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Marburg, Donnerstag, 19. Februar 1880.
xv. Jahrgang
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Tagesbericht.
Die „Nordd. Mg. Ztg." schreibt anläßlich der Reichs» tagsprästdentenwahl, in Preußen wie im Reich, wo die Wahl in das unbedingte Belieben des Parlaments gestellt sei, müsse die Präsidentenwahl als Zeugniß für die Mehrheit des Hauses gelten. Gerade in dieser Beziehung habe aber die jüngste Reichstagswahl überrascht. Um dem Fraktions-Ehrgeiz zu einem Triumphe zu verhelfen, hätte die Combination nicht scharfsinniger ausgedacht, nicht standhafter durchgeführt werden können. Es frage sich aber, ob die Mehrheit, welche die Präsidentenwahl entschied eine dauernde Mehrheit darstelle. DaS Gros der für die Wahl entscheidenden Gruppen habe das Centrum, flankirt von der konservativen und der Reichspartei, gebildet. Bon einer Neigung des Centrums, die Regierungspolitik zu unterstützen, sei im preußischen Landtage nichts wahrzunehmen gewesen. Die Taktik deS CentrumS sei freilich nicht leicht zu durchschauen. ES sei ja möglich, daß die konservative und die Reichspartei ihr Abkommen mit dem Centrum nicht geschlossen hätten, ohne sich event. gewisier Bürgschaften zu versehen. ES wäre von großer Wichtigkeit, wenn die konservative Partei dem Centrum bezüglich deS Socialistengesetzes und des MilitärgesetzeS, welche den Hauptgegenstand der Reichstagsarbeiten bilden, entsprechende Zu- geständnisse abgewonnen hätten, dann wäre ja keine kompakte Reichstagsmehrheit vorhanden, mtt welcher die Regierung Hand in Hand gehen könne. Mit solchen Möglichkeiten könne man sich aber nicht beschäftigen, bevor man nicht darüber Sicherheit habe, daß das Centrum ttntretm- drn Falls sich nicht vom Fortschritt, den Polen und den Parttkularisten flaukiren ließe.
Der sauersüße Ton, in welchem die neuesten ms- sischen Tagesblätter die deutsche Thronrede besprechen, weicht in bemerkenswerther Weise von der rückhaltlosen Anerkennung ab, die der durchaus friedliche Geist der Berliner Politik bei den leitenden Organen der öffentlichen Meinung fast überall gefunden hat. Unverkennbar hat man in Petersburg das Gefühl der Jsolirung, aus welchem jene Staatskunst ä deux mains heraushelfen soll, die über Deutschland und Oesterreich hinweg mit Rom und Paris anzuknüpfen versucht. Wenn gleichwohl allgemein die Empfindung vorherrscht, daß trotz mancherlei Spannungen zwischen einzelnen Staaten dennoch in nächster Zeit keine gefährliche Entladung zu befürchten stehe, so liegt die- nicht zum mindesten an der eigenthümlichen pvlttisch-geographi- schen Complikation Rußlands zum Orient im weiteren Sinne, welche jede Macht, auch wenn sie noch so begierig nach einer Allianz mit unserm östlichen Nachbar wäre, beinahe in die Unmöglichkeit versetzt, demselben irgend welche Concessionen an Land und Leuten in Aussicht zu stellen.
fNachdruck Betboten.]
Hilaria.
Erzählung von Ludwig Hesekiel.
Heute wollte der Tag gar kein Ende nehmen, und es war schon spät, als die Sterne endlich aufgingen; dennoch war es nicht ganz dunkel, und vorsichttg bewegten sich einzelne Gestalten dem Tempel zu. Fast eine Stunde dauerte dies heimliche Kommen und Verschwinden in den inneren Räumen der Ruine; der Letzte, der sie betrat, war ein hochzewachsener, nicht mehr ganz junger Mann in einem gelblichen Gewände, über dem er die weise Toga trug. Sein leicht gebräuntes ernstes Antlitz war bartlos, daS krause braune Haar fiel tief in die Stirn, in den großen dunklen Augen lag's wie Todesmuth und sanfte Trauer zugleich. Langsam schritt er über die Säulentrümmer hinweg, er klopfte an die Thür des Tempels. Von innen wurde gefragt: „Wer kommt?"
