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Marburg, Dienstag, 2. März 1880.
xv. )atzrg»ig
Anzeigen nimmt emgegen: dieGrprdition b.»Latte», sowie d-Annoncen-Bureaur von Th, Dietrich & Co. in Mel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; baasenstein & Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, reip-ig, Cöln re.; Rudolf Wffe in Berlin, graut- fast a. M ig
ObktzkM jcitüiip
Anzeigen nimmt entgegen die Expeditton d. Blattes sowie d- Annoncen-Bureauk von @. L- Daube & Co. in Frankfutt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jn^idendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; «. Schlotte in Bremen.
Sricheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JiuftrirteS Sountagsblatt" durch die Sxpedltron (Koch sche Zuchdruckerei) bezogen 2h Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). — Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«. Für in der Sxpeduion zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf», berechnet.
ür den Monat März werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) Beftellunge« auf die
Bvrrhessische Zeitung mit deren Gratisbeilage giüiftrirtcd Sonntagsblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.
Die Exper. d. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Die offizielle Feier des Geburtstages Sr. Majestät ist, der Charwoche wegen, auf Sonnabend den 20. März verlegt worden. Es geschieht dies zum dritten Male seil dem Regierungsantritt des Kaisers, denn auch in den Jahren 1865 und 1872 wurde, der stillen Woche wegen, die Geburtstagsfeier um einige Tage zurückverlegt.
Der Kaiser hat am Freitag Nachmittag den Fürsten BiSmarck besucht und mit demselben anderthalb Stunden cvnferirt. Der Reichskanzler ist wegen seines leidenden Zustandes genöthigt, noch das Bett zu hüten.
Gegenüber einem Artikel des „Rheinischen Kuriers", welcher die Erwartung ausspricht, der Minister der öffent- lichen Arbeiten werde der Hessischen Ludwigsbahn bei der Concessionirung zum Baue der Bahn Mainz-Wiesbaden auch bezüglich des Ausbaues der Westerwaldbahn bindende Verpflichtungen auferlegen, bemerkt bie-^Nordd. Allgem. Ztg.", die hessische Ludwigsbahn fei bereM azm 7. August 1872 zum Bau der Mainz-Wieöbadener Linie concessionirt, habe aber bezüglich dieser Linie wie bezüglich der Westerwaldbahn die ihr gestellte Baufrist verstreichen lasten, ohne den Bau in Angriff zu nehmen. ES sei zu erwarten, daß der Minister der öffentlichen Arbeiten diesen Umstand, gemäß seiner Zusage im Abgeordnetenhaus, die hessische Ludwigsbahn mit allen rechtlichen Mitteln zum Bau der Westerwaldbahn anzuhalten, nicht unberücksichtigt lasse.
Dem Vernehmen nach wird die Frage der deutschen Orthographie anläßlich deS für Preußen erlassenen Re- icriptes des Ministers v. Puttkamer zu einer Interpellation oder zu einem Anträge im Reichstage führen zum Zwecke der Herstellung einer einheitlichen allgemeinen deutschen Orthographie.
Die Vorliebe des Abgeordneten Eugen Richter für das Unterbrechen ihm nicht sympathischer Redner ist eine, allen ~tt~ ---* ' " '
(Nachdruck verbot«.)
Der Hochzeitsfrack.
Humoreske von Robert Lemke.
„Eine verteufelte Geschichte!" brummte August Schadebach. „Was ist da zu machen!"
Ja, der junge Mann befand sich in der That in einer außerordentlich peinlichen Lage. §eute war sein Hochzeitstag, Punkt zwölf Uhr wurde er im Hause der Eltern seiner Braut erwartet, halb zwölf halte bereits die Glocke der nahen Thurmuhr verkündet, die Kutsche war schon seit emer Ewigkeit vor der Thür vorgefahren, und noch immer war sein Hochzeitsfrack noch nicht zur Stelle! Im vollen Glanz wohlgebauter Lackstiefel, mit zierlich gelocktem, zatt parfü- wirtcm Haupthaar, um Hals und Busen und Hände die schlichte Tracht schneeweißen Leinens,. stand er da, ein verzweifelnder Mann.
