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Marburg, Freitag, 27. Februar 1880
xv. Jahrgang
Anzeigen nimmt entgegen-, btt Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt o.ÜJL; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a- M., Berlin. Leipzig. Köln re.; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt <l M- re.
OhttheMk jfitinio
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattet sowie d.Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst,; Hermann'sche Buchhanbl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienet in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen-
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JlnstrirteS SonntasSölatt" durch die Expeditton («och'sche Buchdruckerei) bezogen Wart, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 3 Wart 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Ps«. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pf«, berechnet-
SHür den Monat März werden von allen Post- O anstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) Veftellunge« auf die
Bberhessische Zeitung mit deren Gratisbeilage Jllustrirtes Sonntagsblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.
Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Dem BundeSrathe ist vom Reichskanzler der Entwurf einer Anweisung betreffend den zum Zwecke der Einziehung von Gerichtskosten unter den Bundesstaaten zu leistenden Beistand nebst einer bez. Denkschrift vorgelegt.
Der Gesetzentwurf betreffend die Abänderung des § 30 des Gesetzes, gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878 ist jetzt dem Reichstage vorgelegt worden. Dasselbe lautet in seinem einzigen Paragraphen: „Die Dauer der Geltung de- Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878 (ReichSgesbl. S. 351) wird, unter Abänderung des § 30 dieses Gesetzes bis zum 31. März 1886 hierdurch verlängert." In der Begründung des Gesetzes heißt es, daß in dem Gesetz, das am 9. September 1878 dem Reichstag vorgelegt worden deshalb ein Endtermin nicht festgesetzt wurde, weil eS unmöglich war, den Zeitpunkt im voraus zu bestimmen, mit welchem daS Gesetz in Zukunft entbehrt werden könne. Auf Vorschlag der betteffenden ReichstagS-Commission wurde die Dauer deS Gesetzes bis zum 31. März 1881 beschränkt, jedoch nicht in der Voraussetzung, daß dann die Gefahren zu deren Bekämpfung das Gesetz dienen soll, nach dieser Frist beseitigt sein würden, vielmehr wollte man durch jene Fristbestimmung zunächst nur ein Urtheil über die praktische Wirksamkeit deS Gesetzes und über die Handhabung der durch dasselbe den verbündeten Regierungen übertragenen Vollmachten gewinnen, und für den Fall, daß das Gesetz in dieser Beziehung die Probe bestehen würde, eine Verlängerung desselben über den 31. März 1881 hinaus vorzunehmen. Das Gesetz ist unter sorgfältiger Einhaltung der gezogenen Grenzen zur Ausführung gebracht und in gleicher Weise gehandhabt worden. Soweit die Voraussetzungen des Gesetzes zutrafen, find die Vereine der Sozialdemokratie geschlossen, ihre Versammlungen verhindert, ihre Presse verboten. Dadurch ist die sozialdemokratische Agitation iu gewissen Schranken gehalten und insbesondere erreicht worden,
Eiue Sehenswürdigkeit.
Industrielle Skizze von L. G.
Ich hatte die Weihnachtszeit bei Verwandten und Freunden in Jena verbracht. Einige Tage vor meiner Abreise lud mich ein ehemaliger Studienkollege zu einer Schlitten- parthie nach der kleinen Residenz des Fürstenthum Schwarz- burg-Rudolstadt ein. „Du wirst dort etwas kennen lernen, sagte er, waö in Dein national-ökonomisches Fach schlägt und Deinem Enthusiasmus für rauchende Schlote und Fabnllärm Nahrung geben wird." — Ich gestehe, daß mich diese Aussicht anzog, um so mehr, da ich mir nicht denken konnte, wo der Freund damit hinaus wollte; war ich doch erst vor etwa 21/2 Jahren in dem freundlichen Städtchen an der Saale gewesen, dessen beschauliche Ruhe damals weder durch große kommerzielle, noch durch industrielle Unternehmungen gestört wurde.
