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JTlarfiurg, Sonntag, 22. Februar 1880
xv. Jahrgang
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Anzeigen nimmt emgegen: die Expedition d.vlatte-, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th- Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; tzaasensteia & Bögler in Frankfurt 6. M., Berlin, sechzig, Cöln iü; Rudolf Vtoffe in Berlin, Frankfurt a. W ic
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d-Annoncen-Bureaux von L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbsth Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.
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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JlnstrirteS SonntagSdlatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr). — Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 45 Pfg. berechnet.
Die rnsstschen Attentate.
Die Zahl der gegen das Leben des Kaisers Alexanders II. von Rußland gerichteten Mordversuche wird nächstens derjenigen der Attentate gleichkommen, die vor einem Menschenalter gegen Ludwig Philipp, weiland König der Franzosen ausgeführt wurden. Siebenmal binnen 16 Jahren wurde auf den Mann geschossen, den das Volk von Paris fteiwillig zu seinem Beherrscher gemacht hatte; die Zahl der russischen Mordattentate beträgt fünf und vertheilt sich über vierzehn Jahre. Am 4. April 1866 jeuerte der Student Karakosow sein Pistol auf den im St. Petersburger Sommergarten lustwandelnden Kaiser ab, am 6. Juni 1867 fand zu Paris der Mordversuch deS Polen Beresowski statt, am Morgen des 14. April v. I. schritt der ehemalige Verwaltungsbeamte Solojew zu seiner Blutthat, im November desselben Jahres wurde Europa von der Kunde erschreckt, die russische Revolutionspartei habe den Versuch gemacht, den Eisenbahn-Zug, der den Kaiser und dessen Gefolge von Livadia nach Moskau beförderte, in die Luft zu sprengen. Das neueste, entsetzlichste dieser Verbrechen hat sich am 17. Februar d. I., vierzehn Tagen vor dem 25jährigen Regierungs-Jubiläum des Czaren begeben.
Einer Erklärung dafür wie es möglich gewesen, daß das von drei Seiten freistehende, an der vierten Seite von der Newa begrenzte, einen ganzen kleinen Stadttheil bildende Geviert des Winterpalastes unlerminirt worden und daß es den Verschwörern gelungen, sich bis unter das Fundament durchzuarbeiten, welches die kaiserlichen Gemächer trägt, — dieser Erklärung sieht das gesammte entrüstete Europa mit Spannung entgegen. Lägen nicht aus St. Petersburg selbst Zeugnisse dafür vor, daß man die am 17. d. M. stattgehabte Explosion sür das Produkt eines planvoll vorbereiteten Verbrechens ansteht, so bliebe für die Annahme Raum, eS habe eine unbeabsichtigte Gas-Explosion vorgelegen, die in der ersten Bestürzung mit den Umtrieben in Verbindung gesetzt worden, welche die Sicherheit der kaiserlichen Familie und der gesammten bestehenden russischen Staatsordnung seit Jahr und Tag bedrohen. Davon ist aber ostenbar nach den neuesten Nachrichten aus Petersburg nicht die Rede. WaS noch vor wenigen Monaten (Anfang Decemder v. I.) als unsinniges Gerücht Lügen gestraft wurde, ist wirktich möglich gewesen: — in seinem eigenen Hause ist der mächtige Beherrscher des ausgedehntesten Reiches der Erde nicht mehr sicher, — bis in das Centrum des Regierungssystems ist die unsichtbare und doch allgegenwärtige (Verschwörung gedrungen und die Frage, was noch unmöglich bleibe, wenn die phantastischen Möglichkeiten übertroffen werden, harrt vergeblich der Antwort.
u Ueber das Attentat selbst gehen der „N. Pr. Z." noch
Hilaria.
Erzählung von Ludwig Hesekiel.
(Fortsetzung.)