„Zieh' doch Deinen alten Frack an," schlug Hugo Qucdling vor, August's bester Freund, der auö der Nachbarstadt zu diesem Festtage herübergekommen war und mit August zusammenfahrm sollte.
' „Niemals", erwiderte Herr Schadebach entschieden. »Hat nicht mehr den neuesten Schnitt und ist an den Ellenbogen etwas blank. Ich sage Dir, Mann, wenn ich den anzöge, würde sie mich nicht heirathen wollen!"
„Dreiviettel zwölf," sagte Hugo Qucdling, indem er nach seiner Uhr sah, „die Sache wird immer bedenklicher. Du hast doch sagen lasten, daß er Punkt zehn Uhr hier fein müßte? x
„Der Zuschneider bei X. in der Kückenstraße hat Ehre und Seligkeit zum Pfände gesetzt!"
Lesern der Parlamentsberichte bckannte, aber gewiß nichts weniger als erfreuliche Erscheinung. Derartige Gewohnheiten passen eben nicht recht zu jenen Vorstellungen, die gesetzgebende Versammlungen auch als Träger der besten Art und Sitte von sich verbreiten sollen; sie passen um so weniger dazu, wenn sie zu einer Art von Sport auS- arten, der auch in recht ungeeigneten Momenten geübt zu werden versucht wird, wie dies z. B. in der vergangenen Reichstagssesston der Fall war. Es kann deßhalb vom Gesichtspunkte guter Lebensart, die solche Unterbrechungen an und für sich untersagt, gewiß nur mit Beifall begrüßt werden, daß der Präsident des Reichstages in der Freitags- Sitzung das Unstatthafte eines solchen Sports Herrn Eugen Richter nach vorgekommener Gelegenheit entsprechend zu Gemüthe führte. Bei allem Selbstbewußtsein, mit welchem Herr Richter sich gegen die erhaltene Lektion erheben zu können glaubte, wird dieselbe allem Anscheine nach auch nicht ganz ohne heilsame Wirkung gewesen sein. — Der Vorgang selbst war folgender: Während der Rede des Abg. Helldorf, welche zu wiederholten Malen durch Zwischenrufe einzelner Abgeordneten unterbrochen worden war, hatte sich der Präsident Graf Arnim veranlaßt gesehen, an das Haus die Mahnung zu richten, derartige störende Zwischenrufe zu unterlassen, und hierbei namentlich auf den Abg. Richter (Hagen) exemplificirt, den er bereits zum zweiten Male hierzu hÄ>e auffordern müssen. Hiergegen wendet sich nach Beendigung der Rede des Abg Helldorf Richter (Hagen): Wenn ich einen Redner durch einen Zwischenruf unterbreche, so mache ich von einem Rechte Gebrauch, welches sämmtlichen parlamentarischer Körperschaften zusteht. (Abg. Rickert: Sehr richtig!) Diese Zwischenrufe sind insofern berechtigt, als sie nicht eine Störung des Redners herbeiführen und dem Präsidenten nicht erschweren, den Redner zu verstehen. Ich werde darum so lange von diesem Rechte Gebrauch machen, als nicht der Herr Präsident eine Aenderung der Geschäftsordnung in Anregung bringt, wodurch der bisherige Brauch abgeschafft wird. Wir sind weder in der Schule, noch in der Kirche! Präsident Graf Arnim: Der Herr Abg. Richter hat mit seiner faxten Aeußenmg offenbar ausdrücken wollen, ich behandle die Herren, wie der Lehrer die Schüler. Eine solche Bemerkung kann ich nicht für parlamentarisch erachten, auch nicht, daß der Abg. Rickert dieselbe mit einem „Sehr richtig!" begleitete. Was dann die Zwischenrufe betrifft, so habe ich bereits vor mehreren Sitzungen den Abg. Richter gebeten, sie zu unterlassen, und heute habe ich es zum zweiten Male gelhau. Auch habe ich nur die Bitte ausgesprochen. Bestreiten aber muß ich, baß der Präsident nicht das Recht hat, die Zwischenrufe zu rügen, da er verstehen muß, was gesagt wird. Die gleichzeitigen Zwischenrufe machen ofcet eine Censur unmöglich.