Nach einer fast vierstündigen Fahtt rauchte zur Linken, aus den der Saale entsteigenden Nebeln, die breite Front des Cumbacher GewächshaufeS auf, und endlich erblickten wir auch daS malerifch auf der bewaldeten Anhöhe gelegene Restdenzfchloß deS Fürsten Georg. Nachdem wir die erstarrten Glieder erwärmt und uns restaurirt hatten, beschlossen wir einen Spaziergang. An dem villenbebauten Westende der Stadt angekommen, blieb ich plötzlich verwundert stehen. Dort in die ländliche Idylle hinein ragte ein mächtig qualmender Schlot, ein hoher Wassetthurm und zwischen den kahlen Arsten der die Chaussee begleitenden Baumpflanzungen wurden rothe Gebäude sichtbar. Noch ehe ich meinen Begleiter interpelliren konnte, ertönte ein, den Schall der Stimme vernichtender, weithin hörbarer, gellender Rus. „ES ist die Dampfpseise der chemischen
daß ihre apparten Kundgebungen und offenen Verhöhnungen von Gesetz und Recht nicht mehr durch ungehinderte Duldung den Stempel des gesetzlich Erlaubten erhalten. In Folge dessen sind weite Kreise des Volkes von dem Drucke der sozialdemokratischen Agitation befreit und der Wiederherstellung der vielgestörten Eintracht zwischen den einzelnen Klassen der Bevölkerung, sowie den Bestrebungen zur Hebung des Wohles der arbeitenden Klassen, die Wege geebnet worden. Dagegen dauert die sozialdemokratische Bewegung unter der Oberfläche fort und ihre Organisation ist, wenn auch in veränderten Formen eine feste und umfassende geblieben. In der ersten Zeil nach dem Erscheinen deS Gesetzes machte sich eine gewisse Bestürzung bemerkbar. Die Führer schienen unschlüssig darüber, welche Stellung sie gegenüber dem neuen Gesetz einnehmen sollten. Die Entscheidung fiel bald dahin aus, daS es den Interessen der Partei am meisten entspreche, zunächst und äußerlich sich den Geboten des Gesetzes zu unterwerfen, aber an den bisherigen Bestrebungen unbedingt festzuhalten und deren Förderung mit Aufbietung aller Kräfte im Geheimen zu betreiben. Es galt daher, das Gesetz zu umgehen, vor Allem für die verbotene sozialdemokratische Presse deS Inlandes einen Ersatz im Auslande zu gewinnen. Die diesem Zwecke hauptsächlich dienenden Zeitungen, die Most'sche „Freiheit" in London und der „Sozialdemokrat" in Zürich finden trotz der ergangenen Verbote in den Reihen der deutschen Sozialdemokratie vielfach und regelmäßig Verbreitung (die Motive gehen hier ausführlich auf die Tendenzen und Principien ein, welche diese beiden Blätter vertreten.) Wie aus diesen Kundgebungen der Presse, so ist dir Fortdauer der socialdemokratischen Bewegung und das feste Zusammenhalten ihrer Anhänger auch aus offenkundigen Thatsachen zu entnehmen: das geschlossene Auftreten der Sozialdemokratie bei mehreren Ergänzungswahlm, die Verbindung der deutschen Sozialdemokratie mit den Umsturzpatteien deS Auslandes. Es ist offenbar, daß dem Gesetz gegenüber die Aufrechthaltung der Organisatton der Sozialdemokaten vielfache Schwierigkeiten bietet, daß sie denselben Opfer und Mühen mancher Art auferlegt und daß die Bereitwilligkeit zur Uebernahme der letzteren wesentlich bedingt wird durch daS Maß der Hoffnung auf ein baldiges Auf- hören derselben. Aus all diesen Gründen folgern die Motive, die unabweisbare Nothwendigkeit, eine Verlängerung deö Gesetzes ungesäumt eintreten zu lassen. Bei der Br- rathung des Gesetzes ist eS mit Recht betont worden, daß eS darauf ankomme, durch daffelbe der Staatsgewalt eine scharfe Waffe zu geben, da nur mit Hülse einer solchen ein sicherer Erfolg zu erreichen sei. In diesem Sinne ist eine schleunige Verlängerung der Geltungsfrist geboten, welche mit Aussicht auf Erfolg nicht kürzer als auf 5 Jahren bemessen teerten darf.
