XV. IahrgMg
Marburg, Mittwoch, 3. März 1880
Str. 33.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlattr», sowie d.Annoncen-Bureaux von Td. Dietrich & Co. in staffel und Hannover; LH Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in zranifurt a M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Raffe in Berlin, Arani- furt a. M ii.
WcheMk ZeitW.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d-Annoncen-Bureauk von ®. L- Daube & Co. in
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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlnstrirteS TountagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2', Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). — Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Dberhessische Zeitung
mit deren Gratisbeilage
ILlnstrirteS SonntagSblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.
Die Exped. lr. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Dem gestrigen Diner in der französischen Botschaft wohnten der Kaiser und die Kaiserin bei; ferner die Fürstin Bit-marck, die obersten Hofchargen und Adjutanten, die Generale Fürst Radziwill, v. d. Goltz und Graf Lehndorf, Vicckanzler Graf Stolberg und der Gesandte v. Radowitz.
Die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet: Durch den schwan- kenven Gesundheitszustand und die übergroße Arbeitslast des Fürsten Bismarck werde die zeitweilige Vertretung des Reichskanzlers in den Geschäften des Auswärtigen durch den Fürsten Hohenlohe veranlaßt, welcher nach einigen Monaten nach Paris zurückkehren werde, wo inzwischen v. Radowitz ihm en mission extra ordinaire vertreten werde. Gegenüber der Times bemerkt die „Norddeutsche": Gelte Hohenlohe in Paris für den Ausdruck friedlicher und freundschaftlicher Gesinnung, so sollte er cs doch noch mehr gelten, wenn er in seiner neuen Stellung vermehrten Einfluß auf die Politik Deutschlands habe und Jnstruk- üonen selbst gebe statt erhalte. — Die „Norddeutsche" bezeichnet ferner die Nachiicht von einer angeblichen Einmischung Deutschlands in die Affaire Hartmann als unbegründet und bemerkt dabei, die Nichteinmischung Deutschlands in die inneren Angelegenheiten Frankreichs sei einer der obersten Grundsätze der deutschen Politik gewesen und geblieben. _____________
Anläßlich des Regierungsjubiläums des Kaisers von Rußland findet heute Nachmittag bei unserem Kaiser Familicntasel statt. Der Kronprinz trifft am 9. d. M. zur Enthüllung deS Denkmals der Königin Luise in Berlin ein und reist voraussichtlich nach dem Geburtstage des Kaisers nach Pegli zurück, um die Kronprinzessin von dort nach Potsdam zu geleiten.
Der in Berlin tagende Ausschuß des CentralverbandeS deutscher Industrieller hat folgende Resolution angenommen:
Der Hochzeitsfrack.
Humoreske von Robert Lemke.
(Schluß.)
„Männchen, Du bist doch kein Raucher?" rief sie plötzlich zu ihm aufblickend.
„Nein, mein Herz. Oker hast Du mich schon einmal mit einer Cigarre gesehen?" erwiderte der glückliche Gemahl und drückte seinem Weibchen die Hand.
„Was ist denn aber das harte hier in Deiner Brusttasche?" forschte die junge Frau weiter.
„Das ist mein Notizbuch, Geliebte."
„Ei! mir scheint es, Du willst mich betrügen!" rief Frau Schadebach mit lustigem Lachen aus. „Eine Cigar- retentasche ist cs! Ich werde gleich selber nachsehen!"
Und ihre Hand tauchte hinab in seine Tasche, wie wohl eine Biene in die halb erschlossene Fingerblüthe taucht. Zum Vorschein kam eine Cigarrentasche von Juchtenlcder, deren eine Seite die mit rosa Seide kunstvoll gestickte Aufschrift: „Meinem Geliebten" trug.
Frau Schatebach blickte vorwurfsvoll auf ihren vor so wenigen Stunden erworbenen Hausherrn.
„Also Du rauchst doch?" sagte sie. Und — wer hat dies gestickt?"
Das ist nicht meine Tasche, wehrte Herr Schadebach ab, indem er sich bemühte gleichgiltig auszusehen, sie gehött meinem Freunde.
Ich glaube Dir nicht, schmollte Frau Schadebach, indem sie dcN'zusammcngkfaltcnen Briet, den sie in Gemeinschaft mit« einem weißen Taschentuch ebenfalls auS ihres Minähls-Brusttasche gezogen, fest in der Hand behielt.