„Das Beste ist, Du schickst hin," rieth Hugo, bet nie um Auökunfsmittel verlegen war.
„Dazu ist es schon zu spät," entgegnete Herr Schadebach und blickte noch einmal wie ein Ertrinkender die Straße hinaus und hinab, mit dem qualvollen Bewußstein, daß die drei Fräulein Zucker auf der anderen Seite der Straße hinter den Gardinen standm, daß Frau Major v. Schweinichen, ein Haus weiter ihrx Nase gegen die Fensterscheiben gedrückt habe, bereit, die übrigen Mitglieder der Familie zu alarmiren, sobald sich Anzeigen von einem baldigst bevorstehenden Aufbruch des Bräutigams und seines Pylades bemerkbar machen würden, und daß eine bunte Schaar von Jungen, Bettlern und Vagabonden sich im Allgemeinen zu beiden Seiten der HauSthür versammelt habe, um den Herrn in No. 13, der heute Hochzeit machen wollte, in den Wagen steigen zu sehen.
Es war sehr dumm von Dir, daß Du den Termin der Ablieferung bis heute verschoben hast," bemerkte Hugo verdrießlich.
„Du hast ganz Recht," seufzte der wartende Bräutigam, „aber es ist jetzt zu spät, diese Frage näher zu erörtern."
Ich habe meine Sachen schon seit einer Woche," fügte Hugo seiner Bemerkung hinzu und schaute wohlgefällig herab auf feinen tadellosen Bratenrock und den schimmernden BukSkin seiner Beinkleider. Wozu soll man sich un- nöthig in Gefahr begeben!"
Herr Schadebach drehte sich mit einem Ruck um und stierte auf seinen Gefährten mit einem Blick, toie, ihn wohl ein verhungernder Kanibale entfenbet haben würde, dem der Zufall einen sich einer bedeutenden Corpulenz erfreuenden Bekannten in den Weg geführt hat.
„Hugo," sagte er, „Du hast genau meine Größe."
Die Mittheilung der „Boz. Ztg.", daß der Kaiser von Rußland Schloß Rametz in Tirol auf drei Monate gemiethet habe und demnächst als Graf Ramero daselbst eintreffen werde, wird von dem amtlichen „Boten für Tirol" als pure Erfindung bezeichnet. £ *
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Febr. Der „D. Rpst." wird von hier mitgetheilt: Trotz der Milliarden, die gewissermaßen das Pathengeschenk für das neue Deutsche Reich waren, hatte man bekanntlich seiner Zeit nicht einmal Bedacht darauf genommen, einen Betriebsfonds für die Reichsverwaltung zu schaffen. Man constituirte das Reichsfinanzwesen, — denn Bestände waren nicht vorhanden, und die Milliarden wollte man zu diesem Zwecke nicht anreißen, — einfach auf die Ausgabe von Reichsschatzscheinen, also Reichswechseln, die von Bankhäusern discontirt, und, sobald auö Zöllen, Verbrauchssteuern und Matricularbeiträgen einige Einnahmen in die Kassen gelangt waren, wieder eingelöst wurden. Das Reich lebte also so lange auf Borg. Leider ist in der Reichsfinanziirung, die dem Trifolium Delbrück-Bamberger-Lasker zu danken ist, nach dieser Seite hin auch heute noch keine Aenderung eingetreten; woher soll man das Geld jetzt nehmen, um einen Reichsbetriebsfonds zu zu schaffen? Jene staatswirthschaftliche Aera war eben von vornherein, trotz der reichen