Fabrik" — sagte mein College, als das gleichsam die Luft zerreißende Signal schwieg, „sie hat mir die Dir zugedachte Ueberraschung verdorben, Übrigens desto besser, unser Besuch wird Alles in voller ThätiMt treffen."
Nach ein paar hundert Schritten standen wir vor einem ausgedehnten Complex im modernsten Style auS- geführter Gebäude mit gemusterten Schieferdächern und hohen glänzenden Spiegelfenstern. Wir schreiten durch den Haupteingang, rechts am Thorpfeller fällt uns eine kleine, bescheidene Marmortafel in die Augen, welche in goldenen Lettern die Worte trägt: „F. Ad. Richter & Comp., k. k. Hoflieferanten." Man geleitet uns in das Empfangszimmer, einen reizenden Keinen Salon, der manchen Gegenstand enthält, bet dessen Betrachtung wir geduldig die An- fünft des Chefs abwarten, der an« irgend einem Theil der weitläufigen Fabrikgebäude durch Signale herbeigeholt wirt. Da ist zunächst eine regulatorähnliche elektrische Uhr — eine sonst nur großstädtischen Gemeinden zur Verfügung stehende Einrichtung, — die mit geräuschlosem Gange und mustergültig-r Regelmäßigkeit den Verlauf der Zeit anzeigt und die Seele einiger vierzig in der Fabrik vertheilter elektrischer Wanduhren bildet. Ein elegantes dickleibiges Fremdenbuch ladet zum Einzeichnen ein, — es enthält die illustren Namen vornehmer Touristen, wisten- schaftlicher Autoritäten, Jntofftrieller, Architekten und Neugieriger aus aller Herren Länder. Die abwechslungsreiche fieetüre wird durch das Erscheinen des Herrn Dr. Adolph Richter unterbrochen. Mit großer Liebenswürdigkeit ladet uns derselbe zu einem Rundgange durch die Fabrik ein, den wir für interessant genug halten, um ihn hier kurz zu skizziren.
AuS dem Empfangszimmer gelangen wir in das Comp-
Anläßlich des neusten MordanschlageS gegen Kaiser Alexander, der während seiner ganzen Regierung die großherzigsten Pläne zur Hebung und Beglückung seines Volkes verfolgt, schreibt die „Provinz.-Corresp." : der Kaiser führte nach dem Friedensschluß von 1856 zahlreiche Reformen ein. Alle Fortschritte schienen aber nur den Geist deS Radikalismus zu entfesseln. Der Versuch in Polen mißglückte durch die revolutionäre Schreckensregierung und bewaffnete Empörung, nach deren Niederschlagung der PanslavismuS ein Mittel zur Erregung der Volksleidenschaft wurde. Der Radikalismus entfernte jedes ideale Element und wurde ganz materiell. Der PanslaviSmuS und daS radikale Element pflanzten sich bis zum türkischen Kriege fort. Seitdem hätten die revolutionären Kräfte in Rußland ihr verderbliches Spiel entsetzlicher wie jemals begonnen. Die Panslavisten suchten die Gemüther des Volks für den Kampf nach außen zu erhitzen; die Nihilisten suchten in ruchlosen Anschlägen gegen daS Leben deS Monarchen ihrem Durst nach Zerstörung und Verwirrung eine frevelhafte Genugthuung zu bereiten. Die Gestalt des Kaisers steht vor der von Mitgefühl ergriffenen Welt als Beispiel, wie der reinste Wille und die richtige Er- kenntniß deS Zieles und der einzig möglichen Wege dazu nicht hinreichten, unheimlich mit elementaren Leidenschaften verbundene Instinkte und geblendeten Frevelsinn zu be- ckeistern, wenn nicht alle Kräfte deS Guten, welche in der Nation wohnen, sich mit begeisterter Energie erheben und zur Bekämpfung der Krankheit um den Kaiser schaaren.