wahrnehmungen gemacht. Um eine Verbesserung anzubahnen, war auf dem letzten Postkongreß (Paris 1878) seilens der deutschen Postverwaltung der Antrag auf Einführung eines inter­nationalen Post-Päckereidienstes gestellt und gleichzeitig der Entwurf zu einer derartigen allgemeinen Vereinbarung vorgelegt worden. Von fämmtlichen auf dem Kongreß vertreten gewesenen Staaten hat damals kein einziger sich gegen das Prinzip des deutschen Vorschlags ausgesprochen, wohl aber hatten sich mehrere Staaten der Abstimmung enthalten. 4 ie Mehrheit hat unter Anerkennung der Zweckmäßigkeit deS deutschen Vorschlag« beschlossen, den Gegenstanv dem internationalen Bureau des Weltpost­vereins in Bern zur wetteren Vorbereitung zu überweisen. Die Angelegenheit ist inzwischen mit Beharrlichkeit weiter verfolgt worden, es soll noch im laufenden Jahre eine besondere Konferenz in dieser Sache zusammentreten. Hoffen wir, daß wenn auch nicht alle Länder des Weltpostverein«, so doch die meisten der beabsichtigten Vereinbarung beitreten werden. Hierdurch würde ein Fortschritt auf dem Gebiete deS Verkehrswesens eingeleitet werden, der sicherlich in allen beim Verkehr mit dem Auslande beteiligten Kreisen Anerkennung finden wird. Schließlich sei noch bemerkt, daß die Behauptung der „TimeS"-Depesche, wonach Frank­reich „the principal obstacle to the success of this

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Die Nachtwandlerin.

(Fortsetzung.)

Zu gereiften Epochen verließ sie des Nachts ihr Zimmer und wandelte hinab an daS Gestade tes See's, wo sic den Geliebten zum letzten Mal gesehen, und kam von selbst wieder zurück, weün nicht ihre Dienerschaft ihre Abwesenheit I bemerkte und sie aufsuchte. So waren natürlich jene f Sagen von Gespenstern entstanden, indem die Diener Amalias über die Krankheit ihrer Herrin ein strenges Stillschweigen beobachteten, und die seltsame weiße Ge-stalt ein paar Mal von den Schiffern gesehen worden war, die nicht den Muth gehabt hatten, ter unheimlichen Erscheinung nahe zu kommen. — Dieser Zustand brachte Amalien in der verflossenen Nacht mit jenem Fremden zusammen und sie fühlte sich in die peinliche Notwendigkeit versetzt,. diesem Unbekannten, dessen ganzes Wesen einen Mann aus den höheren Ständen derrathen hatte, einen Theil ihrer Geheimnisse anzuvertrauen, um daS sonderbare Zusammentreffen aufzuklären, welches sonst die seltsamsten Deutungen zulaffen konnte.

In diese Reflexionen versunken, saß Amalia eben, als ihre Dienerin einen Besuch meldete, der sich als Loro B. ankündete. Amalia wandte sich, um den Fremden im Salon 8U empfangen, als dieser schon durch die entgegengesetzte Thür eintrat. Eine leise Röthe der Verlegenheit flog über das bleiche Gesicht ter jungen Dame, als sie in dem Be- fucher den Unbekannten von der vergangenen Nacht erkannte. — Lord B. war schon ziemlich über den Frühling des Gebens hinaus, ein angehender Vierziger, seine Gestalt war hoch und kräftig gebaut, seine Züge regelmäßig und edel, drrrielhen Festigkeit des Charakters. Das Ganze machte .tine imponirenoe und selbst liebenswürdige Persönlichkett.