Mitte, theilweise auf dem Verschuldungsbetrieb bastrt. ES ist erstaunlich, wie weit wir es, nachdem der Reichsfinanzwagen nun einmal in dieses Geleise geleitet worden war, in der Reichsverschuldung bereits gebracht haben. Im Jahre 1875 fingen wir mit 16 Millionen Mark „bescheiden" an. Doch gefiel dieser Schritt selbst in liberalen Kreisen durchaus nicht allgemein; er wirkte nach dem Milliardenrausch wie eine Ernüchterung. Eine Umkehr auf dem betretenen Wege aber gab eS nicht mehr; man mußte zufrieden sein, daß sich der Etat für 1876 mit etwas über 5 Millionen Mehrverschuldung begnügte. Nachgerade aber gewöhnte man sich und das Tempo wurde lebhafter. DaS Jahr 1877 brachte uns über 58 Millionen Mark Schulden. Es sei bester, meinte die moderne Finanzphilosophie, gleich einen „ordentlichen Batzen" aufzunehmen, weil das Capital in kleinen Positionen theurer fei. Wir befanden uns damals in der Hochfluth deS Finanz-„LiberaliSmuS", die sich allerdings im Jahre 1878 noch steigerte. Dieses nämlich segnete unS mit 97 Millionen Mark neuer Schulden. Jetzt kam die Zeit, wo die von Liberalen kreirten Verbindlichkeiten nolens volens von anderen maßgebenden Kreisen honorirt werden mußten; ein Stillstand auf dem Verschuldungswege läßt sich eben nicht so ohne Weiteres beere» tiren. Der Etat für 1879 stammte in ovo aus der liberalen Aera, und so kamen wir denn auch in diesem Jahre nicht billiger, als mit 78 Millionen Mark Schulden
„Genau Deine Größe," stimmte Hugo ihm ahnungslos bei.
Herr Schadebach ergriff seinen Freund beim Arm.
„Borg' mir Deinen Frack," raunte er ihm mit gedämpfter Stimme zu.
„Mach' doch keinen Unsinn!" entgegnete Hugo, indem er Angesichts dieser so plötzlich zu Tage geförderten Idee einen Schritt zurückprallte.
„Beweise, daß Du ein uneigennütziger Freund bist und borg mir Deinen Frack," beharrte Herr Schadebach. Kein Mensch wird es merken, wenn Du nicht nach der neuesten Mode gekleidet bist ober Deine Ellenbogen blank find."
„Wer weiß!" warf Hugo hin und rüstete sich innerlich zum tödlichen Widerstände.
„Aber es ist doch immer so, daß die Leute nur auf den Bräutigam sehen," fuhr Schadebach fast mit Thränen in den Äugen fort „Wenn Du wahre Freundschaft für mich fühlst, wirst Du mich in einer solchen Klemme nicht sitzen lassen. Nein, Hugo, Du darfft mich nicht im Stich lassen, ich würde m Zukunft nie mehr Vertrauen zu Dir haben, wenn Du eS thätest!"
Da streckte Hugo mit einem letzten wehrnüthigen Blick auf sein heißgeliebtes Gewand die Waffen.
„Eine Hochzeit ist eine Hochzeit," sagte er, „und Freundschaft ist Freundschaft. Da, nimm ihn hin!"
Und wenige Sekunden später sauste der Wagen mit den beiden Freunden die Straße hinab.
Empfang, Trauung, Gratulation, Abschied gingen genau nach dem festgestellten Programm und vvllkommm glatt von Statten. Der Bräutigam stolz und wonnegeschwellt; die Braut ganz Schüchternheit und Erröthen, die Mutter der Braut im letzten Augenblick in Thränen aufgelöst, und