„Ein Christ!" lautete die Antwort und die Thür öffnete sich. Schweigend grüßte der Eintretende bett Wächter und hob eine Fallthüre auf, unter der eine enge Treppe m ein unterirdisches Gewölbe hinabführte, das durch Lichter matt erhellt wurde.
Eine Schaar Andächtiger kniete hier, Männer und Weiber streng von einander geschieden; der Eingettetene kniete neben bem Letzten in der Reihe und begann gleich den Andern andächtig zu beten. Meist waren es Leute geringen Standes, bvch zeigten sich auch solche, namentlich unter den Frauen, btten Kleidung schon bewies, daß sie zu den bevorzugten Klaffen der Gesellschaft gehörten. Unter ihnen fiel besonders ein junges Mädchen durch Lieblichkeit auf, noch mehr durch den tzrnst und Eifer, mit dem sie sich immer wieder von
In diesem Sinne faßt man jetzt die wiederholten Versicherungen friedlicher Tendenz, die aus Paris gelangen, als durchaus ernst gemeint und aus der Logik der That- sachen entspringend auf. Frankreich, welches sich gerne damit schmeichelt, das mittelländische Meer ein französisches Binnengewässer zu nennen, hat zu viele und zu tiefgehende Interessen im Orient, als daß es dieselben irgend einer Phantasie zu Liebe und zur bloßen Befriedigung seines Ehrgeizes an Rußland ausliefern sollte. Und selbst wenn es hierzu geneigt wäre, so würde es wahrscheinlich auf der ungewissen Bahn, die es damit betritt, diejenige Macht an der Seite Deutschlands finden, die eine politische Präpon- deranz Rußlands unter keinen Umständen dulden könnte, nämlich England. Was aber von Frankreich in seinen Beziehungen zu Deutschland und Rußland gilt, das läßt sich in demselben Umfange zu Italiens Verhältniß zur letzten Macht und zum Wiener Kabinet behaupten. Gern oder ungern, jedenfalls liegt in der Interessengemeinschaft der meisten europäischen Großmächte eine starke Tendenz zur möglichst langen Erhaltung deS Friedens und der Zwang der Umstände führt selbst desparate Elemente der europäischen Völkerfamilie zur Erreichung deffelben Zweckes zusammen. __________
Die „Polit. Corresp." meldet auS Konstanttnopel: Die Pforte beabsichttgt, Montenegro außer Kucikraina auch den von Slaven bewohnten Theil des Distriktes von Gustuje und einen Theil deS Grudi-DistrikteS sowie mehrere Ortschaften in der Ebene von Podgoritza anzubieten.
Deutsches Reich.
V Berlin, 16. Februar. Der Wortlaut der Allerh. Ordre bezüglich der Vertagung des Landtages ist folgender: „Wir Wilhelm rc. ertheilen Unserem Staatsministerium hierdurch die Ermächtigung, die Zustimmung beider Häuser deS Landtags dazu einzuholen, daß deren Vertagung vom 20. Februar d. I. bis zum zweiten, auf den Schluß oder die Vertagung der gegenwärtigen Session des Reichstages folgenden Werktage, beziehungsweise, fall- die Session des Reichstages in der Woche vor Pfingsten d. I. geschloffen ober vertagt werben sollte, bis zum 20. Mai b. I. erfolge. Gegeben Berlin den 17. Februar 1880 gez. Wilhelm, ggz. (folgen die Namen der 9 Minister.)" — Die V. General- Versammlung der Steuer- und WirthschastSreformer, welche gestern und heute hier tagte, hat sich mit der Währungsfrage, der Wucherfrage, mit der Frage der Brot- und Fleischtaxen, mit der Börsensteuerfrage und mit der Revision der Gewerbeordnung im Sinne der Wiedereinführung der Innungen beschäfttgt. In der WährungSfrage wurde be- schlosfen: eS erscheine geboten, daß entweder Seitens Deutschland schleunigst in Uebereinkunft mit anderen bedeutenden Ländern zur (internationalen) Doppelwährung überzugehen