Der Centralverband begrüßt freudigst engere Beziehungen Deutschlands zu Oesterreich-Ungarn, wünscht größere Erleichterungen deS gegenseitigen Verkehrs, hält jedoch zunächst nur den Abschluß eines neuen Meistbegünstigungs- Vertrages auf Grund der bestehenden beiderseitigen autonomen Tarife für geboten. Der Verband wünscht namentlich eine Regelung des Veredelungsverkehrs nach den Grundsätzen der Gegenseitigkeit und fortdauernde Beseitigung der zollfreien Einfuhr der österreichischen Rohleinen- und Textil - Industrie. Derselbe wünscht den Veredelungsverkehr mit Oesterreich unter gewissen Bedingungen und unter der Voraussetzung, daß Oesterreich-Ungarn den seit dem 15. Februar 1880 cingeführten Appreturzoll von 14 Gulden beseitigt oder herabgemindert, bestehen zu lassen. Andernfalls wäre als deutsche Gegenmaßregel ein Ler- webungszoll anzustreben. Der Ausschuß beschloß, eine Petition bei dem Vorsitzenden der volkswirthschaftlichen Vereinigung des Reichstages einzureichen behufs des Wirkens für die Errichtung eines volkswirthschaftlichen Senats. Bezüglich der Eisenbahntariffrage erklärt eS der Ausschuß für nothwendig, daß dem neuen von der Tarifcommission ausgestellten Tariffchcma hinzugefügt werde, die Güter der Stückgutklasse I. bei Aufgabe von 5000 Kilo pro Wagen oder Frachtzahlung für dieses Quantum werden zu den Sätzen der Stückgutklasse II. befördert. Unter dieser Voraussetzung und derjenigen, daß auch bei den übrigen Be- vorwortungen des Ausschusses der Verkehrs-Interessenten Folge gegeben werde, ist der Ausschuß des CentralverbandeS mit dem Tarifschema im Principe einverstanden.
Der Durchstich des Gotthard-Tunnels ist nunmehr erfolgt. Es ist mit diesem Akte ein Werk vollendet, das in der Geschichte der kulturellen Entwickelung deS Menschengeschlechts stets mit großer Bewunderung genannt werden wird. Hat doch der nie rastende menschliche Geist eine für unmöglich gehaltene Arbeit vollbracht, hat er doch die im ewigen Eise starrende Bergeswand zwischen Italien und der Schweiz mit kühnem Muthe und unermüdlichem Fleiße durchbrochen und damit nicht allein zwei Völkern einen unschätzbaren Weg zur Hebung dcS nationalen Wohlstandes eröffnet, sondern auch dem europäischen Handel und Verkehr eine neue zukunftverheißende Straße gegeben. Der 29. Februar 1880 kann daher als ein Gedenktag für ganz Europa bezeichnet werden, als oer Tag eines glänzenden Sieges, der nicht im blutigen Kampfe, sondern mit den Kulturvölkern würdigeren Waffen des Geistes errungen worden ist. Derselbe ermuthigt mit seiner herrlichen Gabe die Völker zum eifrigen Vorwärtsstreben auf dem Wege der Arbeit, er zeigt ihnen was sie fertig zu bringen vermögen, wenn sie nach der echten Zierde und wahren Ehre des Menschenthums streben, nämlich nach der That.
und als 5 Minuten später der Zug auf einer Station hielt und Herr Schadebach ausstieg, um — es war ein sehr heißer Tag — für sie eine Erfrischung zu holen, die sie besserer Laune machen sollte, faltete sie den Brief auseinander.
Vor mir braucht er keine Geheimnisse zu haben, sagte sie für sich und sprang im nächsten Augenblick entsetzt auf. O, Himmel! O, der hartherzige llpcnsch!
Das parfümirtc Blatt von lila Papier war mit spinnewebartigen Buchstaben bedeckt und mit „Deine auf ewig getreue Adele" unterzeichnet!
Frau Schadebach biß die Zähne zusammen und machte sich, gerade als Herr Schadebach zurückkehtte, ungestüm darüber her, ihre Schachteln und Tücher neben sich auf einen Haufen zu packen.
Hier, mein Kind, sagte er, das wird Dir gut thun. Wir werden noch zwei ganze Stunden unterwegs sein. — Um sechs Uhr kommen wir in H. an, fügte er hinzu, indem er sich vergnügt das Kinn rieb.
Ich danke Dir, erwiderte die junge Frau mit schwankender Stimme. Ich werde hier aussteigen.
Aussteigen? Der Zug muß sogleich wieder abgehen. Wozu denn fragte Herr Schadebach erstaunt.
Ich fahre wieder zu Mama zurück, schluchzte die junge Frau, zurück zu dem theuren, theuren Heim meiner Mädchenjahre.
Louise! schrie der Ehemann unangenehm überrascht.
Du bist ein Teufel! fuhr Frau Schadebach fort, indem sie in ganz kleinen Absätzen Athem holte. Und ein Betrüger ! Ich werde nie, nie wieder glücklich sein l
Deutsche» Reich.