Commodus besann sich; Max Aurel war ein sehr schwacher Vater, aber in einem solchen Augenblick hätte er es dem Sohne nicht verziehen, wenn er ihm einen Manu wie Cajus Lentulus, der in allen Kriegskünsten wohl erfahren war, durch eine schwere Beleidigung abtrünnig gemacht hätte. Zudem sagte er sich, daß der Krieg CajuS Lentulus in den nächsten Tagen nach Asien führen müsse; dann glaubte er leichtes Spiel zu haben. Bei Hilaria konnte er ja keinen Widerstand finden, sie hatte ihn geliebt, das wußte er, und welche Frau RomS hätte den schönen Commodus, des Kaisers Sohn und Erben, nicht jubelnd zu ihren Füßen gesehen. Etwas gemäßigter sagte er daher: „Du hättest sie nicht dazu machen sollen, denn sie war mir bestimmt; doch ^laß es gut sein, wenn Du berauscht von der Schönheit asiatischer Frauen zurückkehrst, findest Du vielleicht gar keinen Gefallen mehr an ihr und bist froh, wenn ich sie Dir abnehme."
Lachend ging er davon; Cajus Lentulus schauderte. Die ganze Sittenlosigkeit seiner Zeit stierte ihn aus den Worten des Uedermüthigen an; „Herr wann wirst Du Dich dieses Elends erbarmen", rang es sich von seiner Lippe, „und durch das Licht Deines Wortes die Sünde vertilgen!"
Wie er so seinem Hause zuschritt kam ihm der Gedanke, ob es wohl richtig sei, das Gebot des Kaisers zu befolgen Und für dieses Herrscherhaus zu kämpfen. War es nicht vielleicht ein Segen, wenn die Anlonine gestürzt wurden, bie dem Christenthum so feind waren? Aber muthig über- toanb er die Versuchung. Sein Gott befahl ihm Unter
folgende Nachrichten zu: Am 5.17. d. Mts., Abends gegen 6’/j Uhr war in der allerweitesten Umgebung des Winterpalais eine sehr starke Detonation hörbar. Ehe noch die bezüglichen Telegramme einliefen, eilten die zunächst dem genannten Palais gelegenen 2 Bataillone des Regiments Preobraschenski dorthin, auch eine der Kompagnien aus den über zwei Werst entfernten Kasernen der beiden anderen Bataillone des Regiments traf nur kurze Zeit später dort ein. Am genannten Tage war die Schloßwache durch eine Kompagnie des Leib-Garde-Finn- läudischen Regiments besetzt. Die Wachtstube der Offeriere liegt in der zunächst der Newa gelegenen Seite des Schlosses; auf derselben Seite, etwa 30 Schritt von ihr entfernt, die Wachtstube der Mannschaften; über letzterer ein Saal, in welchem Sc. Majestät der Kaiser größere Diners zu geben pflegt, wie ein solches auch damals zu Ehren des vor Kurzem eingetroffenen Fürsten von Bulgarien stattfinden sollte, der Beginn desselben war um 6 Uhr festgesetzt, verspätete sich jedoch zufälliger Weise um einige Minuten. Die in der Wachstube befindlichen Ofsi- ciere hörten zu oben genannter Zeit einen über alle Maßen starken Knall und ihm folgendes Brechen von Mauerwerk und Glas (sämmtliche in der Nähe befindlichen Fensterscheiben waren zersprungen.) Sie stürzten aus ihrem Zimmer hinaus und fanden die Wachtstube der Mannschaften als einen Trümmerhaufen, aus dem ihnen Rauch und Staub entgegenquoll. Durch ein Zeichen mit der Glocke rief der wachthabende Compagnie-Chef die Wache in die Gewehre und nur 10 Mann, über und über mit Schutt bedeckt, folgten getreu diesem Befehl. Der Rest war tobt ober verwundet. Die genannte, sehr große Wachfftube, ist vollständig zerstört und der Anblick der Leichen und Verwundeten, zerbrochener Waffen und Ge- räthe, war ein schauerlicher. Auch in der Decke derselben d. h. unter dem Speisesaale, waren starke Riffe, sowie ein Loch von etwa 4 Ellen Durchmesser und großer Tiefe; doch hatten die starken steinernen Wölbungen erfolgreichen Widerstand geleistet. Se. Kaiserliche Hoheit der Großsürst-Thronfolger, sowie die meisten Großfürsten, desgleichen General Gurko, der Polizeimeister General Surow u. s. w. waren die ersten an der Unglücksstelle. Die Nacht über verblieben einige Compagnien zur Bewachung des Palais. Näheres ist selbstverständlich zur Zeit nichts bekannt; nur haben mehrere Verhaftungen stattgefunden.
