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Marburg, Freitag, 20. Februar 1880

XV.

OheMWe ZeitW

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e««eigen nimmt entgegen: dieGrpedition d.vlatte-, fosie d-Annoncen-Bureaux »n Ö). Dietrich & Co. in onfiel und Hannover; Th. Dietrich in Frankstltt a.M.; Saasenstein & Bögler in Frankfurt a- M.« Berlin, gripzig, Cöln re.; Rudolf Mosie in Berlin, Frank»

fnrt a. M- ic.______

Der Reichstag.

Der Reichstag ist am 12. d. M. durch den Stellver- treter des Reichskanzlers, den Grafen Stolberg, mit Ver­lesung der Thronrede eröffnet worden. Der Reichstag hat dann seinen Vorstand gewählt. Die Wahl des Präsidenten ist, da der bisherige Präsident, Herr v. Seydewitz, die Wiederannahme dieses Ehrenamtes mit den Pflichten seine- seit Schluß der vorjährigen Reichstagssession angetretenen neuen Amtes als Oberpräsident von Schlesien nicht ver­einbar hielt, auf den Grafen Arnim-Boitzenburg gefallen. Derselbe war früher Oberpräsident von Schlesien und hat sein Talent zur Leitung parlamentarischer Körperschaften als Präsident der Generalsynode glänzend bewährt. Die nationalliberale Partei ist über diese Wahl verstimmt, weil sie hoffte, der Herr v. Bennigsen würde gewählt werden. Allein, wenn man bei der Präsidentenwahl herkömmlich von dem Grundsatz ausgeht, daß der Präsident die Mehr­heit des Parlaments repräsentiren soll, so muß man sagen, daß das von dem Grafen Arnim, welcher Mitglied der deutschen Reichspartei ist, im höheren Maße der Fall ist, als bei dem liberalen Abgeordneten v. Bennigsen, zumal die nationalliberale Partei seit Austritt einer größeren Anzahl Mitglieder nur noch etwa 84 Mitglieder zählt. Für Arnim stimmte die Reichspartei, die Deutsch-conser- vativen und das Centrum. Der seitherige erste Vicepräfl- dent Freiherr v. Franckenstein vom Centtum, ist wiederge- wählt worden und als zweiter Viceprästdent wurde ein ehemaliges Mitglied der nationalliberalen Partei Herr v. Hölver (Württemberger) gewählt. Derselbe hat aber auf Anregung der nationalliberalen Partei hin, die Wahl ab­gelehnt und man nimmt an, daß an seiner Stelle der deutsch-conservative Abg. Ackermann gewählt werden wird. Der Reichstag hat au« Rücksicht auf die Arbeiten deS preußischen Landtags seine Sitzungen bie zum 18 vertagt, um dann sofort in die Berathung deS Etats einzutreten. — Man steht dieser neuen Session mit einer gewissen Spannung entgegen, da die Thronrede manche Vorlagen angekündigt hat, welche jedenfalls zu lebhaften Debatten Veranlassung geben werden. Die Zolleinnahmen haben, wie zu erwarten war, im ersten Jahre noch nicht so hohe Erträge gebracht, daß an eine Ermäßigung der Matri- kularbeiträge gedacht werden konnte. Die Thronrede kündigt vielmehr eine Erhöhung derselben an und ebenso eine weitere Au-dehnung der Finanzreform, d. h. neue indirekte Steuern, und es werden als folche genannt eine Börsen­steuer, Brausteuer und Quittungssteuer. Ferner sind an- gekündigt eine weitere Ausdehnung des Sozialisten-GesetzeS, ein Liehseuchen-Gesetz, eine Vorlage über Pfandrecht und über eine Zinsgarantie für die Seehandels-Gesellschaft zur Erhaltung der deutschen Besitzungen auf den Samoa-Inseln in deutschen Händen. Zu den wichtigsten Vorlagen aber