Neuem in ihr Gebet versenkte. Ein lichtblaues Gewand umhüllte die zarte Gestalt; die Goldstickerei an dm Säumen desselben beutete Vornehmheit unb Reichthum an; ein langer weiser Schleier bcbetfte baS Haupt mit bem reichen schwarzen Haar, bas nicht künstlich frisitt unb mit Perlen durchflochten, wie es die Mode jener Tage verlangte, sondern glatt aus der Stirn gestrichen und schmucklos im Nacken aufgesteckt war; tief über den Nacken wallte das Schleiertuch, vom am Halse war es mit einer kleinen Camee zugesteckt. Jede Linie des feinen blassen Gesichts war schön unb ebel, schön ber Munb mit ben rosigen Lippen, bie feine Nase unb vor Allem bie tiefbraunen Augen unter ben gewölbten dunklen Brgunen. Vom ebelsten Schnitt waren bie weisen fromm gefallenen Hänbe; ein unendlicher Zauber lag über dieser rührenden Jungfrauengestalt, und drübm in der vorderstm Reihe der Männer erhob zuwellen ein Greis bas Haupt, um seine Augen mit Blicken ber Liebe unb Sorge zugleich auf bem Mädchen ruhen zu laffen, das neben einer würdigen Matrone, offenbar ihrer Mutter kniete. Der Greis aber war Hilarius, ein vornehmer Rechts gelehrter, bie Mattone seine Gemahlin Matte unb bie liebliche Jungfrau sein einziges Kinb. Die schöne Hllatta sah bie Blicke ihres Vaters nicht, sie betete weiter.
Der Raum, in bem sich bie anbächtige Schaar befanb war schmucklos, ttn Tisch unb ein erhöhter Sitz eigentlich bie einzigen Gegenstände, bie in bie Augen fielen. Kaum hatte ber oben erwähnte Mann sein Gebet beenbet, als ber Bischof, eine hohe Greisengestatt, besten Antlitz bie Spuren schwerer Leiden trug, das Zeichen zum Beginn des Gottesdienstes gab. Die Beter erhoben sich von den Knien und ein einfacher Gesang erhob sich zum Preise des Gottessohnes; bann trat ber Diakon zu dem erhöhten Sitz und
sei, ober falls bieS nicht in kürzester Fttst zu erreichen fein sollte, diejenigen Schritte zu thun seien, welche, sei eS Einführung der reinen Silberwährung, sei es Einführung einer Parallelwährung durch Ausprägung einer Weltsilbermünze, zur umfangreichen Remonetistrung des Silbers als Haupt« münze zuführen geeignet sind. — In Betreff der Wuchergesetzgebung wurde beschlossen: Eine erfolgreiche Bekämpfung des überhand nehmenden gemeinschädlichen Wuchers 1. auf dem Gebiete des Civilrechts, 2. durch gesetzliche Bestimmungen nach welchen jedes Darlehensgeschäft, welches nicht durch Ausstellung eines Wechsels perfect wird, falls eS den Betrag von 30 M. übersteigt, zu feiner Gültigkeit der Vollziehung vor einem deutschen Gettchte ober einem deutschen Notar bedarf; 3. auf dem Gebiete deS KriminialrechtS durch strenge Bestrafung des Wuchers. Der Gefahr der Bewucherung ist vorzubeugen a. durch Mitwirkung des Staates bei ber Aufnahme hypothekarischer Darlehen, b. burch ausschließliche Einführung ber unkünbbaren Rentenschuld bei Hypotheken, c. durch Schaffung und Förderung eines zweckmäßigen Personal-CreditS namentlich für Gewerbe und Handwerk, d. durch Herrichtung und Pflege von Genossenschaften, die einen leichten Credit gewähren und durch scharfe Controle der Reichsbank. — In Bezug auf die Brot- und Fleischtaxen wurde beschlossen, die staatliche Einwirkung herbeizuführen, 1. bei Brot und Fleisch a. durch Bekanntmachung der Preise, zu welchen die einzelnen Bäcker und Fleischer verkaufen, b. durch Bekanntmachung der Differenzen zwischen den Roggen und den Brotpreisen sowie zwischen den aus dem LebenSgewichtSpreise berechneten Schlachtgewichtsund den effectiven Fleischpreisen; 2. beim Brot spettell: durch Festsetzung bestimmter Verkaufsgewichte und durch concurrenzmachenben Staats- und Kommunalbettieb.
