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Nr. SL

Marburg, Sonntag, 29. Februar 1880

xv. Jahrgang

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täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wdchentlichen Beilage „JlluftrirtrS SouutagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2^ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (extt. Bestellgebühr). — JnserNonSgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pfg-

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet-

f Anzeigen nimmt emgegen: die Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Bffenstein & Vogler in nkfurt a- M., Berlin, ,zig, Cöln ic.; Rudolf ; Stoffe in Berlin, Frank­furt a. M- ic.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d-Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst,; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnoalidendank in Berlin; W- ThieneS in Elderseld: E. Schlotte in Bremen-

SHür den Monat März werden von allen Post- O anstaltm (auf dem Lande von den Landpostboten) Bestellungen auf die

Sderhessische Zeitung

mit deren Gratisbeilage

ILlustrieteS SorrntagSbiatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.

Die Exped. d. Oberh. Zeitung.

Die Eisenbahn Cölbe-Laasphe.

: Unter den segensreichen Folgen, welche der Ankauf der

großen Privatbahnen durch den Staat herbeigeführt hat, gehört unter andern auch die, daß es nunmehr möglich geworden ist, daß Zweigbahnen, welche seit Jahrzehnten e Gegenstand der eifrigsten Wünsche und Bestrebungen ein- 1 zelncr LandeStheile gewesen sind, ins Leben gerufen werden können. Erst setzt mit der Durchbildung des Staaseisen-

, bahnsystemS ist es möglich geworden, das staatliche Jn- । teresse, welches jedem LandeStheile eine seinen Bedürfnissen ■ entsprechende Kommunikation zu gewähren im Auge haben ' muß, allein und abgesehen von der seither entscheidenden e Rentabilität, zur vollen Geltung gelangen zu lassen. In

c Gestalt von Sekundärbahnen, d. h. solchen Eisenbahnbauten, welche nicht die volle Ausrüstung in Bau und Material - einer großen Bahn haben, werden sich die Schienenstränge nach allen Seiten von der Hauptbahn abzweigen und so ' große Landstrecken dem jetzt allein entscheidenden Verkehrs- -- wege der Eisenbahnen anschlicßen. Damit werden diese l Zweigbahnen ein außerordentlich wichtiger Faktor für den I Verkehr auf der Hauptbahn bilden und zugleich eine Garan­tie für deren Rentabilität gewähren.

Als Voraussetzung für die Uebernahme der Baukosten | für die Sekundärbahnen auf die Staatskasfe hat man den | Grundsatz ausgestellt, daß die Interessenten den Grund und I Boden zu der Bahnanlage unentgeldlich hergeben müssen, j die Kosten für den Erwerb von den beseitigten Gemeinden, 8 Kreisen und Provinzen aufgebracht werden, woneben in I manchen Fällen noch weitere Zuschüsfe dieser Verbände, I namentlich in den Fällen eintreten, wo die Kosten des I Chausseebaues durch die Eisenbahnanlage erheblich ver- I ringert werden.

I Mit Anwendung dieser Bestimmungen ist, nachdem das I Großherzoglich Hessische Antheil an der Main-Weserbahn I von dem preußischen Staate angekauft worden ist, endlich I ein Eisenbahnprojekt ins Leben gerufen, welches seit Jahr- | zehnten, wenn auch in einem größeren Umfange, die Ge- । müther in den beseitigten Kreisen auf das Lebhafteste er­

Der Samariter des Bogelgeschlechts.

• Um Alles in der Welt hätte der alte Schuhmacher • nicht eines von seinen Rothkehlchen hergegeben. Wenn wir

Buben ihn besuchten, und oft eine halbe Stunde zwischen Lederfetzen, kranken Stiefeln und frisch gewichsten Damen- schuhen auf dem Schemel hockten, bis unfere Flickarbeit fertig war, so sängen die Thierchen um die Wette — zwei Männchen in einem Bauer. „Das ist gegen die Regel", sagte der Alte. „Als mir mein Schulfreund, der Vogel- i! steiler, die frisch gefangenen beiden Kammeraden brachte, hatte ich nur einen Käfig und mußte uothgedrungen die geflügelten Zwitscherlinge zusammenthun. Sehr bald melkte a ich, daß ich zwei Hähnchen hatte und fic betrugen sich denn auch wie ächte Hähne. Zanken, streiten und beißen war ihr Hauptvergnügeli, zuweilen so arg, daß ich den Knieriem erhob und den Krakehler» damit drohte. Da, denkt Euch, reißt eines Tages der Nagel, da« Bauer stürzt ( t tief hinunter und eins von den Vögelchen bricht ein Bein.