zählen unzweifelhaft die Vorlage zur Vermehrung der deutschen Armee nebst Erhöhung des Reichsmilitärbudgets und eine Vorlage zur Einführung zweijähriger Budget­perioden bez. einer vierjährigen Dauer der Reichstags- Perioden. Leider vermissen wir unter den angekündigten Vorlagen diejenigen, welche sich auf die Fortführung der Reform der Gewerbeordnung beziehen und doch sind gerade solche Reformen von der allergrößten Bedeutung; denn mit dem Sozialistengesetz allein werden wir die Sozial­demokratie nicht überwinden und die soziale Frage nicht lösen. Dazu bedarf es positiver, die vorhandenen sozialen Schäden bekämpfender und, so weit das überhaupt durch gesetzliche Mittel möglich ist, jene Schäden beseitigender Maßregeln. DaS wurde auch bei Erlaß des Sozialisten­gesetzes anerkannt, namentlich vom Regierungstische her. Aber die Zeit geht hin, ohne daß positive Maßregeln ge­schaffen werden. Gerade jetzt aber, wo das Börsen- und Gründerthum wieder aufs Reue sein Haupt erhebt und in allen Zeitungen seine Verlockungsrufe zum Börsenspiel er­schallen läßt, sollte man daran denken, die Gesetze zu refor- miren, welche der Ausbeutung des Volkes so großen Vor­schub geleistet und namentlich unfern gewerblichen Mittel­stand so schwer geschädigt haben: wir meinen die Gewerbe­freiheit, die Actiensreiheit, die Wucherfreiheit und die Frei­zügigkeit. Alle Welt ist doch darüber einig, daß die Actiengesellschaft eine Form des Gewerbebetriebes ist, dir unmöglich bleiben kann; alle Welt sagt sich, daß unser Handwerkerstand-zu Grunde gehen muß, wenn auch jedem Kaufmann erlaubt ist, jedes Handwerk als kaufmännisches Geschäft selbst mit aus dem AuSlande bezogenen Waaren zu betreiben; alle Welt sagt sich ferner, daß die schranken­lose Freizügigkeit die seßhaften Bürger in Stadt und Land auf's Schwerste schädigt, die wandernden Leute in ein sitt­lich und wirthschaftlich verderbliches Vagabondenthum hineinzieht und zu einer wahren Landplage macht. Und doch soll auch in dieser Reichstagssession noch nicht die bessernde Hand an diese Rothstände gelegt werden? Wir hoffen, daß die deutsch-conservative Partei, wir bisher, so auch jetzt wieder — und zwar jetzt mit um so größeren Nachdruck — die Reform der Gewerbeordnung in dir Hand­nehmen werde.

Tage-bericht.

Beide conservative Parteien deS Reichstags und daS Centrum einigten sich definitiv über die Wahl Ackermann's zum zweiten Vicepräsidenten.

Aus dem ReichS-Etat veS allgemeinen Pensionsfonds sind folgende Daten von Interesse: Es beziehen Pensionen: 24 Generale der Infanterie und Kavallerie, 127 General- LieutenantS, 188 General - Majors, 375 Obersten, 389

Hilaria.

Erzählung von Ludwig Hesekiel.

(Fortsetzung)

Stufen von numidischem Marmor führten zu dem weit offen stehenden Thorbogen deS Hauses hinaus, in das Cajus Lentulus vor wenigen Wochen Hilaria als Gattin heimgeführt hatte. Eben kam er vom Forum zurück, wo er wieder allerlei feindselige Anspielungen auf seinen Glau­ben hatte vernehmen müssen. Sorgenvoll betrat er daS Atrium, den Hof, der den Mittelpunkt des Vorderhauses bildete und in den von außen her das Licht durch die offenen Thore strömte; es war saft leer, die Götterstatuen, die es einst geschmückt, waren entfernt, und die Bildsäulen des Kaisers Max Aurel und Trajan blickten auf den ernften Mann, der an einigen Sklaven vorbei in die zweite Hälfte seines Hauses trat, die mehr dem Familienverkehr diente. Ein Peristyl — eine Säulenhalle —'führte zu den inneren Gemächern; hier traf er seine Frau mit den Sklavinnen bei häuslicher Arbeit. Ein Lächeln flog über die strengen Züge; jene gewaltigen Frauen der alten Zett, die Rom noch heute bewundernd pries, Lucretia und Cornelia, er­standen vor seinem geistigen Auge; er sah sie wieder auf- erstehen in dem kindlichen Weibe, das er an die Spitze seines Hauswesens gestellt hatte, und dieses Weib war noch mehr als Jene; kein Schleier lag mehr über ihrem geistigen Auge, sie diente dem einen wahren Gott.