Duisburg, 11. Februar. Vor einiger Zeit reicht« sämmttiche hiesigen Lehrer beider Confessionen bei der Stadtschulinspektion einen Antrag dahin gehend ein, bei der Königlichen Regierung zu Düsseldorf ihnen AUerSzu- lageu erwirken zu wollen. Die Stadtschulinspektion wurde in Folge dessen bei ber genannten Behörde vorstellig, ist ober abschläglich beschieden worden, well, tote es in dem Bescheide heißt, „nach Maßgabe des Ministettal-ErlasteS vom 18. Juni 1873 solche Zulagen aus Staatsfonds nicht gewährt werden, wo bei größeren Schulsystemen durch planmäßige Abstufung der Lehrergehälter für bie angemessene Besolbung bereits gesorgt ist ober füglich gesorgt werben kann." Die hiesigen Lehrer hatten die Hoffnung auf Bewilligung von Alterszulagen auf die Thatsache gegründet, daß auch in solchen Städten, wo eine planmäßige Abstufung der Lehrergehälter und eine angemessene Besoldung besteht, Alterszulagen gezahlt werden, so wie darauf daß die Königliche Regierung in ihrer Verfügung vom 6. Juli 1873 eS ausdrücklich ausspricht, daß die Zulage nach der Bestimmung deS Herm Ministers vom 1873 dann
laS einen Abschnitt aus ber heiligen Schrift vor, an bie ber Bischof eine feurige Anrede schloß, in ber er seine Gemeinde zur gewissenhaften Anwendung des Wortes Gottes, das sie gehört hatte, und zu einem heiligen Wandel ermahnte. Ein gemeinschaftliches Gebet folgte, daS stehmd gehalten wurde, weil Sonntag war, ttn Freudentag, der Auferstehung des Herm gewidmet; man hätte heut gar nicht kniend gebetet, aber ein schwerer Kummer hatte die Christen vor dem Gottesdimste auf bie Knie gezwungen, heute Morgen erst waren 10 ber Ihren im Collosseum bie Beute ber wilben Thiere geworben unter bem Jubel ber entmenschten Httben. Der Bischof hatte ihrer in seiner Predigt gedacht unb sie selig gepriesen, daß ber Herr ihnen vergönnt, für ihn zu sterben unb bie Augen, bie sich ba zu bem greifen Seelenhirten erhoben, leuchtende Männer- unb stille Frauenherzen, fagten ihm mehr als ttn lautes Gelübbe: „Wir verlang« nichts BeffereS als sie!"
Nach ber Previgt opferte Jeder fein« Beittag zum Unterhalt des Lehrer des Evangeliums, der Kirchendimer, Armen, Wittwm und Weisen. Darauf aber erhob der Bischof seine Stimme und verkündtte der Gemeinde, daß der Bruder Cajus LentuluS sich mit der Schwester Hllatta verloben wolle und zu diesem Schtttte die Fürbitte der Gemttnde suche. Tief erröthend unb roieber erblttchmb schwankte Hllatta zwischen Vater unb Mutter vor ben Bischof, ihr gegenüber trat ber braune Krauskopf in der weiß« Toya, der fast noch einmal so alt war wie sie. Segnend legte der Bischof unter dem Gebet der Gemeinde die Hände der bttdm zusammen, die Diakonen brachten Wein und Brot, gemeinschaftlich genoffen die Verlobten das heilige Abmdmahl; Hllatta gitterte nicht mehr, ihr Antlitz war noch bleich aber ruhig, und ruhig schim auch CajuS