Sofort nehme ich alle von meinem Freund im Walde r erlernte Vogelheilkunst zusammen, verbinde den Bruch und r lege den Patienten in ein Filznestchen. Während ich noch

wir den Kopf zerbreche, wie der Kranke am besten zu füttern sei, sehe ich schon seinen gesunden Kameraden ihm - Futter zutragen. An die Stelle der bitteren Feindschaft

war jetzt das zärtlichste Mitleid getreten, das Hänschen pflegte den Genossen mit größter Sorgfalt, und den Tag ' der Genesung habe ich mit einem GlaS Wem, die beiden

Vögel haben ihn mit frischen Ameiseneiern festlich begangen. Seit jener Zeit sind die ehemaligen Gegner die besten Freunde; sie wechseln immer mit ihrem Gesänge ab und wenn ich meinem Enkel die Freude mache den Käfig zu

regt und beschäftigt hat. Die Bedeutung der Sekundär­bahn von Cölbe, wo sie in die Main-Weserbahn einmün­det, bis Laasphe, ist für das hessische Hinterland eine sehr schwerwiegende, sie ist eine Lebensfrage! — für die Stadt Marburg hat sie ein größeres Gewicht, als irgend ein wirthschaflliches Ereigniß seit dem Lau der Main-Weser- Bahn. Es ist bei der Vereinigung des Betriebes dieser Sekundärbahn mit dem der Hauptbahn keinem Zweifel unterworfen, daß der Bahnhof in Marburg auch für diese Zweigbahn benutzt wird, für eine Bdhnhofanlage in Cölbe sprechen gar keine Gründe, jede deßhalbige Ausgabe würde geradezu eine unrentable und unwirthschaftliche fein. Mit dem Einmünden der Zweigbahn in Marburg wird dieser Stadt ein neues Verkehr- und Absatzgebiet erschlossen, welches um so bedeutungsvoller ist, als die Bahn indu­strielle Bezirke berührt, welche alle ihre Bedürfnisse, ja selbst einen Theil ihrer Brodfrüchte von Außen zu beziehen genöthigt sind. In wiefern die Stadt Marburg es ver­stehen wird, dieses neueroberte Hinterland mit seinen In­teressen an sich zu fesseln, das hängt von dem Geschicke und der Solidität ab, mit welcher der Handels- und Ge­werbestand zu Werke geht. Politische Bedeutung hat die neue Bahn insofern, als sie wohl den Wunsch der Bevöl­kerung des hessischen Hinterlandes ganz, auch in Ansehung der Verwaltung, mit dem Regierungsbezirke Kassel ver­einigt zu werden, der Erfüllung nahe bringen muß.

Tagesbericht.

Die „Post" hört, es sei jetzt definitiv, daß Fürst Hohenlohe zunächst für die nächsten 6 Monate die Ge­schäfte deS Staatssecretärs des Auswärtigen übernehme.