Telegraphisch wird noch gemelcet:
Pet ers burg, 20. Febr. Der „GoloS" meldet: Die Dynamitladung, welche die Explosion verursachte, befand sich unter der Palastwachtstube im Kellerraum, wo eine von vier Tischlern bewohnte Tischlerwerkstätte war. Drei Tischler sind in Gewahrsam genommen worden, der vierte ist verschwunden. Die Dynamitladung wird nach den an- gerichieten Beschädigungen auf 4 Pud geschätzt. Das
ordnung nicht nur unter die gütigen und gelinden Herren, durfte er ihm vorgreifen, wenn er den Herrscher noch nicht senden wollte, der es bekannte, daß auch die Krone nur ein Geschenk von Gottes Gnaden.
Ruhig und muthig betrat er sein HauS; es gelang ihm auch HilariaS lauten Schmerz über die Trennung zu besänftigen, aus dem er die Furcht vor der ungezügelten Leidenschaftlichkeit des Kaisersohnes wohl heraus hötte. Er selbst geleitete sie zu ihren Eltern, die mit leisem Erschrecken sahen, daß ihre Pläne zur Sicherung ihres Kindes doch nicht den erwünschten Erfolg hatten aber demüchig beugten sie sich unter Gottes Hand, der ihnen zeigte, daß alle irdischen Pläne nichts sind. Dann kam der Abschied; weinend hing Hilaria am Halse des Gemahls und wieverhotte ihm noch einmal das Gelöbniß der Treue, das sie ihm vor dem Altar abgelegt, weinend gelobte sie ihm allezeit ihrer Pflichten als Christin und als Gattin eingedenk zu sein, inmitten einer Stadt voll Sittenverderbniß und Greuel. Ties bewegt flehte er Gottes Segen auf sie herab, küßte sie noch einmal und begab sich bann zu seiner Legion, mit der er am anderen Morgen nach dem fernen Orient auf- brach. Der Kaiser selbst befand sich beim Heere, um durch fein persönliches Erscheinen den Aufstand zu unterdrücken; Commodus aber war in Rom zurückgeblieben.
Was Hllaria geahnt hatte, geschah. Commodus suchte sich ihr zu nähern und eS gelang ihm wirklich, in das Haus ihrer Ettern zu bringen, so sehr diese es auch zu hindern versuchten.
Sie saß einsam in ihrem Gemach, der Vater war ab- gerufen worden, die Mutter erkrankt, Commodus hatte, durch bestochene Sclaven unterrichtet, den günstigen Augenblick wahrgenommen; aber er konnte es nicht verhindern,
Winterpalais sowie die anderen Paläste und Krongebäude werden von dazu beorderten Sappeuren genau untersucht. — Heute findet die Beerdigung der bei der Explosion ge- töbteten und an ihren Wunden gestorbenen Soldaten des Finnländischen Garderegiments statt. Die Gesammtzahl der ©etöbteten ist 10, darunter ein Palaisdiener; verwundet wurden 47 Soldaten und ein Palaisdiener.
Tagesbericht.