** Berlin, 29. Febr. Der Entwurf eines Gesetzes, betreffend den Wucher, welcher den Bundesrath in der Sitzung am Donnerstag vorgelegt worden, lautet folgendermaßen :
Artikel 1. Hinter dem § 302 des Strafgesetzbuchs für da« Deutsche Reich werden die folgenden neuen 88 302 a, 302 b, 302 c, 302 d eingestellt:
§ 302 a. Wer unter Ausbeutung der Nothlage, des Leichtsinns oder der Unerfahrenheit eines Anderen für ein Darlehen oder im Falle der Stundung einer Geldforderung sich oder einem Dritten VerrnögenSvor- theile versprechen oder gewähren läßt, welche den üblichen Zinsfuß in einem nach den Umständen des Falles auffälligen Maße überschreiten wird wegen Wuchers mit Gefängniß bis zu sechs Monaten oder mit Geldbuße bis zu 1500 M. bestraft.
8 302 b. Wer sich ober einem Dritten die wucher- lichen VerrnögenSvortheile (8 302 a), verschleiert ober wechselmäßig ober durch Verpfändung der Ehre, auf Ehrenwort, eidlich oder unter ähnlichen Versicherungen ober Betheuerungen versprechen läßt, wirb mit Gefängniß bis zu Einern Jahre ober mit Geldstrafe bis zu 3000 M. bestraft. Neben der Gefängnißftrafe kann auf Verlust der bürgerligen Ehrenrechte erkannt werben.
8 302 c. Dieselben Strafen (8 302 a, 8 302 b) treffen Denjenigen, welcher mit Kenntniß des Sachverhalts eine Forderung der vorbezeichneten Art erwirbt und entweder dieselbe weiter veräußert ober die wucher- lichen Vcrmögensvortheile geltenb macht.
8 302 d. Wer ben Wucher gewerbs- ober gewohnheitsmäßig betreibt, wirb mit Gefängniß nicht unter brei Monaten unb zugleich mit Geldstrafe von 150 bis zu 15,000 M. bestraft. Auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.
Artikel 2. Der 8 360 Nr. 15 des Strafgesetzbuchs in der durch bas Gesetz vom 26. Februar 1876 festgeftellten Fassung wirb burch nachstehende Bestimmung ersetzt:
8 360 Nr. 12. Wer als Pfanbleihcr oder Rückkaufshändler bei Ausübung seines Gewerbes den darüber erlassenen Anordnungen zuwiderhandelt, insbesondere den durch Landesgesetz oder Anordnung der zuständigen Behörde bestimmten Zinsfuß überschreitet.
Artikel 3. Verträge, welche gegen die Vorschriften der 88 302 a, 302 b deS Strafgesetzbuches verstoßen, sind ungültig. Sämmtlichc von dem Schuldner oder für ihn geleisteten Vermögensvortheile (302 a) müssen nach Maßgabe der Verpflichtung eines unendlichen Besitzers zurück- gewährt und verzinst werden. Hierfür sind diejenigen, welche sich deS Wuchers schuldig gemacht haben, solidarisch verhaftet, der nach 8 302 c dcS Strafgesetzbuches Schuldige
Wiederum erfolgte ein Schluchzen und eine kleine Thränenfluth.
Aber so beruhige Dich doch, mein süßer Schatz!
Ich bin nicht mehr Dein süßer Schatz! gab die junge Frau zurück. Ich will nichts mehr mit Dir zu schaffen haben! Geh' zu Deiner süßen Adele!
Die beiben letzten Worte wurden mit vernichtender Bitterkeit gesprochen.
Aber ich tenne ja gar keine süße Adele, wandte der arme Schabebach ein.
Und war bedeutet dies? fragte Frau Schabebach, indem sie das verhängnißvolle Dokument aus ihree Tasche zog.
Herr Schadebach heftete seine Auge darauf und machte ein sehr bestürztes Gesicht. Louise, sagte er, und strich sich mit der Hand über die Stirn, ich hätte Dir sogleich volles Verttanen schenken sollen! Ich hätte nicht gleich beim Beginn unserer Ehe versuchen sollen, Dich zu täuschen.
O, August! schrie seine junge Gemahlin, Du hast noch eine zweite Frau?
Das nicht, erwiderte Herr Schadebach. Aber ich habe mir biefen Frack von Hugo Ouedling geborgt, unb der Leichtsinnige hat bergeff en, den Inhalt desselben an sich zu nehmen!
Und er erzählte seiner alsbald besänftigten Lonife von dem falschen Zuschneider in der K.straße und wie Hugo sich noch in der elften Stunde als wahrer Freund erwiesen und chm in tauet Selbstaufopferung seinen Leibrock abge- rieten habe.
Da lachte und meinte Louise und flehte ihren August um Verzeihung an.