Der „Reichsanzeiger" fügt der Mittheilung über den Bericht des Prof. Hirsch betreffs der Astrachaner Pestepi­demie noch Folgendes hinzu: die Gründe, welche die Be­hörden abgehalten hätten, den Bericht als amtliches Acten- stück zu behandeln und zu veröffentlichen, hätten haupt­sächlich darin gelegen, daß der Ve^asier über eine befreun­dete Regierung und deren Einrichtungen auch in dem um­gearbeiteten Berichte Urtheile ausgesprochen habe, die er als Privatmann und Gelehrter veröffentlichen könne, die aber eine Regierung über eine andere in einem amtlichen Dokumente auszusprechen Anstand neunen müsse. ____________

Die „Nordd. Allgem Ztg'" schreibt in einer Polemik gegen die „Kreuzzeitung" und den „Reichsboten", welche die jüngsten Artikel der „Norddeutschen" angegriffen, hatten, intern sie nochmals die friedliebende Politik Deutschlands betont: die panslavistischen Bestrebungen, wenn sie sieg­reich zum Ziele gelangen, sind gleichbedeutend mit Auf­lösung der österreichisch - ungarischen Monarchie. Daß

Deutschland dagegen einzutreten habe, entspreche der von ganz Deutschland gebilligten Politik des Reichskanzlers. Die tiefe Verehrung für den edlen und friedliebenden Kaiser Alexander, den nahen Verwandten und nächsten Freund unseres Kaisers, bedinge noch nicht, daß man alle leitenden russischen Staatsmänner für Freunde Deutsch­lands halte. ' • 1

Die Deutsche Reichspartei im Reichstage beschloß zu dem Anträge des Abg. Hänel, bett, die Vorlegung des offiziellen Berichts über den Untergang des „Großen Kur­fürsten" den Uebergang zur einfachen Tagsordnung zu beantragen.

Deutsches Reich.

Berti«, 27. Februar. Die Budgetcommission des Reichstages wird ihre bisherigen Beschlüsse in Form von mündlichen Berichten vor das Plenum bringen. Ueber den Etat des Reichsamts des Innern wird der Abg. Rickert berichten über die Etats der Reichsjustizverwaltung, des Rechnungshofes, des Reichöfchatzamtes und der Reichs- schuld der Abg. Frhr. v. Maltzahn-Gültz, über die Reichs­druckerei, den besonderen Beitrag von Elsaß-Lothringen, die Ausgaben des Krieges gegen Frankreich, die Eisenba n- verwaltung und das Reichseisenbahnamt 6er Abg. v. Kar- dorff und über den Etat der Marine der Abg. Rickert, -*■ Die aus der nationalliberalen Partei ausgefchiedenen Mit­glieder haben sich unter Hölder's Führung zu einer beson­deren Gruppe vereinigt. — Nicht unzeitgemäß scheint es in diesem Augenblick, an die wenigstens im Ganzen den Gesichtspunkten der gegenwärtigen Heeresvorlage entsprechen­den Aenßerungen zu erinnern, in welchen der hervorradendste Führer des linken Flügels der nationallideralen Partei, Herr von Forckcnbeck, am 13. Juli 1878 in Neuhaloens- leben vor seinen Wählern seine Grundsätze über die HeereS- frage, nach der „Magd. Ztg.", etwickelte. Ich weroe mit aller Kraft dahin wirken, äußerte Herr von Forckenbeck, daß das Heer in seinem gegenwärtigen Bestände erhalten und, wenn nöthig, nach dem Bedürfnisse sogar verstärtt werde, weil ich sonst die Sicherheit deS Reiches, diese neu geschaffene Einheit, gefährden könnte. Ich sage Ihnen ferner, ich halte es gegenüber der Existenz des Heeres, gegenüber der Dauer, welche bei der Geltung der allge­meinen Wehrpflicht den Einrichtungen des Heeres gegeben werden muß, nicht für möglich, daß der Reichstag alljähr­lich die Ziffer des FriedenSpräfenzstandeS des Heeres fest» stellen müsse. Ich bin dem schon im Jahre 1862 und während der Konfliksperiode entgegen gewesen. Ich kann diesen Anspruch nicht mit meinen Ansichten vereinigen; aber ebenso entschieden bin ich Gegner der sogenannten eisernen Ziffer, nämlich der Einrichtung, daß der Friedcns- präsenzstand des Heeres für alle Zukunft auf 401,000

öfnen, so setzt sich der eine Vogel auf die rechte, der andere auf die linke Schulter des Jungen."