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Februar. Heber die bisherige Landtagssession schreibt die „Prov.-Corresp.": Die vertagte, aber noch nicht beendigte Landtagssession weist befriedigende Ergebnisse auf, deren Werth auch bei den allerdings wohl unerledigt bleibenden Ausgaben nicht zu verkennen ist. In der Thronrede, mit welcher der Landtag am 28. Oktober v. I. eröffnet wurde, war eine Anzahl wichtiger Arbeiten angekündigt, deren Erledigung theilS bereits gelungen ist, theils mittelst der Nachsefston in sichere Aussicht genommen werden kann. Das Wichtigste, was die Session bisher zu Stande gebracht hat, ist der Erwerb der sechs grofjen Eisenbahnunternehmungen und einiger kleinerer für den Staat. Bedenkt man, welche sorgfältige Erwägung dieser Schritt heischte, einmal in verwaltungstechnischer, sodann in finanzieller Hinsicht, bedenkt man, was dazu gehörte, um die Verträge zu Stande zu bringen, sodann aber den Widerstrett der Ansichten auszugleichen, der auf diesem Gebiete, wo auch theoretische Erwägungen ihr großes Gewicht hoben, doppelt unvermeidlich ist — erwägt man dies alles und vergegenwättigt sich nun, daß die Vortheile des Ankaufs bereits das Deficll aus dem nächsten Rechnungsjahr des
toir, ein Heller freundlicher komfortabel ausgestatteter Raum mit etwa 30 Sitzplätzen; hier herrscht die ernste Ruhr geiftiger Arbeit, die nur ab und zu durch ein Signal der zahlreichen, hier einmündenden telegraphischen oder akustischen Leitungen unterbrochen wird. Auch das Telephon sahen mir hier mehrfach verwendet. In einem abgetheilten Raume erblickten wir die eingemauerte, die Höhe einer Wand einnehmende Kaffe, welche durch einen, an Ketten hängenden, tagsüber unsichtbaren, kolossalen Eisenpanzer gegen Feuersgefahr geschützt wird.
Unser Führer läßt uns den Vortritt in fein eigenes Comptoir, — im selben Augenblick ertönt ein emsig läutendes Signal, wir wenden uns nach rechts und bemerken einen nähmaschinenähnlichen Apparat, von besten Welle sich ein Papierstreifen ablöst. Der Chef ladet uns ein, dm Apparat bei seiner Thätigkeit zu beobachten. Buchstabe für Buchstabe erscheint in zweifelloser Deutlichkeit und verräth uns einen großen telegraphischen Auftrag einer Kopenhagener Firma. In gleicher Weise, auf anderen Apparaten vermag Herr Dr. Richter von feinem Comptoir aus, mit der Postanstalt und der für ihn eingerichteten Bahnstation, sowie mit seiner Privat - Villa zu „sprechen." Von den unzähligen anderen telegraphischen und Sprachrohrleitungen gar nicht zu reden, die von dem Schreibtische des Chefs in die entferntesten Räume des Etablissements führen und eine augenblickliche Verständigung mit den betreffenden AbtheilungSvorständen ermöglichen. Time is money.
Eine Mahnung in diesem Sinne fällt uns beim Eintritt in das eigentliche Comptoir in die Augen, der liebenswürdige Hausherr beruhigt uns hierüber in der jovialsten Weife und wir betrachten mit Muße alle mechanischen