Ehrfurchtsvoll kam Hilaria dem Gemahl entgegen, nach­dem ein Wink von ihr tie Sklavinnen entfernt hatte; in der Hand hielt sie einen Becker, der mit Wem, und Master gefüllt war. Cajus Lentulus nahm das Gesäß, aus dessen silberner Furch sich die Gestalt eines Hirten zeigte der ein Lomm aus der Schulter trägt, und that einen tiefen

Zug. Dann setzte er sich, während Hilaria vor ihm stehen blieb.

„Bist Du unzufrieden mit mir?" fragte sie leise, „Du stehst nicht heiter auS."

„Nicht mit Dir bin ich unzufrieden Kind," entgegnete er freundlich, zog doch mit Dir das Glück in mein Haus, aber Du, bist Du zufrieden?"

„Du bist gut gegen mich, wys sollte mir fehlen," er- widerte sie ruhig.

„Hilaria", nahm er das Wort, „Du bist mir in mein Haus gefolgt, gehorsam dem Gebote Deiner Ettern, Dein Herz aber gehörte einem Andern, als dem alternden Manne. Sprich nichts, ich zürne Dir nicht, und wäre er ein Christ ge vefen wie wir sind, ich hätte Deiner nimmer begehrt, aber in seine Hände durftest Du nicht fallen."

Sie trat dicht auf ihn zu und legte die Hand aus seine Schulter; „Casus Lentulus", sagte sie mit einer Festigkeit und einem Ernst, die über ihre Jahre gingen, „höre mich an; ich bin Dein ehelich Weib, und kein Gedanke meines Herzens soll Dir verborgen bleiben. Des Kaisers Sohn, Commodus, war mein Spielgefährte, wir halten uni lieb, wie Geschwister; wenn er in Zorn verfiel, durfte ich ihm nur die Hand auf die Schulter legen und er wurde ge­duldig wie ein Lamm. Später kamen wir uns aus den Augen: ich blieb der Gesellschaft der Männer fern bei meiner Mutter. Schauspiele, Menschen- und Thierkämpfe besuchen wir Christen nicht —"

„Nur wenn wir die Opfer sind", schaltete Cajus Len­tulus bitter ein.

„Dennoch hörte ich von Commodus sprechen", sprach HUaria ruhig weiter, „Du selbst erzähltest dem Vater von seiner Wildheit, seinen Verbrechen und ich weinte heiße

Oberst-Lieutenant«, 1033 Majors, 757 Hauptleute und Rittmeister, 63 General- und Ober-StabSärzte, 481 Premier- und Sekonde - Lieutenans, 186 Stabs- und Assistenzärzte, 1 Feldjäger, 2518 Feldwebel, Oberfeuerwerker, Wacht­meister, 5162 Sergeanten, Unteroffiziere, 14,090 Gefreite, Gemeine, Spielleute, 33 Auditeure, 1040 Militärgeistliche, Verwaltungsbeamte. Diese 26,476 Penstonäre beziehen 14,075,192 Mark, und zwar entfallen auf die 21,770 Pensionäre vom Feldwebel abwärts 3,547,602 Mark ober 163 Mark pro Kopf und auf die 4706 Pensionäre vom Feldwebel aufwärts 10,527,590 Mark ober 2238 Mark pro Kopf. ___________

Ueber das Attentat auf die Kaiserliche Familie in Petersburg sind folgende Telegramme heute eingetroffen:

Petersburg, 18. Febr. Hier ausgegebene Extra- Blätter und der amtliche „Regierungsbote" bestättgen den bereits gemeldeten Mordversuch. Die Explosion erfolgte um 7 Uhr Abends und beschädigte drei Etagen des Palais. ES gab dabei 8 Todte und gegen 50 Verwundete der dem finnischen Regiment, angehörigen Wache, auch Verwundete vom Civil. Der Gesammtverlust ist noch unbekannt, da noch viele unter den Trümmern liegen. Ob Dynamit ver­wandt, oder ob GaS in den Keller geleitet wurde, ist noch unermittelt. Eine eigentliche Mine kann keinesfalls gelegt worden sein, da weder die Lage noch der Untergrund auf dem das Palais steht, eine solche gestattet; wahrscheinlich aber hat man Dynamit verwendet. Absender begab sich gestern Abend sofort nach der Katastrophe an Ort und Stelle. Um 8 Uhr Abends war das Winterpalais dunkel, weil alle Gasröhren geplatzt find. Aeußerlich ist nichts zu be­merken. Die Feuerwehr und eine Menge berittener und unberittener Polizisten waren zur Stelle. Da« Stehen­bleiben vor dem Palais wurde nicht geduldet, weßhalb auch verhältnitzmäßig wenig Publikum bemerkbar war. Nach dem Plan der Nihilisten sollte vermuthlich die Explosion in dem Moment erfolgen, wenn alle Glieder der kaiser­lichen Famllie im Speisesaal versammelt waren. Der Speisesaal hat gelitten, dir Explosion erfolgte aber einige Minuten zu früh. AuS dem Palais wurde nach dem Ver­brechen niemand mehr hinauSgelaffm, es steht aber zu er­warten, daß sich die Thäter bereit« entfernt hatten. Die Erbitterung des Volke- ist außerordentlich. Alle Häuser sind beflaggt und vor dem Palais stehen tausende und fingen die Nationalhymne.

Petersburg, 18. Febr. Der „Regierungs - Bote" meldet: Gestern Nachmittag gegen 7 Uhr erfolgte in dem Erdgeschosse deS Winterpalais unter dem Hauptwach­zimmer eine Explosion, wobei von den auf der Wache aufgestellten Soldaten deS finnländischen Leibgarde-Regi­ments 8 Mann getödtet und 45 Mann verwundet wur­den. Die Diele deS Wachzimmer« und mehrere Gas-

Thränen um den Gespielen meiner Jugend. Endlich sah ich ihn auch wieder, er suchte den Vater auf, er wußte eS einzurichten, daß ich zugegen war. Casus Lentulus, ich sah in seinem Angesicht nur die alte Liebe, ich fühlte sie auch in meinem Herzen und ich erschrak; CommoduS war ein Heide. Durfte ich die Christin, an ihn denken? Da kam der Vater zu mir und kündigte mir an, daß ich Dein Weib werden solle. Ich erschrak und bat ihn, er möchte mich Jungfrau bleiben lasten, doch er wollte nichts davon hören, und sagte, daß ich bei Dir geborgen sei vor den Gefahren, die mit durch Commodus drohen. Ich verstand chn kaum, aber er hat mich nie belogen und Gott befiehlt unS, Vater und Mutter zu gehorchen; so sagte ich ja und wurde Dein Weck. Ich kannte Dich von jeher, ich ver­ehrte Dich Md werde Dir eine treue Hausfrau sein; ob Du mich aber vor Commodus schützen kannst, daS sicht in Gottes Hand. Möge er Dich bewahren vor allem Unglück!^ „Mein Weib werde ich schützen mit meinem Leben", tief der Römer auflodernd, „wehe dem übermüthigen CL- sarensprößling, wenn er die Hand nach Dir anSstxecktl"

„Gott hat unseren Feinden viel Macht über uns ge­geben", entgegnete HUaria düster.

„So lange Du ihn Deinen Feind nennst, bin ich ruhig", erwiderte Cajus LenttlluS. Er zog sie auf den Sitz neben sich und nahm chre Hand in die feine. „Hilaria", sprach er in weichem Tone, „spotte des Alternden nicht, daß er Liebe zu Dir hegt, wie ein Jüngling, er verlangt ja nichts von Dir, als ein wenig Freundlichkeit!"

Sie sah ihn mit feuchten Augen an und lehnte den Kopf an feine Schulter: „Du bist mein lieber Herr", er­widerte sie rnUd, „es giebt Keinen, den ich, meinen Vater ausgenommen, höher verehre als Dich!" (Forts, folgt.)