Wir hatten den Wunsch, auch ein so herziges Thierchen zu besitzen, schon lange aufgegeben, ate der Finken-Caspar, wie deS Meisters waldbewohnender Freund hieß, ein Nest mit jungen Rothkehlchen brachte. „Wo ist aber die Mutter der Kleinen?" fragte unser Knierieminalrath. „Du brauchst teilte Mutter, sagte der Fänger, laß nur Deine alten Männchen herzu." Und der kundige Vogelfreund hatte Recht. Die beiden gefiederten Sänger fütterten und pflegten die verwaisten Jungen so eifrig, daß sie alle schön gediehen und der Schuhmacher jedem von seinen flehten Kunden einen flüggen Vogel zum Geschenk machen konnte.

Der Finken-Caspar bekam für seine Rothbrüstchen von unS eine Gegengabe, der Papa hatte ihm eine schöne Pfeife gekauft und wir trugen ihm daS Präsent sammt einem Pfund Tabak hinaus in feine Hütte. Da freute sich der Greis, daß er uns etwas Neues zeigen könne. Er führte uns an das Nest eines Weidensängers, und zeigte uns 12 Eier darin von zweierlei Art. Sechs davon, genau die Hälfte, hatte ein Rothkehlchen gelegt und die beiden Kompagnons wechselten ab mit Brüten. Es sind denn auch nachher die Jungen gemeinsam von den verbündeten Eltern erzogen und groß gefüttert worden.

Wer vermuthet so liebenswürdige Eigenschaften unter den Thieren? Wir nannten die Rothkehlchen fortan die Samariter des VogelgefchlechtS.

Sie sind Wandervögel, die kleinen Sänger, aber länger als alle anderen bleiben sie im Lande, bis tief in den Spätherbst. Auch machen sie keine so weiten Reisen, höchstens bis zum Norden Afrika's meist nur bis Spanien. Das Land der Pyrenäen ist zur Zeit, wenn wir im Norden

Winter haben, mit den geflügelten Gästen ans ganz Europa überfüllt, in allen Wäldern, Büschen und Gärten hört man der Rothkehlchen Lieder und findet ihre Ansiedlung im Thal wie auf den bewaldeten Hochgebirgen. Bei uns zu Lande leben die Thiere nicht so dicht gedrängt. Wenn sich im Frühling ein Pärchen zusammengefunden hat und eine Brutstätte sich erkor, so sorgt es dafür, daß sich in nächster Nähe kein Collegenpaar ansiedelt, es behält und behauptet sein eigenes Revier, alle Nachbarn werden weg» gebissen. Nun legen die Eheleute ihre Colvnie nahe am Boden an; wählen eine Erdhöhle zum Quartier oder einen alten Baumstumpf, nicht feiten eine hohle Stelle unter dem Brett einer Kegelbahn, wo es sie dann gar nicht irre macht, wenn die Kugeln polternd über ihren Häuptern einher rollen. Ohne gerade sehr kunstgerecht oder einen bestimmten Styl zu bauen, machen sie doch ein weiches und behäbiges Heim, decken das Nest oben sorg­fältig zu und füttern es hübsch mit Haaren, Wolle und Federn. Sechs Eier, dicht besäet mit röthlichen Punkten auf weißem Grunde, werden von beiden Gatten ausgebrütet, in kaum drei Wochen haben die Jungen ihre Selbstständigkett und nun wird eine zweite Brut angelegt, versteht sich vom nämlichen Paare. Und neben der ehelichen Treue bewahren beide Thiere viel zarte Sorgfalt für die Jungen. Kommt Jemand in die Nähe ihrer Kinder, fo lassen die Wen sofort einen WarnungSruf hören und die Jungen unter­brechen ihr Gezwitscher, um sich nicht zu verrathen.

Wenig Vögel haben eine so umfassende Speisekarte. Im Frühling und Sommer sind alle möglichen Jnsecten, Spinnen, Schnecken und Regenwürmer ihr tägliches Brod, im Herbst kommen Beeren von Ebreschcn, Hollunder und allerlei Heckensträuchern an die Reihe und in der Gefangen-