Unser Kaiser ist, wie die „N. Pr. Ztg." mittheilt, bei Empfang der erschütternden Nachricht von der Explosion im Winterpalais in Petersburg überaus bewegt gewesen, hat sich jedoch schnell gefaßt und sogleich ein längeres und sehr herzliches Beileidstelegramm an den Kaiser Alexander abgefertigt, in welchem außer dem Abscheu über die sich stetig steigernde und selbst das eigene Heim der kaiserlichen Familie nicht mehr schonende Ruchlosigkeit vbr allem auch der Empfindung der sichtlich zu Tage tretenden schützenden und das Kaiserhaus behütmden Gnade Gottes inniger Ausdruck gegeben wird.
In der Berufungssache des Bischofs Reinkens in Bonn gegen den Einspruch des Oberpräsidenten der Rheinprovinz wider die Berufung des altkatholischen Priesters JackowsU (Neiße) an die Pfarrei St. Johann-Saarbrücken erkannte der Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten auf Zulässigkeit der Berufung und auf Verwerfung des Einspruches des Oberpräsidenten.
Das Attentat in Petersburg betreffend, registriren wir mit allem Vorbehalt eine der „National-Zeitung" über Wien zugehcude, „aus besonders zuverlässiger Quelle stammende" Privatmeldung, welche behauptet, daß der wachhabende Offizier verschwunden sei. Die Auftlärung dieser allerdings überraschenden Meldung aus Petersburg selbst wird wohl nicht lange auf sich warten lassen.
Meldung der „Polit. Corresp." aus Konstantinopel: Die Pforte beschloß, den Botschaftern der Mächte zu notifieiren, daß sie die aus den DragomanS der Botschaften gebildete Commission zur Prüfung der neuen türkischen Justizgesetze nur insoweit anerkenne, als die Prüfung sich auf die Vereinbarlichkeit der neuen Gesetze mit den zwischen der Türkei unv den Mächten bestehenden Verträgen beschränke. Die Pforte müßte eine weitere Jngerenz der Commission in fragliche Gesetze als mit der Souveränität und Unabhängigkeit der Türkei collidirend entschieden zn- rückweisen
Deutsches Reich.
8erlitt, 20. Februar. Nach einem Circularerlaß des Ministers des Innern vom 10. November v. I. haben
daß Hllaria bei seinem Anblick aufschrie und sich enffetzt abwandte.
„Erschrick nicht, Hilaria," redete er sie mit weicher Stimme an, denn der Anblick der wirklich Heißgeliebten rief, für kurze Zeit wenigstens seine befferen Gefühle wach, „ich bin kein Tarquinier, der in des Collatinus Haus bringt, um eine ßueretia in Verzweiflung und Tod zu jagen, ich will nichts als eine Frage an Dich thnn."
Hilaria hatte sich gefaßt. Die Hände über der Brust gefaltet stand sie ruhig vor ihm, ihn mit den tiefen klaren Augen furchtlos anfebauenb.
„Was konntest Du für eine Sorge um mich haben, Commodus,", erwiderte sie katt und stolz, „die meiner Eltern, meiner ©darinnen Anwesenheit scheut?"
Er trat ihr einen (Schritt näher; seine Augen blitzten in flammender Leidenschaft über sie hin. „Ich will Dich fragm, rang es sich dumpf von seiner Lippe, „ob Dein Vater Dich zwang, das Weib des Cajus Lentulus zu werden, oder ob Du selbst es geworden nach Deine- Herzens Wunsch."
„Mein Vater hat mich nie zu etwas gezwungen," entgegnete sie, die klaren Augen senkten sich nicht vor seinem Blick, ihre Stimme bebte nicht, „aber von Kind auf war ich daran gewöhnt, ihm zu gehorchen."
„Hilaria!" rief der leidenschaftliche Mann, „laste diese toten nichtssagenden Worte, sage mir, ob Du Deinen Gemahl liebst!"
„Darnach hat kein Fremder mich zu fragen 1" Die zarte Gestalt schien zu wachsen, das zierliche Haupt hob sich immer stolzer.
(Fortsetzung folgt.)